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Was der Volksmund so alles über blendende LED sagt …

 

Ich habe es mir erlaubt, die Diskussionsbeiträge im Berliner Tagesspiegel LED Scheinwerfern zu sichten und zitieren. Zu den Kommentaren schreibe ich dazu, was dahinter steckt:

  • "Trotzdem empfinde ich falsch eingestellte Fahrradscheinwerfer von Geisterradlern als viel störender als Autoscheinwerfer. Ich bin da oft sekundenlang im Blindflug unterwegs."
    Auch die Scheinwerfer von Fahrrädern haben eine zu hohe Leuchtdichte. Sie liegt jenseits der Grenze dessen, was das Auge ertragen kann (Absolutblendung). Ab einer bestimmten Größe der Blendquelle ist es egal, wie groß sie ist. Man erlebt Nachbilder und ist für einen Augenblick eben blind.
  • "Ich habe übrigens sowohl schon mehrere Fahrradfahrer als auch einen Fußgänger übersehen (sprich: erst im direkten Vorbeifahren erkennen können. Wie viele ich noch übersehen habe kann ich naturgemäß nicht wissen), weil dahinter ein Radfahrer mit der zu starken, mir direkt in die Augen leuchtenden Lampe unterwegs war."
    Der gefährlichste Effekt zu heller Scheinwerfer (Kontrastblendung). Was heller ist, fällt mehr auf - zu Lasten der weniger hellen Objekte. Im Straßenverkehr sind dies z.B, Fußgänger oder Kinderwagen, oder Kinder ohne Wagen.
  • "Stimmt, teilweise sind die neuen LED-Ampeln extrem grell. Genau wie manche Bremslichter."
    Auffälligkeit der roten Farbe (Signalwirkung). Anders als die früheren Schlussleuchten und Bremsleuchten, bei denen das Rote durch Filtern entstand und daher eine geringere Leuchtdichte hatte als das weiße Licht, können LED sehr viel heller sein. Sind sie auch. D.h. die Bremslichter der Fahrzeuge vor einem Autofahrer können ihn stärker als früher am Erkennen von Fußgängern u.ä. hindern.
  • "Im Artikel wird ausdrücklich erwähnt, dass das Blenden durch falsch eingestellte Autoscheinwerfer ein Massenphänomen ist. Er handelt als keineswegs nur von Radfahrern."
    Hier gilt das für die Absolutblendung gesagte. Ab einer bestimmten Größe der Blendquelle und Leuchtdichte blendet sie in jeder Umgebung, auch tagsüber.
  • "Blendende Fahrradscheinwerfer stören, stimmt und viele Sonntagsradler suchen damit scheinbar den Himmel ab. Aber Im Verhältnis zu den schon seit Ewigkeiten erlaubten Autoscheinwerfern sind sie echt ein Witz. "
    Auch Absolutblendung + schlechte Beherrschung der Technologie.
  • "LED sind Lampen, deren Leuchtdichten in ähnliche Größenordnung wie die Sonne kommen. Deswegen blenden die Scheinwerfer auch bei Tage. Mein Büro ist im ersten Stock. Ich werde von Kinderrädern geblendet. Was zum Teufel hat das Licht eines Scheinwerfers dort oben zu suchen?"
    Hier scheint die Lichtverteilungskurve nicht zu stimmen. Es ist mir leider nicht gelungen, die vorgeschriebene LVK für Tagfahrleuchten aufzufinden. Man kann zwar lesen, die sollen nicht die Fahrbahn beleuchten. Dass sie nicht den Himmel beleuchten dürfen, steht in keiner Vorschrift.
  • "Aber ich fasse es gerne nochmal für sie zusammen: LED ist als Fahrzeugbeleuchtung grundsätzlich abzuschaffen da viel zu grell. Das gilt auch für Straßenlaternen."
    Kein Kommentar. Der Spruch gibt die Meinung vieler Leute wieder: "Allerdings finde ich auch die grellen Autoleuchten und Ampeln mindestens unangenehm. Mal abgesehen davon, auch das ist Lichtverschmutzung."

Blenden als moderner Sport

 

Der Beitrag im Berliner Tagesspiegel über blendend schönes Radfahren (hier) zog eine deftige Debatte der Betroffenen nach sich. Bislang über 170 Beiträge. Das Interessante: In der Debatte findet man praktisch alle Argumente, die in diesem Blog zur Fahrzeugbeleuchtung angeführt worden sind. Als die da wären

  • grelle Straßenbeleuchtung (hier)
  • der gemeine Ichling - will gesehen werden und blendet (dort)
  • Scheinwerfer blenden (da)
  • Vorschriften helfen nicht (wieder hier)

u.v.a.m. Den knappsten und umfassendsten Beitrag lieferte der Leser macthepirat "LED ist als Fahrzeugbeleuchtung grundsätzlich abzuschaffen da viel zu grell. Das gilt auch für Straßenlaternen."

mellibehse schreibt zu der Feststellung "sofern die Lampen richtig justiert sind. Einige Scheinwerfer blenden derart, ..": "Einige? Fast alle LED-Scheinwerfer!"

klaus 14513 schreibt: "Ich empfinde allerdings die LED Autoscheinwerfer als viel unangenehmer, sie sind ja grundsätzlich schonmal vielfach lichtstärker als jede Fahrradlampe. Selbst bei richtiger Einstellung blenden sie schonmal durch die pure Helligkeit und vor allem durch die "Wippbewegung" eines Autos während der Fahrt. Das fühlt sich für den Gegenverkehr dann wie ein ständiges aufblenden an." Stimmt auch (s. hier). Kfz-Beleuchtung wird im Stand gemessen, aber manche Kfz. fahren manchmal, wenn der Verkehr es zulässt. Als der Lichtstrahl der Scheinwerfer nicht so eng gebündelt war, war das Wippen nicht so tragisch. Aber seit es Xenon-Scheinwerfer gibt. Schön schlimm. Der Gesetzgeber hat deswegen einst vorgeschrieben, dass sie nicht allein als Fernlicht benutzt werden dürfen (hier), Und dass deren Abdeckungen schön sauber bleiben müssen. Daher müssen Waschanlagen für solche Scheinwerfer vorhanden sein. Wenn so einer mit seinen modernen Lichtern einem entgegen kommt, wirkt das nicht entgegenkommend sondern brutal. Wenn er vorbei ist, fällt man erst einmal in ein dunkles Loch. Nannte sich Sukzessivblendung. Ist aber nicht in, seit das Blenden zum täglichen Handwerk des Autofahrerts gehört.

Klappleiterin schreibt: "Komisch, ich fahre viel Fahrrad, aber sowohl als Radfahrer wie auch als Fußgänger fühle ich mich durch falsch eingestellte Fahrradscheinwerfer viel öfter geblendet als durch Autoscheinwerfer." Stimmt (hier). Als Fußgänger geht man nicht oft Autos auf der Gegenfahrbahn entgegen. Mich blenden selbst Kinderfahräder, wenn ich aus einem Fenster im ersten Stock gucke.

"Ich erlebe es so oft, daß vor mir einer fährt, der mit seinem Scheinwerfer die Baumkronen darüber ausleuchtet anstatt den Weg vor ihm. Unlängst bin ich hinter einer durch eine Unterführung gefahren, die mit ihrem Scheinwerfer einen Lichtkegel fast direkt über sich an die Decke der Unterführung warf." Stimmt (hier oder da). Tagfahrlichter scheinen eher den Himmel anzuleuchten als die Fahrbahn. Der Autofahrer will auffallen und erkannt werden. Dafür erkennt man den Rest der Welt nicht mehr so gut. Nennt sich Blendung. Kommt von "blind machen".

Mostrichmeister meint: "Meine Sicht als Radfahrer: Falsch eingestellte Fahrradscheinwerfer sind schon nervig, doch die Blendwirkung von Autoscheinwerfern ist immer noch unübertroffen. Es sei denn, jemand ist mit diesen Lichtern ausgerüstet, die in der Werbung einen halben Canyon ausleuchten. Aufgrund des Preises dieser Minisonnen ist das aber verdammt selten." Stimmt (hier): Asphalt Cowboys und LED. Exzellente Sicht für 7.500 Euro extra. Die Sache mit der Minisonne: Die Leuchtdichte der LEDs reicht bald an die der Sonne (dort): "Egoistenlicht gehört nicht auf die Straße".

daily_mirror meint zu: Fachleute sehen das Problem relativ gelassen angesichts dessen, was sich sonst im Straßenverkehr abspielt. "Das ist wohl wahr: z.B. zunehmend bei Autoscheinwerfen. Ich frage mich regelmäßig, wie einige Xenon-Scheinwerfer eine Zulassung bekommen haben, da mich diese - vor allem bei Kleinlastern (SUV) - teilweise derart blenden, dass ich da eindeutig eine Verkehrsgefährdung sehe." Stimmt (hier und da)

N.N. (nicht angeführt, weil behindert): "Als sehbehinderter Mensch, dessen Auge auf unterschiedliche Lichtstärken nicht reagieren kann (Akkomodation) mache ich ständig die Erfahrung, dass Fahrradnutzer, die auf der falschen Seite den Radweg mit grellem Scheinwerfer nutzen oder auf dem Bürgersteig entgegen kommen, mich so stark blenden, dass mitunter mir die Orientierung fehlt." Stimmt (hier): Die EU hat eine Kommission, die die Wirkung von LED auf den Menschen beurteilen soll. Die findet, dass gesunde Menschen mit guten Augen keine Probleme hätten, nur Alte und Kinder. Wenn das keine dolle Kommission ist (kompletter Bericht hier abzurufen).

Die Kommission heißt übrigens SCHEER, hier kann man sehen, wo die Weisen sitzen, die die Kommission bilden. Eine in der Walachei. Echt. Was die EU sonst zu der Frage sagt "Gesundheitliche Auswirkungen von künstlichem Licht" steht hier. Ausgearbeitet haben das Ganze zum Thema LED: Ana Proykova (Chair)University of Sofia, Sofia, Bulgaria (Physik-Professorin), Rodica Mariana IonNational Institute of R&D for Chemistry and Petrochemistry – ICECHIM, Bucharest, Romania (Professorin für Nanomaterialien, Leiterin Forschungsgruppe Nanomedizin), Theodoros SamarasAristotle University of Thessaloniki, Thessaloniki, Greece (Asistenzprofessor für medizinische Physik) . Wer der Meinung ist, nie eine dieser Personen auf einem Kongress für Lichttechnik oder Lichtplanung gesehen zu haben, hat keinen Alzheimer.

 

 

Hoch, höher. am höchsten - Beleuchtungsstärke

 

Was passiert, wenn man von etwas, was sehr wichtig ist, noch mehr bekommt? Generell kann man dazu nichts sagen, aber im Einzelfall sehr viel. Sagen wir mal beispielsweise von Herzmitteln, die man zum Überleben braucht? Nimmt man doppelt so viel wie nötig, kann man noch weiter denken. Bei der dreifachen Dosis ist der Ofen aber aus. Oder nehmen wir Wasser als Beispiel. Wir können nicht ohne, wie jeder weiß. Was ist, wenn man 10 Liter statt 2 am Tage trinkt? Einfach, man braucht keinen Alkohol mehr. Bei einer noch höheren Dosis droht allerdings der Exitus. Nennt sich Ertrinken. Mehr von dem, was man unbedingt braucht, nützt nicht immer. Wirkt aber zuweilen sogar tödlich, nachweislich.

Das ist aber nicht das Thema dieses Blogs. Hier geht es um Licht. Davon können wir doch nicht genug kriegen?  Oder? Der Himmel liefert doch viel davon, wenn die Sonne hoch genug steht. Warum nicht in der Bude des kleinen Bürokraten? Und zwar immer. Nachdem es der Lichttechnik gelungen ist, die ganze Welt zum Narren zu halten, indem sie in ihren Anforderungen die Zahl - z.B. 500 - gleich gehalten und nur die Berechnung änderte, von Nenn- zum Wartungswert der Beleuchtungsstärke, setzt sie zum nächsten Coup an. Seinerzeit hatte ich berechnet, dass die nach Norm geforderten Werte um 20% bis 400% angestiegen waren (hier). So einfach, ohne Grund. Worum geht es jetzt? Bei dem zitierten Papier handelte es sich damals um eine Studie zur (angeblichen) Begründung der Festlegungen, die man in den Normen gemacht hat. Vielmehr ging es darum, dass es keine Begründung gab und gibt. Jetzt soll es bessere Gründe geben, um mehr Gas zu geben.

Der nächste Coup? Kommt garantiert niemand auf die Idee. Es soll ein neuer oberer unterer Grenzwert eingeführt werden. Also nochmal langsam zum Mitschreiben: Es gibt einen unteren unteren Wert, das ist der Wartungswert. Die Pratogonisten sagen dazu, unter diesen Wert darf die Beleuchtungsstärke nicht sinken. Warum sie das nicht darf, bleibt den Experten überlassen. Laien müssen einfach das tun, was die sagen. Die Sache ist so glasklar formuliert, dass mancher Arbeitgeber die Lichtschalter aus seinen Arbeitsräumen hat entfernen lassen. Oder doch nicht so klar? Ich lese: "Bisher ist der Wartungswert der Beleuchtungsstärke Ēm eine Größe, die vielfach als Zielwert für die Planung einer Beleuchtungsanlage angesehen wird. So war dieser Wert aber nie gemeint, er ist vielmehr der niedrigste Wert, den die Beleuchtungsstärke einnehmen darf, …" Nie soll in einer deutschen Amtsstube die Beleuchtungsstärke unter diesen Wert sinken. Und die ganze deutsche Lichtindustrie kämpft dafür wie ein Mann … Sagen wir mal, auch einige Frauen sollen da mitmischen. Mindestens eine.

Jetzt soll ein noch viel höher liegender Wert eingeführt werden. Der heißt dann "upper maintained illuminance". Das Licht darf dann nicht unter diesen Wert sinken. Die Sache muss noch richtig ins Deutsche übersetzt werden, meint ein wichtiger Experte. Stimmt. Was aus dem alten Wert wird, unter den das Licht auch nicht sinken darf? Für den werden die Experten schon eine Verwendung finden. Man könnte ihn z.B. den Igitt-Faktor nennen oder so ähnlich. Hartz IV für Lichthungrige, wäre auch keine schlechte Bezeichnung.

Warum braucht die Menschheit so etwas? Darum: "Ein Grund, auch höhere Beleuchtungsstärken zu planen, ergibt sich aus dem Abschnitt xxx. Gründe sind z.B. „kritische Sehaufgaben, kostenintensive Fehler, kleine Details und niedriger Kontrast oder längere Bearbeitungszeiten“. Es wird direkt darauf hingewiesen, dass die Beleuchtungsstärken zu erhöhen sind, wenn „Genauigkeit, höhere Produktivität oder stärkere Konzentration von größerer Bedeutung“ sind." (so ein Kenner der Materie, der nicht genannt werden will.)

Wem die Sache bekannt vorkommt, leidet nicht unter einem Déjà vu Effekt, garantiert nicht. Man hat während der 1940er Jahre damit argumentiert. Kritische Sehaufgaben? Damals waren das die Details deutscher Städte, die man bombardieren wollte. Die gibt es immer noch, kritische Sehaufgaben. Brauchen aber keine Beleuchtung mehr, weil die allesamt auf dem Bildschirm abgebildet werden. Beleuchtung schadet da eher. Kostenintensive Fehler? Wer wird das leugnen? Die mangelnde Beleuchtung liefert einem nun ungeahnte Möglichkeiten der Erklärung von Fehlern. Mehr Licht - und du machst keine Fehler mehr. Wäre nicht schlecht gewesen in den 1930ern. Da kämpften Arbeitsmediziner um 5 lx mehr am Arbeitsplatz oder so. Dass man Computerarbeit sicherer macht durch höhere Beleuchtungsstärken anno 2020? Wäre einen Versuch wert, aber nur einen. Es ist nämlich Quatsch. Produktiver? Ganz sicher!  Das versuchte man zwischen 1922 und 1930. Das Ergebnis nennt sich Hawthorne Effekt. Der bedeutet, man kann mit besserem Licht eine höhere Produktivität bewirken. Das geht aber auch ohne, nämlich wenn man einfach behauptet, man hätte das Licht verbessert. Am Licht kann es also nicht liegen.

Also mehr Leistung nicht durch besseres Sehen, dazu dient die Beleuchtung schon lange nicht mehr. Aber durch mehr Aufmerksamkeit durch mehr blaues Licht? Bingo! Ein Schelm, der dabei denkt, dass die LED-Technik auf blauen Laserdioden basiert! Als Begründung für mehr Licht können derzeit wunderbar die nicht-visuellen Wirkungen der Beleuchtung helfen. Die helfen wirklich immer, weil niemand weiß, was die sind. Bzw. wissen unheimlich viele, worin die bestehen. Sagen wir aus zweiter oder dritter Hand. Aber wen juckt es? 

Vorbei die Zeiten, als man sagte "Hell wie der lichte Tag". Demnächst überholen wir das Blaue vom Himmel links. Man muss nur gucken, wo erfolgreiche Anwendungen sind. Ich traue mich nicht zu erzählen, dass man bei der Landwirtschaft nachsehen sollte. Die war schon immer so nachhaltig. Seit 30 Jahren kosten die Eier dasselbe, Schweinesteaks sogar weniger. Warum nicht die menschliche Arbeit?

Neue Beleuchtungsarten - Posillumination und Malillumination

 

Bis heute war ich der Meinung, dass man bei Beleuchtung nicht Schwarz/Weiß denken darf. Jede Beleuchtung hat mindestens etwas Gutes, sei es als schlechtes Beispiel. Verschiedene Leute klassifizieren Beleuchtung unterschiedlich, so etwa Direkt und Indirekt, stimmungsbetont oder auch nicht, zweckgerichtet oder weniger zweckgerichtet. Aber Mal-Illumination gegen Pos-? Nach einem Papier von Laurence D. Martel, Ph.D. gibt es die.

Wer ist aber Laurence D. Martel, Ph.D.? Der Autor ist ein hohes Tier, Präsident der „National Academy of Integrative Learning, Inc.“ Ich hätte gerade den Hut gezogen, aber dann sah ich Inc. Das ist also eine Firma. Was macht die? Der cloudbasierte Baum der Erkenntnis sagt dazu: "This organization has not appeared on the IRS Business Master File in a number of months. It may have merged with another organization or ceased operations." und "This organization's exempt status was automatically revoked by the IRS for failure to file a Form 990, 990-EZ, 990-N, or 990-PF for 3 consecutive years." Also rausgeflogen, weil drei Jahre inaktiv.

Was geht uns das an? Ja, das Papier habe ich vorgestern von einer Firma bekommen, die in einer Office-Zeitschrift einen Artikel veröffentlicht hatte zu einer neuen Beleuchtung. Die heißt nicht HCL sondern HSL. H kennen wir schon, heißt human. L ganz sicher, bedeutet Beleuchtung, aber coolerweise lighting genannt. Und S? Das scheint über der Wiege der Evolution seit … laut Genesis dem ersten Tag. Jetzt haben wir Human Sun Lighting. Und wie das wirkt wird u.a. mit einem Bild aus einem Lesesaal in Kwanghwamoon bewiesen. Ich weiß nicht, wo Kwanghwamoon liegt. Ich will es auch nicht wissen.

Ich habe etwas in den Firmenunterlagen gekramt. Alles hört sich gut an. Aber warum müssen sie einen Namen erfinden, wenn das Ding jeden Tag am Himmel hängt. Und was ist an der Sonne human, wenn man darunter keine drei Tage in der Wüste überlebt? Ach so, die meinen nicht die Sonne, sie meinen, die künstliche Sonne. Und sie ist … eine Lampe. Hat ein volleres Spektrum als das, was die Industrie sonst für hinreichend human hält. Sie macht das Gegenteil von Mal-Illumination. Das ist keine Beleuchtung zum Malen, sondern eine schlechte. Natürlich ist HSL eine Pos-Illumination. Wenn die benutzt wird, bekommen Kinder in der Schule weniger Karies. Daher das Papier von der Nationalen Akademie für integratives Lernen. Die selbst scheint ausgelernt zu haben. Dr. Martels letztes Buch gibt es als Hörbuch für 0,0 € zum Download. Dauert 9 Stunden und 10 Minuten. Es heißt "Real Intelligence …"

Da wären wir bei der Konkurrenz Situation. Die einen wollen uns mit Blau schlau machen, die anderen mit vollem Spektrum intelligent. Kommt aber auf dasselbe hinaus: Ist die Wirkung wahr und die wird bei einem wahr, war er zum letzten Mal Kunde bei denen, die einem das Blaue vom Himmel zusammen reimen. Was die Zukunft noch bringt, wage ich nicht selber zu raten. Deswegen habe ich eine wissenschaftlich gesicherte Institution angeschrieben. Mal sehen, was die sagt.

Was bekommt man für eine Idee, die Menschen jahrelang quält, sich ungesund fühlen lässt, und am Ende, das Produkt, das dieser Idee entspringt, links liegen lässt? Als ungezogener Bengel bekam man früher die Hosen stramm gezogen. Seitdem man viel zivilisierter miteinander umgeht, sind solche erzieherischen Maßnahmen taboo, man wird aber was sagen dürfen. Bei Erwachsenen gibt es aber auch Ehrungen - und was für welche! Für die hier behandelten Ideen gab es 2018 ein Lifetime-Award.

Es ist die Rede von eigentlich zwei Ideen, von denen die eine Geburtshelfer bei der anderen war. Beide dienten der Lenkung von Licht, damit es dorthin findet, wo es hin soll. Die erste Idee sollte (Zitat aus einer wichtigen Zeitschrift) "der seinerzeit populär gewordenen Leuchtstofflampe die ihr immanente Blendung nehmen.  Nicht das Lichtobjekt, sondern der beleuchtete Gegenstand sollte hell sein. Vor 54 Jahren war das ... eine Sensation". Zu dumm, dass die Leute, die darunter saßen, als Sensation (lt. Duden aufsehenerregende, außergewöhnliche Leistung, ; aus lateinisch sensus ‚Gefühl‘, ‚Verstand‘ und sentire ‚empfinden‘, ‚fühlen‘, ‚mit den Sinnen wahrnehmen‘) nur einen Druck von oben empfanden, Lichtdruck. Keine Ahnung, wo das Licht her kommt. Nur Blendung, die kommt von oben. Dabei sollte gerade die ja weg kommen. Das tat sie auch - nur nach der Vorstellung der Lichttechniker, wonach nur das blendet, was man unterhalb von 45º über der Horizontalen sieht. Damit definierten die Lichttechniker die Blendung aus allen kleinen Räumen weg. Bei den ganz großen, damals Großraumbüro genannt, half die Idee, dass die Leuchte nicht leuchtete, bzw. nur nach unten. Und alle, alle, mussten  brav nach unten gucken, damit die große Erfindung eben eine große Erfindung sein konnte.

Die Idee ist die vom Spiegelraster. Die ersten Leuchten, die damit ausgestattet wurden, hießen "dark light". Dies hatte u.a. zur Folge, dass unser Professor das Wort verbat, weil nach seiner Meinung Licht nur hell sein konnte. Was er nicht verbieten konnte, war die Idee, dass nicht die Leuchte leuchten soll, sondern das von ihr beleuchtete Objekt. Unter Designern lautet der Spruch: "Licht gehört dorthin, wo gesehen werden soll." Nicht schlecht, außer bei Bildschirmen. Ich musste allerdings eine Warte ablehnen, in der über jedem Bildschirm ein Strahler hing. Aber wer wird denn so kleinlich sein!

Da der Begriff dark light tatsächlich als geschäftsschädigend wirkte, wartete unser Erfinder, bis sich eine bessere Gelegenheit bot, um aus der Idee verkäufliche Leuchten zu bauen. Und die ließ nicht lange auf sich warten. Als die ersten Computerbildschirme in die deutschen Büros kamen, beschwerten sich viele über Augenbeschwerden. Was wird wohl der Grund sein? Den hatte ich zwar schon längst ermittelt. Das Ergebnis war aber wieder geschäftsschädigend. Denn das größere Problem schien die Qualität der Papierbelege zu sein, von denen man Daten in den Computer tippte. Es musste was her, womit man Geld machen konnte. Blendung! Seit Edison igitt, und jetzt auch noch auf den teuren Bildschirmen. Direkblendung war wegdefiniert worden, die Spiegelungen auf Tastaturen und Papier wurden auf ebenso wundersame Weise wegdefiniert (man musste und muss seinen Arbeitsplatz zwischen zwei Leuchtenreihen platzieren). Übrig blieben Reflexe. Und die machte die neue Idee weg. Einfach weg. Man richtet das Licht eben dorthin, wo gesehen werden muss. Wirklich? Was macht man denn, wenn das Licht von vorn blendet, von oben Spiegelungen verursacht, von hinten Reflexe?

Man erfindet einfach Räume, die es nicht gibt, Arbeitsplätze, die nicht möglich sind und Bedingungen, die niemand einhalten kann. Dieser Raum sollte in der Norm erscheinen, die die neue Idee als alternativlos allen Betrieben vorschreiben wollte (und auch tat). Wer hier arbeiten will, verliert die Maus (fällt rechts runter) und die Kaffeetasse (fällt links runter). Dem Einspruch, dass es so etwas gar nicht geben dürfte, weil die Arbeitstische nicht zulässig waren (und auch heute noch sind), und zudem kein Betrieb den Luxus an Fläche bezahlen würde, begegnete man damit, das Bild aus dem Normentwurf zu entfernen.

Es kommt aber schöner: Das Licht, das die Leuchtenreihen erzeugen, fällt nicht dahin, wo gesehen werden soll, sondern auf den Teppich. Die Lichtverteilung, die ich in einem Betrieb gemessen hatte, kommentierte ein Leuchtenentwickler so: "Wenn Sie die dümmste Konstellation messen, ist alles möglich." Dumm nur, dass die Leuchten von seiner Firma waren. Außerdem geht es gar nicht anders.

Das sagt einfach die Physik. Wenn man Licht bündelt und in eine bestimmte Richtung lenkt, geht es genau in die Richtung, so man richtig gebündelt hat. Das kennt jeder, der mal einen Flakscheinwerfer gebaut hat, oder nur gesehen. Dass der selber nicht gesehen werden will, hat einen praktischen Grund: die Flieger greifen zuerst den Scheinwerfer an. Warum musste das Licht aber so gelenkt werden und alle Menschen gezwungen, ihre Arbeitsplätze nur an bestimmten Stellen des Büros aufzustellen? Die Reflexe auf Bildschirmen ließen schon damals für 5-10 DM beseitigen. Die Leuchte kostete aber bis zu 1.000 DM im Höhepunkt ihrer Karriere. Das eben war der Grund.

Man soll ja anderen nie ihr Geschäft beneiden, wenn der Kunde davon profitiert und dafür zahlt. Hat der? Zumindest seine Mitarbeiter nahmen das Licht anders wahr. Das ist nicht Wahrnehmungspsychologie, sondern empirisches Resultat: Von allen in deutschen Büros verbauten Leuchtenarten verursachten die hier gemeinten die höchsten Beschwerden, wurden abgeschaltet, wenn man ohne überhaupt arbeiten konnte, und führten zu den häufigsten Gesundheitsbeschwerden. Das haben wir 1996 nach einer umfangreichen Studie veröffentlicht, die wir zuvor von einem Juristen haben überprüfen lassen. (hier) Denn die Reaktion der Lichtindustrie war absehbar. Und auch die weggedachte Blendung war unter diesen Leuchten am höchsten. Gar nicht so lustig fänden die zahlenden Kunden, wenn sie gehört hätten, dass zwischen April und Oktober künstliches Licht in deutschen Büros nur notfalls eingeschaltet wird, und ansonsten fast 90% der Arbeitsstunden nur mit Tageslicht gearbeitet werden kann. Und Tageslicht verursacht viel schlimmere Reflexe als Kunstlicht. Na, ja! Mit Tageslicht beschäftigt sich eine andere Norm. Und die Arbeitsschützer haben zwischen 1975 und 2004 sich überhaupt nicht mit Tageslicht befasst. Allenfalls als Störung. Als Beleuchtung war es auch wegdefiniert worden (klick).

Was halten die Vertreter des Kunden, die Führungskräfte, vom Ganzen? Vor wenigen Jahren wurden deutsche Manager gefragt, wie sie sich den idealen Arbeitsplatz für sich vorstellen. Hier die Antwort:

Nachdem sich die erste Idee unseres Preisträgers so segensreich ausgewirkt hatte, sollte man sich die zweite nicht entgehen lassen. Es ging dabei um die Umlenkung des Tageslichts. Bekanntlich sind Fenster derart altmodisch, dass das Tageslicht mehr oder weniger dort kleben bleibt. Im Rauminnern gibt es weniger davon. Manche Räume haben nicht einmal Fenster, ergo? Man muss das Tageslicht so umlenken, dass es im Innern ankommt - da wo man es haben will. Zu dumm, dass man Tageslicht nicht mehren kann. Deswegen muss man das, was nach innen kommt, vorne wegnehmen. Die Idee finden die Mitarbeiter derart reizend, dass vor Jahren ein Vorstand bei uns vorstellig wurde, damit man das Projekt in seinem Hause verhindern konnte. Da ich als studierter Lichttechniker die Wahrnehmungspsychologie nicht so doll beherrsche, habe ich ihn an einen Professor der Disziplin verwiesen. Dessen Meinung nach den Diskussionen mit dem Herrn war, man müsse ihm das Handwerk legen. Die Idee wurde ja einst in einem kleinen Ort erprobt, als man beim Bau des Ratshauses die Fenster vergessen hatte. Und erfreut seitdem der Menschen Herzen.

Auf ein Büro angewendet, macht die leider noch weniger Sinn. Da hinten kommt ein Bruchteil des Lichts an, was man vorn wegnimmt. Es macht zwar nichts, weil dort niemand sitzen will. Aber immerhin, Tageslicht ist doch toll - liest man allenthalben. Dummerweise kommt das Tageslicht erst nicht in den Innenraum, es wird von der Verglasung gefiltert. Der Rest wird durch viele Reflexionen derart verändert, nicht nur geschwächt, dass die Photonen vermutlich nicht mehr wissen, wo sie her kommen. Aber der Techniker weiß es! Das Licht stammt vom Zenith, weil dort der Himmel am konstantesten strahlt. Es ist schlicht blaues Licht. Am Ende des Raums nur noch grau. Andere Lichttechniker erzählen hingegen die Mär, dass die Wirkung vom Tageslicht von ihrer Dynamik herrühre. Also von der Veränderung. Wer hat Recht?

Egal, es geht um die Wahrnehmungspsychologie. Fenster zur Hälfte dicht, anstelle von Tageslicht bläuliches dorthin, wo keiner sitzt? Sicher ist auf jeden Fall, dass keiner gesundheitliche Beschwerden geltend machen kann. Ebenso sicher ist, dass die vielen Spiegel dem Raum eine super Akustik garantieren. Die ist aber in einer anderen Norm der Gegenstand.

Was die beiden Ideen verbindet? Die Liebe des Preisträgers zu Spiegeln. Ganz bestimmt. Das mag er halten wie er will. Was aber in beiden Fälle fatal ist: Das Licht wird dorthin gelenkt, wo es nicht hin gehört. Im Falle der Spiegelrasterleuchte werden bei großen Tischen die seitlichen Bereiche beleuchtet, bei kleinen der Teppich rechts und links. Dabei weiß man spätestens seit 1971, dass die Ebene, in die man das Licht bringt, die Arbeitsebene, keine Bedeutung für die Wahrnehmung des Raums hat, und nur geringe für die Arbeit (klick). In deutschen Büros wollen die meisten in der Nähe des Fensters sitzen, weil sie sich dort am gesündesten fühlen (klick). Auch die Arbeitsstättenverordnung rät dazu. Danach werden aber keine Lifetime-Awards vergeben.

(hier ist noch eine lesenswerte Geschichte mit Spiegeln, die hätten eine ganze Alpengemeinde mit Tageslicht versorgen sollen. Klick! Die gibt es auch im Fernsehen und in der Presse. Klick und klick und nochmal klick). Der letzte Klick sagt, was aus dem Projekt geworden ist.