11.07.2013
In der Juli-Ausgabe der Zeitschrift Cebra, nach eigenen Angaben eine für die effiziente Beschaffung rund um Büro und Arbeitsplatz, fand ich endlich die Weisheit, die mir zu mehr Lebensqualität verhilft: Mehr Lux! Die Quelle ist licht.de, hinter der die Fördergemeinschaft Gutes Licht steht. Rechts von dem Text ist etwas abgebildet, das vielen Menschen tatsächlich zu mehr Lebensqualität im Büro verhilft, eine Arbeitsplatzleuchte. Mich wundert nur, dass dieses Objekt angeführt wird, das bei Leuten, die dauernd von Lux reden, die gleiche Wertschätzung genießt wie Weihwasser beim Teufel. Bei einem ordentlichen Lichttechniker hat es die gleichen Chancen wie ein Schneeball in der Hölle. Und jetzt steht es für Lebensqualität!
Den Umgang mit der Arbeitsplatzleuchte in der Lichttechnik vergleiche ich oft mit der einzigen Schnittmenge von Phantasien und Dummheit: Beide kennen keine Grenzen. Ein unzüchtiges Gerät, die Beschäftigung mit dem ich vor zwei Jahren als eine Art Pornografie bezeichnet hatte (Unzüchtiges Gerät gesetzlich vorgeschrieben) … Und nun soll es zu Lebensqualität werden? Wie denn? Z.B. so:
Obwohl ich den Titel mit „Mehr Lux = mehr Lebensqualität“ heftigst ablehnen würde, kommt mir die von licht.de vorgeschlagene Lösung sehr bekannt vor. Wegen solcher Vorstellungen musste ich mir für Jahrzehnte diverse Komplimente von Nestbeschmutzer bis Sozialromantiker gefallen lassen. Noch schlimmer wäre es für die Ausschüsse gekommen, die mich unterstützten. Der für Licht zuständige Ausschuss beim DIN hatte von mir ultimativ verlangt, diese für unfähig zu erklären und deren Wirken sofort zu stoppen. Deren Mitglieder (damit auch ich) würden Irrlehren verbreiten. Lange davor hatte das Organ der LiTG abgelehnt, eine Untersuchung mit dem Vorläufer der abgebildeten Leuchte zu veröffentlichen.
Mit der Indirektbeleuchtung, d.h. mit deren Propagierung, hatte ich um 1980 angefangen, mit Stehleuchten etwas später. Zu Tischleuchten hatte ich bereits in den 1970ern eine Meinung gebildet. Die war allerdings vorerst nicht positiv, weil damals keine vernünftigen Objekte existierten. Die vorhandenen wären für mich bereits elektrisch nicht sicher, man konnte sich daran die Finger verbrennen, im Sommer brägenklöterich werden, wenn man damit länger arbeitete, und zudem die ganze Nachbarschaft fröhlich blenden. Zudem konnte man ein wunderbares Bild von der Lampe auf dem eigenen Bildschirm geniessen. Später haben mir Leute vorgeführt, dass dies alles nicht sein muss. Und mit deren Produkten habe ich nachweisen können, dass Arbeitsplatzleuchten tatsächlich mehr an Lebensqualität im Büro bedeuten. Zwar dies für alle, und nicht nur für Alte, auf die sich der zitierte Artikel bezieht. Dieser Mehrwert an Lebensqualität lässt sich nicht mit einem Gerät messen. Was er bedeutet, zeigt das Bild genau: selber Hand anlegen. Man bestimmt selbst, wann und wie man Licht einsetzt.
Man muss nur Lux durch Lichtqualität ersetzen und Lichtqualität als Erfüllung der Bedürfnisse der Menschen zum Sehen umschreiben. Dann wird ein echter Schuh daraus.
Warum braucht man so lange, bis man Offensichtliches anerkennt? Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht. Man kann nur vermuten, dass die Regeln, nach denen Menschen Licht genießen dürfen, von Schattenmännern gemacht werden, die sich nicht allzu häufig mit Beleuchtung beschäftigen. Sonst ginge ihnen sehr schnell ein Licht auf. So z.B., dass Menschen wichtige Dinge in ihrem Arbeitsfeld am liebsten selbst bestimmen.
08.05.2013
Ich weiß nicht mehr, wo der Witz herstammt. Ich finde ihn aber trefflich (zutreffend?):
Frage: Wie viele Lichttechniker braucht man, um eine Glühlampe zu wechseln?
Antwort: Einen. Der hält die Lampe fest und wartet, bis das Universum um ihn herum dreimal dreht.
Vorher müsste sich das Universum allerdings gegen den Uhrzeigersinn gedreht haben, um die vorherige Lampe auszuschrauben. Ein Glück, dass wir jetzt Energiesparlampen haben… Ach, nee, die haben doch auch einen Gewindesockel. Und LED? Die meistens auch. Welche Technik man auch zum Lichtmachen einsetzen will, das Universum muss sich um diese drehen.
Kein Wunder, dass die Lichttechnik als beratungsresistent gilt. So nennt der Berater seine Klientel, an der neues Wissen abprallt, egal wie gut es ist und wie schlecht das Wissen des Klienten. Eigentlich nicht verwunderlich, hat die Lichttechnik doch in etwa 100 Jahren das menschliche Leben auf dem Planeten total umgekrempelt. Und nicht nur das menschliche! Bei meinen Tauchgängen habe ich öfter die Bekanntschaft mit Barrakudas gemacht, die nachts den Tauchern folgen, weil man - fisch - im Lichtkegel der Lampen gut jagen kann. Weniger erfreulich indes fällt die Bilanz für die Insekten aus. Die tappen milliardenfach in die Lichtfalle. Nicht nur die Motten. Trotzdem: Das künstliche Licht hat uns nicht nur Räume erschlossen, in denen man sonst nicht hätte wohnen oder arbeiten können, sondern auch Zeiträume erobern helfen. Keine 24-Stunden-Gesellschaft ohne künstliches Licht. Mit ihm könnte höchstens der Mobilfunk konkurrieren, wenn es um die Ingangsetzung gesellschaftlicher Umwälzungen geht. Aber auch der funktioniert nur mit künstlichem Licht - oder ganz schlecht.
Darf man denn bei allem Stolz gegen die Gesetze einer Gesellschaft handeln, in der man aktiv ist? Ich schätze mal, dass den meisten nicht einmal bewusst ist, dass sie das tun. Sie tun es trotzdem, und trotz Ermahnungen. Die Rede ist vom Umgang mit dem Arbeitsschutzgesetz und seiner BildscharbV, sprich Bildschirmarbeitsverordnung. Das Letztere sollte Folgendes vorschreiben:
„b) Beleuchtung
Die allgemeine Beleuchtung und/oder die spezielle Beleuchtung (Arbeitslampen) sind so zu dimensionieren und anzuordnen, daß zufriedenstellende Lichtverhältnisse und ein ausreichender Kontrast zwischen Bildschirm und Umgebung im Hinblick auf die Art der Tätigkeit und die sehkraftbedingten Bedürfnisse des Benutzers gewährleistet sind.“
So steht es in der für die Bundesrepublik Deutschland gültigen Version der Richtlinie 90/270/EWG in der deutschen Fassung. Die Richtlinie geht ergonomisch richtig auf die Bedürfnisse des Benutzers ein. Was wurde daraus, als die Richtlinie zur BildscharbV wurde? So steht es dort unter Nr. 15:
„Die Beleuchtung muß der Art der Sehaufgabe entsprechen und an das Sehvermögen der Benutzer angepaßt sein; dabei ist ein angemessener Kontrast zwischen Bildschirm und Arbeitsumgebung zu gewährleisten.“ Aus dem Benutzer wurden „die Benutzer“, die „zufriedenstellenden“ Lichtverhältnisse wurden unter den Tisch gekehrt und trafen dort die „spezielle Beleuchtung“ = Arbeitslampen. Diese Lampen hat nämlich ein deutscher Arbeitnehmer nicht nötig. So jedenfalls nach der Meinung der lichttechnischen Industrie. Irgendwie muss diese Meinung bei der Übertragung des Textes der Richtlinie von Deutsch (EU-Version) auf Deutsch (deutsche Verordnung) eingeflossen sein. Fragt sich, wie. Und warum? So missverständlich war der Text doch nicht - oder? Mich würde interessieren, welche Mainzelmännchen einen in Deutsch veröffentlichten Text in einen deutschen Text verwandelt haben, der etwas gant anderes sagt.
Die Sache mit den „Arbeitslampen“ war spätestens 1990 mit der Studie „Licht und Gesundheit“ endgültig einwandfrei belegt worden, so es jemals einer Untersuchung bedurft hätte. Sie fördern die Gesundheit. Und zwar gewaltig, während die Beleuchtung, auf die die Industrie gesetzt hatte, eher das Gegenteil bewirkte. Auch das haben wir mit einer Studie belegt ("Direktbeleuchtung widerspricht dem Arbeitsschutz"). Und diese wurde von allen gelesen und „diskutiert“, was z.B. bei uns eher als unverblümte Drohung ankam. Andernorts behauptete man, wir wären wohl durchgeknallt, um so etwas zu behaupten. Nichts dergleichen - die Veröffentlichung war vorab von einem Professor für Europarecht Buchstabe für Buchstabe geprüft worden, ehe sie gedruckt wurde. Übrigens: Wer hat eigentlich Technikern das Recht gegeben, Leuten bei der Arbeit etwas vorzuenthalten, das sie haben wollen? (mehr hier)
Was ist aber der Unterschied zwischen der und die Benutzer? Ganz einfach: Wenn man die Bedürfnisse des Benutzers befriedigen will, ist das Konzept der Beleuchtung ("Allgemeinbeleuchtung") seit 1972 falsch. Da wurde sie nämlich als (praktisch) alleinige Art der Beleuchtung genormt. Dass sie falsch ist, wurde in der Studie „Licht und Gesundheit“ nach langjährigen Feldstudien und Laboruntersuchungen nachgewiesen. (Richtig ist: Allgemeinbeleuchtung ist geeignet unter Umständen, aber nicht als Vorzugskonzept, schon gar nicht als alleinseligmachendes Rezept.)
Man muss eine flexible Beleuchtung realisieren, um die Bedürfnisse des Benutzers zu befriedigen. Wie so etwas geht? Das hatte der schwedische Architekt Anders Liljefors bereits 1972 veröffentlicht. Später habe ich auch mehrfach gezeigt, wie es geht. Nicht etwa auf dem Papier, sondern in leibhaftigen Beleuchtungsanlagen. An etwa 1500 Arbeitsplätzen haben wir das Funktionieren des Konzepts nachgewiesen. Das Konzept besteht zum einen aus bedarfsgerechten Leuchten, die der Benutzer seinen Vorstellungen entsprechend benutzen kann, und zum anderen aus dem dazu notwendigen Wissen.
Warum muss man auf den Benutzer eingehen? Das steht in der Ergonomie seit Jahrzehnten als Prinzip fest. Wo es in der Ausführung gehakt hat, hat sich meistens auch erledigt. Man muss aber keine wissenschaftliche Literatur lesen, um die Sache zu begreifen. Man muss sich nur die Fahrräder angucken, wie sie etwa seit dem Jahr 1900 gebaut werden. Wie viele Einheitsfahrräder wären wohl verkauft worden, und welcher Anteil davon würde je benutzt werden?
Wie soll man Leute nennen, die wichtige Dinge nicht lesen und, wenn sie gelesen haben, nicht verstehen? Und das über Jahrzehnte! Bei zufriedenen Menschen, die sich und ihre Umgebung im Griff haben, spricht man von Resilienz. Bei anderen, die einfach nicht verstehen wollen, eben von Resistenz. Wie soll man Leute bezeichnen, die schriftlich niedergelegtes Recht - sagen wir mal höflich - beeinflussen wollen, in „passendere Worte“ kleiden, damit sie ihr Geschäft weiter betreiben, anstatt ihr zu einer neuen Blüte zu verhelfen? (Muss ich den Begriff wirklich schreiben?)
24.04.2013
Dass Licht tödlich sein kann, hatte ich mal in dem Institut für wissenschaftlichen Film in Göttingen eindrucksvoll erlebt. Eine arme Fliege, die sich auf ihre Rolle als Hauptdarstellerin freute, zischte einfach ins Jenseits, als die Scheinwerfer mit 500.000 lx auf sie schossen. Da auch das Institut nicht mehr lebt, kommt das nur noch in Star Wars vor. Falsches Licht tötet nicht - es lässt die Menschen nur leiden.
Die wahre Gefahr ist viel subtiler. Sie folgt der unendlichen Langsamkeit der ach so ultraschnellen Gesellschaft. Heute fand ich ein Dokument, dessen Inhalt ich eigentlich kannte, aber nicht dort vermutete, wo ich es fand. Im „Neufert“ - das ist das Buch, wonach deutsche Architekten seit dem Jahr 1936 ausgebildet werden. Immer nach der neuesten Ausgabe, selbstverständlich! Selbstverständlich?
In meiner Ausgabe von der Jahrtausendwende heißt es:

BAP - d.h. Bildschirmarbeitsplatz - in fensterfreien Zonen installieren!
Wer kommt auf eine solche Schnapsidee? Zufällig kenne ich alle Täter - und zwar lückenlos. Aber zuerst zum Töten: Wie man in diesem Blog vielfach lesen kann, ist Tageslicht lebenswichtig. Zu dieser Weisheit bedurfte es keines Blogs, weil dies in der Antike nicht nur bekannt war, sondern tägliche Praxis. Man heilte sogar mit Licht – das Solarium im alten Rom war keine Bräunungs-, sondern eine Heilanstalt. Zwar hatte der deutsche Gesetzgeber die Sache in seiner Arbeitsstättenverordnung vergessen, aber nur, weil die deutschen Länder Vorschriften pflegen, die für alle Aufenthaltsräume - mehr oder weniger - Tageslicht sichern, das sind die Landesbauordnungen. Seit 2004 steht es auch in der Arbeitsstättenverordnung - und in den entsprechenden Gesetzen aller EU-Länder.
Ausgerechnet ein Arbeitsmediziner aus Schweden, der den Menschen Gutes tun wollte, schlug 1974 vor, die Arbeitsräume abzudunkeln, weil die Bildschirme ansonsten schlecht lesbar waren. Schlecht ist die Idee nicht, wie man in - damals - Tausenden von Kinos erleben konnte. Von den Millionen von Diavorträgen bei Kongressen oder quälerisch veranlagten Bekannten ganz zu schweigen. Wer da einschlief, hat die Ursache für seine Unpässlichkeit beim Redner oder bei den unsäglichen Urlaubsdias gewähnt. An Licht hat man weniger gedacht.
Es dauerte nicht sehr lange, und auch in Deutschland hatten Menschen Augenprobleme am Bildschirm. Die Ursache war schwupps gefunden: Das muss der Bildschirm sein. Und? Ja, der reflektiert das Licht immer so komisch. Also? Man baut überall Stellwände auf, hinter denen man die Bildschirme versteckt. Und versetzt die BAP dorthin, wo keiner sitzen will.

Kaum zu glauben, dass dies ein Hersteller von Computern hat zeichnen und veröffentlichen lassen. Dass sein Unternehmen später einging, hat weniger mit dieser schlechten Werbung für seine Produkte zu tun. Er hat den PC verschlafen. Vielleicht weil er immer hinten in der Dunkelzone gearbeitet hat?
Nun konnte der Grösste im Lande sich nicht mehr zurückhalten, weil auch er die Augenbeschwerden auf irgendetwas schieben wollte, nur nicht auf seine Bildschirme. Also gab auch er eine Empfehlung heraus:

Jetzt sieht das Ganze viel hübscher aus. Oder? Man merke: Die Bilder sind in den Corporate Colours der jeweiligen Firma designt. Da mussten selbst die Blumentöppe dran glauben.
Nun hatte dieser außer dem Bildschirmverkauf noch ein Geschäft: Leuchten. Warum soll man nicht ein Geschäft daraus machen? Ergo machte man sich daran, eine neue Leuchte zu kreieren, die allerdings so neu nicht war, aber der Name: BAP-Leuchte. Die ultimative Leuchte für den modernen Bildschirmarbeitsplatz.
Da die Leute nicht so dumm sind, in solche Dinge große Summen zu investieren, musste das Ganze in eine Norm gegossen werden. Und da sah die Bude so aus:
Bildschirme so weit weg wie möglich vom Tageslicht. So weit, so gut. Dass in dem letzten Bild die Blumentöpfe fehlen bzw. die Stellwände, hat mit den Corporate Colours von DIN nichts zu tun. Normen kannten damals Farbe nicht. Aber Bildschirmtische. Und die sahen nie so aus wie in diesem Bild. Die Berufsgenossenschaft hätte deren Betrieb schnell ein Ende gemacht. Die Tische sehen nur deswegen so schmal aus, weil das Konzept sonst theoretisch nicht funktioniert. In der Praxis übrigens auch nicht.
Man hat in der Lichttechnik den Fehler eingesehen - zwar unfreiwillig durch jahrzehntelange Seelenmassage durch uns -, aber immerhin. Die EU hat in den Jahren, als mein Neufert gedruckt wurde, enorm viel Geld in Forschungsvorhaben zu Tageslicht gesteckt. Und dann das!

Verwunderlich ist das Ganze für mich aufgrund mancher Erfahrung nicht. Als mir ein Architekt bei einem Prozess erklärt hatte, er habe den von mir beanstandeten Raum nach A. Dürer gestaltet, hatte ich mich daran gemacht, festzustellen, wer dieser ominöse Mensch sei, den man anstelle einer anthropometrischen Norm (heißt übrigens DIN 33402) heranzieht. Tatsächlich, in meinem Neufert wird er groß herausgestellt als „Masz aller Dinge“, der mit dem Hasen. Herr Albrecht Dürer - gestorben am 6. April 1528.
Menschen, deren Arbeitsplätze mit dem Bildschirm dicht am Fenster stehen, haben weniger Augenbeschwerden als die, die in der Raumtiefe sitzen. So nach meinem Forschungsbericht „Licht und Gesundheit“ vom Jahre 1990. Hingegen leiden Menschen, die unter der Beleuchtung sitzen, die für die „Bildschirmarbeit“ erfunden wurde, gesundheitlich mehr als andere unter jeder anderen Beleuchtung. Mal sehen, wann die Architektur unsere Geschichte des kollektiven Versagens aufgreift und beseitigt. Hoffentlich nicht in weiteren 500 Jahren. Zum 1000. Todestag von A. D.
15.03.2013
In den letzten Tagen geschah Unerhörtes. Als so viel los war mit dem alten und neuen Papst, über die so lange berichtet werden musste, ich meine im Öffentlichen, bis dass selbst eingefleischte Feinde des Action-Fernsehens, ich meine des Privaten, lieber Pro7 eingeschaltet haben, als ständig Kardinäle in allerlei Posen zu bewundern, rutsche eine Nachricht ziemlich unbewundert durch: Die erste Arbeitsstätte der Welt, die nach dem Traum des Deutschen Arbeitsschutzes beleuchtet ist, steht, und das Licht brennt durch - ich meine, durchgehend. Es ist der Zukunftsflughafen der Hauptstadt BER, dessen Zukunft in den Wolken geschrieben steht. Steht doch einem Flughafen gut – die Zukunft in den Wolken?
Erst einmal zum Traum: Jeder erwachsene Deutsche, dem ein Arbeitsplatz zugewiesen worden ist, hat per EURO-Norm ein Anrecht auf eine Mindestbeleuchtungsstärke zu seiner Er…, pardon, Beleuchtung. In der zuständigen Norm wird das Recht so definiert: „Die im Abschnitt 5 angegebenen Werte sind Wartungswerte der Beleuchtungsstärke im Bereich der Sehaufgabe auf der Bewertungsfläche, die horizontal, vertikal oder geneigt sein kann. Unabhängig vom Alter und Zustand der Beleuchtungsanlage darf die mittlere Beleuchtungsstärke für die jeweilige Aufgabe nicht unter den im Abschnitt 5 angegebenen Wert fallen.“ Es gibt Experten, die dem so beleuchteten Menschen das Recht absprechen, sogar im Falle übermäßiger Lichtfülle durch die Natur die Beleuchtung zu dimmen oder gar abzuschalten. Zu ihrem Schutz, natürlich. Dass diese den Sinn dieses Schutzes nicht verstehen und einfach zum Schalter greifen, ist unerheblich. Lux muss sein, vor allem 500.
Da eine Norm kein Recht begründet, hat die Arbeitsministerin eine ASR veröffentlicht, die das Ganze nochmals in Beton gießt: „An keiner Stelle im Bereich des Arbeitsplatzes darf das 0,6-fache der mittleren Beleuchtungsstärke unterschritten werden.“ So! Basta! Einen besseren Dienst für das Lichtmarketing hat noch nie eine Bundesministerin erweisen können.
Bislang haben es deutsche Unternehmen versäumt, dieses Recht in die Praxis umzusetzen. Bisher! Neulich stand in der Zeitung, dass in BER das Licht durchbrennt, weil niemand es abschalten kann. Zwar ist es mit den Arbeitsplätzen noch nicht so weit. Vorglühen wird man doch dürfen … Niemand weiß heute, wann ein Verantwortlicher den Lichtschalter finden wird. Bis dahin wird das Hauptterminal des BER Tag und Nacht hell erleuchtet bleiben.
04.03.2013
Als ich das neueste Heft von Mensch und Büro las, dachte ich, mich trifft der Schlag. Die Zukunft der Büros bei SAP wird durch eine sogenannte Voutenbeleuchtung erhellt. Die sieht so toll aus, weil die Lampen vor den Mitarbeitern versteckt werden. Vielmehr sieht sie gar nicht aus, denn man sieht keine Beleuchtung. Ein Grauen für jeden aufrichtigen Beleuchter. Wäre es gestern gewesen, hätte die SAP bestimmt gegen die Lichtnormen verstoßen. Und das macht bekanntlich die Mitarbeiter krank.
Falls das nicht reicht, steht noch eine Wohnzimmerleuchte im Raum. Igitt! Das sind doch Lichttöter? Wie man es richtig macht, hat uns ein Ing. aus Österreich erklärt. Man nehme einen Bildschirm, der spiegelt, kippe ihn 20° nach hinten, damit er richtig spiegelt. Dann schneide man den Leuchten den Teil des Lichts ab, den sie gerne auf den Bildschirm geworfen hätten, aber nicht mehr dürfen. Fertig ist das Wunderwerk BAP wie Bildschirmarbeitsplatzleuchte. Kein Licht auf dem Bildschirm, keine Spiegelung. Ich meine, theoretisch …
Ich schätze mal, der Österreicher wurde bei uns aktiv, weil die Ösis viel zu klug sind, um den Unsinn zu Ende zu hören. Dieser Österreicher hatte seine Idee einst als „dark light“ erfunden, so etwa anno 1969. Lange bevor die Linken den Marsch durch die Institutionen aufgerufen hatten, hatte er sich auf den Weg gemacht, eben den Marsch anzutreten. Mein Prof. erklärte uns Studenten, jeder flöge hochkant aus der Prüfung, wenn er von dark light spricht, Licht sei hell und es bliebe dabei. Bei ihm war also nichts zu holen. Ab zum Leiter der Leuchtenplanung der - damals - größten Firma. Die ist auch heute noch groß, aber nicht mehr in Sachen Licht (hier mehr).
Dieser und sein Vorstand witterten die Chance zum größten Scoop der Geschichte der Laternenmacherzunft: Ein neuer Name und ab geht die Post. Der Professor, der dark light nicht mochte, war gestorben. Nur noch ein Hindernis war aus dem Weg zu räumen, eine Weisheit im „Handbuch für Beleuchtung“. Die besagte, dass tiefstrahlende Leuchten nur für Sonderaufgaben einzusetzen seien. Zudem hieß es, „Können nur direktstrahlende Leuchten eingesetzt werden, so sollten sie möglichst großflächig sein“. Ansonsten sollte man die Decke und die Wände mit einer Zusatzbeleuchtung aufhellen. Ach, was! Leute, die Leuchten kaufen bzw. einen Elektriker bestellen, um diese an die Decke zu schrauben, lesen nicht das Handbuch für Beleuchtung. Und Lichtplaner, die es lesen, kann man mit einer Beleuchtungsnorm zur Räson bringen. Gesagt, getan! Und dass der Protagonist der direktstrahlenden Zukunft das Handbuch mitgeschrieben hatte? Geschenkt.
So etwa seit 1979 wehrt man sich gegen die tolle Erfindung. Man ist leider nicht alle. Zuerst fanden die Leuchte nur die Erfinder gut, der Rest der Gilde übte sich in Enthaltung oder Kritik. Bis er merkte, dass sich gut Geld machen ließ mit der Wunderleuchte. Und die Beleuchtungsnorm hatte ganzheitlich alle Probleme geregelt: z.B. so: „Anmerkung: Auch helle Oberbekleidung kann zu störenden Spiegelungen auf dem Bildschirm führen. …“ Nur das Feingerippte blieb von der Norm unbehelligt, weil kein Licht in die Hose fällt.
Als alles Jammern nicht half, musste ich die Notbremse ziehen und veröffentlichte einen Artikel, der die mittlerweile genormte Leuchte als Verstoß gegen den Arbeitsschutz auswies (hier zu lesen). Mittlerweile sind auch diejenigen von dessen Wahrheitsgehalt überzeugt, die mich damals am liebsten in die Geschlossene eingewiesen hätten.
Aber dass ein Unternehmen es wagt, den schlimmsten Albtraum des Lichtmenschen zur Zukunftsvision zu erklären? Indirektbeleuchtung? Igitt, ist langweilig und ermüdend. Dazu eine Wohnraumleuchte in einem Arbeitsraum? Kann nicht wahr sein. Ob die noch irgendwo Tischlampen versteckt halten? Ich weiß, dass sie es tun.
SAP war einst von Leuten gegründet worden, die ihrem Arbeitgeber, dem größten EDV-Monopolisten seiner Zeit, nicht gehorchen wollten. Das Ketzertum der Gründer hat sich wohl auf die neuere Generation übertragen. Den Feuertod müssen sie nicht befürchten. Dürfen die SAP-Mitarbeiter jetzt weiße Hemden tragen?