Warum wir von Ahnungslosen regiert werden …

"Wissenschaftliche Erkenntnisse oder Forschungsberichte zur Blendung durch Tagfahrleuchten mit Leuchtdioden sind der Bundesregierung nicht bekannt."
Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage von Abgeordneten (Drucksache 17/2042)

Unsere liebe Regierung hat also im Jahr 2017 den Deutschen Bundestag informiert, dass keine wissenschaftlichen Erkenntnisse über die psychologische Blendung von Tagfahrleuchten vorlägen. Könnte stimmen. Es gibt auch keine wissenschaftlichen Erkenntnisse über das dritte Bein, rechts, von Ameisen. Bestimmt! Über die linken Beine auch nicht. Dennoch weiß man sehr gut Bescheid über Ameisen. Bei den Tagfahrleuchten weiß sogar jeder Bescheid, der an einer Stadtstraße entlang schlendert. Die blenden bei hellem Sonnenschein. Der Effekt nennt sich Absolutblendung und ist seit mindestens 60 Jahren unter diesem Namen bekannt. Die Ursache auch: Wenn die Helligkeit (Leuchtdichte) eines Objekts einen bestimmten Wert übersteigt, blendet es unabhängig von seiner Umgebung. Ansonsten ist Blendung von der Umgebung abhängig. Deswegen blenden übliche Autoscheinwerfer nur nachts. Tagsüber hingegen sind sie harmlos. Nie wird man jemanden klagen hören, dass sie bei Tagesfahrten an sind.  Anders hingegen die LED. Deren Leuchtdichte ist einfach zu hoch. Sie blenden nicht nur den, der darauf guckt. Auch im Rückspiegel blenden sie tagsüber, weil man andere Verkehrsteilnehmer nicht erkennen kann. Das nennt sich Relativblendung. Wenn man in den Rückspiegel guckt, sieht man den Blender, weil die anderen dem gegenüber relativ dunkel sind. In der Dunkelheit ist der Rückspiegel abgeblendet. Und man sieht den Blender nicht so deutlich. 

Zudem scheinen die Autobauer bzw. deren Lieferanten sich im Ziel geirrt haben. Ich sitze zum Arbeiten im ersten Stock am Fenster. Die Autos blenden mich tagsüber. Was hat das Licht eines Autos nach oben zum Himmel gerichtet zu suchen? Hingegen blenden die gleichen Autos nachts nicht. Sie fahren aber mit wesentlich stärkeren Scheinwerfern. Ergo: Die Tagfahrleuchten sind eine Misskonstruktion. In einem Land, in dem jede Schraube an einem Kfz vom TÜV abgenommen wird, und jedes Lämpchen an einem Fahrzeug eine Zulassung braucht, eine bemerkenswerte Situation.

Moderne Autos verpesten Städte nicht nur mit ihren Dieselschwaden. Es gibt auch eine Lichtverschmutzung. Wenn die Bundesregierung dies nicht glaubt, sollte man deren Mitglieder einer Strafe unterziehen, die man sich in China ausgedacht hat. Autofahrer, die andere blenden, werden dazu verdonnert, eine zeitlang in helle Scheinwerfer zu gucken. Körperverletzung? Ja. Warum nur ich? Man müsste alle, die dazu beigetragen haben, dass die dummen Autos blenden, der Strafe unterziehen. Mindestens die letzten drei Bundesminister für Verkehr. Den kommenden auch, prophylaktisch.

Jetzt zu den fehlenden wissenschaftlichen Erkenntnissen:

  • Die psychologische Blendung ist von der Wellenlänge abhängig.
  • Das Minimum der psychologischen Blendung liegt bei 577 nm (Anm.: grün-gelb)
  • Das Blendempfinden vergrößert sich zu den Randbereichen der spektralen Wahrnehmung (Anm.: blauer blendet mehr)

Ergo: Offensichtlich weiß nur nicht die Bundesregierung davon, dass blaueres Licht mehr blendet. Man müsste ihr allerdings nachsehen, weil das Buch, in dem das geschrieben steht, im Jahre 2017 gedruckt wurde (hier). Dummerweise handelt es sich dabei um eine Bilanzierung der Erkenntnisse, die bis zum Jahre 2006 bekannt waren. Der Bundesminister für Verkehr informierte den Bundestag im  Jahre 2017 also mit Konserven mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum.

So stammt die Erkenntnis
"mit Anstieg der Farbtemperatur steigt die Blendung"
aus dem Jahr 1999 (Quelle Alferdinck, 1999). Sie besagt, dass Scheinwerfer mit bläulicherem Licht bei sonst gleichen Bedingungen mehr blenden. Diese Weisheit wurde auch aus anderen Quellen zusammengefasst und so formuliert:
"Je größer der Blauanteil einer Lichtquelle, desto unangenehmer und blendender wird sie empfunden" (Autor Bullough, 2003, zitiert aus Völker, 2017).
Das war im Jahr 2003. Also vor 15 Jahren.

Ja, was schert uns (oder unsere Politik) die "psychologische" Blendung? Die ist ja nicht doof und argumentiert so: "In der Wissenschaft wird unterschieden zwischen physiologischer und psychologischer Blendung. Die physiologische Blendung setzt die Sehleistung des Auges herab. Bei der psychologischen Blendung wird eine Blendungserhöhung empfunden, die nicht messbar und individuell verschieden ist. Verkehrsteilnehmer können sich geblendet fühlen, ohne dass dies zu einer verringerten Sehleistung führt." Für Leute, die sich von dieser "wissenschaftlichen" Argumentation doch in die Irre führen lassen: Die psychologische Blendung ist tatsächlich nicht messbar, wenn man dazu nur einen Zollstock benutzt. Ansonsten ist die bestens messbar. Und das schon mehrere Jahrzehnte. Der Autor, dessen Skala man häufig benutzt (J.B de Boer), ist schon sehr lange tot. Zudem weiß man seit vielen Jahren, dass eine Unterscheidung der Art "psychologischer" und "physiologischer" Blendung gar keinen wahren Hintergrund hat, außer dass sich Forscher die Aufgabe leicht gemacht hatten. Ließ sich die Blendung etwa mit Messgeräten am Auge ermitteln (z.B. Streuung im Auge), sprach man von "physiologischer" Blendung. Konnte man trotz allerlei Bemühen keinen Bezug zu physikalischen Größen erstellen, war die Blendung halt "psychologisch". So nennt der wackere Ingenieur alles, was er nicht erklären kann.

Was man aber auch ohne Zollstock erkennen kann, ist, dass die Benutzung sehr heller Scheinwerfer am Tage das Erkennen von unbeleuchteten Objekten (Fußgänger, Radfahrer, Kinderwagen, Rollatoren) erschwert bzw. unmöglich macht. Naturgemäß wäre es möglich, der Intelligenz eines Staatsoberhaupts folgend, der Lehrer bewaffnen will, Rollatoren mit starken Scheinwerfern auszurüsten. Mancher Bürger hat schon eine Petition beim Bundestag eingereicht (z.B. Petition 73980 von Geert Closius, hier). Closius schreibt:
"Durch technische Entwicklungen (Xenon-Gasentladungslampe, LED, Tagfahrlicht) wurden Scheinwerfer und andere Leuchten im Strassenverkehr
mit höherer Lichtleistung möglich,
in der Bauform kleiner,
und damit die Leuchtdichte am Austrittsort sehr viel größer.
Zusätzlich wurde Tagfahrlicht auf der Basis von LED eingeführt.
Fahrräder und andere Zweiräder mit LED-Leuchten eingeführt.
Rück- und Bremsleuchten heller ausgeführt.

Alle Veränderungen zusammen führen im Strassenverkehr zu einer deutlich angestiegenen Blendgefahr - gerade für ältere Menschen, deren Augen nicht mehr so gut adaptieren können."

Augenärzte laufen Sturm gegen Tagfahrlichter (z.B. hier oder da oder dort), die zu hell sind. Anders sehen es die Techniker: "LED-Tagfahrlicht ist cool – verleiht Ihrem Fahrzeug die Optik der Oberklasse und dazu ein cooles Licht-Design." oder noch cooler: " Sie werden rechtzeitig und weithin auch bei hellem Sonnenlicht gesehen, …" Ja, so ist es. Man wird auch bei Sonnenschein weithin gesehen. Wer bei Sonnenlicht auffallen will, muss die Sonne übertrumpfen. Das tun die LED nicht nur selten. Heute hat eine Firma die Welt wissen lassen, dass ihre Hochleistungs-LED eine Leuchtdichte von 280 lm/mm2 übertrifft. Hört sich niedlich an. 280 … Wenn man aber die mm2 auf m2 umrechnet, kommt man auf 280.000.000 cd/m2. Eine alte Leuchtstofflampe brachte es gerade mal zu 8.000 cd/m2, die grellsten Lampen im Innenraum liegen bei 40.000 cd/m2. Wie hell leuchtet denn ein Fußgänger an einem Novembertag? Sagen wir mal 5.000 lx und grauer Mantel. Macht etwa 320 cd/m2. Gegenüber 280.000.000 cd/m2 ist das eher nix. Und wenn der Fußgänger an einem Sommertag mit einem schön weißen Hemd herumläuft? Wenn der sich in die Mittagssonne am Äquator legt und bescheinen lässt, schafft er etwa 30.000 cd/m2. Wenn er den Sonnenuntergang bewundern will, sind es gerade mal 1.000 cd/m2 oder ähnlich. Egal wie man rechnet, die Leuchtdichten der LED sind jenseits von Gut und Böse.

Erstellt: März 3, 2018 um 4:56

3 Comments

  1. Antworten
    Chris d 4. März 2018

    Perfekt treffend formuliert. Ich hoffe die Tagfahrleuchten werden schleunigst verboten (Umrüstung soll der Hersteller bezahlen oder einfach abklemmen/abschalten) und die „Leuchtstärken“ der anderen Leuchten am Kfz auf ein erträgliches Maß wieder heruntergeregelt. Aber derzeit sieht es nicht danach aus. Die Blender vermehren sich derzeit wie eine Rattenplage, nur kann Gift hier nicht die Lösung sein. Und wenn´s so weitergeht, werden wir uns bald in der LED-Blender-Pest befinden.

    Ich bin mal gespannt, wann die ersten Netzhautschäden auftreten.

    Ist eigentlich jemand vor kurzem einem Schneeräumfahrzeug nachgefahren? Wo früher hinten beim Streuwerk ein Halogen-Arbeitsscheinwerfer dran war ist jetzt einer mit LED montiert. Dieser steht den Tgfl. in nichts nach.
    Und auf neueren Staplern werden diese LED-Arbeitsscheinwerfer als Rückfahrleuchten benutzt. Bei der ersten Konfrontation (Stapler) mit diesem Licht wusste ich kurz nicht mehr, ob ich schon blind bin oder nicht. Diese Arbeitsscheinwerfer so zweckentfremdet eingesetzt muss schon als grob fahrlässig und gefährdent bezeichnet werden.

    Ich persönlich hab mir noch Halogen-Arbeitsscheinwerfer für den Schlepper gekauft. Mit dabei war ein Zettel, auf dem ein durchgestrichenes Auge zu sehen ist. Tja, was mag das wohl bedeuten? Vor allem im Bezug auf die viel höhere Leuchtdichte und -Intensität der LED!

    • ahmetpro
      Antworten
      ahmetpro 4. März 2018

      Ich bin sogar auf einem Schneeräumfahrzeug mitgefahren. Nahe Nordkapp. Gleißendes Licht. Da aber der Gegenverkehr fehlte – der konnte erst kommen, wenn der Schnee geräumt war, hat es niemanden gestört. Wir leben aber nicht am Nordkapp. Ich kann bis Hamburg fahren, ohne einmal Fernlicht zu benutzen. Den Weg beleuchten die Vordermänner. Wenn aber so ein Blender von hinten kommt, kann ich weder vorn noch hinten was sehen. Manchmal sehe ich mitten in Berlin am helllichten Tag nichts. Dauert zwar nicht lange, reicht aber für einen Unfall dicke aus.

  2. Antworten

    […] die ewige Kritik über LED-Beleuchtung auf den Wecker fällt, kann sich hier Erleuchtung holen. Es geht um LED-Licht in Balgheim. Wenn Sie nicht wissen, wo Balgheim liegt, […]

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