Warum wir eine neue Perspektive für Lichtwirkungen brauchen, kurzgefasst
05.07.2026
Ein Schiff im Hafen ist sicher.
Aber dafür werden Schiffe nicht gebaut.
der Blogger
Die nicht-visuellen Wirkungen von Licht sind etwa seit 40 Jahren durch einen CIE-Bericht gut dokumentiert. Seit dem Jahr 2001 glaubt die Fachwelt auch den Mechanismus ihrer Funktion zu kennen, seit man einen neuen Empfänger im Auge entdeckt hat. Es gibt viele Programme, die etwa „Licht und Gesundheit“ heißen. Auch der Arbeitsschutz hat sich intensiv damit befasst. Dennoch ist es nicht gelungen, die anerkannten Erkenntnisse in die Beleuchtungsnormung zu bringen.
Bei dieser Situation kommt es auf das Individuum an. Der einzelne Mensch sollte die Erfordernisse verstehen und sein Verhalten dementsprechend ändern, anstelle darauf zu warten, dass die "Normenersteller", d.h. Stellen, die Beleuchtungsnormen oder Arbeitsschutzregeln herausgeben, endlich etwas tun. Die neue Perspektive orientiert sich an der Salutogenese, deren Bedeutung ich in einem Beitrag in Genesis 2.0 - Schöpfung der elektrischen Sonne behandle.
Die Lichttechnik hat sich über Jahrzehnte vor allem „pathogenetisch“ entwickelt: Sie fragt danach, was stört, blendet, schädigt oder vermieden werden muss. Beleuchtungsstärke, Blendungsbegrenzung, matte Oberflächen, Farbwiedergabe nach Mindestwerten und photobiologische Sicherheit bilden daher den Kern vieler Normen. Diese Sicht ist unverzichtbar, wenn klar definierte Gefahren bestehen, etwa bei UV-Strahlung, Lasern oder akuter Blendung.
Sie greift jedoch zu kurz, wenn Licht nicht nur Schäden verhindern, sondern Gesundheit, Wohlbefinden und Lebensqualität fördern soll. Hier setzt die salutogenetische Perspektive an. Sie fragt nicht primär, was krank macht, sondern welche Lichtumgebungen Menschen stärken, orientieren, aktivieren und ihnen Handlungsspielraum geben.
Dazu gehören visuelle Klarheit, lebendige Farben, Glanz als positive Qualität, Tageslichtbezug, individuelle Steuerbarkeit und eine zeitlich passende biologische Lichtdosis. Besonders deutlich wird dies bei UV-Licht und circadian wirksamer Beleuchtung: Nicht jede Exposition ist gefährlich, und nicht jede pauschale Empfehlung ist praktisch sinnvoll. Entscheidend ist die angemessene Dosis zur richtigen Zeit, angepasst an Menschen, Tätigkeiten und Lebensrhythmen.
Während die bestehenden Regeln künstliche Beleuchtung meist zeitlos und statisch behandeln, sind die nichtvisuellen Wirkungen des Lichts längst als tageszeitabhängig bekannt. Eine moderne Lichtplanung müsste daher pathogenetische Schutzprinzipien mit salutogenetischer Gestaltung verbinden. Ziel wäre nicht eine störungsfreie, aber freudlose Umgebung, sondern Licht, das Sehen ermöglicht, Ressourcen stärkt und den Menschen in seinem biologischen und psychischen Alltag unterstützt.
Wie das Licht von Monitoren kranke Gebäude retten soll
22.06.2026
Wenn Fakten so lange gedehnt werden,
bis das Siegel passt, ist das keine Forschung mehr –
es ist Industriedesign.
der Blogger
Monitoren als Lichtquellen, kurzgefasst
Zertifizierung ist der Vorgang, bei dem eine anerkannte Organisation einem Produkt bestimmte Eigenschaften bescheinigt. So darf der Technische Überwachungsverein meinem Auto die Verkehrssicherheit bescheinigen, auch wenn ich mit dem Gerät nach einer halben Flasche Schnaps nur bis zur nächsten Laterne komme. Der TÜV darf annehmen, dass ich mich an die Verkehrregeln halte und vor der ersten Fahrt eine Fahrprüfung ablege.
Während dieser Vorgang für alle Beteiligten hinreichend transparent abläuft, bemühen es sich derzeit viele Organisationen auffällig um eine Zertifizierung von “gesunden” Gebäuden. Gibt es auch ungesunde?
Ein neuer Beitrag in Genesis 2.0 – Schöpfung der elektrischen Sonne rekonstruiert die Genese und Deutungsgeschichte des Sick Building Syndrome und problematisiert die verbreitete Engführung des Phänomens auf Innenraumluftverunreinigungen und raumlufttechnische Defizite.
Im Zentrum steht die These, dass gesundheitliche Diskurse über Bürogebäude zunehmend durch ökonomische Interessen, Zertifizierungssysteme und technische Normierungspraktiken strukturiert werden. Am Beispiel des WELL Building Standards wird kritisch untersucht, wie Anforderungen an circadian wirksame Beleuchtung operationalisiert und nachgewiesen werden. Eine Fallstudie aus Sydney dient dabei als Ausgangspunkt, um die Einbeziehung von Monitorlicht in die Bewertung melanopischer Beleuchtungsstärken zu hinterfragen.
Der Beitrag zeigt, dass Gebäudezertifizierungen nicht nur als Instrumente zur Förderung gesundheits- und nachhaltigkeitsorientierter Bauweisen fungieren, sondern unter bestimmten Bedingungen auch dazu beitragen können, bauliche und beleuchtungstechnische Defizite nachträglich zu legitimieren.
Human Factors in Lighting – alias Ergonomie der Beleuchtung
15.06.2026
Publikationen sind wie Geheimbünde:
Extrem schwer reinzukommen und am Ende stellt sich raus,
dass drinnen auch alle nur mit Wasser kochen – aber eben auf Latein.
der Blogger
Licht und Ergonomie, kurzgefasst
In Genesis 2.0 - Schöpfung der elektrischen Sonne erklärt eine neuer Beitrag die Chancen einer wissenschaftlichen Überwindung der ergonomischen Probleme der arbeitenden Menschen mit der Beleuchtung ihrer Arbeitsplätze. Hier eine Kurzfassung und das Fazit des Originalbeitrags:
Der vorliegende Beitrag untersucht das Verhältnis von Beleuchtung und Ergonomie unter historischer, fachsystematischer und normativer Perspektive. Er zeigt, dass Beleuchtung trotz ihrer grundlegenden Bedeutung für Arbeit, Gesundheit, Sehleistung und Wohlbefinden in der Ergonomie bislang nur randständig behandelt wurde. Auf der Grundlage von Fachliteratur, Normungsgeschichte und begrifflicher Analyse wird herausgearbeitet, dass die Lichttechnik überwiegend technisch-funktional argumentiert, während zentrale ergonomische Kategorien wie Nutzerorientierung, Accessibility, Architekturbezug und differenzierte Anforderungen menschlicher Arbeit unzureichend berücksichtigt bleiben. Die Analyse von Peter Boyces Human Factors in Lighting verdeutlicht exemplarisch die terminologischen und konzeptionellen Divergenzen zwischen Lichttechnik und Ergonomie. Insgesamt plädiert der Text für eine integrierte, menschenzentrierte und barrierefreie Beleuchtungsplanung, die Tageslicht, Kunstlicht sowie die Heterogenität menschlicher Voraussetzungen gleichermaßen einbezieht.
Ergonomie der Beleuchtung – Ein Fazit
Zusammenfassend kann ich ein sehr negatives Fazit ziehen:
- Fachleute, die sich mit der Gestaltung von Arbeit und Arbeitsstätten befassen, die Belastung der Beschäftigten untersuchen bzw. beurteilen, sind nicht im Geringsten an Beleuchtung interessiert.
- In einem fundamental wichtigen Buch eines der renommiertesten Lichttechniker, das vorgibt, sich mit Human Factors, also Ergonomie, zu befassen, lassen sich keine Spuren ergonomischen Wissens nachweisen.
- Lichttechniker normen Beleuchtung global für alle Arbeitsstätten, obwohl ihre Normen aus dem eigenen Land große Probleme aufwerfen.
- Der Lichttechnik fehlt der Begriff Accessibility vollständig, obwohl dies zu den Menschenrechten zählt: Barrierefreiheit (Accessibility) ist im Rahmen der Vereinten Nationen kein bloßer Fürsorgedienst, sondern ein völkerrechtlich verbrieftes Menschenrecht. Sie bildet das grundlegende Fundament der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK), um Menschen mit Behinderungen eine unabhängige Lebensführung und gleichberechtigte Teilhabe in der Gesellschaft zu garantieren.
Wer dennoch globale lichttechnische Normen veröffentlicht, sollte sich keine Illusionen über die Erfolgschancen machen.
Verlust der Nacht - reloaded
11.06.2026
Die Erde leuchtet, der Himmel verblasst –
wir tauschen die Unendlichkeit gegen Straßenlaternen..
der Blogger
Verlust der Nacht zählt zu den wiederkehrenden Themen dieses Blogs. Ein Beitrag von 2015 trug den gleichen Titel (s. Rettet die Nacht ). In dem Beitrag sind drei Videos von Youtube verlinkt, die man sich auch heute noch angucken sollte.
Das erste Video, das hier wiederholt wird, liegt mir besonders am Herzen, weil …
… es Szenen aus Berlin zeigt, die Stadt der Lichter, die nachts besonders schön scheint
… es die Fledermäuse thematisiert, die von dem nächtlichen Licht zu profitieren scheinen.
… es die damaligen Anfänge eines Projekts des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) (Stand 2014) zeigt, das man 12 Jahre später als Erfolg bezeichnen kann.
Das zweite Video vom DarkSky International beklagt den Verlust “unserer” Nacht aus der Sicht der Astronomen, die sich heute eher in die Atacama-Wüste zurückziehen, wenn sie ferne Galaxien beobachten wollen. Das erste Video handelt von Projekten, die sich ganz nahe bei uns in Westhavelland abspielten; das zweite zeigt die globale Dimension. Allerdings kann kein Video die wahre Dimension des Problems aufzeigen, das die Forschenden von LAN (Light-at-Night) seit Jahrzehnten untersuchen. Deren Arbeit zeigt, wie das Licht in der Nacht nicht nur Tiere und Pflanzen massiv verändert, sondern auch das Leben des Menschen.
Den Videos folgt ein Bild, das Istanbul in der Nacht zeigt, eine Stadt, deren Lichthaube in den Weltraum ragt. Der dünne Kanal Richtung Nord zeigt den Bosporus, auf dem ich als Jugendlicher nachts die gefangenen Fische in meinem Boot mit einem Eimer Wasser suchte. Wenn man Seewasser bewegt, leuchtet es sehr schwach. Das reichte damals aus, um größere Gegenstände sichtbar zu machen. Heute wissen die dortigen Kinder nicht einmal, dass es die Milchstraße gibt.

Das Wort für Meeresleuchten wurde vor etwa 15 Jahren zum schönsten Wort der Welt gewählt, Yakamoz. Wenn man die Menschen am Bosporus danach fragt, werden sie auf eine Kneipe tippen.
Wenn man sich die linke untere Ecke des Bildes anguckt, wird man kleine leuchtende Punkte entdecken, die die Küste säumen. Das sind keine Inseln, sondern Schiffe, die auf Reede liegen. Sie lassen die ganze Nacht ihre Generatoren laufen. Ihre Beleuchtung lässt sich vom Weltall fotografieren. Dabei reichen für Schiffe ab 50 m Länge als Ankerlieger zwei Rundumlichter, die aber nur von unten zu sehen sind und nicht vom Himmel aus.
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Bei dem besagten Projekt ging es nicht um ein Vermeiden von Licht in der Nacht, sondern um eine Begrenzung auf das Notwendige. Zudem wollte man die Wirkung auf die Insekten minimieren, indem man geeignete Spektren wählte.
Was da alles mittlerweile erreicht worden ist, kann man z.B. auf der Website Tatort Straßenbeleuchtung sehen. Da steht z.B. „Kunst gegen Lichtsmog – Als Lampe trägst du Mütze“

Neben dieser witzigen künstlerischen Lösung gibt es auch technische Lösungen, so auch Full-Cutoff-Leuchten, das sind Leuchten, die die Mütze ab Werk tragen. Das Licht wird dahin gelenkt, wo es gebraucht wird. Dabei wird sogar der eigene Mast ausgespart: Das Licht fällt direkt nach unten, ohne den eigenen Laternenmast zu erhellen, da die Reflexion am Mast zusätzliche Lockwirkung entfaltet. (mehr hier)
Da sich die meisten Straßenleuchten in Deutschland den Mast in den Bauch stehen, bis ein Fußgänger kommt, dem sie den Weg zeigen dürfen – es sind immerhin über 9 Millionen –, werden sie spät in der Nacht gedimmt oder gar nur bedarfsgerecht eingeschaltet, wenn der besagte Fußgänger kommt. Die Idee ist nicht allzu neu, healthylight hatte darüber schon 2014 berichtet (hier Laternarius wieder da - elektronisch. Damals war das Licht nach Meinung eines Journalisten scheußlich kaltkrankes LED-Licht. Am Ende Projekts des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei wird man zum bernsteinfarbenen Licht einer anderen LED raten.
Wer nicht nur lesen, sondern auch mitforschen möchte, kann sich bei Tatort Straßenbeleuchtung melden: “Tatort Straßenbeleuchtung sucht Menschen, die mitforschen möchten! Anwohnerinnen und Anwohner, kleine und große Mitforscherinnen und Mitforscher. Experten und Amateure, Biologen, Astronomen oder Physiker, hier bieten wir Mit-Mach-Aktionen für alle Interessen!” (hier) Weitere interessante Links finden sich hier.
Kampf um ein Plätzchen an der Sonne oder Warum es die Menschen zum Fenster zieht
03.06.2026
Kein Experte versteht den Alltag
so gut wie die Menschen, die ihn leben.
Kampf um ein Plätzchen an der Sonne, kurzgefasst
Der Beitrag in Genesis 2.0 Schöpfung der elektrischen Sonne zeichnet die Geschichte eines leisen, über Jahrzehnte geführten Kampfes nach: den Kampf um den Platz am Fenster im Büro. Was zunächst wie eine Frage der Bequemlichkeit oder Gewohnheit erscheint, erweist sich bei näherer Betrachtung als Ausdruck grundlegender menschlicher Bedürfnisse. Fenster sind weit mehr als bauliche Elemente oder Lichtquellen – sie verbinden den Menschen mit der Außenwelt, geben Orientierung im Tagesverlauf und verhindern das Gefühl des Eingeschlossenseins.
Anhand persönlicher Erfahrungen, wissenschaftlicher Studien und rechtlicher Entwicklungen zeige ich, dass Beschäftigte intuitiv jene Arbeitsplätze bevorzugen, die ihnen Nähe zum Tageslicht und zur Außenwelt bieten. Bemerkenswert ist dabei, dass diese Präferenz selbst dann bestehen bleibt, wenn objektive Nachteile wie Blendung oder ungünstige physikalische Bedingungen auftreten. Die Ursache liegt offenbar in tiefergehenden psychischen und physiologischen Wirkungen des Tageslichts, insbesondere in seinem Einfluss auf Wohlbefinden, Ermüdung und die innere Uhr des Menschen.
Gleichzeitig beschreibt der Beitrag die wiederkehrenden Versuche von Technik, Architektur und Arbeitsorganisation, den Menschen vom Fenster zu entkoppeln – sei es durch fensterferne Bildschirmarbeitsplätze, Großraumbüros oder flexible, aber eher entmenschlichte Raumkonzepte. Diese Ansätze scheitern langfristig an der Realität menschlicher Bedürfnisse.
So wird der „stille Kampf“ um den Fensterplatz zu einem Sinnbild für eine grundlegende Erkenntnis: Gute Arbeitsbedingungen lassen sich nicht allein technisch oder ökonomisch definieren. Die Sichtverbindung nach außen ist kein Luxus, sondern ein zentraler Bestandteil menschengerechter Arbeit – und letztlich ein Schlüssel zu Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Würde im Arbeitsalltag.
Wer mit einem Raumkonzept dagegen handeln will, muss mächtige Vorteile bieten, damit seine Rechnung aufgeht. Bislang hat es allerdings nicht geklappt. So waren fensterlose Gebäude, sogar unterirdisch, Ende der 1920er Jahre für realistisch gehalten worden. In den 2020er Jahren haben Neubauten nicht einmal eine Fensterbrüstung.