Posts Tagged: Lichtqualität

Licht und Verschmutzung

18.01.2013

MAL DEN HIMMEL PUTZEN

Nach meiner letzten Tauchreise auf die Malediven wollte ich den dortigen Präsidenten anschreiben und ihn bitten, das, was er von anderen Staaten erwartet, nämlich mit Energie nicht zu aasen, damit sein Reich noch über das Wasser guckt, selbst zu realisieren. Zwei Wochen lang gab es in der einstigen Wildnis keine Nacht. Das Meer war voller Scheinwerfer, die in die dunkle Nacht zeigten, in der sich nichts bewegte; die Schiffe ließen die ganze Nacht massenweise Lichter brennen. Und die Inseln hatten mittlerweile Straßenlaternen, ohne dass es nachts Verkehr oder Menschen gab. Leider hat es mit dem Schreiben nicht geklappt, weil der Präsident gestürzt wurde, ehe ich schreiben konnte.

Weiß einer in Deutschland, dass dort über 9 Millionen Laternen Nacht für Nacht bis zum Morgengrauen brennen und auf Fußgänger warten? Auf neun Deutsche kommt eine Straßenlaterne! Sie stehen in der Landschaft herum und warten, bis einer vorbeikommt, um sich den Weg beleuchten zu lassen. Sie beleuchten sogar Straßen, auf denen man nachts Zeitung lesen kann, Kudamm, Kö und so. Da waren die alten Römer intelligenter. Wollte ein Bürger einen anderen zu später Stund´ besuchen, bestellte er einen Laternarius. Dieser trug ihm die Laterne voran. Leider können wir uns keinen Laternarius mehr leisten, der ein Sklave war. Und Sklaven pflegten auch, einen Sklavenaufstand zu wagen, wenn der Auftrag zu blöd war. Einen Laternenaufstand brauchen wir nicht zu befürchten. Sie stehen eh schon in der Landschaft herum.

Und die Dinger beleuchten nicht nur die Straßen. Man kann sie auch von Satelliten aus fotografieren. Das Bild da oben zeigt eine Stadt, in der man um Mitternacht hat Dinge mit bewegtem Meerwasser beleuchten können (Meeresleuchten reichte zum schematischen Sehen aus). Interessant sind die Lichter links unten im Schwarzen (Meer). Das sind Schiffe, die vor Anker liegen. Und die brauchen eigentlich nur ein kleines Licht oder zwei, je nach Größe. Jetzt kann man sie auf Satellitenbildern gegenüber einer Großstadt noch erkennen.

Wie wäre es damit, den Himmel zu putzen? Licht nur dahin, wo man etwas sehen will? Wie und was man machen kann, kann man z.B. beim Sternenpark in der Schwäbischen Alb lesen. Z.B. Städte ohne Lichtverschmutzung. Zur Schwäbischen Alb einfach hier klicken

Eine recht alte Abhandlung des Themas gibt es hier: Lichtverschmutzung – Die Dunkle Seite des Lichts
Wer sich nicht bis zur Schwäbischen Alb bewegen will, kann auch über Frankfurt und Lichtverschmutzung hier lesen.
Hier ist eine ganze Website dem Thema gewidmet.
Und hier gibt es Infos in Deutsch, Englisch und Niederländisch zu den Einflüssen auf das Leben.

Wer das alles für überflüssig hält, sollte sich überlegen, wann er das letzte Mal eine dunkle Nacht gesehen hat. Und mehr als paar Sterne. 

Licht und Grauen

09.12.2012

DAS BUNTE ENDE KOMMT NOCH!

LEDs erobern die Welt. Aber anders als die Blue Meanies, die in dem Beatles Film Blue Submarine alles grau schießen. Sie wollen den Menschen die Lust am Leben nehmen. Daher grau statt bunt. Die moderne Technik hilft allen Beatles zu spielen. Man kann alles mit LED bunt machen, auch was sich grau gehört.

Die Bilder frisch von der Themse zeigen, was man alles mit LED anstellen kann: HMS Belfast, ein Veteran, der nicht nur in der Operation Warlord (Landung in der Normandie) eingesetzt wurde, sondern auch die Scharnhorst mit versenkte, verleiht man ein Aussehen wie die Niagara Fälle am Abend. Bonbonfarben zum Anbeißen. Geschütztürme in sanftem Rosa, Flak in Orange - und andersrum, dynamisch!


Das Ende des Grauens ist nicht abzusehen. Aber, dass es bunter wird. Das ist nur der Anfang des bunten Grauens.

Licht und Farbe

28.05.2012

LEBEN AN EINER LEICHE ERKLÄREN

Kann ein Pathologe anhand der vielen Leichen, die er seziert hat, erklären, wie das Leben funktioniert? Bestimmt nicht. Er sagt im Krimi immer aus, wie einer zu Tode gekommen ist - umgekehrt geht es wohl nicht. (Für Freunde der korrekten Ausdrucksweise: Dieser Pathologe ist ein Forensiker)

In der Technik versucht man es doch. Man teilt etwas Ganzes in seine Bestandteile auf und behandelt jedes Element für sich. So kann der eine Ingenieur erklären, wie ein Kolben funktioniert, der andere wie eine Kurbelwelle. Kann man aus beiden lernen, wie ein Auto funktioniert? Nein. Man muss alle Teile gemeinsam betrachten können. Der Pathologe könnte seinen Beruf nie ausüben, ohne lebende Menschen studiert zu haben. Und der Kolbenbauer wird nie ein guter, wenn er sich nicht verinnerlicht hat, wie ein Motor funktioniert. Man wird zuerst Mediziner bzw. Konstrukteur, um später Pathologe oder Kolbenbauer zu werden.

So ähnlich geht es in der Beleuchtung zu. Ein Lichtplaner, der Architektur studiert hat, wird zum einen wissen, wie Farben entstehen. Und zum anderen, wie man Formen und Oberflächen beleuchtet, damit sie gefällig aussehen. Helligkeit, Form, Farbe und Glanz, sind für den Architekten wie für den Autodesigner eins, so sie den Umgang mit der visuellen Kommunikation gelernt haben. (Wenn nicht, gibt es andere Berufe, die man in Erwägung ziehen sollte.)

Was aber, wenn man die vier Aspekte (Form, Helligkeit, Farbe und Glanz) zerlegt und jeweils einer Gruppe von Menschen zuordnet, für die der Rest - sagen wir mal unfein - schnuppe ist? Das ist just der Zustand, den wir in der Beleuchtung tagtäglich erleben:

  • Für die Normen für Beleuchtung ist Form wirklich schnuppe. Woher soll denn einer wissen, was später in dem von ihm beleuchteten Raum steht? (Wie man es macht, wenn man es weiß, kann man z.B. an der Beschreibung der Planung des Neuen Museums in Berlin, Beleuchtung für Nofretete, lesen). 
  • Glanz ist zwar nicht völlig schnuppe, aber Teufelszeug. Dazu sagt man apodiktisch, nichts darf glänzen, alles muss matt sein. Wenn es doch nicht so sein sollte, bitte die Leuchten so aufstellen, dass nichts glänzen kann. Da man einmal verbaute Leuchten doch nicht verrücken kann, ordnet man an, dass Millionen von Leuchten immer in Bändern links und rechts über den Bürotischen hängen. (Dass es Leuchten gibt, die man verrücken kann, spricht sich langsam herum, aber sehr sehr langsam.) Ganz schlaue Experten wenden die Weisheit sogar auf Industriehallen an. Wie man polierte Oberflächen, Wellen und Werkzeuge matt kriegen soll? Wenn nicht, dann die Maschinen zwischen den Leuchtenreihen aufstellen. Dann müsste man allerdings viele glänzende Maschinenteile platt kriegen. Was vermutlich niemandem gelingen wird. 

  • Farbe? Da man ihre Existenz nicht verleugnen kann, muss was dafür getan werden. Bei den Lampen gibt man die Farbtemperatur an, die unter brutaler Vergewaltigung des Planckschen Strahlungsgesetzes berechnet wird. Ob die stimmt, kann der Laie nicht berechnen. Der Fachmann übrigens auch nicht, fast immer nicht. Außerdem muss noch die Farbwiedergabe angegeben werden. Dummerweise sieht der dazu verwendete Index wie eine Prozentangabe aus, so dass auch Fachleute zuweilen glauben, dass z.B. ein Index von 90 irgendwie bedeuten müsste, dass 90% der Farben wiedergegeben werden. Oder alle Farben zu 90%? Oder ähnlich, aber nie richtig. Farben gibt es nämlich nicht physikalisch. Daher bezieht sich der Index auf eine Referenzquelle und Testobjekte, und von der Referenzquelle gibt es mindestens zwei. So können zwei total unterschiedliche Erscheinungsbilder vom gleichen Objekt von zwei Lichtquellen erzeugt werden, die beide stolz sind auf den höchsten Farbwiedergabeindex von 100. Geben sie wenigstens alle Farben wieder? Kann sein, muss aber nicht. Denn der Index wird mit den (Test-)Farben berechnet, die ein US-Maler namens Munsell zu Beginn des letzten Jahrhunderts festgelegt hatte. Von diesen kann man manche nur noch theoretisch herstellen, ergo nur noch auf dem Rechner. Und alle Testfarben sind Pastellfarben. Frische, gesättigte Farben kann eine Lampe wiedergeben, muss aber nicht. Wie dem auch sei: Der Lichttechniker sieht es nicht als seine Aufgabe an, welche Farben in einer Umgebung benutzt werden. Das ist auch gut so. Die soll derjenige bestimmen, der den Raum gestaltet. Übrigens: Farbenerkennen gehört nicht zur Sehleistung. (Zum Thema Farben auf dem Rechner möge man sich nur die Klimmzüge ansehen, die Grafiker und Druckereien sich leisten müssen, um ein Werk auf dem Rechner und auf dem Papier gleich aussehen zu lassen.) 

  • Helligkeit: Der vierte im Bunde ist die Domäne der Lichttechnik. Die Effizienz ihrer Produkte (Lampen) wird an der Erzeugung von Helligkeit bestimmt. Alles, was zu Sehleistung gehören soll, wird an dieser Größe gemessen. Dumm nur, dass es auch die Helligkeit nicht gibt. Sie ist eine Empfindung, die schwer zu beschreiben ist. Daher behauptet man, dass die Leuchtdichte die beste Annäherung dazu sei. Kann sein. Eine gute Annäherung ist sie aber nicht, wie weiter unten gezeigt wird.

Trotzdem: Würde man in den Normen nach dieser Größe verfahren, würde uns Vieles erspart bleiben. Man tut es nicht, obwohl man weiß, dass es besser wäre. Denn für die Außenbeleuchtung ist der Maßstab die Leuchtdichte. Für die Innenbeleuchtung aber nicht. Man unterteilt die Leuchtdichte noch einmal in Reflexionsgrad und Beleuchtungsstärke. Nicht weil dies viel Sinn macht, sondern weil die Lichtindustrie keine Farbeimer verkauft, sondern Lampen und Leuchten. Einst hat man die Vorgaben für Beleuchtungsstärke immer an den Reflexionsgrad gekoppelt. Seit langem nicht mehr, die Reflexionsgrade werden nur noch pauschal empfohlen. (Hier wäre noch einmal das Wort Schnuppe angebracht. Ist aber nicht, denn für den Umsatz des Herstellers  ist es nicht schnuppe, ob man die Leuchtdichte oder die Beleuchtungsstärke zum Maßstab macht.)

Was hat das Ganze mit der Leiche zu tun? Viel. So wie man an der sezierten Leiche nicht verstehen kann, wie das Leben funktioniert, kann man auch aus Beleuchtungsstärke und Reflexionsgrad nicht auf Helligkeit schließen, schon gar nicht auf Farbe. Ob gar ein beleuchteter möblierter Raum die gewünschte Anmutungsqualität aufweisen wird, wird man nicht einmal näherungsweise anhand technischer Größen bestimmen können. Übrigens, einer sehr weit verbreiteten Mär zufolge kann man an der Beleuchtungsstärke ablesen, wie hell ein Raum erscheint. Sie bleibt eine Mär, auch wenn viele Leute daran glauben.

Wie die technische Zerlegung der für die Empfindung wichtigen Aspekte uns in die Irre führt, kann man an zwei Beispielen erkennen:

  • Zunächst das häufiger bekannte Beispiel: Ein Stück Kohle ist bei Tage (physikalisch) „heller“ als weißes Papier bei Nacht. Trotzdem wird Kohle immer dunkler eingestuft als Papier. Eines der Konstanzphänomene. Auch optische Täuschung genannt. Und da täuscht man sich.
  • Jetzt das kaum bekannte: Welche Farbe haben Schäfchenwolken, das sind die hübschen kleinen Schönwetterwolken, und welche die schlimmen Gewitterwolken? Eigentlich eine ganz dumme Frage. Jeder weiß es doch!

Wenn man sich zur Beantwortung der Frage nicht die Wolken anschaut, sondern so vorgeht wie in der Beleuchtungstechnik - Beleuchtungsstärke und Reflexionsgrad getrennt beobachten -, wird man unweigerlich zu der echt überraschenden Feststellung kommen, dass die Schäfchenwolken und die Gewitterwolken ohne Beleuchtung gleich aussehen, nur die Beleuchtungsstärke ist unterschiedlich. Beide Wolken sind Wasserdampf plus kondensierte Wassertröpchen und würden, in Proben aufgeteilt, im Labor ähnlich aussehen. Die echte Schäfchenwolke ist aber dünn und lässt viel Licht durch, während die Gewitterwolke bis zu 10 km hoch sein kann. Das schluckt Licht. Ihre gruselige Erscheinung ist also überhaupt nicht wahr, erwiesenermaßen, lichttechnisch. Auch eine optische Täuschung?

Es ist an der Zeit, mit der Täuschung aufzuhören. Beleuchtungsnormen dienen nicht vornehmlich den Interessen der „Beleuchteten“, also der Menschen, die unter einer Beleuchtung leben und arbeiten müssen, sondern - jetzt fein gesagt - Partikularinteressen. Wer die „Partikulären“ sind, kann man schnell anhand der Teilnehmerlisten von Sitzungen bestimmen, in denen die Normen gemacht werden. Die Teilnehmer an Sitzungen, in denen Beleuchtungsnormen festgelegt werden, sind zu etwa 70% Angestellte von Herstellern oder Lobbyorganisationen. Unser Pech ist, dass sie Dinge festlegen, die in der realen Welt jeder anders sieht, aber jeder gleich sehen soll. 

Dass Regeln meistens den Interessen derer dienen, die sie setzen, wird sich nicht vermeiden lassen. Man kann ihnen das nicht einmal verübeln. Wenn diese aber ihre Regeln so festlegen, dass anderen das Handwerk erschwert wird oder gar unmöglich gemacht, sollte man sich überlegen, ob die Interessen aller bei der gerade formal zuständigen Truppe noch hinreichend berücksichtigt sind. Wie das gehen kann, kann man am Schicksal des Normenausschusses Bürowesen studieren. War NBü einst auf seinem Gebiet mächtiger als der Staat - der hätte sich nie getraut, DIN A4 als Maß für alle Lebensbereiche festzulegen oder die Länge der Tischbeine für die Hälfte der Arbeitsbevölkerung auf Millimeter genau vorzuschreiben oder gar der ganzen deutschen Bevölkerung vorzugeben, wie man in ein Diktiergerät spricht, so gibt es ihn seit 2007 nicht mehr. Bereits früher waren die Büromöbel Sache eines Ausschusses, der vom Thema Holz dominiert wurde. Na, bitte. Das sind doch gute Aussichten!

An den beiden Vorhaben, die Tischbeinlänge auf Millimeter genau festlegen und vorgeben, wie man in ein Diktiergerät spricht, kann man gute und schlechte Normen lernen auseinanderzuhalten. Die Beine der Tische müssen unterschiedlich  lang sein, weil auch die Menschen, die daran sitzen, unterschiedlich lange Beine haben. Hingegen gibt es nur eine Möglichkeit, Briefe in ein Gerät zu diktieren, wenn die Briefe mit den Gepflogenheiten der Wirtschaft konform sein sollen. 

Etwas ganz Besonderes stellt die Festlegung von DIN A4 dar. Das DIN-A4-Format wurde 1922 im Standard DIN 476 von Walter Porstmann festgelegt (heute weltweit als ISO 216 bekannt). Seine Entstehung löste ein enormes Chaos unterschiedlichster regionaler Papierformate ab. Beim Bogenoffsetdruck entstehen kaum Schnittabfälle (Verschnitt), da die Formate perfekt ineinander aufgehen. Die Vorteile sind derart  vielfältig, dass das DIN-A4-Format (international als ISO 216 standardisiert) in über 140 Ländern der Welt der alleinige offizielle Standard für Verwaltung, Wirtschaft und Bildung ist. Rechnet man alle Staaten hinzu, die ISO 216 als maßgebliche Norm anerkannt haben, nutzen über 190 Länder das Format – das betrifft fast die gesamte Weltbevölkerung.

Wie viele Länder wohl die deutsche Norm für die Beleuchtung übernommen haben? Man frage sich, warum.

Licht und Wahrheit

17.05.2012

BULB FICTION

Heute Abend war es endlich so weit – der Film Bulb Fiction - Die Lüge der Energiesparlampe erlebte die deutsche Premiere im Babylon vis-a-vis der Volksbühne Berlin. Ich durfte am Ende zusammen mit Helmut Höge („Das Glühbirnenbuch“) den Film kommentieren. Gekommen waren keine Massen, sodass Massenkrawalle nicht zu befürchten waren. Die, die gekommen waren, haben aber fast alle Fragen gestellt.

Wie der Film unten aus Youtube auch zeigt, geht es um das Verbot der Glühlampe, um die sog. Energiesparlampe - in diesem Blog mehrfach kommentiert - und um … ja, den Zirkus drum herum. So gesehen hat der ORF bei der Wahl des Drehortes einen Volltreffer gelandet: Circus Roncalli, wo man sich amüsieren kann und dabei nicht von großen Tieren gestört wird. Bei Roncalli ist der Chef ein Clown, und Tiger, die einem höflich die Tatze reichen, sind arbeitslos.

Da ich einen Großteil der Inhalte kannte, bestand der erhellendste Teil in der Berechnung der Quecksilberproduktion deutscher Kraftwerke. Diese Geschichte (s. „Quecksilber hin, Quecksilber her“ wurmt mich nämlich seit ihrer Entstehung. Geboren wurde sie aus Not: Um ein Produkt zu verbieten, das ökologisch problemlos scheint, damit ein anderes mit einem der schlimmsten Umweltgifte staatlich verordnet werden kann, und das im Namen des Umweltschutzes, musste der Verlust an Quecksilber - oder Gewinn für die deutsche Landschaft? - relativiert werden. So wurde die Story erfunden, dass die Kohlekraftwerke mit jeder kWh ins Netz auch einen feinen Quecksilberfilm über Deutschland sprühen. Die krude Logik: Wenn man beim Betrieb von Lampen Strom spart, erspart man dem Land so viel Quecksilberregen, dass die Bilanz positiv bleibt.

Als Kind war ich zuweilen von meinem Vater gescholten worden, weil meine Entschuldigungen manchmal viel dämlicher waren als die Tat, die relativiert werden sollte. Wenn aber Erwachsene, die glauben, wegen ihrer Intelligenz und Schaffenskraft in die Spitzen von Konzernen und Parteien aufgestiegen zu sein, derart Dummes in die Landschaft setzen, hilft nicht einmal das, was Väter mit dummen Söhnen machen: Hosen stramm ziehen.

Zum Thema Kohle und Quecksilber: Sich herausreden wollte z.B. OSRAM (entstanden 1920), eine Tochter der Siemens AG. Die Kraftwerke, zwar nicht alle, aber viele, die den Quecksilber in die Landschaft pusten, baute die Schwester SBU alias Siemens Bauunion (entstanden 1921). Haben die Jungs denn nicht in 90 Jahren gelernt, wie man Abgase entgiftet? Offenbar nicht, aber messen haben sie gelernt. Woher soll Sigmar Gabriel denn sonst gewusst haben, dass Kraftwerksabgase voll Quecksilber wären? Dieser dämliche Einfall ist nicht einmal dem Deutschen Atomforum gekommen, dem Champion für Greenwashing zugunsten der Kernenergie. Oder habe ich dessen Kampagne „Atomstrom Danke - Endlich atmen ohne Quecksilber“ übersehen? (mehr zum Greenwashing hier) Kaum. Das Atomforum hat sich darauf beschränkt, die CO2-Emissionen zu loben, die der Atomstrom vermeiden soll. Schade, dass Zirkus Roncalli keine großen Tiere in der Manege vorführen will. So kann sich der Ex-Umweltminister auf den Politzirkus konzentrieren. Und die EU-Kommission rühmt sich, nach 90 Jahren die Wahrheit ans Licht gezerrt zu haben: Verstromung von Kohle bedeutet Verströmen von Quecksilber über Land und Flur.

Die Story, die der Film erzählt, endet aber nicht hier. Sie beschreibt noch, wie man Zahlen peppt oder schrumpfen lässt, wie es denn passt. So sollen die Daten über die Quecksilbermenge, die die Kohleverbrennung erzeugt, mit amerikanischer Kohle ermittelt worden sein. Zwar verbrennt man zumindest in Ostdeutschland deutsche Braunkohle und in England bestimmt keine amerikanische Kohle, irgendwie scheint das Ganze etwas mit dem Fluss von Kohle zu tun zu haben. Nachdem die Höhe der Emissionen von Quecksilber so hochgejubelt worden ist, gibt die Sprecherin des EU-Energiekommissars im Film ein Beispiel dafür, wie man andere Dinge kleinrechnet. Ihr (ehemaliger) Chef, der für das Verbot zuständig war, wollte keinen Medienauftritt. Und ihr jetziger, Günter Oettinger? Der kommt im Film auch nicht vor. Vermutlich wollte er das Interview nur in Englisch geben (Kostprobe hier Englisch für Oettinger).

Nicht zur Zahlenpepperei gehört, also zu Verzeihlichem, ein weiteres Kunststück der Politik: falsches Zeugnis ablegen. Es ist ein Straftatbestand – und im Übrigen auch ein Verstoß gegen das achte Gebot Gottes –, falsches Zeugnis abzulegen. Unser (Ex)Umweltminister hat behauptet, man würde ein kleines Kohlekraftwerk einsparen, wenn alle Glühlampen durch - äh - Energiesparlampen ersetzt würden. Dass zur gleichen Zeit eine große Anzahl von großen Kraftwerken (25?) im Bau war, hat er hingegen verschwiegen. Kein deutsches Gericht hätte den Herrn ungeschoren davonkommen lassen. Wer in Deutschland Zeugnis ablegt, wird vorher belehrt, dass er alles sagen muss, was er weiß, und nichts hinzufügen, aber auch nichts weglassen. Lügen darf man ungestraft nur, wenn man sich selbst verteidigt. 

Während wir wohl noch geraume Zeit warten müssen, bis unsere Techniker Entschwafelungsfilter für Politiker entwickeln, dürfen wir nicht damit zögern, die Herren zur Rechenschaft zu ziehen. Wie viel Zeit haben von Steuergeldern bezahlte Politiker, Kommissare oder Beamte damit verbracht, eines der wichtigsten Kulturgüter zu beseitigen, womit uns 0,4 Promille des CO2-Ausstoßes erspart werden sollen?

Man muss vorbeugen, denn die EU-Beamten, die an den Grenzen nicht nur Afghanen und Afrikaner aufhalten müssen, sondern auch Glühlampen, wollen sicherlich für diese Heldentat für das Vaterland bezahlt werden. Oder glaubt jemand allen Ernstes, dass die Grenzer die Jagd auf Heatballs und andere polit-pornografische Artikel in ihrer Freizeit betreiben werden? 

Licht und Wahrheit

17.05.2012

BULB FICTION

Heute Abend war es endlich so weit – der Film Bulb Fiction - Die Lüge der Energiesparlampe erlebte die deutsche Premiere im Babylon vis-a-vis der Volksbühne Berlin. Ich durfte am Ende zusammen mit Helmut Höge („Das Glühbirnenbuch“) den Film kommentieren. Gekommen waren keine Massen, sodass Massenkrawalle nicht zu befürchten waren. Die, die gekommen waren, haben aber fast alle Fragen gestellt.

Wie der Film unten aus Youtube auch zeigt, geht es um das Verbot der Glühlampe, um die sog. Energiesparlampe - in diesem Blog mehrfach kommentiert - und um … ja, den Zirkus drum herum. So gesehen hat der ORF bei der Wahl des Drehortes einen Volltreffer gelandet: Circus Roncalli, wo man sich amüsieren kann und dabei nicht von großen Tieren gestört wird. Bei Roncalli ist der Chef ein Clown, und Tiger, die einem höflich die Tatze reichen, sind arbeitslos.

Da ich einen Großteil der Inhalte kannte, bestand der erhellendste Teil in der Berechnung der Quecksilberproduktion deutscher Kraftwerke. Diese Geschichte (s. „Quecksilber hin, Quecksilber her“ wurmt mich nämlich seit ihrer Entstehung. Geboren wurde sie aus Not: Um ein Produkt zu verbieten, das ökologisch problemlos scheint, damit ein anderes mit einem der schlimmsten Umweltgifte staatlich verordnet werden kann, und das im Namen des Umweltschutzes, musste der Verlust an Quecksilber - oder Gewinn für die deutsche Landschaft? - relativiert werden. So wurde die Story erfunden, dass die Kohlekraftwerke mit jeder kWh ins Netz auch einen feinen Quecksilberfilm über Deutschland sprühen. Die krude Logik: Wenn man beim Betrieb von Lampen Strom spart, erspart man dem Land so viel Quecksilberregen, dass die Bilanz positiv bleibt.

Als Kind war ich zuweilen von meinem Vater gescholten worden, weil meine Entschuldigungen manchmal viel dämlicher waren als die Tat, die relativiert werden sollte. Wenn aber Erwachsene, die glauben, wegen ihrer Intelligenz und Schaffenskraft in die Spitzen von Konzernen und Parteien aufgestiegen zu sein, derart Dummes in die Landschaft setzen, hilft nicht einmal das, was Väter mit dummen Söhnen machen: Hosen stramm ziehen.

Zum Thema Kohle und Quecksilber: Sich herausreden wollte z.B. OSRAM (entstanden 1920), eine Tochter der Siemens AG. Die Kraftwerke, zwar nicht alle, aber viele, die den Quecksilber in die Landschaft pusten, baute die Schwester SBU alias Siemens Bauunion (entstanden 1921). Haben die Jungs denn nicht in 90 Jahren gelernt, wie man Abgase entgiftet? Offenbar nicht, aber messen haben sie gelernt. Woher soll Sigmar Gabriel denn sonst gewusst haben, dass Kraftwerksabgase voll Quecksilber wären? Dieser dämliche Einfall ist nicht einmal dem Deutschen Atomforum gekommen, dem Champion für Greenwashing zugunsten der Kernenergie. Oder habe ich dessen Kampagne „Atomstrom Danke - Endlich atmen ohne Quecksilber“ übersehen? (mehr zum Greenwashing hier) Kaum. Das Atomforum hat sich darauf beschränkt, die CO2-Emissionen zu loben, die der Atomstrom vermeiden soll. Schade, dass Zirkus Roncalli keine großen Tiere in der Manege vorführen will. So kann sich der Ex-Umweltminister auf den Politzirkus konzentrieren. Und die EU-Kommission rühmt sich, nach 90 Jahren die Wahrheit ans Licht gezerrt zu haben: Verstromung von Kohle bedeutet Verströmen von Quecksilber über Land und Flur.

Die Story, die der Film erzählt, endet aber nicht hier. Sie beschreibt noch, wie man Zahlen peppt oder schrumpfen lässt, wie es denn passt. So sollen die Daten über die Quecksilbermenge, die die Kohleverbrennung erzeugt, mit amerikanischer Kohle ermittelt worden sein. Zwar verbrennt man zumindest in Ostdeutschland deutsche Braunkohle und in England bestimmt keine amerikanische Kohle, irgendwie scheint das Ganze etwas mit dem Fluss von Kohle zu tun zu haben. Nachdem die Höhe der Emissionen von Quecksilber so hochgejubelt worden ist, gibt die Sprecherin des EU-Energiekommissars im Film ein Beispiel dafür, wie man andere Dinge kleinrechnet. Ihr (ehemaliger) Chef, der für das Verbot zuständig war, wollte keinen Medienauftritt. Und ihr jetziger, Günter Oettinger? Der kommt im Film auch nicht vor. Vermutlich wollte er das Interview nur in Englisch geben (Kostprobe hier Englisch für Oettinger).

Nicht zur Zahlenpepperei gehört, also zu Verzeihlichem, ein weiteres Kunststück der Politik: falsches Zeugnis ablegen. Es ist ein Straftatbestand – und im Übrigen auch ein Verstoß gegen das achte Gebot Gottes –, falsches Zeugnis abzulegen. Unser (Ex)Umweltminister hat behauptet, man würde ein kleines Kohlekraftwerk einsparen, wenn alle Glühlampen durch - äh - Energiesparlampen ersetzt würden. Dass zur gleichen Zeit eine große Anzahl von großen Kraftwerken (25?) im Bau war, hat er hingegen verschwiegen. Kein deutsches Gericht hätte den Herrn ungeschoren davonkommen lassen. Wer in Deutschland Zeugnis ablegt, wird vorher belehrt, dass er alles sagen muss, was er weiß, und nichts hinzufügen, aber auch nichts weglassen. Lügen darf man ungestraft nur, wenn man sich selbst verteidigt. 

Während wir wohl noch geraume Zeit warten müssen, bis unsere Techniker Entschwafelungsfilter für Politiker entwickeln, dürfen wir nicht damit zögern, die Herren zur Rechenschaft zu ziehen. Wie viel Zeit haben von Steuergeldern bezahlte Politiker, Kommissare oder Beamte damit verbracht, eines der wichtigsten Kulturgüter zu beseitigen, womit uns 0,4 Promille des CO2-Ausstoßes erspart werden sollen?

Man muss vorbeugen, denn die EU-Beamten, die an den Grenzen nicht nur Afghanen und Afrikaner aufhalten müssen, sondern auch Glühlampen, wollen sicherlich für diese Heldentat für das Vaterland bezahlt werden. Oder glaubt jemand allen Ernstes, dass die Grenzer die Jagd auf Heatballs und andere polit-pornografische Artikel in ihrer Freizeit betreiben werden?