02.07.2012
Gestern musste ich über die neue Arbeitsstättenverordnung sinnieren. So neu ist sie auch wieder nicht, aber sie ist vielen immer noch fremd, obwohl sie 2004 veröffentlicht wurde. Die Mitarbeiter der DGUV, so heißen die ehemaligen Berufsgenossenschaften heute, die den Betrieben auch mal Auflagen machen müssen, können sich nicht mehr auf die ArbStättV berufen, in der z.B. zu lesen stand: „Die freie unverstellte Fläche am Arbeitsplatz muß so bemessen sein, daß sich die Arbeitnehmer bei ihrer Tätigkeit unbehindert bewegen können. Für jeden Arbeitnehmer muß an seinem Arbeitsplatz mindestens eine freie Bewegungsfläche von 1,50 m² zur Verfügung stehen. Die freie Bewegungsfläche soll an keiner Stelle weniger als 1,00 m breit sein.“, sondern „Die freie unverstellte Fläche am Arbeitsplatz muss so bemessen sein, dass sich die Beschäftigten bei ihrer Tätigkeit ungehindert bewegen können.“ Die Maße sind also entfallen. So etwas nennt man Deregulierung und sie soll Leuten helfen, die von Vorschriften stranguliert wurden. Tolle Sache! Wie sie funktionieren kann, sieht man an den Banken. Durch die Deregulierung der Finanzmärkte hatten sie endlich die Freiheit, nicht nur sich selbst zu versenken, sondern etliche einst stolze Volkswirtschaften mit. Die allergrößte Volkswirtschaft aller Zeiten wackelt immer noch. So musste dieser Tage unsere die Freiheit über alles liebende FDP einer neuen Steuer zustimmen, die Jürgen Trittin im Bundestag mit den Worten kommentierte: „Das ist, als wenn der Papst mit Volker Beck auf Christopher Street Day für sexuelle Selbstbestimmung demonstriert.“ Die grenzenlose Freiheit der Banken dauerte keine zwei Jahrzehnte. Seit 2008 versuchen die Großkopferten der Politik, die Trümmer wegzuräumen. Mal sehen, welche Leichen noch drunter liegen.
Die Täter, die die ArbStättV hingerichtet haben, heißen Edi Stoiber und Wolfgang Clement. Ausgenutzt haben sie die Tatsache, dass die Bundesrepublik Deutschland für drei Jahre keinen Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung hatte. Clement war Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit und verstand seine Aufgaben genau in dieser Reihenfolge. (Mehr über sein Leben nach dem Austritt aus der SPD in Lobbipedia.) Zwar gilt die Neufassung der ArbStättV auch als Novum, weil sie viele überflüssige Festlegungen beseitigte und stattdessen die Gefährdungsanalyse einführte. Wenn man aber lang erprobte Bestimmungen wie "Verkehrswege für Fahrzeuge müssen in einem Abstand von mindestens 1,00 m an Türen und Toren, Durchgängen, Durchfahrten und Treppenaustritten vorbeiführen." durch "(4) Verkehrswege für Fahrzeuge müssen an Türen und Toren, Durchgängen, Fußgängerwegen und Treppenaustritten in ausreichendem Abstand vorbeiführen." ersetzt, erzeugt man innerbetriebliche Diskussionen, die am Ende wieder bei einem Meter enden.
Bei der Renovierung der ArbStättV wurden nicht nur so überflüssige Maße wie die Breite des Bewegungsraums beseitigt. Wer braucht denn so was? Auch ein Alleinstellungsmerkmal der Republik fiel ihr zum Opfer: Die BRD ist das einzige Land der Erde gewesen, in dem jeder Arbeitnehmer ein gesetzlich verbrieftes Recht auf freie Sichtverbindung nach außen hatte. Seit 2004 gilt das nicht mehr. Wozu auch? Clements Klientel, z.B. die Leiharbeitsbranche, braucht keine Gesetze, die Leute begünstigen, die den ganzen Tag aus dem Fenster gucken. Das sollen die abends zu Hause. Mal sehen, wie lange der Staat es durchhält, dass alle Deutschen gegen die Abschaffung der Sichtverbindung sind, deren Bedeutung höchstrichterlich bestätigt wurde.
So ganz ist der Coup doch nicht gelungen, die neue Vorschrift heißt immer noch „3.4 Beleuchtung und Sichtverbindung“. Von Sichtverbindung nach außen ist indes leider, leider keine Rede mehr. Vielleicht darf man in die Röhre gucken? Das tut ein Arbeitnehmer sicherlich, wenn er klagt.
Eigentlich schade, denn als der Herr Ex-Bundesminister noch politischer Redakteur, Ressortleiter und stv. Chefredakteur der Westfälischen Rundschau war, hatte das Bundesland, das er später als Minister und Ministerpräsident lenken sollte, NRW, meinem früheren Chef, Prof. Jürgen Krochmann, viel Geld gegeben, um die Kommunikation mit der Außenwelt zu untersuchen. Die betreffende Studie haben Zeitgenossen auch mal als Zeitenwende bezeichnet.
Und? Was bringt u8ns das? Als das besagte Projekt lief, glaubte man andernorts und in der Wissenschaft, Fenster seien überflüssig, und nicht nur in Amerika, dem Land der unbegrenzten Absurditäten, sondern sogar in Berlin wurden Schulen ohne Fenster gebaut. NRW hingegen wollte eine gute Begründung für Fenster haben. Sie wurde geliefert und kam eben in die ArbStättV von 1975. Anderswo hat man sogar noch schlagkräftigere Argumente pro Sichtverbindung erarbeitet: Sowohl aus Korea als auch aus den USA gibt es Studien, die nachgewiesen haben, dass die Qualität der Aussicht nach außen die Heilung von Kranken beschleunigt, den Krankenhausaufenthalt verkürzt und den Konsum an Schmerzmitteln reduziert. (R.S. Ulrich: View through a window may influence recovery from surgery)
Bei so vielen gegenläufigen Erkenntnissen eine Vorschrift abzuschaffen, war mit Sicherheit nicht dadurch motiviert, dass dem Arbeitnehmer gedient werden sollte. Dem Arbeitgeber nützt die sicherlich auch nicht, weil auch der sich Sorgen um die Sicherheit und Gesundheit seiner Mitarbeiter macht. Bleibt die „Wirtschaft“! Wenn man Kranke mit guter Aussicht heilt, bzw. Gesunde gesund hält, wie füllt man die Krankenhäuser und die Kassen der Pharmaindustrie? Kleiner Scherz – der Minister war nie Lobbyist von Bayer Leverkusen, sondern eher des russischen Beratungsunternehmens Energy Consulting – und solche Unternehmen verloren eher durch die neue ArbStättv. Die schreibt nämlich Tageslicht als Beleuchtung vor. Damit spart man Energie. Wie kommt diese aber ohne Fenster in die Arbeitsstätte? Wie es geht, steht in „Das Lalenbuch. Wunderseltsame, abenteuerliche, unerhörte und bisher unbeschriebene Geschichten und Taten der Lalen zu Laleburg“ geschrieben. Das Buch erschien später mit anderem Titel, der den gemeinten Streich genau bezeichnet. Auch Leute, die nie etwas von Lalebuch gehört haben, wissen, was ein Schildbürgerstreich ist.
10.06.2012
Gerade hatte ich gelesen, dass Einstein doch recht hatte. Es kamen mir aber Zweifel, als ich vor seinem Haus in Caputh stand. Er kann nicht recht gehabt haben. Recht behalten hat er mit seiner Behauptung, nichts auf der Welt, i wo, im Universum, könne schneller sein als Licht. Die Leute in CERN - das sind die, deren Versuchsanlage LHC so mächtig ist, dass Wissenschaftler glaubten, sie sei die Weltmaschine und könnte auch deren Ende, der Welt meine ich, einläuten -, hatten letztes Jahr behauptet, Teilchen entdeckt zu haben, die schneller flögen als Licht es erlaubt. Sie haben vorgestern den Schwanz eingezogen. Die Weltmaschine hatte wohl einige Justierprobleme. Oder, die Gelehrten suchten nach der dunklen Materie, die sich halt den intergalaktischen Gesetzen entzieht. Ehrlich!
Vor zwei Jahren hatte es noch geheißen, wegen CERN drohe der Weltuntergang. Das dort erzeugte Schwarze Loch könnte das Universum verschlingen. Welt Online hat dann die Gemüter beruhigt: „Wegen CERN-Start droht nur Mini-Weltuntergang“, hieß es am 30. März 2010. Und der Chef von CERN hat ausgesagt, es könnten nur sehr kleine schwarze Löcher entstehen. Da war ich beruhigt und hörte auf, meine Konten zu plündern. Dann kam aber doch der Weltuntergang, für die aus CERN. Sie mussten bestätigen, dass Neutrinos doch nicht schneller sind als Licht.
Ich will eine - zugegebenermaßen eigenwillige - Erklärung abgeben. Die in CERN hätten doch recht, wenn man Licht nicht im Universum misst, sondern bei Albert vor der Haustüre. Diese Laterne steht exakt vor seinem Grundstück an der Gartentür. Der Dreck darin und darauf setzt die Lichtgeschwindigkeit, wenn nicht bereits auf Null - erheblich herab. Wenn die CERNäsen ihre Neurionos hier gemessen haben, könnten sie recht haben. Denn Dreck und tote Fliegen sind der Lichtgeschwindigkeit ihr Tod.
Spaß beiseite, wie sieht es mit der Praktikabilität einer der Säulen der Beleuchtungstechnik aus, mit dem Wartungsfaktor? Wenn die Einsteinsche Laterne der Realität entspricht, ist es mit dem Realitätssinn in der Lichttechnik nicht weit her. Was ist aber mit dem Realitätssinn der Lichtkunden? Sind die so dumm, dass ihnen nicht auffällt, dass sie ihr Geld in den Schornstein jagen, wenn sie ihre Lampen nicht putzen? Ganz oben ist ein wenige Wochen altes Bild aus dem Münchner Flughafen. Zeigt, wie Energiesparlampen Energie sparen - nämlich überhaupt nicht. Eine ist tot, und spart 100% Energie, die andere krepelt vor sich rum, und vergeudet 90% Energie, die dritte macht ihrem Namen alle Ehre, und leuchtet um die Wette mit der Sonne. Die Lampe rechts ist zwar nicht tot, die Fliegen darunter, die das Licht filtern, sind es aber. Luxus morbidus - wie es die Lateiner zu sagen pflegten, als sie noch nicht gut Latein konnten.
Da wird manch einer argumentieren, noch weniger Licht käme durch die toten Fliegen durch, wenn da eine Glühlampe wäre. Stimmt aber nicht. Erstens fliegen Fliegen weniger gerne zu Glühlampen als zu diesen. Zweitens passt die Lichtfarbe besser zu den toten Fliegen. Was die Insekten von Leuchtstofflampen halten, sieht man unten. Sie lieben sie.
Was der allgemeine Dreck von der Lichttechnik hält, ist besser bekannt als meine Bilder: Sehr, sehr viel. Deswegen war er begeistert, als Klimaleuchten erfunden wurden, durch die man verunreinigte Büroluft an Lampen und Optiken vorbeisaugt. Da findet jedes Partikelchen Schmutz ein warmes Plätzchen. Unsere Idee, Leuchten wartungsfreundlich zu bauen, hat indes bislang nur ein Hersteller umgesetzt. Hätte ich eine böse Zunge, würde ich behaupten, die Hersteller wollten ihre Rendite sichern. Denn ein schlechter Wartungsfaktor = mehr Umsatz mit Leuchten. Wer wird aber schon so böse denken?

29.05.2012
Im März 2012 wollte ich unbedingt einen Beitrag schreiben, den ich aber leider vergessen habe. Heute wurde ich daran erinnert. Die Sache liest sich wie eine Wunderheilung. Ein Wunder ist es schon, aber ein reales. Mit Licht gegen den Schmerz, heißt die Devise.
Auf der Tagung „Licht und Gesundheit“ der TU Berlin wurde der Arnold Rikli-Preis für photobiologische Forschung an einen Medizinprofessor verliehen, Prof. Suschek, der dazu einen sehr netten Vortrag gehalten hat. Was er vorgetragen hat, hört sich wirklich wie eine Wunderheilung an. Sie erfolgt über die Haut und mit Hilfe von blauen LEDs. Und dient der Behandlung der Schwachstelle des menschlichen Körpers - nein, nicht seines Denkvermögens, sondern des Rückens. Der Preis für den aufrechten Gang, den wir entrichten müssen, fällt in diesem Fall sehr hoch aus. Rückenschmerzen sind der Fluch der aufrechten Haltung.
Die Wirkung erfolgt über die Anregung von körpereigenen Prozessen und völlig ohne fremde Substanzen. Für mich ist es das zweite Wunder nach der Therapie mit roten LEDs, das mir bekannt wurde. Die setzt man von der Knochenheilung bis zur Krebstherapie zu vielen Behandlungen ein.
Am besten liest man über das Wundermittel die Originalquellen. Die sind zwar mit dem Namen einer Firma versehen, womit ich hier Werbung für sie mache. Diese wird aber nicht bezahlt. Warum soll man nicht für eine Idee Werbung machen, auch wenn andere damit Geld verdienen? Die Ehre, aus einer Anzeigelampe ein Heilmittel gemacht zu haben, muss doch gepriesen werden.
Hier ist die Forschungshistorie, die mehr als nur Rückenschmerzen anführt
http://www.led-schmerztherapie.de/forschungshistorie-blaues-led-licht/
Hier findet man Presseinformationen
http://www.led-schmerztherapie.de/publikumspresse/
Hier können sich Ärzte einloggen
http://www.led-schmerztherapie.de/aerzte-fachpresse/
Hier erklärt Prof. Suscheck sein Rezept
https://www.zukunftstechnologien.info/life-sciences/mit-licht-gegen-den-schmerz/
28.05.2012
Kann ein Pathologe anhand der vielen Leichen, die er seziert hat, erklären, wie das Leben funktioniert? Bestimmt nicht. Er sagt im Krimi immer aus, wie einer zu Tode gekommen ist - umgekehrt geht es wohl nicht. (Für Freunde der korrekten Ausdrucksweise: Dieser Pathologe ist ein Forensiker)
In der Technik versucht man es doch. Man teilt etwas Ganzes in seine Bestandteile auf und behandelt jedes Element für sich. So kann der eine Ingenieur erklären, wie ein Kolben funktioniert, der andere wie eine Kurbelwelle. Kann man aus beiden lernen, wie ein Auto funktioniert? Nein. Man muss alle Teile gemeinsam betrachten können. Der Pathologe könnte seinen Beruf nie ausüben, ohne lebende Menschen studiert zu haben. Und der Kolbenbauer wird nie ein guter, wenn er sich nicht verinnerlicht hat, wie ein Motor funktioniert. Man wird zuerst Mediziner bzw. Konstrukteur, um später Pathologe oder Kolbenbauer zu werden.
So ähnlich geht es in der Beleuchtung zu. Ein Lichtplaner, der Architektur studiert hat, wird zum einen wissen, wie Farben entstehen. Und zum anderen, wie man Formen und Oberflächen beleuchtet, damit sie gefällig aussehen. Helligkeit, Form, Farbe und Glanz, sind für den Architekten wie für den Autodesigner eins, so sie den Umgang mit der visuellen Kommunikation gelernt haben. (Wenn nicht, gibt es andere Berufe, die man in Erwägung ziehen sollte.)
Was aber, wenn man die vier Aspekte (Form, Helligkeit, Farbe und Glanz) zerlegt und jeweils einer Gruppe von Menschen zuordnet, für die der Rest - sagen wir mal unfein - schnuppe ist? Das ist just der Zustand, den wir in der Beleuchtung tagtäglich erleben:
Glanz ist zwar nicht völlig schnuppe, aber Teufelszeug. Dazu sagt man apodiktisch, nichts darf glänzen, alles muss matt sein. Wenn es doch nicht so sein sollte, bitte die Leuchten so aufstellen, dass nichts glänzen kann. Da man einmal verbaute Leuchten doch nicht verrücken kann, ordnet man an, dass Millionen von Leuchten immer in Bändern links und rechts über den Bürotischen hängen. (Dass es Leuchten gibt, die man verrücken kann, spricht sich langsam herum, aber sehr sehr langsam.) Ganz schlaue Experten wenden die Weisheit sogar auf Industriehallen an. Wie man polierte Oberflächen, Wellen und Werkzeuge matt kriegen soll? Wenn nicht, dann die Maschinen zwischen den Leuchtenreihen aufstellen. Dann müsste man allerdings viele glänzende Maschinenteile platt kriegen. Was vermutlich niemandem gelingen wird.
Farbe? Da man ihre Existenz nicht verleugnen kann, muss was dafür getan werden. Bei den Lampen gibt man die Farbtemperatur an, die unter brutaler Vergewaltigung des Planckschen Strahlungsgesetzes berechnet wird. Ob die stimmt, kann der Laie nicht berechnen. Der Fachmann übrigens auch nicht, fast immer nicht. Außerdem muss noch die Farbwiedergabe angegeben werden. Dummerweise sieht der dazu verwendete Index wie eine Prozentangabe aus, so dass auch Fachleute zuweilen glauben, dass z.B. ein Index von 90 irgendwie bedeuten müsste, dass 90% der Farben wiedergegeben werden. Oder alle Farben zu 90%? Oder ähnlich, aber nie richtig. Farben gibt es nämlich nicht physikalisch. Daher bezieht sich der Index auf eine Referenzquelle und Testobjekte, und von der Referenzquelle gibt es mindestens zwei. So können zwei total unterschiedliche Erscheinungsbilder vom gleichen Objekt von zwei Lichtquellen erzeugt werden, die beide stolz sind auf den höchsten Farbwiedergabeindex von 100. Geben sie wenigstens alle Farben wieder? Kann sein, muss aber nicht. Denn der Index wird mit den (Test-)Farben berechnet, die ein US-Maler namens Munsell zu Beginn des letzten Jahrhunderts festgelegt hatte. Von diesen kann man manche nur noch theoretisch herstellen, ergo nur noch auf dem Rechner. Und alle Testfarben sind Pastellfarben. Frische, gesättigte Farben kann eine Lampe wiedergeben, muss aber nicht. Wie dem auch sei: Der Lichttechniker sieht es nicht als seine Aufgabe an, welche Farben in einer Umgebung benutzt werden. Das ist auch gut so. Die soll derjenige bestimmen, der den Raum gestaltet. Übrigens: Farbenerkennen gehört nicht zur Sehleistung. (Zum Thema Farben auf dem Rechner möge man sich nur die Klimmzüge ansehen, die Grafiker und Druckereien sich leisten müssen, um ein Werk auf dem Rechner und auf dem Papier gleich aussehen zu lassen.)
Helligkeit: Der vierte im Bunde ist die Domäne der Lichttechnik. Die Effizienz ihrer Produkte (Lampen) wird an der Erzeugung von Helligkeit bestimmt. Alles, was zu Sehleistung gehören soll, wird an dieser Größe gemessen. Dumm nur, dass es auch die Helligkeit nicht gibt. Sie ist eine Empfindung, die schwer zu beschreiben ist. Daher behauptet man, dass die Leuchtdichte die beste Annäherung dazu sei. Kann sein. Eine gute Annäherung ist sie aber nicht, wie weiter unten gezeigt wird.
Trotzdem: Würde man in den Normen nach dieser Größe verfahren, würde uns Vieles erspart bleiben. Man tut es nicht, obwohl man weiß, dass es besser wäre. Denn für die Außenbeleuchtung ist der Maßstab die Leuchtdichte. Für die Innenbeleuchtung aber nicht. Man unterteilt die Leuchtdichte noch einmal in Reflexionsgrad und Beleuchtungsstärke. Nicht weil dies viel Sinn macht, sondern weil die Lichtindustrie keine Farbeimer verkauft, sondern Lampen und Leuchten. Einst hat man die Vorgaben für Beleuchtungsstärke immer an den Reflexionsgrad gekoppelt. Seit langem nicht mehr, die Reflexionsgrade werden nur noch pauschal empfohlen. (Hier wäre noch einmal das Wort Schnuppe angebracht. Ist aber nicht, denn für den Umsatz des Herstellers ist es nicht schnuppe, ob man die Leuchtdichte oder die Beleuchtungsstärke zum Maßstab macht.)
Was hat das Ganze mit der Leiche zu tun? Viel. So wie man an der sezierten Leiche nicht verstehen kann, wie das Leben funktioniert, kann man auch aus Beleuchtungsstärke und Reflexionsgrad nicht auf Helligkeit schließen, schon gar nicht auf Farbe. Ob gar ein beleuchteter möblierter Raum die gewünschte Anmutungsqualität aufweisen wird, wird man nicht einmal näherungsweise anhand technischer Größen bestimmen können. Übrigens, einer sehr weit verbreiteten Mär zufolge kann man an der Beleuchtungsstärke ablesen, wie hell ein Raum erscheint. Sie bleibt eine Mär, auch wenn viele Leute daran glauben.
Wie die technische Zerlegung der für die Empfindung wichtigen Aspekte uns in die Irre führt, kann man an zwei Beispielen erkennen:
Wenn man sich zur Beantwortung der Frage nicht die Wolken anschaut, sondern so vorgeht wie in der Beleuchtungstechnik - Beleuchtungsstärke und Reflexionsgrad getrennt beobachten -, wird man unweigerlich zu der echt überraschenden Feststellung kommen, dass die Schäfchenwolken und die Gewitterwolken ohne Beleuchtung gleich aussehen, nur die Beleuchtungsstärke ist unterschiedlich. Beide Wolken sind Wasserdampf plus kondensierte Wassertröpchen und würden, in Proben aufgeteilt, im Labor ähnlich aussehen. Die echte Schäfchenwolke ist aber dünn und lässt viel Licht durch, während die Gewitterwolke bis zu 10 km hoch sein kann. Das schluckt Licht. Ihre gruselige Erscheinung ist also überhaupt nicht wahr, erwiesenermaßen, lichttechnisch. Auch eine optische Täuschung?
Es ist an der Zeit, mit der Täuschung aufzuhören. Beleuchtungsnormen dienen nicht vornehmlich den Interessen der „Beleuchteten“, also der Menschen, die unter einer Beleuchtung leben und arbeiten müssen, sondern - jetzt fein gesagt - Partikularinteressen. Wer die „Partikulären“ sind, kann man schnell anhand der Teilnehmerlisten von Sitzungen bestimmen, in denen die Normen gemacht werden. Die Teilnehmer an Sitzungen, in denen Beleuchtungsnormen festgelegt werden, sind zu etwa 70% Angestellte von Herstellern oder Lobbyorganisationen. Unser Pech ist, dass sie Dinge festlegen, die in der realen Welt jeder anders sieht, aber jeder gleich sehen soll.
Dass Regeln meistens den Interessen derer dienen, die sie setzen, wird sich nicht vermeiden lassen. Man kann ihnen das nicht einmal verübeln. Wenn diese aber ihre Regeln so festlegen, dass anderen das Handwerk erschwert wird oder gar unmöglich gemacht, sollte man sich überlegen, ob die Interessen aller bei der gerade formal zuständigen Truppe noch hinreichend berücksichtigt sind. Wie das gehen kann, kann man am Schicksal des Normenausschusses Bürowesen studieren. War NBü einst auf seinem Gebiet mächtiger als der Staat - der hätte sich nie getraut, DIN A4 als Maß für alle Lebensbereiche festzulegen oder die Länge der Tischbeine für die Hälfte der Arbeitsbevölkerung auf Millimeter genau vorzuschreiben oder gar der ganzen deutschen Bevölkerung vorzugeben, wie man in ein Diktiergerät spricht, so gibt es ihn seit 2007 nicht mehr. Bereits früher waren die Büromöbel Sache eines Ausschusses, der vom Thema Holz dominiert wurde. Na, bitte. Das sind doch gute Aussichten!
An den beiden Vorhaben, die Tischbeinlänge auf Millimeter genau festlegen und vorgeben, wie man in ein Diktiergerät spricht, kann man gute und schlechte Normen lernen auseinanderzuhalten. Die Beine der Tische müssen unterschiedlich lang sein, weil auch die Menschen, die daran sitzen, unterschiedlich lange Beine haben. Hingegen gibt es nur eine Möglichkeit, Briefe in ein Gerät zu diktieren, wenn die Briefe mit den Gepflogenheiten der Wirtschaft konform sein sollen.
Etwas ganz Besonderes stellt die Festlegung von DIN A4 dar. Das DIN-A4-Format wurde 1922 im Standard DIN 476 von Walter Porstmann festgelegt (heute weltweit als ISO 216 bekannt). Seine Entstehung löste ein enormes Chaos unterschiedlichster regionaler Papierformate ab. Beim Bogenoffsetdruck entstehen kaum Schnittabfälle (Verschnitt), da die Formate perfekt ineinander aufgehen. Die Vorteile sind derart vielfältig, dass das DIN-A4-Format (international als ISO 216 standardisiert) in über 140 Ländern der Welt der alleinige offizielle Standard für Verwaltung, Wirtschaft und Bildung ist. Rechnet man alle Staaten hinzu, die ISO 216 als maßgebliche Norm anerkannt haben, nutzen über 190 Länder das Format – das betrifft fast die gesamte Weltbevölkerung.
Wie viele Länder wohl die deutsche Norm für die Beleuchtung übernommen haben? Man frage sich, warum.
17.05.2012
Heute Abend war es endlich so weit – der Film Bulb Fiction - Die Lüge der Energiesparlampe erlebte die deutsche Premiere im Babylon vis-a-vis der Volksbühne Berlin. Ich durfte am Ende zusammen mit Helmut Höge („Das Glühbirnenbuch“) den Film kommentieren. Gekommen waren keine Massen, sodass Massenkrawalle nicht zu befürchten waren. Die, die gekommen waren, haben aber fast alle Fragen gestellt.
Wie der Film unten aus Youtube auch zeigt, geht es um das Verbot der Glühlampe, um die sog. Energiesparlampe - in diesem Blog mehrfach kommentiert - und um … ja, den Zirkus drum herum. So gesehen hat der ORF bei der Wahl des Drehortes einen Volltreffer gelandet: Circus Roncalli, wo man sich amüsieren kann und dabei nicht von großen Tieren gestört wird. Bei Roncalli ist der Chef ein Clown, und Tiger, die einem höflich die Tatze reichen, sind arbeitslos.
Da ich einen Großteil der Inhalte kannte, bestand der erhellendste Teil in der Berechnung der Quecksilberproduktion deutscher Kraftwerke. Diese Geschichte (s. „Quecksilber hin, Quecksilber her“ wurmt mich nämlich seit ihrer Entstehung. Geboren wurde sie aus Not: Um ein Produkt zu verbieten, das ökologisch problemlos scheint, damit ein anderes mit einem der schlimmsten Umweltgifte staatlich verordnet werden kann, und das im Namen des Umweltschutzes, musste der Verlust an Quecksilber - oder Gewinn für die deutsche Landschaft? - relativiert werden. So wurde die Story erfunden, dass die Kohlekraftwerke mit jeder kWh ins Netz auch einen feinen Quecksilberfilm über Deutschland sprühen. Die krude Logik: Wenn man beim Betrieb von Lampen Strom spart, erspart man dem Land so viel Quecksilberregen, dass die Bilanz positiv bleibt.
Als Kind war ich zuweilen von meinem Vater gescholten worden, weil meine Entschuldigungen manchmal viel dämlicher waren als die Tat, die relativiert werden sollte. Wenn aber Erwachsene, die glauben, wegen ihrer Intelligenz und Schaffenskraft in die Spitzen von Konzernen und Parteien aufgestiegen zu sein, derart Dummes in die Landschaft setzen, hilft nicht einmal das, was Väter mit dummen Söhnen machen: Hosen stramm ziehen.
Zum Thema Kohle und Quecksilber: Sich herausreden wollte z.B. OSRAM (entstanden 1920), eine Tochter der Siemens AG. Die Kraftwerke, zwar nicht alle, aber viele, die den Quecksilber in die Landschaft pusten, baute die Schwester SBU alias Siemens Bauunion (entstanden 1921). Haben die Jungs denn nicht in 90 Jahren gelernt, wie man Abgase entgiftet? Offenbar nicht, aber messen haben sie gelernt. Woher soll Sigmar Gabriel denn sonst gewusst haben, dass Kraftwerksabgase voll Quecksilber wären? Dieser dämliche Einfall ist nicht einmal dem Deutschen Atomforum gekommen, dem Champion für Greenwashing zugunsten der Kernenergie. Oder habe ich dessen Kampagne „Atomstrom Danke - Endlich atmen ohne Quecksilber“ übersehen? (mehr zum Greenwashing hier) Kaum. Das Atomforum hat sich darauf beschränkt, die CO2-Emissionen zu loben, die der Atomstrom vermeiden soll. Schade, dass Zirkus Roncalli keine großen Tiere in der Manege vorführen will. So kann sich der Ex-Umweltminister auf den Politzirkus konzentrieren. Und die EU-Kommission rühmt sich, nach 90 Jahren die Wahrheit ans Licht gezerrt zu haben: Verstromung von Kohle bedeutet Verströmen von Quecksilber über Land und Flur.
Die Story, die der Film erzählt, endet aber nicht hier. Sie beschreibt noch, wie man Zahlen peppt oder schrumpfen lässt, wie es denn passt. So sollen die Daten über die Quecksilbermenge, die die Kohleverbrennung erzeugt, mit amerikanischer Kohle ermittelt worden sein. Zwar verbrennt man zumindest in Ostdeutschland deutsche Braunkohle und in England bestimmt keine amerikanische Kohle, irgendwie scheint das Ganze etwas mit dem Fluss von Kohle zu tun zu haben. Nachdem die Höhe der Emissionen von Quecksilber so hochgejubelt worden ist, gibt die Sprecherin des EU-Energiekommissars im Film ein Beispiel dafür, wie man andere Dinge kleinrechnet. Ihr (ehemaliger) Chef, der für das Verbot zuständig war, wollte keinen Medienauftritt. Und ihr jetziger, Günter Oettinger? Der kommt im Film auch nicht vor. Vermutlich wollte er das Interview nur in Englisch geben (Kostprobe hier Englisch für Oettinger).
Nicht zur Zahlenpepperei gehört, also zu Verzeihlichem, ein weiteres Kunststück der Politik: falsches Zeugnis ablegen. Es ist ein Straftatbestand – und im Übrigen auch ein Verstoß gegen das achte Gebot Gottes –, falsches Zeugnis abzulegen. Unser (Ex)Umweltminister hat behauptet, man würde ein kleines Kohlekraftwerk einsparen, wenn alle Glühlampen durch - äh - Energiesparlampen ersetzt würden. Dass zur gleichen Zeit eine große Anzahl von großen Kraftwerken (25?) im Bau war, hat er hingegen verschwiegen. Kein deutsches Gericht hätte den Herrn ungeschoren davonkommen lassen. Wer in Deutschland Zeugnis ablegt, wird vorher belehrt, dass er alles sagen muss, was er weiß, und nichts hinzufügen, aber auch nichts weglassen. Lügen darf man ungestraft nur, wenn man sich selbst verteidigt.
Während wir wohl noch geraume Zeit warten müssen, bis unsere Techniker Entschwafelungsfilter für Politiker entwickeln, dürfen wir nicht damit zögern, die Herren zur Rechenschaft zu ziehen. Wie viel Zeit haben von Steuergeldern bezahlte Politiker, Kommissare oder Beamte damit verbracht, eines der wichtigsten Kulturgüter zu beseitigen, womit uns 0,4 Promille des CO2-Ausstoßes erspart werden sollen?
Man muss vorbeugen, denn die EU-Beamten, die an den Grenzen nicht nur Afghanen und Afrikaner aufhalten müssen, sondern auch Glühlampen, wollen sicherlich für diese Heldentat für das Vaterland bezahlt werden. Oder glaubt jemand allen Ernstes, dass die Grenzer die Jagd auf Heatballs und andere polit-pornografische Artikel in ihrer Freizeit betreiben werden?