Posts in Category: Tageslicht

Eine weltweit anerkannte Erkenntnis zum nachhaltigen Bauen aus Berlin

Wissenschaft ist nur der Austausch
unserer Unwissenheit
gegen Unwissenheit
neuer Art.
Lord Byron

18.01.2026

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Gestern hatte ich die Absicht, den Bezug von Gebäudebewertungen zum nachhaltigen Bauen allgemein zu beschreiben. Eine davon, DGNB, hatte ich bereits ausführlich kommentiert (Visueller Komfort – Realisieren mit Normen der Lichttechnik oder ganzheitlich?) Die weiteren hören auf glänzende Namen wie LEED, BREEAM, WELL oder Living Future Institute. (Bild DGNB)

Als ich mir die Details angesehen hatte, kamen mir die Erinnerungen an ein Projekt zurück, das ich als Student begleitet hatte, weil der Versuch in meinem Zimmer ablief. Das Projekt sollte ergründen, wie eine Zusammenführung von Tageslicht und künstlichem Licht im Arbeitsraum funktionieren würde. Es hieß "Tageslichtergänzungsbeleuchtung" (TEB) und entspricht etwa dem, was heute die Arbeitsstättenverordnung vorschreibt. Der Betreuer, Prof. Jürgen Krochmann, meinte, dass diese Fragestellung eine psychologische Komponente hätte. Daher sollte eine Beteiligung der Psychologie gesucht werden. Sie kam in der Gestalt einer Studentin, Ellen Collingro, der Ehefrau eines Kollegen aus dem Nachbarinstitut. Der Projektbearbeiter, Georg Roessler, war von dem Ergebnis begeistert. Und der Professor erklärte uns allen, dass wir in unseren Projekten eine Kooperation mit Psychologen suchen sollten, nicht eine Beratung.

Das Ergebnis der Diplomarbeit von Frau Collingro besagte, dass der Mensch eine Kommunikation mit der Umwelt bräuchte, um sich im Raum und in der Zeit zurechtzufinden. Weitere Arbeiten zeigten, wie diese Kommunikation beschaffen sein müsste. So reichte der Blick aus dem Fenster auf eine dunkle Fassade ohne Fenster nicht als Kommunikation. Hingegen war der Ausblick auf einen verkehrsreichen Platz eher unwirksam, weil die Wirkung der von der dunklen Fassade erinnerte. Zwar war die Szenerie absolut lebendig, aber der arbeitende Mensch fühlt sich nicht als stiller Beobachter der Außenwelt. Er will auch nicht "aus dem Fenster gucken", um die Langeweile seines Alltags loszuwerden. 
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Als Kollege Roessler seine Erkenntnisse auf einer Sondertagung Auge-Licht-Arbeit der LiTG in Karlsruhe 1971 vorstellte, war das Schicksal des Projekts längst besiegelt. Die Fachwelt wollte das natürliche Auge im künstlichen Licht und die Arbeit in fensterlosen Räumen sehen. Das Projekt wurde eingestellt und wäre ohne Folgen geblieben, ohne das Engagement der beiden Herrn. 

Doch mit Hilfe eines Beamten aus dem Arbeitsministerium, vermutlich war dieser der selige Rainer Opfermann, gelang das Kunststück. Die Erkenntnis, dass der Mensch im Innenraum Kommunikation mit der Außenwelt brauche, führte zu einer gesetzlichen Vorschrift (§ 7.1 Sichtverbindung nach außen). Über die Bedeutung des Tageslichts bei der Arbeit haben die beiden nichts gesagt. Für Krochmann als Tageslichttechniker bedurfte es keiner Diskussion. Er war der Autor der Normenreihe DIN 5034 "Tageslicht in Innenräumen“.  Und für alle Angehörigen des damaligen Instituts für Lichttechnik galt die Anweisung des damaligen Direktors H.-J. Helwig, dass niemand länger als 4 Stunden in abgedunkelten Räumen verbringen durfte. Er hatte es aber nicht bei der Anweisung belassen, sondern das Institutsgebäude dementsprechend bauen lassen. Alle Arbeitsräume waren mit Datenleitungen versehen, damit man die Laborexperimente im hellen Raum vorbereiten konnte, um sie später im dunklen Labor auszuführen. Die Schaltungen wurden auf Tischen aufgebaut, die man einfach ins Labor fahren konnte. 
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 Gestern zeigte mir die Recherche, dass die Message weltweit in der Architektur angekommen ist. Alle Bewertungssysteme für nachhaltiges Bauen führen unter Beleuchtung als Erstes Tageslicht an und belohnen die Sichtverbindung als besonderes Merkmal für ein Gebäude. Das Living Future Institute will gar, dass jedes Watt künstlichen Lichts durch eigene Photovoltaik-Anlagen am Gebäude wieder "reingespielt" wird.

Eine unglaubliche Leistung, aus einem relativ simplen Projekt eine weltweite Erkenntnis zu generieren, die Utopiker (Living Future Institute) Health + Happiness Petal (Gesundheit & Glück) verankert sehen. 

Zum Beitrag "Wer sorgt für ein gesundes Licht im Büro?"

Wer sorgt für ein gesundes Licht im Büro?

 

 

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„Was MDER für meine Beleuchtung bedeutet - Oder vom Wissen biologischer Wirkungen des Lichts

Wasser tut’s freilich
höher jedoch steht die Luft,
am höchsten das Licht!
Arnold Rikli

15.01.2026

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Heute überraschte mich eine Meldung, die sich so las: “What MDER Means for Your Lighting“. Sinngemäß übersetzt: „Was MDER für deine Beleuchtung bedeutet“. Jemand wollte mich wohl informieren, dass es wichtige Neuheiten auf unserem Fachgebiet gibt. Verpasse ich was, wenn ich die Meldung ignoriere?

Ich weiß leider nicht, was MDER ist, und fragte deswegen einen allwissenden Kollegen, der Tag und Nacht alle dämlichen Fragen von mir ohne Widerrede aufklärt. Der schrieb: „Der MDER-Wert hilft Lichtdesignern dabei, zu bestimmen, ob ein Licht „stimulierend“ genug ist, um Menschen tagsüber wachsam zu halten, oder „ruhig“ genug, um Entspannung zu ermöglichen.“ Dass Lichtdesigner dafür verantwortlich sind, ob ich tagsüber wachsam bin, ist mir tatsächlich neu. Aber wichtig scheint die Sache zu sein.

Da müsste doch jemand wissen, was MDER nun ist! Die Suche im Internet hilft nicht weiter, sie ergibt immer wieder MDR = Mitteldeutscher Rundfunk. Das ist der deutsche Fernsehsender für die Jahre „Zwischen Volksfest und Vorruhestand“. Der MDR hat das Kunststück vollbracht, ein Programm zu kreieren, bei dem man sich bereits mit 35 Jahren fragt, ob man versehentlich im Wartezimmer eines Orthopäden gelandet ist. Bei „Ruinen-Raten mit Gunther Emmerlich“ – Prominente müssen am Geruch von altem Linoleum erkennen, in welcher sächsischen Kreisstadt sie sich befinden." Kann das gemeint sein? Stimulierend ist der Geruch vom Linoleum, oder?
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Nach einer Weile fand ich die Auflösung des Rätsels. MDER heißt ausgeschrieben „Melanopic Daylight Efficacy Ratio” und ist “eine wichtige Kennzahl im modernen Lichtdesign, die quantifiziert, wie gut eine künstliche Lichtquelle unsere natürlichen circadianen Rhythmen (Schlaf-Wach-Zyklen) im Vergleich zu natürlichem Tageslicht (insbesondere CIE D65) unterstützt. Höhere MDER-Werte weisen auf eine stärkere biologische Wirkung auf Wachsamkeit, Konzentration und allgemeines Wohlbefinden hin und helfen Designern dabei, gesündere und effizientere Umgebungen zu schaffen, indem sie möglicherweise weniger Lichtquellen einsetzen, um den gewünschten biologischen Effekt zu erzielen, so Yuji Lighting und Fagerhult. “ Fagerhult kenne ich seit Jahrzehnten. Yuji Lighting?

Der allwissende Kollege erzählte weiter:
“Die Skala: * MDER = 1,0: Das Licht hat dieselbe biologische Wirkung wie natürliches Tageslicht.
Hoher MDER-Wert (z. B. 0,8+): Stärkere biologische Wirkung; ideal für den Vormittag und Mittag in Büros oder Schulen, um die Aufmerksamkeit und Konzentration zu steigern.
Niedriger MDER (z. B. 0,3–0,5): geringere biologische Wirkung; besser für die Abendstunden geeignet, um den Körper auf den Schlaf vorzubereiten.

Es werde zur Berechnung der MEDI (Melanopic Equivalent Daylight Illuminance) verwendet, also der tatsächlichen „biologischen“ Lichtstärke, die das Auge erreicht, heißt es weiter. Nach einer Weile wurde mir klar: Ich hatte diese Berechnung vor langer Zeit in diesem Blog illustriert: Wie zirkadian wirksam ist mein Licht?

Dumm nur, dass sich die CIE mit Händen und Füßen dagegen wehrt, dass nur noch die Farbtemperatur bestimmt, was bei Licht circadian wirksam sein soll. Vor allem “biologisch wirksam”. Wie bringt es ein Lichtdesigner fertig, dieselben biologischen Wirkungen wie Tageslicht zu erzeugen? 
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Und ich wehre mich nicht weniger vehement dagegen, dass die gemeinte Wirkung der biologischen gleichgesetzt wird. Schon vor Jahrzehnten, im Jahr 1983, hatte der selige Kollege Rikard Küller den Begriff NIF = non-image forming geprägt. Damit waren alle Wirkungen des Lichts außer dem Sehen gemeint. Und diese reichen vom Zahnwachstum in der Kindheit bis zum Oberschenkelhalsbruch im hohen Alter. In den Jahren dazwischen kann Licht allerlei Wirkungen auf den Körper und auf die Psyche ausüben, wie Rikard Küller penibel ermittelt hat.

Diese hatte ich hier kommentiert: Wie man sich in 100 Jahren an das Licht herantastet

Doch Küller war beileibe nicht der erste Protagonist, der sich um biologische Wirkungen des Lichts kümmerte. Da waren einige vor ihm, so z.B. Prof. Hollwich von den 1940ern bis in die 1990er Jahre. Aber auch Hollwich war nicht der Urheber, der Idee, dass Licht stark etwas mit der Gesundheit zu tun hätte. Das haben die Väter der ersten deutschen Beleuchtungsnorm 5035 im Jahre 1935 schon getan. So endet der hier erwähnte Beitrag, den ich im November 2020 geschrieben hatte. Da war mir das Buch von Luckiesh und Pacini noch nicht gut bekannt, das genau vor 100 Jahren als “Light and Health” das Licht der Welt erblickt hatte.

Aber auch Luckiesh war nicht der Urheber der Vorstellung, dass Licht wichtige physiologische Wirkungen auf den Menschen hätte. Pioniere wie Niels Finsen (Nobelpreis 1903) nutzten Licht zur Heilung von Krankheiten wie Hauttuberkulose. War er wirklich der Pionier? Da fällt mir ein gewisser A. J. Pleasonton ein, vom Beruf General. Er argumentierte, dass Farbe enorme biologische Wirkungen entfalte und dem blauen Licht elektromagnetische Kräfte innewohnten, die in der Lage wären, den Körper zu heilen und Widerstandskräfte gegen Krankheiten aufzubauen. Das war kurz nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg. Seine Geschichte(n) kommentierte ich in Genesis 2.0 zusammen mit allen zum Umgang mit Blau: Geheimnisse in Blau
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Viele Jahrzehnte später lernte ich Filter zu bauen, die dazu dienten, die Heilkraft des blauen Lichtes auf Neugeborene zu messen. Im Jahr 1956 hatte im Rochford General Hospital in Essex, England, die Oberschwester der Frühgeborenenstation, Sister Jean Ward, festgestellt, dass die Gelbfärbung der Haut (verursacht durch Bilirubin) bei Babys, die am Fenster im Sonnenlicht lagen, deutlich schneller verblasste. Zwei Jahre später war die Wirkung wissenschaftlich belegt. Zehn Jahre später verdiente ich als Student ein Zubrot mit den besagten Filtern. Man hatte herausgefunden, dass Bilirubin Licht am effizientesten im blau-grünen Spektrum (Wellenlänge ca. 460 nm) absorbiert. MDER soll die Wirkung des Lichts auf Melatonin quantifizieren. Dazu gehört die Wellenlänge von 460 nm bis 480 nm. Nicht allzu weit von dem wirksamen Licht für Babys.

Hundert Jahre oder gar 150 , um auf die schlichte Formel zu kommen, die biologische Wirkung der Lichts an seiner Farbtemperatur zu messen …

Mea culpa – Asche von Gestern über mein Haupt

17.07.2025
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Man lästert gerne über Leute, die wichtige Entwicklungen nicht vorhersehen konnten. So z.B. die historische Leistung, aus der einst nur so glimmenden LED ein Leuchtmittel geschafft zu haben, dessen Größe von mikroskopischen Elementen zwischen Badfliesen bis ein fast kilometerlanges Display reicht, das eine Straße überdacht (kein Scherz - hier oder vor allem da). Kein Leuchtmittel der Vergangenheit war zudem effizienter.

Mir ist das Lästern über andere Leute zu mühsam, da ich sichergehen muss, dass sie sich wirklich geirrt haben. Da ist es einfacher, sich an die eigene Nase zu fassen. Mir fällt da gerade eine Anfrage der Zeitschrift Form ein, die im Jahr 2000 von mir wissen wollte, welche neuen Entwicklungen in der Lichttechnik eine große Zukunft hätten.

So schrieb ich einen Artikel über zwei Neuigkeiten aus dem vorhergehenden Jahrzehnt. Die eine war die Schwefellampe, die ein volles Tageslichtspektrum versprach. Die andere war ein Schlauch, der das Licht von einem Ort zum anderen leiten konnte. Hätten die Schildaer den Schlauch besessen, hätte man ihr Rathaus nicht mit Säcken voll Licht beliefern müssen.
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Die Schwefellampe, besser gesagt Schwefelkugellampe, würde die große Schwachstelle der Leuchtstofflampe beseitigen, das Spektrum. Zwar schaffte auch die Leuchtstofflampe u.U. ein recht volles Spektrum, sie brauchte dazu rund 60% mehr Energie per Lux als ihre Schwestern mit einem mageren Spektrum. Deren schlechte Farbwiedergabe wurde nur durch die Bemühungen des Marketings erträglich erklärt: Damit die Farbwiedergabe nicht drittklassig schien, erfand man eine Farbwiedergabe der Stufe 2b. Die Schwefel-Lampe würde diese Krücke nicht brauchen.

Dann war da noch was. Das Leuchtmittel war eine Kugel ohne Elektroden. Also kein Elektrodenverschleiss, die die Lampe frühzeitig sterben lässt, wenn man sie zu häufig schaltet. Da musste man den verdutzten Benutzern nicht erklären, dass sie ihr Licht auch dann nicht ausschalten sollen, wenn sie es nicht brauchen. Die Lampen waren zudem gut dimmbar und änderten dabei ihr Spektrum überhaupt nicht. Wer hingegen eine Glühlampe dimmt, erhält einen wärmenden Ofen. Bei der Leuchtstofflampe bleibt man eventuell durch das Flimmern wach.
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Nun zu dem Schlauch, einem Lichtleiter. Er ließ mich seinen Vorgänger aus den 1970ern vergessen, der die Welt der Architektur in Aufruhr versetzt hatte. Mit Lichtleitern würde man die Sonne in unterirdische Städte leiten. Adieu Energiekrise, unterirdische Städte brauchen keine Heizung. Kein Regenschirm, kein Schlamm, kein Schneefall. Rundherum glücklich.

Im Institut für Lichttechnik der TU Berlin wurde in den 1990ern eine Anlage installiert, die die Sonne vom Dach in den Keller durch vier Etagen leitete. Da man in Häusern Licht auch braucht, wenn die Sonne woanders weilt, konnte der Lichtleiter umgeschaltet werden auf eine künstliche Quelle.

Die hätte ich mir angucken sollen. Dann hätte ich den besagten Artikel nie geschrieben. Denn ihre Leistung betrug ganze 2 kW. Warum aber gerade 2 kW? Wer hat sie festgelegt? Kann man sie nicht ändern, wo man in der Technik alles Mögliche nahezu beliebig ändern kann? Diese lässt sich leider nicht ändern, sie beruht auf einer Naturkonstanten. 
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Um die Frage zu verstehen, muss man wieder zurück in die 1970er. Der Protagonist der damaligen Idee vom Lichtschlauch, ein russischer Professor, erzählt an der Uni vor staunendem Publikum von dem neuen Wunder. Am Ende großer Applaus! Nur mein Doktorvater hat eine Frage, eine schön dumme. Er fragt den Professor, ob er gerechnet hätte, wieviel Tageslicht in die unterirdische Stadt müsste. Dieser fragt verdutzt zurück, was die Rechnerei sein soll. Genau da kamen die ominösen 2 kW ins Spiel. Man kann Sonnenlicht nur mit Spiegeln einfangen. Und diese können pro Quadratmeter Fläche senkrecht zur Sonne maximal nur etwa 1 kW Leistung einfangen. Wenn die denn zu scheinen beliebt.

Ergo muss der Spiegel groß sein und ständig nach der Sonne gedreht werden. So ein Ding heißt Heliostat und funktioniert leider nur, wenn Helios ohne Wolken scheint. Soll es in der unterirdischen Stadt sonnig hell sein, muss der Spiegel vergleichbar groß wie die Fläche der Stadt sein. Ansonsten kann man mit vernünftig großen Spiegeln halt nur 2 kW einfangen. Den sachlichen Hintergrund kann man hier ausfühlicher lesen. Den hatte ein Österreicher, der sich als den Gottvater des Lichts feiern lässt, auch nicht verstanden. Er wollte den Tiroler Ort Rattenberg, der im Schatten des Bergs gebaut war, mit Spiegeln auf dem gegenüberliegenden Hügel mit Tageslicht beleuchten. Aus dem Nachbarort Kramsach sollten 30 gewaltige Spiegel, Heliostaten in der Fachsprache, aufgestellt werden. Da deren Licht womöglich über Rattenberg hinweg fliegen würde, statt das Örtchen zu beleuchten, sollte auf den Ausläufern des Schlossberges eine zweite Spiegelwand aufgestellt werden. Damit sollten die Bewohner von Rattenberg von ihrer Winterdepression befreit werden. (mehr hier oder da oder dort). Von Schattendorf zu Sonnenau - im Märchen geht es anders. Man baut das Dorf einfach auf der Sonnenseite auf.
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Die Sache in den 1970ern war mit dem Diskussionsbeitrag meines Doktorvaters gegessen. Sie kam wieder, als die EU das Tageslicht zum Energiesparen entdeckte und massenweise mit Geld warf. So kam es zu der Installation an der TU. Als ich mich auch an einem solchen Tageslichtprojekt beteiligen wollte, sagte ein erfahrener Kollege aus der TU Berlin lapidar „Bevor du was glaubst, prüfe nach, ob die rechnen können.“ Dem Rat folgte ich. Und siehe, einer meiner beiden Partner, ein Architekt, konnte bestens rechnen, der andere, ein Physiker, überhaupt nicht. In der Theorie ist es andersherum.

Wir rechneten den Beitrag des Tageslichts zum Energieeinsparen wunderbar schön. Doch ein Fachmann aus dem Facility Management eines großen Konzerns rechnete uns auf ein Zehntelcent pro kW, dass sich Tageslicht nicht rechnet, wenn man nur an Lux denkt. Es hat andere Meriten. Nicht weniger enttäuschend las sich ein Angebot einer renommierten Lichtfirma an einen Konzern, das die Einsparung von Energie mithilfe des Tageslicht vorrechnete. Die Investition würde sich lohnen. Allerdings in 42 Jahren.

Und der Lichtschlauch? Wie intelligent ist es, einen Schlauch mit ca. 30 cm Durchmesser durch ein Gebäude zu ziehen, um eine Leistung von 2 kW zu transportieren? Das entspricht ca. 8 Ampere, die man notfalls über einen Klingeldraht übertragen kann. Dieser überträgt den Strom 24 h, während der Schlauch mindestens die Hälfte des Jahres leer bleibt.

Leider sieht die Bilanz des Nutzens der Schwefellampe auch nicht besser aus. Erfunden wurde die Schwefelkugellampe 1990 von Wissenschaftlern, die für Fusion Systems Corporation in Rockville, Maryland, arbeiteten. Eigentlich durch einen Unfall. Ein Mitarbeiter hatte eine Glaskugel mit Schwefelfüllung in die Mikrowelle gelegt, die dort schön strahlte. Die Erfindung weckte so große Hoffnungen, dass man gleich ein Unternehmen gründete (Fusion Lighting).
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Dumm nur, dass man die Schwefellampe nicht in kleinen Einheiten bauen kann. Deswegen hatte Fusion Lighting 1997 ein System entwickelt, das das reichlich vorhandene Licht über lange Strecken verteilte. Das war ein Lichtleitertunnel (Lightpipe) aus reflektierendem Polykarbonat von 3M, von mir respektlos Lichtschlauch genannt. Mich tröstet es, dass ein Prototyp im Smithsonian-Nationalmuseum in Washington neben der Glühbirne von Thomas Edison ausgestellt wurde. So groß war mein Irrtum wieder nicht. 

Die ersten „Lampen“ waren 80 m bzw. 31 m lang. Sie sparten Unmengen Energie. Übrigens, Lichtschläuche, die Licht über große Entfernungen leiten, gibt es. Es wird geschätzt, dass die ausgerollte Länge der Glasfaserkabel weltweit mehr als 5 Milliarden Kilometer überschritten hat. Dies entspricht in etwa dem 57-fachen der Entfernung von der Erde zum Mars oder der ungefähren Entfernung zum Planeten Pluto am Rande des Sonnensystems. Beleuchten tun die Kabel allerdings nichts. Sie leiten Information weiter. 

Im Jahr 2000 verschwanden die Internetseiten von Fusion Lighting. Es wurde bekannt, dass die Lichttunnel nicht den Erwartungen entsprachen, da sie vergilbten. Dann wurde es still um das Wunder. Wenn sie nicht vergilbt wären? Hat jemand berechnet, mit welchen Kosten man einen dicken Schlauch, der sich durch alle Räume zieht, staubfrei hält?

(Näheres hier und da, aber leider sonst nirgendwo) Ich vermute, nicht allzu viele Leute wollten 80 m Licht an- oder ausschalten. Jedenfalls nicht gleich auf einmal. 

Licht und Krebs – Ein Projekt verschwindet, das Problem bleibt

16.07.2025
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Die Behauptung, dass das künstliche Licht Krebs verursache, ist etwa so alt wie die Chronobiologie selbst. Der Augenmediziner Prof.  Hollwich, der bereits in den 1940ern gezeigt hatte, dass Licht wesentliche Funktionen der menschlichen Physiologie steuert, stellte diese Behauptung in den 1960ern auf. Er behauptete, das Licht der Leuchtstofflampe hätte ein anderes Spektrum und würde deswegen karzinogen, vulgo krebserregend, wirken. Ihn hatte ich bereits 2014 kommentiert (hier).

Die Lichttechnik reagierte mit diversen Gutachten dagegen, deren Tenor es war, dass das menschliche Auge nur drei Empfänger hätte und deswegen zwischen unterschiedlichen Spektren gar nicht unterscheiden könne. Zudem konnte sich kaum jemand vorstellen, wie sich die Beleuchtung auf menschliche Zellen einwirken könnte. Hollwichs These von einem getrennten Kanal im Auge zum Gehirn – die energetische Bahn – wurde ins Reich der Phantasie verwiesen.
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Das hat sich im Jahr 2001 geändert, als man einen vierten Lichtempfänger im Auge entdeckt hatte. Eigentlich wusste man seit 1984, dass man mit künstlichem Licht die circadiane Rhythmik des Körpers verstellen konnte. Ab 2001 war ein glaubhafter Wirkungspfad gezeichnet: Licht unterdrückt die Entstehung des Melatonins → ein niedrigerer Pegel an Melatonin bedeutet weniger Schutz gegen Krebserreger → Wahrscheinlichkeit der Krebsentstehung steigt. Diese Vorstellung führte unter anderem dazu, dass die Weltgesundheitsorganisation WHO die Nachtschichtarbeit als „wahrscheinlich karzinogen“ einstufte. Sie benannte als wesentlich ursächlichen Teilaspekt die Unterdrückung von Melatonin durch Licht.

Somit war die Behauptung, dass das Leuchtstofflampenlicht Krebs erzeuge, nicht richtig, aber auch nicht falsch. Licht in der Nacht war das Problem. Aber nicht jedes Licht, sondern das Licht, das Melatonin unterdrückt. Falsch war die Behauptung der medizinischen Gutachter, das Auge könne nicht zwischen unterschiedlichen Spektren unterscheiden. Heute gibt es sogar eine international genormte Berechnungsweise der fraglichen Wirkung, die mittlerweile melanopisch heißt, die im Wesentlichen auf dem Spektrum beruht. Diese habe ich mehrfach kommentiert (z.B. hier und dort).
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Ein internationales Gremium aus Chronobiologen hat dementsprechend postuliert, dass in den Abendstunden nur wenig Licht herrschen darf, und in der Nacht praktisch keines (mehr hier). Diese wunderbare Lösung würde aber nur funktionieren, wenn man nachts bei der Arbeit kein Licht bräuchte. Oder man beleuchtet die Arbeitsstätten mit einem Licht, das die Entstehung von Melatonin nicht stört. Die Computer und die Handys muss man zudem ohne Bildschirm betreiben. 

Diese brillante Idee sollte ein Forschungsprojekt umsetzen, an dem namhafte Unternehmen der Lichtindustrie nebst einem Leibnitz Institut für Plasmaforschung beteiligt waren. Der Name war Programm: PLACAR - Plasma LAmpen für CirCAdiane Rhythmen. Das Projekt wurde durch das BMBF gefördert (BMBF FKZ: 13N8968).

Mir gefiel die Idee sehr gut und ich versuchte über Jahre Informationen dazu zu finden. Obwohl ich viele Beteiligte persönlich kenne, blieben die Versuche, Infos zu bekommen, fruchtlos. Die gesamte Geschichte des Projekts und meiner Recherchen habe ich unter „PLACAR – Die letzte Plasmalampe“ zusammen gefasst (hier).

Kurz und bündig gesagt – PLACAR ist nahezu spurlos verschwunden, ebenso wie die Firma, die sie bauen sollte. Diese gibt es nicht mehr. Leider gilt die Aussage nicht für das Problem: Licht zur falschen Zeit steht immer noch im Verdacht, die Krebsentstehung zu begünstigen.
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Die internationale Vereinigung der lichttechnischen Gesellschaften CIE hatte diesbezüglich im Jahre 2015 mit einem Memorandum die Parole ausgegeben: "Richtiges Licht zum richtigen Zeitpunkt" (hier). Diese hat sie im Jahre 2019 fast gleichlautend wiederholt (hier). Die letzte Ausgabe des Memorandum vom Jahre 2024 klang allerdings sehr kleinlaut (hier).

Nunmehr findet die CIE fast nur Fragen statt Antworten. So z.B.
„Die Empfehlung für den Abend, drei Stunden lang nicht mehr als 10 lx melanopisches EDI am Auge zu haben, lässt sich möglicherweise nur schwer mit den individuellen Anforderungen an die Sichtbarkeit bei der Arbeit vereinbaren, insbesondere bei Personen mit eingeschränkten Sehfähigkeiten. (zu EDI und M-EDI hier)

In Klartext: Seit 10 Jahren proklamiert das höchste Gremium der Welt für Licht und Beleuchtung das Ziel, tagsüber und nachts andere Beleuchtungsverhältnisse herzustellen, weil ansonsten die Gesundheit des arbeitenden Menschen in Gefahr wäre. Was macht sie daraus? Sie erstellt eine global geltende Beleuchtungsnorm “ISO/CIE 8995-1:2025-01 - Licht und Beleuchtung - Beleuchtung von Arbeitsstätten - Teil 1: Innenräumen”, als hätte sie noch nie etwas von "Richtiges Licht zum richtigen Zeitpunkt" gehört. Es bleibt allerdings nicht beim Alten. Denn die für die Arbeitsplätze empfohlenen Lichtwerte werden u.U. um das Doppelte erhöht. (mehr dazu hier "Nicht nur unnütz – Gefährlich obendrein"). Über den Sinn von globalen Normen zur Beleuchtung hatte ich meine Meinung hier dargestellt. 

Wenn etwas gefährlich sein soll, muss man davon mehr einsetzen?

Die Sache ist allerdings noch schlimmer. Denn die besagten Wirkungen werden in ISO/CIE 8995-1 behandelt – eine halbe Seite (aus 113) im informativen Anhang. Das richtige Licht zum richtigen Zeitpunkt …, der nie kommen wird? (mehr hier)

Licht und Ergonomie

15.07.2025
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Manche Dinge finden sich nicht zueinander, obwohl man sie fast immer im gleichen Kontext vermuten darf. Überraschenderweise gilt dies für Beleuchtung und Architektur, allerdings erst seit etwa 1925. Da half nicht einmal, dass der Staat im Dritten Reich Lichttechniker und Architekten zur Zusammenarbeit zwingen wollte. Er hatte nämlich vor, die Leistung des deutschen Arbeiters mit Hilfe der Beleuchtung zu steigern (s. hier). Dazu gründete der Staat eine Behörde, die auf den seltenen Namen “Schönheit der Arbeit” hörte. Deren Chef, der später Kriegsminister werden würde, Albert Speer, wusste als Architekt von der Bedeutung des Lichts. Er ließ sogar einen Spielfilm dazu drehen, das einfach “Licht” hieß. Mehr zu dem Thema hier)

Jahrzehnte später, Speer war schon 10 Jahre tot, saß ich zufällig  mit einem Architekturprofessor und dem Geschäftsführer des DIN-Normenausschusses Bauwesen (NABau) an einem Kindergeburtstag und erzählte ihnen, dass die Normen für Lichttechnik und für das Bauwesen unkoordiniert miteinander entstünden. Beide Herren erschraken und wollten dagegen sprechen, taten es aber lieber nicht. Dem war so.
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Dass es dem so war, hatte ich beim Studium im Fachbereichs Umwelttechnik der TU Berlin gelernt. Zur Zeit seiner Gründung gehörten Lichttechnik und Akustik, die ich studierte, neben den Instituten für Architektur dazu. Uns war es damals nicht gelungen, unsere Vorlesungen und Laborübungen Architekturstudenten schmackhaft zu machen. Deswegen war ich später zu Arbeitswissenschaft und Ergonomie migriert, weil mein Doktorvater glaubte, dort bessere Forschungsbedingungen zu Wirkungen des Licht auf die Arbeit vorzufinden. Klarer Fall von Denkste!

So freute ich mich 1981 wahnsinnig über das Buch Human Factors in Lighting von Peter Boyce. Human Factors ist das amerikanische Synonym für Ergonomie. Nach langer Suche fand ich in dem Buch aber nichts zur Ergonomie. Auch die dritte Ausgabe des Buches (2014) ließ Ergonomie missen. Unter dem Akronym IEA (eigentlich International Ergonomics Association) führt Boyce International Energy Agency an.
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Insbesondere bezüglich Tageslicht glänzten alle besagten “Wissenschaften” durch Nichtwissen. So hatte das Standardwerk IESNA LIGHTING HANDBOOK (2006) der US-amerikanischen Lighting Engineering Society für Tageslicht und Human Factors gerade mal eine halbe Seite (von 1002) übrig.

Ich habe versucht, die Lücke zu füllen, angefangen bei den Begriffen (hier). Im Rahmen eines Projektes Tageslicht (Tageslicht nutzen – Bedeutung von Dachlichtöffnungen für Ergonomie, Architektur und Technik), bei dem ein hervorragender Architekt und ein Institut für Bauwesen beteiligt waren, habe ich mit meiner Frau zusammen die Ergonomie des Lichts behandelt, dessen Bericht hier zum Download steht. Die beiden anderen Teilberichte sind in dem Buch enthalten (hier )

Irgendwie verwunderlich, dass man im Jahre 2025 diese Aspekte in Erinnerung rufen muss, wo doch die fundamentale Arbeit zu Tageslicht und Arbeitswelt schon Ende der 1960er-Jahre geschrieben worden war. Damals war ich noch Zuschauer. Die Arbeit war das Werk von Ellen Collingro und Georg Roessler, der Ideengeber und Betreuer Prof. Jürgen Krochmann. Das Ergebnis steht kurz und bündig seit 1975 in der Arbeitsstättenverordnung: Arbeitsräume müssen eine Sichtverbindung nach außen haben. Die Langfassung in ihrer letzten Form (Technische Regeln für Arbeitsstätten - Beleuchtung und Sichtverbindung - ASR A3.4, Ausgabe Mai 2023) ist hier abrufbar.