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Licht und Arbeit

28.08.2014

Die Zeiten, die ändern sich …

Der Grund, warum ich mich mit der Bildschirmarbeit beschäftigte, war die Augenbeschwerden, die Bildschirme verursachten. Tatsächlich! Bis zu 85% der Mitarbeiter, die ich in 30 Unternehmen befragte, hatten Augenbeschwerden. Die unterste Stufe war 45%. Immerhin. 

Woran liegt es, wenn Menschen Augenbeschwerden haben? Richtig! An der Beleuchtung. Oder Fast überall, wo Menschen Augenbeschwerden bei der Arbeit haben, gibt es Beleuchtung. Ergo? Dann ist die Beleuchtung an den Beschwerden schuld. Da fällt mir eine Geschichte ein, mit der ein Statistikbuch beginnt. Es gibt danach eine eindeutige Beziehung zwischen der Abnahme der Geburten in einem Land und der Abnahme der Zahl von Störchen. Noch nie hatte jemand besser nachweisen können, dass Babys von Störchen gebracht werden.

Mein Job war allerdings anfänglich nicht, die Beleuchtung als Missetäter zu identifizieren, sondern den Bildschirm. Dass nachher doch die Beleuchtung der Bösewicht wurde, hing mit den Geschäften einer großen Firma zusammen. Die verkaufte z.B. viel Beleuchtung und wäre folgerichtig böse geworden, wenn ich diese beschuldigt hätte, armen Computernutzern die Augen zu martern. Unter anderen Umständen wäre die große Firma wirklich ganz groß böse auf mich geworden - aber da war noch etwas. Die Sozialpolitiker der großen Firma erzählten dem Vorstand, dass die große Firma eine große Zahl von Computernutzern beschäftigen täte. Wenn die Sache mit den Augenbeschwerden nicht der Beleuchtung angelastet würde, würde sie den Bildschirmen in die Schuhe geschoben werden. Da könne man aber nicht viel machen, weil die Bildschirme auch von der großen Firma hergestellt werden. Und die anderen Kunden der großen Firma, würden die Bildschirme womöglich woanders kaufen oder mieten. Ergo? Die Suche nach der Ursache der Augenbeschwerden musste geschäftsfördernd  modifiziert werden..

Nun war die große Firma so groß, dass sie die Obleute der Normenausschüsse stellte, die Normen über Beleuchtung wie solche über Bildschirme erarbeiteten. Zudem war sie in der Sozialpolitik der Arbeitgeber groß unterwegs. Man sprach vom Hauptarbeitgeber Deutschlands. Ergo? Man stoppte die Normungsarbeit für eine Weile und überlegte sich, was man machen müsse. Der Vorstand trommelte die betroffenen Obleute zusammen und blies ihnen den Marsch: Auf welchem Wege kann die große Firma aus der Misere den größten Gewinn ziehen?

Der Obmann der Lichtleute sang: "Heureka! Wir haben doch schon eine Lösung, die ein Problem sucht. Also konstruieren wir das Problem." So kam es zu der Lösung mit den BAP-Leuchten. Sie leuchten, erstens, und leuchten nicht so stark, dass man sie auf dem Bildschirm sieht, zweitens. Dass man sie auch sonst nicht sieht, sodass die Leute irritiert sind, würde man später merken - nachdem man das Problem, Pardon, die Lösung installiert hatte. Beleuchten, um nicht zu beleuchten (siehe hier), damit nichts blendet. Das ist eine wahre Kunst.

Die wahren Künstler lebten und arbeiteten aber woanders. Die großen Beschwerden, denen abgeholfen werden musste, gesichert per Tarifvertrag, von den Schriftsetzern, die vom Bleisatz zu Bildschirm übergewechselt waren. Hier ein Bild über ihre frühere Arbeitsumgebung:Das war bei Tage, wie man sieht. Was man nicht sieht, sind die Sehobjekte. Das sind kleine Bleiklötzchen, auf denen Buchstaben wie gegossen prangen, die noch kleiner sein können als diese Schrift. Und die wahre Umgebung sah, wenn die Funzeln an der Decke brannten, eher so aus:Oder noch dunkler. Realistisch anzunehmen ist ca. 5 lx (!) und das sehr ungleichmäßig verteilt. Das Bild lügt also erheblich. Es wurde nämlich in der Setzerei einer Abendzeitung aufgenommen. Die meisten Zeitungen erscheinen aber morgens und werden nachts gesetzt. Und die Setzer haben nicht selten ein Utensil aufsetzen müssen, weil die Lampen - im Bild ausgeschaltet, ordentlich blendeten. Zu guter Letzt mussten die Jungs auch noch sehr kontrastarme Schrift verspiegelt lesen.

Später sollten die Arbeitsräume z.B. so aussehen:

Kann man sich vorstellen, dass viele Leute heute noch Augen- und/oder Kopfschmerzen bei der Bildschirmarbeit haben? Eigentlich nicht, wenn man nicht viel arbeitet. Bei den Arbeitnehmern rangieren Augen- und Kopfschmerzen aber recht oben auf der Skala. Und es liegt nicht selten an der Beleuchtung - das Bild oben lügt auch, es ist ein seltenes Exemplar - , z.B. wenn man noch die Lösung der großen Firma betreibt.

Im Wesentlichen liegt es aber an der Hetzarbeit am Computer, der wir uns - nach Feierabend - zusätzlich freiwillig widmen. Und davor wird uns keine große Firma schützen können.

04.08.2026

Warum man in Betrieben dauernd Zombies begegnet
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Das ist eine leicht bearbeitete Fassung eines Beitrags aus dem Jahr 2016. Die damals kritisierte Norm DIN EN 12464-1 wurde im Jahr 2011 veröffentlicht. Die neue Fassung von 2021 zeigt den Fortschritt in 10 Jahren - Eine neue Tabelle, aber alles beim Alten.

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In 2016 hiess es:

Wer sich wundert, dass ihm im Betrieb nur Kolleginnen und Kollegen begegnen, die wie Zombies aussehen, möge sich die folgenden Zahlen angucken. Selbst Mitmenschen, die im eigenen Arbeitsraum ganz passabel aussehen, können so einen Zombie ergeben:

verkehrszonen

Das sind die (Kenn)Zahlen, die die Qualität der Beleuchtung in den Fluren und Gängen von professionell genutzten Gebäuden beschreiben. Sie sind entnommen DIN EN 12464-1 und der fast identischen CIE S 008, also Normen, die für Europa und für den Rest der Welt gelten.

In 2021 in EN 12464-1 (und in 2025 in ISO/CIE 8995-1) sieht die entsprechende Angabe so aus:

Die erste Spalte gibt, wie immer, die Beleuchtungsstärke an. Statt UGRL haben wir jetzt RUGL . Also Jacke wie Hose. Es sind einige neue Beleuchtungsstärken hinzugekommen. Aber an der Kritik musste ich nichts ändern:

Was bedeutet 100? Das sind 100 lx 20 cm über dem Fußboden gemessen, horizontal. Im schlimmsten Fall steht der Kollege direkt unter der Leuchte, der Kopf nicht einmal einen halben Meter tiefer, und sieht aus eben wie ein Zombie mit tiefen Augenschatten und einer glänzenden Nase. Den noch schlimmeren Fall, Beleuchtung von unten, findet man zum Glück aus praktischen Gründen nur in bestimmten Bereichen. (So werden z.B. Hexen im Theater gemacht).

ugr-scaleWas bedeutet 28? Das ist die sog. "psychologische" Blendung. Für Büroräume gilt "19", und das ist zufriedenstellend für 47 % der fiktiven Benutzer. Was der Rest denkt, ist der Lichttechnik erst einmal egal. Was ist denn 28? Das lässt sich in gutem Deutsch schlecht ausdrücken. So wird die Zahl von der CIE kommentiert: Uncomfortable. Auf Deutsch: einfach störend. Ende der Skala. Wie kann eine Norm für Arbeitsstätten allen Fluren in Europa eine störende Beleuchtung verschreiben?

Und die letzte Zahl 40? Das ist die Güte der Farbwiedergabe. Für Büros wird meistens 80 empfohlen, was für mich eine ziemlich miserable Farbwiedergabe bedeutet. (Wer es besser haben möchte, muss leider viel mehr Watt in die selbe Menge Lux stecken.) Was die 40 bedeutet, kann man wohl so schlecht demonstrieren, dass man in der Literatur keine prägnanten Bilder oder sonstige Abbildungen findet. Das liegt vermutlich daran, dass Lampen mit einer solchen Farbwiedergabe in Gebäuden unüblich sind. Daher zeige ich erst, wo die Lampen zu finden sind, die eine solche Farbwiedergabe ermöglichen (!)

ra.

Wer in etwa einen Eindruck von dieser Farbqualität haben will, ist auf seine Fantasie angewiesen. Dazu muss man wissen, dass auch Ra von 100 nicht bedeutet, dass ausgeprägte gesättigte Farben so wiedergegeben werden wie bei Tageslicht. Keine einzige gesättigte Farbe wird bei einer solchen Beleuchtung wiedergegeben. Bei Ra = 90 spricht man von einer sehr guten Farbwiedergabe, was man gelten lassen kann. Wenn der Wert bei 80 liegt, muss man wissen, dass er so hingebogen wurde, dass auch Dreibandenlampen noch ein "Gut" bekommen, obwohl sie die meisten Farben gar nicht so gut wiedergeben. Das kann aber kein Mensch nachvollziehen, weil die Testfarben nicht mehr verfügbar sind. Die waren wohl irgendwann mal in den 1960ern diesseits der Realität zu verorten gewesen. 

Und ein Ra von 40 war etwas, wogegen sich mein Chef mit Händen und Füßen gewehrt hatte (s. hier). Offensichtlich hat er nur verhindern können, dass solche Leuchtmittel in Büros selber verbaut werden, aber nicht in Bürohäusern. Also, wenn man die genormte Qualität vom Licht auf den Fluren von Büros vorstellen will, muss man auf dem unteren Bild den Unterschied von CRI = 90 und CRI = 50 nach unten verlängern und ...

cri-comparison.

Was man auch will, niemand wäre vermutlich imstande, sich ein Bild von der Flurbeleuchtung zu machen, die nur die geschriebenen Anforderungen erfüllen würde. Es lässt sich vermutlich auch kein Planer finden, der eine solche Beleuchtung entwerfen würde. Wenn - dann nicht mehr lange, denn bei einem solchen Referenzobjekt wäre es sein letztes Projekt gewesen.

Dennoch: Selbst wenn nur eine der "Qualitätsmerkmale" der Beleuchtung, Konzentrieren auf nur horizontale Beleuchtungsstärke, Beschränken der Blendung nur so weit wie erforderlich, Begrenzen der Farbwiedergabe auf die Fähigkeiten unterhalb der einer Quecksilberdampf-Hochdrucklampe, realisiert würde, entstünde eine Beleuchtung, deren Urheberschaft kein Lichtplaner gerne zugeben würde. Und solche Objekte gibt es zuhauf.

Ergo: Wenn Sie demnächst auf dem Flur einem Zombie begegnen, handelt es sich nicht um einen verzauberten Prinzen oder eine verzauberte Prinzessin. Das Wesen könnte bei ordnungsgemäßer Lichtplanung tatsächlich zauberhaft aussehen.

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Nun zu den Neuigkeiten: Es gibt jetzt eine zylindrische Beleuchtungsstärke. Schafft es ein Lichtplaner, diese zu realisieren, werden die Zombies freundlicher aussehen. Dazu muss der Lichtplaner diese erst einmal schaffen. Ich habe in keinem Betrieb eine zylindrische Beleuchtungsstärke gemessen, die halb so groß war wie die horizontale. Jetzt müssen auch Wände und Decken von Korridoren und Verkehrsflächen beleuchtet werden. Die ließen sich realisieren, so die Verkehrsfläche Wände oder eine Decke in kleiner Höhe hat. Vor 10 Jahren hatte ich geschrieben: "Das Wesen könnte bei ordnungsgemäßer Lichtplanung tatsächlich zauberhaft aussehen." Das gilt immer noch. 

Legendenbildung und Märchenerzählung – Ungewöhnliche Aktivitäten für Ingenieure

12.05.2026

Ihr Glanz ist echt,
doch ihr Ruf ist ein Epos.

Dieser Teil des Buches behandelt in sechs Kapiteln, dass viel von dem lichttechnischen Wissen keinen belastbaren Hintergrund hat.

Kapitel 1 erklärt, dass die Beleuchtungsstärke als physikalische Messgröße im Labor zwar klar bestimmbar ist, ihre praktische Bedeutung für reale Arbeitsplätze jedoch stark begrenzt bleibt. Der Text zeigt, dass Richtung, Verteilung und Reflexion des Lichts für das tatsächliche Sehen entscheidend sind, in Normen und Messverfahren aber oft unzureichend berücksichtigt werden. Dadurch entsteht eine scheinbar exakte, in Wirklichkeit aber nur eingeschränkt aussagekräftige Grundlage für Beleuchtungsanforderungen.

Kapitel 2 greift Boyces märchenhafte Erzählform auf, um zu verdeutlichen, dass Lichttechnik seit langem nach einer objektiven Formel sucht, mit der sich optimale Beleuchtung wissenschaftlich begründen ließe. Die zentrale Aussage ist jedoch, dass eine solche Formel nicht existiert und Empfehlungen deshalb immer auf Aushandlung, Erfahrung und Konsens beruhen. Zugleich wird gezeigt, dass Beleuchtung nur ein Faktor unter vielen in der Arbeitsumgebung ist und nie isoliert über den Erfolg einer Planung entscheiden kann.

Kapitel 3 begründet, warum es keine einfache und allgemeingültige Beziehung zwischen Beleuchtung und Arbeitsleistung geben kann. Besonders kritisch hinterfragt der Text den unscharfen Begriff der Sehleistung, der in Normen zwar zentral verwendet, aber nicht präzise definiert wird. Daraus folgt, dass Beleuchtungsnormen Ziele benennen, ohne klar zu erklären, wie diese praktisch und verlässlich erreicht werden sollen.

Kapitel 4 untersucht, wie in der Lichttechnik durch scheinbar wissenschaftliche Darstellungen Legenden entstehen. Anhand von Diagrammen, Akteuren und institutionellen Rollen wird gezeigt, dass visuelle Aufbereitungen leicht Überzeugungskraft entfalten, auch wenn ihre Aussagekraft fragwürdig ist. So entsteht eine wissenschaftlich wirkende Erzählung, die sich über Fachliteratur, Institutionen und Ausbildung weiterverbreitet.

Kapitel 5 analysiert ein häufig zitiertes Diagramm, das belegen soll, dass mehr Licht die Arbeitsleistung steigert und Ermüdung senkt. Der Text zeigt jedoch, dass die Darstellung methodische und grafische Schwächen hat, etwa durch verzerrende Achsen und unklare Bezugsgrößen. Damit wird deutlich, dass der behauptete experimentelle Nachweis bei genauer Betrachtung nicht belastbar ist.

Kapitel 6 zeigt, wie sich die Legende von der leistungssteigernden Wirkung höheren Lichts über Jahrzehnte in Broschüren, Schulungsunterlagen und Beratungsunterlagen fortgesetzt hat. Dabei wurden fragwürdige Darstellungen immer wieder übernommen, grafisch modernisiert und als scheinbar gesicherte Erkenntnisse weitergegeben, und das sogar von staatlichen Stellen. Zugleich weist das Kapitel darauf hin, dass Licht durchaus weitreichende Wirkungen auf den Menschen haben kann, diese aber komplexer sind als die einfache Behauptung „mehr Licht = mehr Leistung“.
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Im Zenit und weiter

12.05.2026

Technokratie will die Natur beherrschen,
indem sie sie imitiert – doch ein kopiertes Ökosystem
hat keine Seele, nur eine Logik.

Dieses Kapitel beschreibt den allmählichen Bedeutungsverlust der künstlichen Beleuchtung als einstiges Fortschrittssymbol trotz einer hohen technischen Qualität, die erreicht worden ist. Seit den 1980er Jahren ist deutlich geworden, dass Menschen Tageslicht fast immer bevorzugen und künstliches Licht am Arbeitsplatz oft als störend, belastend oder sogar gesundheitlich problematisch empfinden. Gleichzeitig verlagerte sich das Interesse der Forschung stärker auf Energieeffizienz statt auf Lichtqualität.

Ein zentraler Kritikpunkt ist, dass sich die Lichttechnik an falschen Vorbildern orientiert hat – vor allem an der Sonne und an hohen Beleuchtungsstärken in der Natur. Diese Maßstäbe sind für Innenräume ungeeignet, weil Menschen auch in der Natur nicht dauerhaft unter maximaler Helligkeit leben, sondern Schatten, Wechsel und Anpassungsmöglichkeiten brauchen. Technische Versuche, natürliche Lichtverhältnisse künstlich nachzuahmen, gelten deshalb weitgehend gescheitert.

Besonders scharf kritisiert wird der Umgang mit der Leuchtdichte, also jener Größe, die für Helligkeitsempfinden und Blendung entscheidend ist. Statt sich daran zu orientieren, hat die Lichttechnik lange mit ungeeigneten Mess- und Bewertungsverfahren gearbeitet. Dadurch sind scheinbar blendfreie Beleuchtungssysteme entwickelt und normiert worden, die in der Praxis oft stärker blenden und schlechter akzeptiert werden als behauptet.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Kritik an Normen und Planungsvorgaben. Diese haben Nutzer und Planer entmündigt, indem sie einheitliche Allgemeinbeleuchtung und starre Regeln durchsetzten, ohne individuelle Unterschiede, Sehbedürfnisse oder persönliche Kontrolle ausreichend zu berücksichtigen. Das hat zu unflexiblen, unbehaglichen und oft ineffizienten Arbeitsumgebungen geführt.

Abschließend wird künstliches Licht auch im größeren gesellschaftlichen Zusammenhang betrachtet: Lichtverschmutzung, Energieverschwendung und negative Auswirkungen auf Mensch, Tier und Umwelt haben das Image der „elektrischen Sonne“ zusätzlich beschädigt. Insgesamt lautet die These des Buches, dass der Abstieg der künstlichen Beleuchtung nicht bloß äußeren Umständen geschuldet ist, sondern vor allem grundlegenden Denkfehlern, falschen Normen und einer technikzentrierten Lichtphilosophie.

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Geheimnisse in Blau

12.05.2026

Blau hat keine Dimensionen.
Es ist außerhalb der Dimensionen.

Dieses Kapitel analysiert kritisch die verbreitete Annahme, blau angereichertes künstliches Licht wirke grundsätzlich gesundheitsförderlich und könne circadiane Prozesse in verlässlicher Weise optimieren.

Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass dem Blauanteil des Lichts sowohl historisch als auch in aktuellen Debatten eine besondere biologische Wirksamkeit zugeschrieben wird. Vor diesem Hintergrund rekonstruiert der Text ältere Deutungen von Blaulicht als heilsamer oder leistungssteigernder Größe und zeigt, dass gegenwärtige Konzepte wie melanopische Bewertung, mel-EDI und Human-Centric Lighting zwar an wissenschaftliche Befunde anknüpfen, in ihrer praktischen Anwendung jedoch häufig auf vereinfachenden Prämissen beruhen.

Im Zentrum der Argumentation steht die Kritik, dass die Reduktion gesundheitlicher Lichtwirkungen auf einzelne spektrale Anteile dem komplexen Zusammenspiel von visuellen und nicht-visuellen Effekten, Tages- und Jahresrhythmen, Arbeitsplatzbedingungen, Tageslichtverfügbarkeit sowie technischer Beleuchtungsplanung nicht gerecht wird. Weder das Licht des Tages noch das Blau des Himmels und der Meere sind weltweit gleich.

Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der unzureichenden Berücksichtigung von Bildschirmarbeit, der spektralen Zusammensetzung künstlicher Lichtquellen, potenziellen Blaulichtschäden sowie der Frage, inwiefern rot- und infrarothaltige Anteile des natürlichen Lichts kompensatorische Funktionen besitzen könnten. Gerade diese werden in der jüngsten Literatur thematisiert, weil dem LED-Licht fast immer die Anteile im Infrarot fehlen.

Darüber hinaus zeigt das Kapitel, dass normative Empfehlungen zur lichtbiologischen Optimierung häufig mit realen sozialen, geografischen und beruflichen Lebensbedingungen kollidieren. Insgesamt plädiert der Text deshalb für eine integrative Perspektive auf Licht, die biologische, visuelle, technische, arbeitswissenschaftliche und alltagspraktische Dimensionen zusammenführt und gesundheitliche Bewertungen nicht auf eindimensionale Messgrößen oder schematische Steuerungsmodelle verkürzt.
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