12.09.2026
Die gute Lösung von heute
kann die Innovationsbremse von morgen sein.
Der Beitrag in Genesis 2.0, Schöpfung der elektrischen Sonne, erläutert die Behinderung der Innovation beim US-amerikanischen Autobau, die durch die Normung der vorderen Scheinwerfer erfolgt ist.
Eine Norm kann Sicherheit schaffen – oder Fortschritt verhindern. Das zeigt die US-amerikanische Sealed-Beam-Vorschrift. Ab 1940 mussten Autos zwei runde und identische standardisierte, versiegelte Scheinwerfereinheiten tragen. Die Regel löste zunächst reale Probleme: Ersatzteile wurden überall verfügbar, Reflektoren blieben vor Feuchtigkeit und Schmutz geschützt, die Lichtqualität wurde berechenbarer. Doch die Norm schrieb nicht nur das Ergebnis vor. Sie diktierte auch Form, Größe und Technik.
Damit wurde aus einer vernünftigen Schutzmaßnahme ein Innovationsverbot. Mehr als vier Jahrzehnte lang mussten Hersteller ihre Fahrzeuge um runde Standardscheinwerfer herum konstruieren. Europäische und japanische Modelle erhielten für den US-Markt entstellte Frontpartien. Aerodynamische Lösungen, asymmetrisches Abblendlicht und Kurvenlicht wurden blockiert. Der Schaden war nicht nur gestalterisch: geringere Sichtweite, schlechtere Fahrbahnausleuchtung, mehr Streulicht und stärkere Blendung verschlechterten die Verkehrssicherheit. Die Norm konservierte den Stand von 1940 – und machte ihn zum Maßstab für die Zukunft.
Deutschland wählte den wirksameren Weg: das Leistungsprinzip. Vorgeschrieben wurde nicht, wie ein Scheinwerfer auszusehen hatte, sondern was er leisten musste. Solange Grenzwerte für Ausleuchtung und Blendung eingehalten wurden, blieben Form und Technik offen. So konnten Breitband-, Halogen- und später Xenonscheinwerfer eingeführt werden, ohne das Regelwerk jedes Mal neu zu erfinden.
Die Lehre für heutige Beleuchtungsnormen ist eindeutig: Normen müssen Ziele sichern, nicht Lösungen einfrieren. Die aktuelle Normung listet Hunderte Arbeitsplatztypen und konkrete Beleuchtungsstärken auf, legt aber kaum nachvollziehbar dar, welches Schutzziel damit erreicht werden soll. Wer eine bessere Lösung entwickelt, kann deshalb nur schwer beweisen, dass sie gleichwertig ist. Sinnvoller wären wenige klare Leitsätze, überprüfbare Qualitätskriterien und Freiheit bei der Umsetzung – wie bereits in DIN 5035 von 1935 angelegt. Gute Normung definiert Wirkung, Sicherheit und Qualität. Sie vertraut Fachleuten bei der Wahl der Mittel. Sobald sie eine einzige technische Lösung festschreibt, schützt sie nicht mehr vor Risiken, sondern vor Innovation. Genau davor warnt das Sealed-Beam-Beispiel.
14.07.2026
Wenn der Kampf für Rechte in einen Kampf um Nuancen umschlägt,
verliert die eigentliche Botschaft ihre Kraft.
der Blogger
Die letzte Light + Building wurde von einem seltenen Ereignis begleitet. Die LiTG veranstaltete beim LiTG-Campus LICHT ein Netzwerktreffen von Lichtfrauen. Es moderierten Johanna Stückler und Paula Longato einen offenen Austausch mit der Frage, wie Frauen* einander mehr in der Branche unterstützen können. (Der Stern ist unten erklärt.)
Aus dem positiven Feedback und dem Ziel, das „Zusammen“ zu erarbeiten, zu fördern und zu leben, ist nun eine Linkedin-Gruppe entstanden, die als Plattform zum Austauschen, Vernetzen, Fragen und Sichtbarwerden dienen soll. Die Gruppe ist unter https://www.linkedin.com/groups/18570021/ erreichbar. (hier)
Mir ist die Meldung eine eigene Meldung wert, weil ich viele Lichtdesignerinnen kenne, die wunderbare Arbeiten erstellt haben.
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Ich bin nur durch den Stern irritiert. Den erklärt die LiTG so:
*Mit Frauen meinen wir alle Personen, die von Sexismus bzw. geschlechtsspezifischer Benachteiligung betroffen sind, darunter cis Frauen, trans Frauen sowie weitere Personen, die sich als Frauen identifizieren oder sich dem weiblichen Geschlecht zugehörig fühlen.
Die Links sind im Original vorhanden und führen zu Wikipedia-Artikeln, die die jeweiligen Geschlechtlichkeiten erklären.
14.07.2026
Wir sterben vielleicht nicht mehr an den üblichen Gefahren,
aber dafür wenigstens kerngesund und vorschriftsmäßig
an den Nebenwirkungen der Prävention
der Blogger
In Genesis 2.0 - Schöpfung der elektrischen Sonne ist ein neuer Beitrag erschienen, der die Chancen für eine salutogenetische Auffassung vom Licht erläutert und die HIndernisse aufzeigt, die Lichtplaner und Nutzer daran hindern.
Der Beitrag untersucht die neueste Beleuchtungsnorm ISO/CIE 8995-1:2025 aus einer salutogenetischen Perspektive und fragt, ob die Norm geeignet ist, Licht nicht nur als technische Mindestanforderung, sondern als Ressource für Gesundheit, Orientierung und Handlungsfähigkeit zu begreifen. Ausgangspunkt ist das Salutogenese-Modell, dessen Kohärenzgefühl aus Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit besteht. Diese drei Dimensionen werden auf die Beleuchtungsnorm übertragen, um deren praktische und begriffliche Leistungsfähigkeit kritisch zu prüfen.
Im Hinblick auf die Verstehbarkeit zeigt der Text erhebliche Defizite. Die Norm beansprucht, Anforderungen an Beleuchtung für Sehkomfort, Leistungsfähigkeit und Sicherheit zu formulieren. Gerade diese Zielgrößen erscheinen jedoch begrifflich unscharf oder unzureichend definiert. Der Begriff des Sehkomforts bleibt ohne belastbare Definition, Leistungsfähigkeit wird als zu weit gefasster Allgemeinbegriff kritisiert, und der Sicherheitsbegriff steht nach meiner Auffassung in Spannung zu normativen Vorgaben, die eine präzise Zweck- oder Schutzzielformulierung verlangen. Zusätzlich problematisiert der Beitrag den Geltungsbereich für Personen mit „normalem“ oder auf Normalwerte korrigiertem Sehvermögen und Lichtempfinden, da solche Normalwerte praktisch und rechtlich fragwürdig sind.
Die Handhabbarkeit wird vor allem daran gemessen, ob Betroffene oder Lichtplanende über geeignete Mittel verfügen, um Beleuchtung an individuelle Bedürfnisse anzupassen. Ich argumentiere, dass starre Beleuchtungsstärken, komplexe Tabellenwerte, unklare Begriffe und schwer überprüfbare Anforderungen die praktische Aneignung erschweren. Besonders problematisch erscheinen Bildschirmarbeitsplätze, an denen Fremdlicht Reflexionen, Blendung und visuelle Belastungen erzeugen kann. Zugleich weist der Beitrag darauf hin, dass moderne LED-Technik, tunable White, zonale Beleuchtung und individuell steuerbare Lichtsysteme neue Möglichkeiten eröffnen, Licht flexibler, nutzerbezogener und experimentell handhabbar zu machen.
Die Dimension der Sinnhaftigkeit verschiebt den Blick von bloßer Normkonformität auf gesundheitsförderliche Lichtumgebungen. Sichtverbindung nach außen, Tageslichtdynamik, atmosphärische Raumqualität und anpassbare Beleuchtung werden als Faktoren beschrieben, die biologische Rhythmen, Motivation und Wohlbefinden unterstützen können. Insgesamt kommt der Beitrag zu dem Ergebnis, dass eine rein pathogenetische Lichtplanung, die Augenbeschwerden, Unfälle oder Mindestwerte vermeiden will, nicht ausreicht. Eine salutogenetische Lichtplanung fragt vielmehr, wie Licht Verstehen, Bewältigen und Sinnstiftung im Arbeitsraum ermöglicht. Damit wird Licht als Bestandteil einer menschengerechten, flexiblen und gesundheitsfördernden Arbeitsumgebung verstanden, insbesondere im Kontext digitaler Arbeit und New-Work-Konzepte.
05.07.2026
Ein Schiff im Hafen ist sicher.
Aber dafür werden Schiffe nicht gebaut.
der Blogger
Die nicht-visuellen Wirkungen von Licht sind etwa seit 40 Jahren durch einen CIE-Bericht gut dokumentiert. Seit dem Jahr 2001 glaubt die Fachwelt auch den Mechanismus ihrer Funktion zu kennen, seit man einen neuen Empfänger im Auge entdeckt hat. Es gibt viele Programme, die etwa „Licht und Gesundheit“ heißen. Auch der Arbeitsschutz hat sich intensiv damit befasst. Dennoch ist es nicht gelungen, die anerkannten Erkenntnisse in die Beleuchtungsnormung zu bringen.
Bei dieser Situation kommt es auf das Individuum an. Der einzelne Mensch sollte die Erfordernisse verstehen und sein Verhalten dementsprechend ändern, anstelle darauf zu warten, dass die "Normenersteller", d.h. Stellen, die Beleuchtungsnormen oder Arbeitsschutzregeln herausgeben, endlich etwas tun. Die neue Perspektive orientiert sich an der Salutogenese, deren Bedeutung ich in einem Beitrag in Genesis 2.0 - Schöpfung der elektrischen Sonne behandle.
Die Lichttechnik hat sich über Jahrzehnte vor allem „pathogenetisch“ entwickelt: Sie fragt danach, was stört, blendet, schädigt oder vermieden werden muss. Beleuchtungsstärke, Blendungsbegrenzung, matte Oberflächen, Farbwiedergabe nach Mindestwerten und photobiologische Sicherheit bilden daher den Kern vieler Normen. Diese Sicht ist unverzichtbar, wenn klar definierte Gefahren bestehen, etwa bei UV-Strahlung, Lasern oder akuter Blendung.
Sie greift jedoch zu kurz, wenn Licht nicht nur Schäden verhindern, sondern Gesundheit, Wohlbefinden und Lebensqualität fördern soll. Hier setzt die salutogenetische Perspektive an. Sie fragt nicht primär, was krank macht, sondern welche Lichtumgebungen Menschen stärken, orientieren, aktivieren und ihnen Handlungsspielraum geben.
Dazu gehören visuelle Klarheit, lebendige Farben, Glanz als positive Qualität, Tageslichtbezug, individuelle Steuerbarkeit und eine zeitlich passende biologische Lichtdosis. Besonders deutlich wird dies bei UV-Licht und circadian wirksamer Beleuchtung: Nicht jede Exposition ist gefährlich, und nicht jede pauschale Empfehlung ist praktisch sinnvoll. Entscheidend ist die angemessene Dosis zur richtigen Zeit, angepasst an Menschen, Tätigkeiten und Lebensrhythmen.
Während die bestehenden Regeln künstliche Beleuchtung meist zeitlos und statisch behandeln, sind die nichtvisuellen Wirkungen des Lichts längst als tageszeitabhängig bekannt. Eine moderne Lichtplanung müsste daher pathogenetische Schutzprinzipien mit salutogenetischer Gestaltung verbinden. Ziel wäre nicht eine störungsfreie, aber freudlose Umgebung, sondern Licht, das Sehen ermöglicht, Ressourcen stärkt und den Menschen in seinem biologischen und psychischen Alltag unterstützt.
22.06.2026
Wenn Fakten so lange gedehnt werden,
bis das Siegel passt, ist das keine Forschung mehr –
es ist Industriedesign.
der Blogger
Zertifizierung ist der Vorgang, bei dem eine anerkannte Organisation einem Produkt bestimmte Eigenschaften bescheinigt. So darf der Technische Überwachungsverein meinem Auto die Verkehrssicherheit bescheinigen, auch wenn ich mit dem Gerät nach einer halben Flasche Schnaps nur bis zur nächsten Laterne komme. Der TÜV darf annehmen, dass ich mich an die Verkehrregeln halte und vor der ersten Fahrt eine Fahrprüfung ablege.
Während dieser Vorgang für alle Beteiligten hinreichend transparent abläuft, bemühen es sich derzeit viele Organisationen auffällig um eine Zertifizierung von “gesunden” Gebäuden. Gibt es auch ungesunde?
Ein neuer Beitrag in Genesis 2.0 – Schöpfung der elektrischen Sonne rekonstruiert die Genese und Deutungsgeschichte des Sick Building Syndrome und problematisiert die verbreitete Engführung des Phänomens auf Innenraumluftverunreinigungen und raumlufttechnische Defizite.
Im Zentrum steht die These, dass gesundheitliche Diskurse über Bürogebäude zunehmend durch ökonomische Interessen, Zertifizierungssysteme und technische Normierungspraktiken strukturiert werden. Am Beispiel des WELL Building Standards wird kritisch untersucht, wie Anforderungen an circadian wirksame Beleuchtung operationalisiert und nachgewiesen werden. Eine Fallstudie aus Sydney dient dabei als Ausgangspunkt, um die Einbeziehung von Monitorlicht in die Bewertung melanopischer Beleuchtungsstärken zu hinterfragen.
Der Beitrag zeigt, dass Gebäudezertifizierungen nicht nur als Instrumente zur Förderung gesundheits- und nachhaltigkeitsorientierter Bauweisen fungieren, sondern unter bestimmten Bedingungen auch dazu beitragen können, bauliche und beleuchtungstechnische Defizite nachträglich zu legitimieren.