04.08.2026
Warum man in Betrieben dauernd Zombies begegnet
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Das ist eine leicht bearbeitete Fassung eines Beitrags aus dem Jahr 2016. Die damals kritisierte Norm DIN EN 12464-1 wurde im Jahr 2011 veröffentlicht. Die neue Fassung von 2021 zeigt den Fortschritt in 10 Jahren - Eine neue Tabelle, aber alles beim Alten.
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In 2016 hiess es:
Wer sich wundert, dass ihm im Betrieb nur Kolleginnen und Kollegen begegnen, die wie Zombies aussehen, möge sich die folgenden Zahlen angucken. Selbst Mitmenschen, die im eigenen Arbeitsraum ganz passabel aussehen, können so einen Zombie ergeben:

Das sind die (Kenn)Zahlen, die die Qualität der Beleuchtung in den Fluren und Gängen von professionell genutzten Gebäuden beschreiben. Sie sind entnommen DIN EN 12464-1 und der fast identischen CIE S 008, also Normen, die für Europa und für den Rest der Welt gelten.
In 2021 in EN 12464-1 (und in 2025 in ISO/CIE 8995-1) sieht die entsprechende Angabe so aus:

Die erste Spalte gibt, wie immer, die Beleuchtungsstärke an. Statt UGRL haben wir jetzt RUGL . Also Jacke wie Hose. Es sind einige neue Beleuchtungsstärken hinzugekommen. Aber an der Kritik musste ich nichts ändern:
Was bedeutet 100? Das sind 100 lx 20 cm über dem Fußboden gemessen, horizontal. Im schlimmsten Fall steht der Kollege direkt unter der Leuchte, der Kopf nicht einmal einen halben Meter tiefer, und sieht aus eben wie ein Zombie mit tiefen Augenschatten und einer glänzenden Nase. Den noch schlimmeren Fall, Beleuchtung von unten, findet man zum Glück aus praktischen Gründen nur in bestimmten Bereichen. (So werden z.B. Hexen im Theater gemacht).
Was bedeutet 28? Das ist die sog. "psychologische" Blendung. Für Büroräume gilt "19", und das ist zufriedenstellend für 47 % der fiktiven Benutzer. Was der Rest denkt, ist der Lichttechnik erst einmal egal. Was ist denn 28? Das lässt sich in gutem Deutsch schlecht ausdrücken. So wird die Zahl von der CIE kommentiert: Uncomfortable. Auf Deutsch: einfach störend. Ende der Skala. Wie kann eine Norm für Arbeitsstätten allen Fluren in Europa eine störende Beleuchtung verschreiben?
Und die letzte Zahl 40? Das ist die Güte der Farbwiedergabe. Für Büros wird meistens 80 empfohlen, was für mich eine ziemlich miserable Farbwiedergabe bedeutet. (Wer es besser haben möchte, muss leider viel mehr Watt in die selbe Menge Lux stecken.) Was die 40 bedeutet, kann man wohl so schlecht demonstrieren, dass man in der Literatur keine prägnanten Bilder oder sonstige Abbildungen findet. Das liegt vermutlich daran, dass Lampen mit einer solchen Farbwiedergabe in Gebäuden unüblich sind. Daher zeige ich erst, wo die Lampen zu finden sind, die eine solche Farbwiedergabe ermöglichen (!)
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Wer in etwa einen Eindruck von dieser Farbqualität haben will, ist auf seine Fantasie angewiesen. Dazu muss man wissen, dass auch Ra von 100 nicht bedeutet, dass ausgeprägte gesättigte Farben so wiedergegeben werden wie bei Tageslicht. Keine einzige gesättigte Farbe wird bei einer solchen Beleuchtung wiedergegeben. Bei Ra = 90 spricht man von einer sehr guten Farbwiedergabe, was man gelten lassen kann. Wenn der Wert bei 80 liegt, muss man wissen, dass er so hingebogen wurde, dass auch Dreibandenlampen noch ein "Gut" bekommen, obwohl sie die meisten Farben gar nicht so gut wiedergeben. Das kann aber kein Mensch nachvollziehen, weil die Testfarben nicht mehr verfügbar sind. Die waren wohl irgendwann mal in den 1960ern diesseits der Realität zu verorten gewesen.
Und ein Ra von 40 war etwas, wogegen sich mein Chef mit Händen und Füßen gewehrt hatte (s. hier). Offensichtlich hat er nur verhindern können, dass solche Leuchtmittel in Büros selber verbaut werden, aber nicht in Bürohäusern. Also, wenn man die genormte Qualität vom Licht auf den Fluren von Büros vorstellen will, muss man auf dem unteren Bild den Unterschied von CRI = 90 und CRI = 50 nach unten verlängern und ...
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Was man auch will, niemand wäre vermutlich imstande, sich ein Bild von der Flurbeleuchtung zu machen, die nur die geschriebenen Anforderungen erfüllen würde. Es lässt sich vermutlich auch kein Planer finden, der eine solche Beleuchtung entwerfen würde. Wenn - dann nicht mehr lange, denn bei einem solchen Referenzobjekt wäre es sein letztes Projekt gewesen.
Dennoch: Selbst wenn nur eine der "Qualitätsmerkmale" der Beleuchtung, Konzentrieren auf nur horizontale Beleuchtungsstärke, Beschränken der Blendung nur so weit wie erforderlich, Begrenzen der Farbwiedergabe auf die Fähigkeiten unterhalb der einer Quecksilberdampf-Hochdrucklampe, realisiert würde, entstünde eine Beleuchtung, deren Urheberschaft kein Lichtplaner gerne zugeben würde. Und solche Objekte gibt es zuhauf.
Ergo: Wenn Sie demnächst auf dem Flur einem Zombie begegnen, handelt es sich nicht um einen verzauberten Prinzen oder eine verzauberte Prinzessin. Das Wesen könnte bei ordnungsgemäßer Lichtplanung tatsächlich zauberhaft aussehen.
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Nun zu den Neuigkeiten: Es gibt jetzt eine zylindrische Beleuchtungsstärke. Schafft es ein Lichtplaner, diese zu realisieren, werden die Zombies freundlicher aussehen. Dazu muss der Lichtplaner diese erst einmal schaffen. Ich habe in keinem Betrieb eine zylindrische Beleuchtungsstärke gemessen, die halb so groß war wie die horizontale. Jetzt müssen auch Wände und Decken von Korridoren und Verkehrsflächen beleuchtet werden. Die ließen sich realisieren, so die Verkehrsfläche Wände oder eine Decke in kleiner Höhe hat. Vor 10 Jahren hatte ich geschrieben: "Das Wesen könnte bei ordnungsgemäßer Lichtplanung tatsächlich zauberhaft aussehen." Das gilt immer noch.
FemInLight - Eine Initiative der LiTG
14.07.2026
Wenn der Kampf für Rechte in einen Kampf um Nuancen umschlägt,
verliert die eigentliche Botschaft ihre Kraft.
der Blogger
Die letzte Light + Building wurde von einem seltenen Ereignis begleitet. Die LiTG veranstaltete beim LiTG-Campus LICHT ein Netzwerktreffen von Lichtfrauen. Es moderierten Johanna Stückler und Paula Longato einen offenen Austausch mit der Frage, wie Frauen* einander mehr in der Branche unterstützen können. (Der Stern ist unten erklärt.)
Aus dem positiven Feedback und dem Ziel, das „Zusammen“ zu erarbeiten, zu fördern und zu leben, ist nun eine Linkedin-Gruppe entstanden, die als Plattform zum Austauschen, Vernetzen, Fragen und Sichtbarwerden dienen soll. Die Gruppe ist unter https://www.linkedin.com/groups/18570021/ erreichbar. (hier)
Mir ist die Meldung eine eigene Meldung wert, weil ich viele Lichtdesignerinnen kenne, die wunderbare Arbeiten erstellt haben.
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Ich bin nur durch den Stern irritiert. Den erklärt die LiTG so:
*Mit Frauen meinen wir alle Personen, die von Sexismus bzw. geschlechtsspezifischer Benachteiligung betroffen sind, darunter cis Frauen, trans Frauen sowie weitere Personen, die sich als Frauen identifizieren oder sich dem weiblichen Geschlecht zugehörig fühlen.
Die Links sind im Original vorhanden und führen zu Wikipedia-Artikeln, die die jeweiligen Geschlechtlichkeiten erklären.
Eine salutogenetische Betrachtung von Licht - Umsetzungshindernisse und Chancen
14.07.2026
Wir sterben vielleicht nicht mehr an den üblichen Gefahren,
aber dafür wenigstens kerngesund und vorschriftsmäßig
an den Nebenwirkungen der Prävention
der Blogger
In Genesis 2.0 - Schöpfung der elektrischen Sonne ist ein neuer Beitrag erschienen, der die Chancen für eine salutogenetische Auffassung vom Licht erläutert und die HIndernisse aufzeigt, die Lichtplaner und Nutzer daran hindern.
Der Beitrag untersucht die neueste Beleuchtungsnorm ISO/CIE 8995-1:2025 aus einer salutogenetischen Perspektive und fragt, ob die Norm geeignet ist, Licht nicht nur als technische Mindestanforderung, sondern als Ressource für Gesundheit, Orientierung und Handlungsfähigkeit zu begreifen. Ausgangspunkt ist das Salutogenese-Modell, dessen Kohärenzgefühl aus Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit besteht. Diese drei Dimensionen werden auf die Beleuchtungsnorm übertragen, um deren praktische und begriffliche Leistungsfähigkeit kritisch zu prüfen.
Im Hinblick auf die Verstehbarkeit zeigt der Text erhebliche Defizite. Die Norm beansprucht, Anforderungen an Beleuchtung für Sehkomfort, Leistungsfähigkeit und Sicherheit zu formulieren. Gerade diese Zielgrößen erscheinen jedoch begrifflich unscharf oder unzureichend definiert. Der Begriff des Sehkomforts bleibt ohne belastbare Definition, Leistungsfähigkeit wird als zu weit gefasster Allgemeinbegriff kritisiert, und der Sicherheitsbegriff steht nach meiner Auffassung in Spannung zu normativen Vorgaben, die eine präzise Zweck- oder Schutzzielformulierung verlangen. Zusätzlich problematisiert der Beitrag den Geltungsbereich für Personen mit „normalem“ oder auf Normalwerte korrigiertem Sehvermögen und Lichtempfinden, da solche Normalwerte praktisch und rechtlich fragwürdig sind.
Die Handhabbarkeit wird vor allem daran gemessen, ob Betroffene oder Lichtplanende über geeignete Mittel verfügen, um Beleuchtung an individuelle Bedürfnisse anzupassen. Ich argumentiere, dass starre Beleuchtungsstärken, komplexe Tabellenwerte, unklare Begriffe und schwer überprüfbare Anforderungen die praktische Aneignung erschweren. Besonders problematisch erscheinen Bildschirmarbeitsplätze, an denen Fremdlicht Reflexionen, Blendung und visuelle Belastungen erzeugen kann. Zugleich weist der Beitrag darauf hin, dass moderne LED-Technik, tunable White, zonale Beleuchtung und individuell steuerbare Lichtsysteme neue Möglichkeiten eröffnen, Licht flexibler, nutzerbezogener und experimentell handhabbar zu machen.
Die Dimension der Sinnhaftigkeit verschiebt den Blick von bloßer Normkonformität auf gesundheitsförderliche Lichtumgebungen. Sichtverbindung nach außen, Tageslichtdynamik, atmosphärische Raumqualität und anpassbare Beleuchtung werden als Faktoren beschrieben, die biologische Rhythmen, Motivation und Wohlbefinden unterstützen können. Insgesamt kommt der Beitrag zu dem Ergebnis, dass eine rein pathogenetische Lichtplanung, die Augenbeschwerden, Unfälle oder Mindestwerte vermeiden will, nicht ausreicht. Eine salutogenetische Lichtplanung fragt vielmehr, wie Licht Verstehen, Bewältigen und Sinnstiftung im Arbeitsraum ermöglicht. Damit wird Licht als Bestandteil einer menschengerechten, flexiblen und gesundheitsfördernden Arbeitsumgebung verstanden, insbesondere im Kontext digitaler Arbeit und New-Work-Konzepte.
Warum wir eine neue Perspektive für Lichtwirkungen brauchen, kurzgefasst
05.07.2026
Ein Schiff im Hafen ist sicher.
Aber dafür werden Schiffe nicht gebaut.
der Blogger
Die nicht-visuellen Wirkungen von Licht sind etwa seit 40 Jahren durch einen CIE-Bericht gut dokumentiert. Seit dem Jahr 2001 glaubt die Fachwelt auch den Mechanismus ihrer Funktion zu kennen, seit man einen neuen Empfänger im Auge entdeckt hat. Es gibt viele Programme, die etwa „Licht und Gesundheit“ heißen. Auch der Arbeitsschutz hat sich intensiv damit befasst. Dennoch ist es nicht gelungen, die anerkannten Erkenntnisse in die Beleuchtungsnormung zu bringen.
Bei dieser Situation kommt es auf das Individuum an. Der einzelne Mensch sollte die Erfordernisse verstehen und sein Verhalten dementsprechend ändern, anstelle darauf zu warten, dass die "Normenersteller", d.h. Stellen, die Beleuchtungsnormen oder Arbeitsschutzregeln herausgeben, endlich etwas tun. Die neue Perspektive orientiert sich an der Salutogenese, deren Bedeutung ich in einem Beitrag in Genesis 2.0 - Schöpfung der elektrischen Sonne behandle.
Die Lichttechnik hat sich über Jahrzehnte vor allem „pathogenetisch“ entwickelt: Sie fragt danach, was stört, blendet, schädigt oder vermieden werden muss. Beleuchtungsstärke, Blendungsbegrenzung, matte Oberflächen, Farbwiedergabe nach Mindestwerten und photobiologische Sicherheit bilden daher den Kern vieler Normen. Diese Sicht ist unverzichtbar, wenn klar definierte Gefahren bestehen, etwa bei UV-Strahlung, Lasern oder akuter Blendung.
Sie greift jedoch zu kurz, wenn Licht nicht nur Schäden verhindern, sondern Gesundheit, Wohlbefinden und Lebensqualität fördern soll. Hier setzt die salutogenetische Perspektive an. Sie fragt nicht primär, was krank macht, sondern welche Lichtumgebungen Menschen stärken, orientieren, aktivieren und ihnen Handlungsspielraum geben.
Dazu gehören visuelle Klarheit, lebendige Farben, Glanz als positive Qualität, Tageslichtbezug, individuelle Steuerbarkeit und eine zeitlich passende biologische Lichtdosis. Besonders deutlich wird dies bei UV-Licht und circadian wirksamer Beleuchtung: Nicht jede Exposition ist gefährlich, und nicht jede pauschale Empfehlung ist praktisch sinnvoll. Entscheidend ist die angemessene Dosis zur richtigen Zeit, angepasst an Menschen, Tätigkeiten und Lebensrhythmen.
Während die bestehenden Regeln künstliche Beleuchtung meist zeitlos und statisch behandeln, sind die nichtvisuellen Wirkungen des Lichts längst als tageszeitabhängig bekannt. Eine moderne Lichtplanung müsste daher pathogenetische Schutzprinzipien mit salutogenetischer Gestaltung verbinden. Ziel wäre nicht eine störungsfreie, aber freudlose Umgebung, sondern Licht, das Sehen ermöglicht, Ressourcen stärkt und den Menschen in seinem biologischen und psychischen Alltag unterstützt.
Wie das Licht von Monitoren kranke Gebäude retten soll
22.06.2026
Wenn Fakten so lange gedehnt werden,
bis das Siegel passt, ist das keine Forschung mehr –
es ist Industriedesign.
der Blogger
Monitoren als Lichtquellen, kurzgefasst
Zertifizierung ist der Vorgang, bei dem eine anerkannte Organisation einem Produkt bestimmte Eigenschaften bescheinigt. So darf der Technische Überwachungsverein meinem Auto die Verkehrssicherheit bescheinigen, auch wenn ich mit dem Gerät nach einer halben Flasche Schnaps nur bis zur nächsten Laterne komme. Der TÜV darf annehmen, dass ich mich an die Verkehrregeln halte und vor der ersten Fahrt eine Fahrprüfung ablege.
Während dieser Vorgang für alle Beteiligten hinreichend transparent abläuft, bemühen es sich derzeit viele Organisationen auffällig um eine Zertifizierung von “gesunden” Gebäuden. Gibt es auch ungesunde?
Ein neuer Beitrag in Genesis 2.0 – Schöpfung der elektrischen Sonne rekonstruiert die Genese und Deutungsgeschichte des Sick Building Syndrome und problematisiert die verbreitete Engführung des Phänomens auf Innenraumluftverunreinigungen und raumlufttechnische Defizite.
Im Zentrum steht die These, dass gesundheitliche Diskurse über Bürogebäude zunehmend durch ökonomische Interessen, Zertifizierungssysteme und technische Normierungspraktiken strukturiert werden. Am Beispiel des WELL Building Standards wird kritisch untersucht, wie Anforderungen an circadian wirksame Beleuchtung operationalisiert und nachgewiesen werden. Eine Fallstudie aus Sydney dient dabei als Ausgangspunkt, um die Einbeziehung von Monitorlicht in die Bewertung melanopischer Beleuchtungsstärken zu hinterfragen.
Der Beitrag zeigt, dass Gebäudezertifizierungen nicht nur als Instrumente zur Förderung gesundheits- und nachhaltigkeitsorientierter Bauweisen fungieren, sondern unter bestimmten Bedingungen auch dazu beitragen können, bauliche und beleuchtungstechnische Defizite nachträglich zu legitimieren.