Was erzählt man Leuten, die mit Stoffen umgehen, mit Stoffen, aus denen man Möbel macht, oder Kleider, mit Stoffen, mit denen man seine Räume wohnlich macht? Als ich ein Kind war, ging meine Mutter mit mir einkaufen. Häufig kaufte sie Stoffe, Knöpfe oder Nähseide ein, aus denen später Anzüge, Röcke oder Blusen wurden. Sie kaufte zunächst den Stoff ein, danach erst die "Zutaten". Diese legte sie im Laden auf den Stoff und beobachtete alle zusammen. Dann ging sie damit vor die Tür. Sie stellte sich mal in die Sonne mal in den Schatten. Warum sie so handelte, lernte ich nach vielen Jahren Studium. Es handelt sich um eine Geschichte der Lichtqualität.
Seit dem Ende der 1960er Jahre, einer Ära, in der man sich auf einen endgültigen Abschied vom Tageslicht in der Architektur geeinigt zu haben schien, vollzieht sich eine phänomenale Kehrtwende. Experten des Lichts erkennen, was der Laie schon immer wusste: Das Sonnenlicht ist der Stoff, aus dem Leben gemacht wird. So weit, so gut!
Die Techniker des künstlichen Lichts haben sich viele Jahrzehnte bemüht, das Tageslicht zu simulieren. Tageslichtersatz wurde aber nie mehr als nur Ersatz. Kein Wunder, man wusste ja nicht, was man da simulieren wollte. Genau genommen wissen wir auch heute nicht, welche Eigenschaften des Tageslichts es zum „Stoff des Lebens“ machen. Was macht die Qualität des Tageslichts aus?
Während man auf eine allgemeine Antwort auf diese Frage vermutlich noch lange warten wird, gibt es Antworten bezüglich spezifischer Qualitätsmerkmale des Lichts, die jeden interessieren, der mit Textilien umgeht, sei es als Macher, sei es als Verbraucher. Sie hängen eng zusammen mit Farbe, Farbwiedergabe, Farbkonstanz u.ä.; kurz gesagt mit dem Spektrum des Lichts.
Anders die Sichtweise der Lichttechnik, die sich vornehmlich mit Helligkeiten beschäftigt. Ihre Grundgrößen (z.B. Beleuchtungsstärke und Lichtstrom) sind vom Spektrum des Lichts „befreit“. In der Beleuchtungstechnik wird sogar häufig die Einfallsrichtung des Lichts ignoriert. „Lux“, die Einheit der Beleuchtungsstärke, enthält keine Auskunft über die Einfallsrichtung des Lichts. Sogar etwas weiter geht die Energieeffizienz, bei der nur die Menge der Energie eine Rolle spielt, die in dem Licht enthalten ist. Wo sie her kommt und wie sie beschaffen ist, spielt kaum eine Rolle.
Bereits bei der Definition des Begriffs „Licht“ sind zwei lebenswichtige Teile des Tageslichts außer Acht gelassen worden: Ultraviolett und Infrarot. Durch das Bemühen um Energieeffizienz der Gebäude wird auch der sichtbare Teil des Spektrums durch die modernen Fenstergläser beschnitten und zuweilen zusätzlich insgesamt um die Hälfte oder mehr herabgesetzt. Während ein einscheibiges Fensterglas ca. 90 % des einfallenden Lichts farbneutral durchlässt, weisen manche modernen Fassaden nur noch 30% Transmissionsgrad auf und verfälschen zudem das sichtbare Spektrum.
Das Tageslicht im Innenraum ist nicht nur in seiner Intensität um ca. 2 Zehnerpotenzen gegenüber dem im Freien geschwächt, sondern wichtigen Bestandteilen beraubt und häufig spektral verfälscht. Während der Intensitätsverlust nach unserer Lebenserfahrung noch erträglich scheint, weil wir uns auch mal draußen aufhalten, fallen die Veränderungen des Spektrums durch Verfälschen von Farben stärker ins Gewicht. Keine gut klingenden Erkenntnisse für eine Branche, die wie kaum eine andere von Farbe lebt.
Heute fiel mir ein Beitrag von mir in die Hände, den ich für einen Kongress verfasst hatte, der sich mit Licht und Lebensqualität befassen sollte. Bekanntlich beleuchtet man Arbeitsumgebungen fast immer mit "weißem" Licht, es sei denn, der Arbeitsprozess zwingt einen dazu, eine andere Beleuchtung zu wählen. Kann man sich vorstellen, dass auch Arbeitsräume "farbig" beleuchtet werden? Nicht als Demo, sondern um die Wahrnehmung zu unterstützen?
Mein Ergebnis war ernüchternd, weil unser Instrumentarium, mit dem wir Licht bewerten, nicht einmal zur Berücksichtigung der Farbe ausreicht. Und das, obwohl die Farbe mit Sicherheit die wichtigste Eigenschaft unserer visuellen Umgebung ist. Hinzu kommt, dass auch die circadiane Wirkung des Lichts bei dessen Bewertung unberücksichtigt bleibt. Man hat zwar die "melanopischen" Wirkungen definiert, um deren Berücksichtigung zu forcieren. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass allzu viele Fachleute begeistert sind.
So wird wohl "Helligkeit" noch lange die Währung sein, mit der in der Lichttechnik bezahlt wird.
Beitrag abrufen: Farbig-dynamisch
In Heft 2/2014 der 3lux letters (mehr hier) schreibt Brigitte Holzinger (mehr zu Dr. H. hier) über Lichtfarben und deren Wirkung. Auch wenn manche eher skeptisch reagieren würden: Das Auge ist zwar der Ort, wo Lichtereignisse in Bilder umgewandelt werden, aber das Sehen von Bildern ist beileibe nicht die einzige Funktion des Auges, und das Auge ist nicht der alleinige Träger von lichtempfindlichen Zellen.
Frau Holzinger schreibt: "Heute wissen wir, dass Licht nicht nur von spezialisierten Nervenzellen im Auge wahrgenommen wird, sondern dass fast jede Nervenzelle auf Lichtimpulse reagieren kann. Verarbeitet werden Lichtimpulse allerdings nur durch drei Typen von Nervenzellen (= Fotorezeptoren): den Stäbchen und Zapfenzellen sowie den fotosensitiven Ganglienzellen der Netzhaut. Stäbchenzellen sind spezialisiert auf das Hell-Dunkel- Sehen wie beispielsweise in der Dämmerung und in der Nacht, die Zapfenzellen ermöglichen uns das Wahrnehmen von Farben tagsüber. Die sogenannten fotosensitiven Ganglienzellen hingegen reagieren ganz allgemein auf Lichtimpulse und sind direkt mit den kortikalen Zentren zur Steuerung des Biorhythmus und der „inneren Uhr“ verbunden. Aber es könnten durchaus noch andere Nervenzelltypen, etwa in der Haut oder – wie vor einigen Jahren behauptet – in der Kniekehle, Lichtimpulse weiterleiten. Nachgewiesen werden konnte etwa, dass Nervenzellen, die über spezielle Opiatrezeptoren verfügen, selektiv auf Lichtimpulse reagieren und dass sich so die Stimmung verbessern lässt."
Der Artikel ist ein flammendes Plädoyer für die weitere Erforschung von Lichtwirkungen. Vielleicht schaffen wir es, aus dem Schatten des großen Erfinders, Thomas A. Edison, herauszutreten, dessen Vermächtnis es war, das elektrisches Licht so billig sein muss, dass nur noch Reiche sich Kerzenlicht leisten können bzw. wollen, und es darf nicht blenden. So haben Generationen von Lichtforschern mit vollem Eifer über einhundert Jahre Blendungsforschung betrieben. Und wo sind sie angekommen? Zu Beginn von manchen Märchen findet sich eine solche Phrase "Er lief Tag und Nacht, über Stock und Stein, wanderte über Bäche und Hügel, als wandle er in der Ebene. Als er zurück schaute, sah er, dass er einen Gerstenkorn weit gekommen war."
Beitrag download (gesamtes TRILUX-3luxletters)
"Exklusiv-Konzerte für den Porsche-Club, Product Placement für LED-Leuchten: Die Sixtinische Kapelle sorgt mit neuen Vermarktungsstrategien für Befremden. Dabei ließe sich das vatikanische Gotteshaus für noch viel tollere PR-Aktionen nutzen."
So lautet der Kommentar von Stefan Schultz vom 31.10.2014 zum Thema deutsches Licht in der Sistina. Und es geht so weiter: "Die Sixtinische Kapelle durchläuft dieser Tage einen bemerkenswerten Wandel. Eine betuchte Reisegruppe des Porsche Travel Clubs mietete das weltberühmte Gotteshaus unlängst als exklusiven Konzertsaal. Und die Münchner Firma Osram nutzt es neuerdings als Showroom für 7000 LED-Lampen, die UV-frei, energiesparend und PR-trächtig das Tonnengewölbe des Heiligtums erleuchten."
Hier kann man den ganzen Artikel lesen, der als Glosse klassifiziert wurde. Ich denke eher nicht. Er endet so: Und im Tonnengewölbe wäre neben all den Osram-Leuchten sicher noch Platz für eine Dunstabzugshaube von Whirlpool. Slogan: "Entfernt weißen Rauch - und schwarzen auch. Whirlpool, Ihr Partner für jede Konklave." (Rechtschreibung original).
Mir ist egal, wofür ein Heiligtum vermarktet wird, sofern es nicht zerstört wird. Was hatte Michelangelo Buonarroti im Sinn, als er die Kapelle bemalte? Was hatten die anderen Künstler im Hinterkopf, als sie sich hier verewigten? Sandro Botticelli, Pietro Perugino, Domenico Ghirlandaio, Cosimo Rosselli, Biagio d’Antonio und Luca Signorelli … Er soll jedenfalls keine künstlerischen Helfer akzeptieren wollen, sondern nur Handlanger. Ich denke, die waren auch Maler - gewerbliche. 520 Quadratmeter über Kopf gemalt! Hat er jemals daran gedacht, dass alles mit 7000 Lampen angeleuchtet würde? Oder eher an Kerzen und Fackeln? Botticelli und LED?
Wer kennt das Bild nicht: Viele alte Männer ziehen in einen Kirchenraum (Sixtinische Kapelle) ein, um einen noch älteren Mann zu krönen, Pardon, zum Papst zu wählen. Niemand darf aus dem Konklave berichten. Alle Handys werden von Zerberussen am Eingang abgenommen. Nicht einmal das iNet (die intergalaktische Version von Internet) kann die Störsender im doppelten Boden durchdringen. Von besonderer Bedeutung sind die zwei kleinen gusseisernen Öfen in einer Ecke der Kapelle. In einem werden nach jedem Wahlgang die Stimmzettel verbrannt, in dem anderen mit Hilfe von Chemikalien der weiße oder schwarze Rauch erzeugt. Der Rauch zeigt der Außenwelt das Ergebnis des Wahlgangs an. Durch ein Ofenrohr und den eigens montierten Schornstein auf dem Dach der Kapelle wird dieser nach draußen geleitet (hier). Zwar haben alle Teilnehmer (Kardinäle) einen direkten Draht nach oben. Aber der Herr, der über uns weilt, denkt nicht daran, die Presse zu informieren. (Auch wenn manche Vertreter der Presse anderer Meinung sind.) Nur solchen bizarren Persönlichkeiten wie George W. Bush soll er Nachrichten direkt zukommen lassen.
Kein Wunder, dass niemand weiß, wie es im Innern zugeht. Ich kann es mir vorstellen. In Rom ist es häufig sehr heiß. Die Sixtinische Kapelle hatte früher nicht einmal eine Klimaanlage. Die letzte, die 1994 eingebaut worden war, hat öfter mal die Waffen gestreckt. oder sie wurde abgeschaltet, weil einige der alten Herren sich über Zugluft beklagten. Das alles wäre nicht so schlimm, aber das Schummerlicht. Der alte Leonardo, Kollege von Michelangelo, hatte zwar alles Mögliche erfunden, elektrisch Licht hatte er aber ausgelassen. So schummerte die Kapelle vor sich hin, und mit ihr die Kardinäle. Manchmal 1005 Tage lang (längstes Konklave). Man kann sich vorstellen, wie sich die Riege der alten Männer langsam seitwärts in die Trance bewegt haben muss.
Vorbei! Wie Bild vorgestern berichtet hat, erleuchtet jetzt deutsches Licht die sixtinische Kapelle (hier oder dort). Und wo es was auch immer erleuchtet, werden alte wie junge Geister hellwach. So hat sich eine Lichtfirma auf Altenheime spezialisiert, wo sie mit viel Licht den Alltagsmief vertreibt, während eine andere sich Schüler vorgeknöpft hat, die durch blaues Licht intelligenter und agiler werden. Es finden sich "Wissenschaftler", die das Ganze auch noch in wissenschaftliche Journale schmuggeln.
Künftig werden die Kardinäle nicht mehr rammdösig ihre Stimmzettel ausfüllen, die anschließend verbrannt werden. Die Kapelle ist mit deutschem Licht erleuchtet, und das macht bekanntlich intelligent. (siehe. z.B. hier und dort). Wer Papst werden will, muss entweder einen Kursus im Präsentieren absolvieren (einschließlich Powerpoint) und vor dem Auftritt stundenlang in die Maske gehen, und/oder eine starke Brille ins Gesicht setzen (s. Alexander Dobrindt vor und nach seiner neuen Brille).
Es steht zu befürchten, dass die Kardinäle nur noch jung-dynamische Figuren auf den Papstthron erheben. Es könnte sogar noch schlimmer kommen, dass sie eine Frau wählen. (soll zwar vorgekommen sein, aber die Päpstin Johanna hat ihr Geschlecht genauso versteckt wie die Pharaonin Hatshepsut oder die Piratin Anne Bonny). Während die Kirche gelernt hat - sie führte die Papstprobe auf einem Stuhl mit einem Loch in der Sitzfläche ein -, arbeiten die Piraten immer noch nach ihrem alten Muster. Alle Menschen sind klug. Die einen vorher, die anderen nachher.
Was noch alles anders wird, wenn die Kardinäle durch bläuliches Licht aufgeweckt werden, kann man kaum ausmalen. Wenn man John Ott glaubt, das ist der Erfinder von true light, hatte das Flimmern der Fernsehbilder Ende der 1960er Jahre den Aufstand der Jugend in den USA gegen den Vietnam Krieg verursacht (kein Scherz, steht in seinem Buch geschrieben). Als man dann andere Röhren einsetzte, war es aus mit dem Aufstand. Was der amerikanischen Jugend recht ist könnte der katholischen Altersgarde billig sein. Übrigens, die Firma, die Personal Light anbietet, hat ein Panel zum Steuern des Verhaltens mitgeliefert. Darauf steht …Aktivieren … Konzentrieren … Beruhigen!
Wie man an unserem geliebten Verkehrsminister erkennen kann, kann man auch ohne blaues Licht intelligenter werden. Ob er die Einsicht in die schwierigste Materie, die je ein deutscher Minister zu lösen hatte, Ausländer zur Kasse, Pardon zur Maut, bitten, ohne Ausländer zu diskriminieren, mit oder ohne blaues Licht hatte, verrät nicht einmal die Bild-Zeitung. Vielleicht reicht die Einhornbrille. Das Panel mit …Aktivieren … Konzentrieren … Beruhigen! nimmt er immer mit nach München, wenn er zum Chef muss.