28.08.2014
Der Grund, warum ich mich mit der Bildschirmarbeit beschäftigte, war die Augenbeschwerden, die Bildschirme verursachten. Tatsächlich! Bis zu 85% der Mitarbeiter, die ich in 30 Unternehmen befragte, hatten Augenbeschwerden. Die unterste Stufe war 45%. Immerhin.
Woran liegt es, wenn Menschen Augenbeschwerden haben? Richtig! An der Beleuchtung. Oder Fast überall, wo Menschen Augenbeschwerden bei der Arbeit haben, gibt es Beleuchtung. Ergo? Dann ist die Beleuchtung an den Beschwerden schuld. Da fällt mir eine Geschichte ein, mit der ein Statistikbuch beginnt. Es gibt danach eine eindeutige Beziehung zwischen der Abnahme der Geburten in einem Land und der Abnahme der Zahl von Störchen. Noch nie hatte jemand besser nachweisen können, dass Babys von Störchen gebracht werden.
Mein Job war allerdings anfänglich nicht, die Beleuchtung als Missetäter zu identifizieren, sondern den Bildschirm. Dass nachher doch die Beleuchtung der Bösewicht wurde, hing mit den Geschäften einer großen Firma zusammen. Die verkaufte z.B. viel Beleuchtung und wäre folgerichtig böse geworden, wenn ich diese beschuldigt hätte, armen Computernutzern die Augen zu martern. Unter anderen Umständen wäre die große Firma wirklich ganz groß böse auf mich geworden - aber da war noch etwas. Die Sozialpolitiker der großen Firma erzählten dem Vorstand, dass die große Firma eine große Zahl von Computernutzern beschäftigen täte. Wenn die Sache mit den Augenbeschwerden nicht der Beleuchtung angelastet würde, würde sie den Bildschirmen in die Schuhe geschoben werden. Da könne man aber nicht viel machen, weil die Bildschirme auch von der großen Firma hergestellt werden. Und die anderen Kunden der großen Firma, würden die Bildschirme womöglich woanders kaufen oder mieten. Ergo? Die Suche nach der Ursache der Augenbeschwerden musste geschäftsfördernd modifiziert werden..
Nun war die große Firma so groß, dass sie die Obleute der Normenausschüsse stellte, die Normen über Beleuchtung wie solche über Bildschirme erarbeiteten. Zudem war sie in der Sozialpolitik der Arbeitgeber groß unterwegs. Man sprach vom Hauptarbeitgeber Deutschlands. Ergo? Man stoppte die Normungsarbeit für eine Weile und überlegte sich, was man machen müsse. Der Vorstand trommelte die betroffenen Obleute zusammen und blies ihnen den Marsch: Auf welchem Wege kann die große Firma aus der Misere den größten Gewinn ziehen?
Der Obmann der Lichtleute sang: "Heureka! Wir haben doch schon eine Lösung, die ein Problem sucht. Also konstruieren wir das Problem." So kam es zu der Lösung mit den BAP-Leuchten. Sie leuchten, erstens, und leuchten nicht so stark, dass man sie auf dem Bildschirm sieht, zweitens. Dass man sie auch sonst nicht sieht, sodass die Leute irritiert sind, würde man später merken - nachdem man das Problem, Pardon, die Lösung installiert hatte. Beleuchten, um nicht zu beleuchten (siehe hier), damit nichts blendet. Das ist eine wahre Kunst.
Die wahren Künstler lebten und arbeiteten aber woanders. Die großen Beschwerden, denen abgeholfen werden musste, gesichert per Tarifvertrag, von den Schriftsetzern, die vom Bleisatz zu Bildschirm übergewechselt waren. Hier ein Bild über ihre frühere Arbeitsumgebung:
Das war bei Tage, wie man sieht. Was man nicht sieht, sind die Sehobjekte. Das sind kleine Bleiklötzchen, auf denen Buchstaben wie gegossen prangen, die noch kleiner sein können als diese Schrift. Und die wahre Umgebung sah, wenn die Funzeln an der Decke brannten, eher so aus:
Oder noch dunkler. Realistisch anzunehmen ist ca. 5 lx (!) und das sehr ungleichmäßig verteilt. Das Bild lügt also erheblich. Es wurde nämlich in der Setzerei einer Abendzeitung aufgenommen. Die meisten Zeitungen erscheinen aber morgens und werden nachts gesetzt. Und die Setzer haben nicht selten ein Utensil aufsetzen müssen, weil die Lampen - im Bild ausgeschaltet, ordentlich blendeten. Zu guter Letzt mussten die Jungs auch noch sehr kontrastarme Schrift verspiegelt lesen.
Später sollten die Arbeitsräume z.B. so aussehen:

Kann man sich vorstellen, dass viele Leute heute noch Augen- und/oder Kopfschmerzen bei der Bildschirmarbeit haben? Eigentlich nicht, wenn man nicht viel arbeitet. Bei den Arbeitnehmern rangieren Augen- und Kopfschmerzen aber recht oben auf der Skala. Und es liegt nicht selten an der Beleuchtung - das Bild oben lügt auch, es ist ein seltenes Exemplar - , z.B. wenn man noch die Lösung der großen Firma betreibt.
Im Wesentlichen liegt es aber an der Hetzarbeit am Computer, der wir uns - nach Feierabend - zusätzlich freiwillig widmen. Und davor wird uns keine große Firma schützen können.
30.08.2014
An vielen Stellen in diesem Blog, und in vielen Blogs an verschiedenen Stellen wird das Thema Lichtqualität thematisiert. Eigentlich eine Diskussion über ein Phantom. Denn das offizielle Wörterbuch der Lichttechnik, das seit 1938 alle wichtigen Begriffe klärt und erklärt, kennt keine Lichtqualität. Wie bei allen Phantomen, gibt es auch hier Widerspruch. Je mehr man an Energie sparen will, desto lauter sind die Gegenstimmen.
Die sog. Energiesparlampe, alias Kompaktleuchtstofflampe, wurde von einem Ingenieur von General Electric erfunden. Nicht zufällig und nicht für irgendeinen undefinierten Zweck: Es war 1973, als die Welt noch in Schockstarre war wegen der ersten (offiziellen) Energiekrise, besser gesagt, Ölkrise. Die Araber wollten ihr Öl nicht mehr für 20 Millionen $$ für den Unterhalt des Palastes von König Saud plus einen Stall voller junger Damen, die wohl den Palast putzten, hergeben. So musste eine Lampe her, die weniger Energie verbrauchte als Edisons Birne. Für Freunde heißt die Lampe CFL.
Es dauerte etwa 12 Jahre, bevor das Ding mit dem Energiesparen ernst machen konnte. Bis dahin, im Jahre 1985, konnte sie nämlich eine der Gütekriterien für Beleuchtung, niedergeschrieben 1935, nicht erfüllen. Die zeitliche Gleichmäßigkeit, sprich Flimmerfreiheit, war nicht gegeben. Um ihr Licht zu messen, mussten wir sie 24 Stunden betreiben, weil sie halt instabil war. Da die meisten Benutzer nicht so lange warten wollten, bis das gute Stück sein Licht uneingeschränkt hergibt, konnte es keinen Raum im Wohnraum erobern. Flimmern ist Geschichte, aber die Lampe denkt nicht daran, hell aufzuleuchten, wenn einer „Fiat Lux“ ruft oder den Schalter drückt. Je nach Preis muss man mehr oder länger warten, bis Licht wird.
Wie sieht jemand, der die FCL positiv sieht, den Vergleich der „modernen“ Lampe mit der alten Birne von Edison? So:
Die gelben Felder zeigen, wo die Glühlampe besser abschneidet, die weißen das Umgekehrte. Mir fallen da insbesondere zwei Punkte auf: „Power Factor“, alias Leistungsfaktor, ist ein anderes Wort für Blindstrom – unnützer Strom, der die Netze belastet und Energie kostet. Davon haben die Befürworter der Energiesparlampe nie geredet, obwohl man sie und die damit verbundenen Energie- und sonstige Kosten sofort berechnen kann. Wenn der Verbraucher ein Konzern ist, wird der Blindstrom in Rechnung gestellt. Bei Blindstrom waren wohl alle blind, unser Vizekanzler in seiner ehemaligen Eigenschaft als Umweltminister und sogar sein Vorgänger im gleichen Amt, der noch weniger doof ist. Dass die Lampen die Netze nicht nur über Gebühr belasten, sondern auch noch durch ihre Oberwellen verschmutzen … Mit so einem Kinderkram beschäftigt sich doch kein Minister.
Noch schlimmer ist aber der letzte Punkt: Erscheinungsbild. Da steht: Ästhetisch not pleasing. Bei der Queen hieße es: Not amused, not pleased . Another lamp, please.
Die ist tatsächlich im Anmarsch - nicht die Queen, die Lampe: Wie bereits mehrfach betont: Die Techniker der künstlichen Helligkeit reden von LED, aber nicht von Behaglichkeit. Wenn das mal nicht ins Auge geht.
20.08.2014
Dieser Tage gibt es viel Aufregung um den zertifizierten Lichtexperten (hatte am 06.08. über dessen Taufe berichtet). Brauchen wir noch mehr Zertifikate bzw. noch mehr „Experten“ mit Zertifikat? Das fragen sich viele. Weiß ich nicht! Mein Gedanke gilt dem Zweck dieser Aktion. Wer und was steckt dahinter?
In der Lichttechnik gehört das Marketing zu den üblichsten Verdächtigen als Initiator, wenn solche Aktionen beobachtet werden. Doch Marketing ist nicht Marketing, und bereits der Urahne aller Lichttechniker, ich meine den Techniker des elektrifizierten Lichts, Thomas A. Edison, hatte vor der Erfindung der Glühlampe, an das Marketing gedacht. Wie üblich schrieb er in sein Notizbuch, dass die zu erfindende Lampe nicht blenden dürfe. Und nach der Erfindung erst recht. Nachdem ihm sein Patent wider Willen abhanden gekommen war, hatte er die famose Idee, nur solche Hotels und Restaurants mit seinem Strom zu beliefern, die seine Lampen in seine Fassungen einschraubten. Kartellbehörden würden heute angesichts solcher Praktiken fassungslos da stehen. Allerdings müssten die Herren dann nur noch tagsüber arbeiten, wenn ihre Behörde im Monopolgebiet von Edison Illuminating Company stünde, die ihnen den Strom abdrehen würde.
Doch damit nicht genug! Edison wehrte sich gegen eine blendende Idee, Wechselstrom anstelle von Gleichstrom zu benutzen, mit einem ebenso genialen Marketingcoup: Er erfand den elektrischen Stuhl, und zwar betrieben mit Wechselstrom, auf dass das Volk lerne, wie gefährlich dieses Teufelszeug ist. Wenn das alles wäre! Edison schlug auch einen Namen für das elektrifizierte Töten von Häftlingen: to westinghouse. Der Name der Hinrichtung leitete sich von dem Namen des Erfinders des Wechselstroms ab: Westinghouse. (Wechselstrom geht auf Tesla zurück. Aber Westinghouse war der Auftraggeber.)
Damit kämen wir der Natur des Marketing nicht ganz nahe, denn solche Aktionen werden heute eher unter Wirtschaftskrieg denn unter Marketing abgeheftet. Oder unter „destruktive Verkaufsstrategien“. Marketing ist - im einfachsten Falle - Produkte und Dienstleistungen zum Verkauf anbieten in einer Weise, dass Käufer dieses Angebot als wünschenswert wahrnehmen. Man kann es taktisch betreiben, z.B. indem man die Preise so lange herabsetzt, bis der Konkurrenz die Luft ausgeht. Manchmal geht einem selbst die Luft aus - das erlebt man aber nicht mehr, weil pleite. Kluge Leute betreiben strategisches Marketing. Damit stellt man den Absatz der eigenen Produkte auf viele Beine. Übliche Methoden setzen bereits bei der Überlegung über ein neues Produkt an, der Verkauf läuft später wie geschmiert, manchmal weil geschmiert.
Böse Leute erzählen die Mär, Marketing sei, wenn der Kunde Enten will – und man hat nur Hühner im Angebot, den Hühnern die Füße breit zu klopfen. Solche Leute können aber nicht einmal sagen, ob dies taktisches oder strategisches Marketing ist. Es gab große Industriekapitäne, die auf das Zweite tippten, so z.B. in der amerikanischen Autoindustrie. Eines Tages sah ich den Chef von General Motors im Fernsehen weinen. Er sagte: „Wir haben fünf Jahrzehnte versucht, den Menschen zu erklären, was ein Auto ist. Sie ließen sich aber nicht überzeugen.“ Die späte Reue half nicht, General Motors war am 1. Juni 2009 pleite. Der drittgrößte der amerikanischen Autoindustrie ist heute eine Dependance einer Firma, deren Produkte früher allenfalls als Zubringer zu dem Auto eines Amerikaners eingesetzt worden wären. Es wäre ein Wunder, wenn ein Fiat 500 (Topolino) den Motor eines Plymouth Belvedere (fast 6 Liter Hubraum in 8 Zylindern) hätte überhaupt transportieren können. Doch die Zeiten, die sind anders. Fiat hat nunmehr das Sagen.
Und die Hochburg des amerikanischen Autobaus, Detroit, ist heute eine Geisterstadt. Pleite! Der Käufer von Chrysler wohnt zwar selbst in einer (halben) Ruinenstadt, Turin, das ist aber eine andere Geschichte.
Was Edison als Marketingstrategie bereits der Erfindung der Glühlampe in die Wiege gelegt hatte – die Blendfreiheit des Lichts –, könnte wieder Auferstehung feiern. Denn das Produkt der Zukunft, die LED, blendet bereits in einer Miniausführung (Fahrradlampe) und das am Tage (siehe lightmare). Ob das als Motiv für den „zertifizierten Lichtexperten“ angenommen werden kann? Ich schätze leider, dass auch der zertifizierte Lichtplaner der LED das Blenden nicht abgewöhnen können wird. Denn LED blendet nicht per se, sondern in bestimmten Anwendungen. So blenden Fahrräder mehr als Autos, obwohl die Scheinwerfer der Autos viel mehr Licht auf den Asphalt bringen. Der Unterschied liegt in der Kontrolle: Die Autos müssen alle zwei Jahre zum TÜV. Die Fahrräder werden nie geprüft.
Ich denke eher nein. Denn Lichttechniker haben keine Ahnung von Blendung, andere allerdings auch nicht. So las ich in einem jüngst erschienenen Buch „Human factors in lighting“: „Was psychologische Blendung ist, weiß man nicht so genau. Man sagt, sie sei vorhanden, wenn sich Leute bei Vorhandensein von hellen Lichtquellen, Leuchten oder Fenstern visuell gestört fühlen.“ (übersetzt von mir, das Original lautet so: Discomfort glare is not well understood. It is said to be occurring when people complain about visual discomfort in the presence of bright light sources, luminaires or windows.). Nach 100 und mehr Jahren Forschung hört sich das Wiegenlied der elektrischen Beleuchtung etwa so an: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten …“ ? Das kommt davon, dass man eine Blendung psychologisch nennt, aber ohne Psychologen untersucht.
Ich muss die Aussage bezüglich der Lichttechniker relativieren. Es gibt nämlich Lichttechniker, die verdammt viel Ahnung von Blendung haben. Die sind in den Reihen der Gestalter von Wohnraumbeleuchtung zu finden. Igitt - die bauen doch Lichttöter! Stimmt, um Blendung zu vermeiden, muss man jede Menge Licht vernichten. Der neue zertifizierte Lichtexperte könnte z.B. das Töten von Licht mit dem Effizienzgedanken versöhnen helfen. Ob das als Motiv taugt?
Der gute Mann könnte auch lernen, wie man Lichtquellen, denen man zuweilen Zerstörerisches nachsagt, LED, mit der ewigen Marketingstrategie der Lichttechnik, dem Arbeitsschutz, vereinbaren kann. Seit etwa 1935 lebt die Lichtindustrie von der Mär, gutes Licht würde dem Arbeitsschutz dienen. Der Staat und seine diversen Helfer helfen kräftig mit beim Leuchtenabsatz. Obwohl es niemandem gelingen will, eine Beziehung zwischen Beleuchtung und Arbeitsschutz herzustellen, gibt es Leute im Arbeitsschutz, die fest daran glauben. Vielleicht haben die eine andere Beziehung zu Licht oder dessen Machern? Jedenfalls läuft die Sache seit Jahrzehnten wie geschmiert. Wozu dann ein zertifizierter Lichttechniker? Hat sich denn niemand überlegt, dass Wissen bei der Entscheidungsfindung empfindlich stören kann?
Nun, ja. So wie ich die Sache kenne, wird es nicht bei diesem einen zertifizierten Lichtexperten bleiben. Einst wollte ja die verblichene PLDA den Beruf des „Lighting Designers“ definieren. Das schnelle Ende ihrer so hoffnungsvoll begonnenen Karriere ist nicht diesem Bemühen anzulasten. Die lichttechnischen Gesellschaften der deutschschreibenden Länder (AT, CH, DE, NL) wollen auch ihren Lichtexperten definieren, ohne die Extinktion zu befürchten. Vielleicht schreibt die CIE den globalen Lichtexperten auf ihre Fahnen. Fehlt nur noch der intergalaktische. War der nicht der, der „fiat lux“ ausgerufen hatte?
Wie dem auch sei. Das Installieren eines Berufsbildes, das Lichtplaner oder eben Lighting Designer heißen könnte, würde nicht nur dem Marketing helfen, sondern allen arbeitenden Menschen. Denn nichts ist für den Absatz so förderlich wie Qualität. Wenn wir eines fernen Tages Lichtqualität definiert und erfolgreich in die Praxis umgesetzt haben, wird der Planer der Macher sein. Aber auch heute ist der Ersteller einer Beleuchtung deren Hersteller. Die Qualität geben aber die Hersteller des Rohmaterials vor, die Hersteller von Lampen und Leuchten.
28.08.2014
Der Grund, warum ich mich mit der Bildschirmarbeit beschäftigte, war die Augenbeschwerden, die Bildschirme verursachten. Tatsächlich! Bis zu 85% der Mitarbeiter, die ich in 30 Unternehmen befragte, hatten Augenbeschwerden. Die unterste Stufe war 45%. Immerhin.
Woran liegt es, wenn Menschen Augenbeschwerden haben? Richtig! An der Beleuchtung. Oder Fast überall, wo Menschen Augenbeschwerden bei der Arbeit haben, gibt es Beleuchtung. Ergo? Dann ist die Beleuchtung an den Beschwerden schuld. Da fällt mir eine Geschichte ein, mit der ein Statistikbuch beginnt. Es gibt danach eine eindeutige Beziehung zwischen der Abnahme der Geburten in einem Land und der Abnahme der Zahl von Störchen. Noch nie hatte jemand besser nachweisen können, dass Babys von Störchen gebracht werden.
Mein Job war allerdings anfänglich nicht, die Beleuchtung als Missetäter zu identifizieren, sondern den Bildschirm. Dass nachher doch die Beleuchtung der Bösewicht wurde, hing mit den Geschäften einer großen Firma zusammen. Die verkaufte z.B. viel Beleuchtung und wäre folgerichtig böse geworden, wenn ich diese beschuldigt hätte, armen Computernutzern die Augen zu martern. Unter anderen Umständen wäre die große Firma wirklich ganz groß böse auf mich geworden - aber da war noch etwas. Die Sozialpolitiker der großen Firma erzählten dem Vorstand, dass die große Firma eine große Zahl von Computernutzern beschäftigen täte. Wenn die Sache mit den Augenbeschwerden nicht der Beleuchtung angelastet würde, würde sie den Bildschirmen in die Schuhe geschoben werden. Da könne man aber nicht viel machen, weil die Bildschirme auch von der großen Firma hergestellt werden. Und die anderen Kunden der großen Firma, würden die Bildschirme womöglich woanders kaufen oder mieten. Ergo? Die Suche nach der Ursache der Augenbeschwerden musste geschäftsfördernd modifiziert werden..
Nun war die große Firma so groß, dass sie die Obleute der Normenausschüsse stellte, die Normen über Beleuchtung wie solche über Bildschirme erarbeiteten. Zudem war sie in der Sozialpolitik der Arbeitgeber groß unterwegs. Man sprach vom Hauptarbeitgeber Deutschlands. Ergo? Man stoppte die Normungsarbeit für eine Weile und überlegte sich, was man machen müsse. Der Vorstand trommelte die betroffenen Obleute zusammen und blies ihnen den Marsch: Auf welchem Wege kann die große Firma aus der Misere den größten Gewinn ziehen?
Der Obmann der Lichtleute sang: "Heureka! Wir haben doch schon eine Lösung, die ein Problem sucht. Also konstruieren wir das Problem." So kam es zu der Lösung mit den BAP-Leuchten. Sie leuchten, erstens, und leuchten nicht so stark, dass man sie auf dem Bildschirm sieht, zweitens. Dass man sie auch sonst nicht sieht, sodass die Leute irritiert sind, würde man später merken - nachdem man das Problem, Pardon, die Lösung installiert hatte. Beleuchten, um nicht zu beleuchten (siehe hier), damit nichts blendet. Das ist eine wahre Kunst.
Die wahren Künstler lebten und arbeiteten aber woanders. Die großen Beschwerden, denen abgeholfen werden musste, gesichert per Tarifvertrag, von den Schriftsetzern, die vom Bleisatz zu Bildschirm übergewechselt waren. Hier ein Bild über ihre frühere Arbeitsumgebung:
Das war bei Tage, wie man sieht. Was man nicht sieht, sind die Sehobjekte. Das sind kleine Bleiklötzchen, auf denen Buchstaben wie gegossen prangen, die noch kleiner sein können als diese Schrift. Und die wahre Umgebung sah, wenn die Funzeln an der Decke brannten, eher so aus:
Oder noch dunkler. Realistisch anzunehmen ist ca. 5 lx (!) und das sehr ungleichmäßig verteilt. Das Bild lügt also erheblich. Es wurde nämlich in der Setzerei einer Abendzeitung aufgenommen. Die meisten Zeitungen erscheinen aber morgens und werden nachts gesetzt. Und die Setzer haben nicht selten ein Utensil aufsetzen müssen, weil die Lampen - im Bild ausgeschaltet, ordentlich blendeten. Zu guter Letzt mussten die Jungs auch noch sehr kontrastarme Schrift verspiegelt lesen.
Später sollten die Arbeitsräume z.B. so aussehen:

Kann man sich vorstellen, dass viele Leute heute noch Augen- und/oder Kopfschmerzen bei der Bildschirmarbeit haben? Eigentlich nicht, wenn man nicht viel arbeitet. Bei den Arbeitnehmern rangieren Augen- und Kopfschmerzen aber recht oben auf der Skala. Und es liegt nicht selten an der Beleuchtung - das Bild oben lügt auch, es ist ein seltenes Exemplar - , z.B. wenn man noch die Lösung der großen Firma betreibt.
Im Wesentlichen liegt es aber an der Hetzarbeit am Computer, der wir uns - nach Feierabend - zusätzlich freiwillig widmen. Und davor wird uns keine große Firma schützen können.
07.08.2014
Vorgestern hatte ich mit Zahlen aus einem Buch belegt, wie es um die Beziehung von Lichttechnik und Ergonomie bzw. Human Factors steht (Tabelle wieder unten). Es steht nicht gut. Heute habe ich mir das Zahlenwerk noch einmal angesehen. Für die traditionelle Lichttechnik steht es auch nicht so gut. Wie ich dazu komme?
Wenn hierzulande Experten über Licht reden, dauert es keine ganze Minute und einer sagt etwas von Lux, meistens gefolgt von einer Zahl, nämlich 500. Sie scheint eine Naturkonstante zu sein. Mit dieser Zahl wird die „Stärke“ der Beleuchtung charakterisiert, und deswegen heißt die Größe „Beleuchtungsstärke“. Zwar kann man die Stärke, d.h. die Intensität der Beleuchtung ohne die Richtung des Lichts, woher es kommt oder wohin es fliegt, gar nicht charakterisieren, weil die Menge weniger wichtig ist als die Richtung. Was nützt mir 10.000 Lux auf dem Hinterkopf, wenn ich das Gesicht davor sehen will?
Dennoch hat sich unsere Fachwelt darauf geeinigt, aus einem Vektor einen Skalar zu machen, indem man die Richtung fest vorgibt und nicht mehr erwähnt. Licht kommt immer von oben - und geht nach unten. Da die Lichttechnik Jahrzehnte lang versucht hat, die Natur nachzuahmen, muss diese Richtung etwas damit zu tun haben. Steht die Sonne bei uns nicht dauernd im Zenit? Leider nicht. Das tut sie in den Tropen, aber auch dort recht selten. An den Wendekreisen macht sie es gar nur einmal im Jahr, und das nur mittags. Dafür stehen unsere Sonnen, die elektrischen Leuchten, stets auf dem Zenit, sprich an der Decke. Das ist kein Naturgesetz, und es ist in Wohnräumen lange nicht mehr die Regel. Nur in Arbeitsstätten fällt das Licht immer von der Decke nach unten.
Egal, deutsche Lichttechniker können nicht ohne die 500 lx horizontal! Was denkt wohl der Autor des analysierten Buches? Siehe da! Das Wort Leuchtdichte - d.h. dessen englische Version - ist das zweithäufigste Wort, wenn man von „the“ oder „of“ absieht. Man müsste eigentlich noch zwei oder drei Begriffe hinzuzählen, die in der Tabelle nicht enthalten sind, weil dazu die deutschen Pendants fehlen, z.B. „Lightness“ oder „Luminous exitance“. Dann käme „Leuchtdichte“ oder was die bedeuten soll, an die erste Stelle. In der Straßenbeleuchtung ist sie seit Jahrzehnten das Maß aller Dinge, d.h. die Lichtplanung erfolgt auf der Basis dieser Größe. Immer wenn man Lichtwirkungen beschreiben will, kommt man an der Leuchtdichte nicht vorbei.
Ich bin bislang bei allen Gremien und Fachleuten abgeblitzt mit dem Anliegen, die Leuchtdichte als Maßstab für die Beleuchtung allgemein einzuführen. Die Idee ist weder neu noch von mir. Als sie in der Straßenbeleuchtung eingeführt wurde, war ich noch ein kleiner Schüler. Und mancher, bei dem ich abgeblitzt bin, hatte die damalige Entscheidung mitgetragen oder gar mit herbeigeführt. So what?
Schlichte Erkenntnis: Wenn Du den herrschenden Interessen zuwiderhandelst, blitzt du ab, auch wenn du recht hast. Oder der Blitz trifft dich. Etwas schwerer zu verstehen: Das herrschende Interesse betrifft auch mich, weil es meinen Beruf wahrscheinlich so nicht gegeben hätte, wenn man sich nicht einfache Regeln oder Größen ausgesucht hätte, die den Welthandel mit „Licht“ ermöglichen. Die "wahre" Grundgröße ist Lumen (lm). Daran misst man z.B., ob man seine Energie sinnvoll eingesetzt hat oder nicht (lm/W ist wieder in aller Munde, s LED-Diskussion überall). Ob man die Lumen an der Decke vernünftig auf die Arbeitsplätze verteilt hat (lm/m²), liest man an der Beleuchtungsstärke (lx). Also? Die Größe (Horizontal-)Beleuchtungsstärke dient zum Nachweis der Erfüllung des Auftrags durch den Planer. Mit der Leuchtdichte kann erstens kein Laie etwas anfangen. Und zweitens: sie ist verdammt schwer nachzumessen.
So weit, so gut. Dumm ist nur, dass es nicht erst seit vorgestern fast unwichtig ist, wie viel Licht auf der Arbeitsfläche ankommt, seit wir ein Übermaß an Licht erzeugen können. Das stets angeführte Argument der Sicherheit und des Arbeitsschutzes sollte man am besten auch vergessen. 1 lx (in Worten EIN LUX) reicht, um eine Arbeitsstätte sicher zu evakuieren. Dass die Sehleistung ziemlich egal ist, sofern es sich nicht um anspruchsvolle Sehaufgaben handelt, wusste man bereits 1960 (!). Deswegen suchte man in den 1970ern nach einem Kriterium für die Festlegung von Beleuchtungen und fand als Kriterium…? Das Erscheinungsbild der gebauten Umgebung. Und diese wird nicht durch die Beleuchtungsstärke bestimmt, sondern durch die Verteilung von Leuchtdichten und Farben. Bestimmt! Dumm nur, dass man sich viel Mühe geben muss, um einem Auftraggeber dies zu dokumentieren.
eigentlich sollte man lieber in der Vergangenheitsform sprechen. Moderne Rendering- und Simulationsverfahren auf Basis von Raytracing und Light Tracing (insbesondere Path Tracing und Bidirectional Path Tracing) haben die lichttechnische Planung revolutioniert, da sie die physikalische Ausbreitung von Licht exakt nachbilden. Obwohl Light Tracing Leuchtdichten im Raum punktgenau und fotorealistisch berechnen kann, bleibt die Beleuchtungsstärke (Em in Lux) in Normen wie der DIN EN 12464-1 oder der ASR A3.4 weiterhin der primäre rechtliche Vorgabewert für Arbeitsstätten.