10.06.2011
EIN LUX REICHT NICHT
Vorgestern machte jemand eine viel bedeutende Ankündigung: Man wolle die Intensität des „biologisch wirksamen“ Lichts präzise messen bzw. berechnen. Ein längst überfälliger Schritt!
Bekanntlich misst man die Intensität des Lichts in 500, Pardon, in Lux. Das ist die Abkürzung für photopische Lux. Es gibt natürlich auch skotopisches Lux, womit man sich aber ungern beschäftigt, weil man dann nicht mehr mit der 500 umgehen kann. Skotopische Lux liegen bei 1 oder 0,1 oder halt irgendwo, wo es für den Vertrieb von lichttechnischen Firmen keinen Blumenpott zu gewinnen gibt.
Auch nichts gewinnen kann man, wenn man die Leistung von üblichen Leuchtmitteln bezüglich der biologischen Wirkung misst. Da sich diese an dem blauen Anteil des Lichts bemisst - und die Lichtmessgeräte da sehr unempfindlich und dazu ungenau sind - muss ein neuer Maßstab her. Der wird nicht photopische, auch nicht skotopische, sondern melanopische Lux heißen.
Wunderbar, wie die Sache mich an Psy-Lux erinnert. Die hatten zwei Doktores mit den Namen Sommer und Herbst (ich weiß nicht mehr, ob auch ein Dr. Winter dabei war) erfunden. Sie hatten experimentell festgestellt, dass Menschen sehen können, wie viel Lux da vor ihren Augen durch den Äther fließt. Als ein Kollege von mir den Versuch nachstellen wollte, hat unser Professor sich die Versuchsanordnung angesehen. Sekunden später wäre er beinah an seinem Gelächter erstickt.
Die Doktores hatten an einem Ort in der Luft eines Raums die dort vorhandene Beleuchtungsstärke visuell prüfen lassen. Siehe da, wenn man die verdoppelt, sehen das die Leute, wenn man sie halbiert, auch. Daraus wurde die Maßeinheit „Psy-Lux“ geboren. Die Sache, an der der Professor beinah gestorben wäre: Die Doktores hatten nicht gemerkt, dass die Probanden die Helligkeit der Wand beurteilt hatten, die im gleichen Maß wie die Beleuchtungsstärke am Ort der Bewertung auf- und abging. Aber auch dem Professor war was entgangen, nämlich wieso die Doktores überhaupt auf die Idee mit dem Psy-Lux gekommen waren. Die hatten nämlich in „Licht“ gelesen, dass die Festlegungen über Beleuchtung nicht auf der Basis der Sehleistung getroffen werden dürfen. Sie müssen nach subjektiven Bewertungen festgelegt werden. Das hatte auch ein Professor veröffentlicht, ein mächtiger dazu. Dass er nicht an der Uni war, sondern bei einem Lampenhersteller - geschenkt. Da nun diesem Professor die Zeit und die Mittel gefehlt hatten, um neue Versuche durchzuführen, hatte er die alten Versuche von 1956 bis 1968 zusammengeschmissen – und sich einen Reim daraus gemacht. Logik: Bei allen Versuchen hatte man die Beleuchtungsstärke gemessen. Also? Daraus leite ich ab, wie viel Licht Menschen brauchen, und schreibe dies in Normen. Dass alle Versuche mit dem gleichen Fehler behaftet waren wie der Versuch der beiden Doktores - auch geschenkt! Man hatte bei allen Versuchen diejenige Größe gemessen, die sie im Sinn hatten: Horizontalbeleuchtungsstärke auf dem Tisch. Die Räume waren aber wie die Tische sehr unterschiedlich, und auch die Mittel, mit denen man die ersehnte Größe veränderte. So hat man den Raumeindruck ermittelt, den man erzeugte. Und den Effekt auf die unsichtbare Größe zurückgeführt, mit der sie Licht verkaufen. Beim Vergleich von Äpfeln mit Birnen sind die beiden Objekte Obst. Bei der als Grundlage für Beleuchtungsnormen ermittelten Größe handelt es sich, wie ich fürchte, um K...
Warum ist mir das gerade vorgestern eingefallen? Lux in melanopisch soll die Wirkung im Sichtbaren beschreiben, und zwar dicht an der Grenze zu UV. Da UV aber für Lichttechniker kein Licht ist, wird mLux (nicht milli, sondern melanopisch) wohl ein Kunstgebilde bleiben. Damit kann man eventuell leben. Was aber, wenn niemand mehr die 500 anführt, so z.B. 500 mLux? Da werden sich viele Experten brüskiert fühlen, weil sie nicht mehr Experten sind.
Genau genommen, ist niemand mehr Experte. Deswegen hält man heute Symposien und Kongresse ab, um sich zu positionieren. Hoffentlich geht die Sache nicht so aus wie weiland mit dem echten Lux. Die Grundlage davon, die sog. V(λ)-Funktion, seit den 1920er Jahren ein Heiligtum in der Lichttechnik, wurde unlängst von einem deutschen Professor so schnöde dargestellt: „Diese Funktion ist kein Repräsentant irgendeines Wahrnehmungseffektes." Tatsächlich nimmt niemand wahr, dass lichttechnische Größen, die alle über die V(λ)-Funktion definiert sind, keine physiologischen Größen sind, sie entsprechen keiner Wahrnehmung.
Kein Kommentar! Was ist sie denn, die heilige Funktion? (Das werden wir im Jahr 2024 erfahren. Da wird die V(λ)-Funktion 100 Jahre alt.)
01.06.2011
KANN LICHT DER GESUNDHEIT SCHADEN? 2
Eigentlich, ja, in der Praxis wohl nein, weil sich Generationen von Arbeitsschützern (das sind nicht die, die die Arbeit vor der Erledigung schützen, sondern die Sicherheit und Gesundheit der arbeitenden Bevölkerung) sicherstellen müssen, sollen und wollen. Die sorgen sich in Deutschland seit etwa 1935 um die Arbeitnehmer und deren (lichte) Welt. Im Jahre 2011 müssten sie irgendwie zum Erfolg gekommen sein? Oder etwa nicht? Seit heute ist es amtlich: Die Lichttechniker haben eine Norm gemacht - EN 12464 -, nach der man Beleuchtung planen soll, aber im „GEMEINSAMES MINISTERIALBLATT“ steht zu lesen:
„Die Anforderungen dieser ASR weichen in Einzelfällen von Normen, insbesondere von DIN EN 12464-1:2003 Beleuchtung von Arbeitsstätten – Teil 1: Arbeitsstätten in Innenräumen sowie DIN EN 12464-2:2007 – Teil 2: Beleuchtung im Freien ab. Die DIN EN 12464 Teil 1 und 2 legen Planungsgrundlagen für Beleuchtungsanlagen fest, berücksichtigen aber nicht die Anforderungen, die an Sicherheit und Gesundheitsschutz der Beschäftigten bei der Arbeit zu stellen sind.“
Gemeint ist die ASR A3.4 „Beleuchtung“, die am 1. Juni vom BMAS bekanntgemacht wurde.
Der ewige Friede - ach was, Freundschaft - zwischen dem Arbeitsschutz und der Normung für Beleuchtung hat offenbar einen gewaltigen Knacks bekommen. Hatte man beim Arbeitsschutz schon immer „empfohlen“ – nette Umschreibung für eine Erzwingung -, die Beleuchtung normgerecht auszuführen, wird künftig der zuständigen Beleuchtungsnorm unter anderem dieser Satz vorangehen : „Wird die Planung und/oder der Betrieb von Beleuchtungsanlagen ausschließlich nach dieser Norm vorgenommen, kann das dazu führen, dass die staatlichen Mindestanforderungen oder die Anforderungen der Unfallversicherungsträger an die Beleuchtung nicht eingehalten sind.“ Also erkennt die lichttechnische Normung an, was der Arbeitsschutz sagt.
Eigentlich müsste mich diese Entwicklung freuen, hatte ich doch bereits im Jahre 1997 (!) eine Studie mit dem Titel „Direktbeleuchtung am Bildschirmarbeitsplatz widerspricht Anforderungen des Arbeitsschutzes“ (Anm. Die damalige Norm DIN 5035-7 für Bildschirmarbeitsplätze war erstellt worden, um Direktbeleuchtung zu „fördern“. Man könnte die Sache anders nennen, aber ich bleibe lieber vorsichtig. Die Studie und die zitierenden Stellen findet man, wenn man den Titel in eine Suchmaschine überträgt.) Leider freut man sich nicht über das Recht-Behalten, wenn im Gegenzug unzählige Arbeitnehmer leiden müssen.
Ich möchte heute kein Lichtplaner sein.
In einer Sache freue ich mich doch, Recht zu behalten: Die neue ASR empfiehlt „Unerhörtes“: „Die Einrichtung fensternaher Arbeitsplätze ist zu bevorzugen.“ Und warum das? Den Grund gibt die ASR auch an: „Tageslicht weist Gütemerkmale (z. B. die Dynamik, die Farbe, die Richtung, die Menge des Lichts) auf, die in ihrer Gesamtheit von künstlicher Beleuchtung nicht zu erreichen sind. Tageslicht hat im Allgemeinen eine positive Wirkung auf die Gesundheit und das Wohlempfinden des Menschen.“
Licht kann also der Gesundheit doch schaden – falsches Licht. Jetzt müssen die Experten ihre Empfehlungen bezüglich der Einrichtung fensterferner Arbeitsplätze wieder einmotten. Sie, darunter auch Arbeitsmediziner, hatten sogar fensterlose Arbeitsräume empfohlen. Es waren nicht einzelne Arbeitsmediziner gewesen, sondern gleich ein ganzer Sonderkongress ("Menschen in fensterlosen Fabrikationsräumen haben - sofern diese in arbeitshygienischer Sicht optimal gestaltet sind - keine gesundheitsschädigenden Einflüsse zu befürchten.“ 6. Arbeitstagung der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin im Jahre 1965 zum Thema “Der fensterlose Arbeitsraum”). Der Gesetzgeber will aber anders.
30.05.2011
DENN SIE WISSEN NICHT …
Vor einiger Zeit fragte mich jemand, was denn an einer Beleuchtung, die er geplant hatte, falsch wäre. Er hätte sich Mühe gegeben, alle Vorgaben einzuhalten. Nu sind die Leute mit seiner Beleuchtung nicht so glücklich. Ist was falsch?
Ich fragte ihn, was er denn gemacht hätte. Eigentlich, das was jeder tun sollte, will er die Beleuchtungsnormen einhalten. Er hatte die Liste der Beleuchtungsstärken genommen, so-und-so-viel Lux auf dem Bürotisch, so-und-so-viel Lux im Gang, so-und-so-viel im Treppenhaus … Was soll daran falsch sein? Vielleicht das Ziel? Oder das Konzept?
Beleuchtung ist die Anwendung des Lichts, um Objekte sichtbar zu machen. Und Arbeitstische hat man seit jeher beleuchtet, damit man den Papierkram lesen kann, den man darauf bearbeiten soll. Und? Nichts, und es gibt keine Belege mehr, und den Bildschirm muss man nicht beleuchten; er leuchtet selber. Warum beleuchtet man etwas auf dem Arbeitstisch? Vor allem, wieso muss man heute in dem größten Teil der Büroräume mehr als doppelt so viel Licht installieren wie vor zehn Jahren? Und in den restlichen etwa 25 % mehr? (Mehr darüber in http://www.lichtundgesundheit.de/cyberlux/?p=225)- Man muss es nicht. Man muss nur für helle Wände und Decken sorgen. Dann ist es egal, wie viel Licht auf dem Tisch landet.
Warum beleuchtet man einen Flur und ein Treppenhaus? Und zwar so wie einen Tisch? Guckt einer hin, wo er hintritt, wenn er einen Flur entlang läuft? Hoffentlich nicht! Noch schlimmer wär's, wenn er sich die Treppenstufen ansehen würde, die er gerade betritt. Wenn er schnell genug läuft, landet er dann nämlich garantiert auf der Nase. Wozu beleuchtet man also die Treppe? Auf jeden Fall braucht niemand die Beleuchtungsstärke auf den Treppenstufen, auch wenn die genau dort vorgeschrieben ist und dort gemessen wird. Es ist vorgeschrieben, die Beleuchtung auf den Treppenstufen in 20 cm Höhe zu messen. Hat jemand eine Erklärung dafür, welche Sehvorgänge 20 cm über einer Treppenstufe ablaufen?*
Eigentlich ein bemerkenswerter Fall, weil auch die Verfasser von Beleuchtungsnormen nachts Treppen rauf- und runterlaufen, mal mit, mal ohne Beleuchtung. Als Ingenieure müssten sie sich verpflichtet fühlen, das Licht genau dort einzusetzen, wo es benötigt wird. Sie tun es offensichtlich nicht. Richtige Lichtplaner machen es anders und richtig. Sie zeigen den Weg, den man gehen soll. Nur bekommen sie manchmal Ärger, weil die Luxe auf der Treppe nicht stimmen. Planen sie nur nach den Regeln, dann verlegen sie einen Lichtteppich auf die Stufen, der eine große Verschwendung bedeutet. Manchmal bedeutet der Lichtteppich auch Unfallgefahr, wenn er die Stufen nicht richtig modelliert.
Noch viel schlimmer sieht es mit der Beleuchtung in den Büroräumen aus. Seit etwa 30 Jahren landet der größere Teil des Lichtstroms auf dem Teppich oder an den Enden der Tische. Warum das so ist, kann man aus den Leuchtendaten und den Empfehlungen für die Anordnung von Arbeitsplätzen zwischen den Leuchtenreihen einwandfrei ableiten. Man muss es aber gar nicht, man sieht es an jeder Stirnwand eines Büros. Licht bevorzugt dorthin, wo man es nicht braucht! Gegen dieses Konzept kann kein Kabarettist einen Blumentopf gewinnen, egal wie zynisch er auch argumentiert.
Als ich dies vor vielen Jahren, und zwar mit dem mittleren Bild, das eine echte Installation wiedergibt, bei einem Vortrag thematisierte, wendete der Entwicklungsleiter einer großen Firma ein, gegen Fehlplanungen könne man nichts tun. Etwas derart „Meschuggenes“ kenne er nicht. Pech für ihn - die Planung stammte zufällig aus dem Hause, für das er arbeitete. Und die Leuchten hatte er selbst konstruiert.
Die Sache fiel mir gerade heute ein, als Merkel und Co. mit ernster Miene den Ausstieg aus der Atomenergie verkündeten. Die Lücke, die die Atommeiler hinterlassen, soll mit einer verstärkten Verspargelung von Deutschland und, weil dies nicht reicht, durch Sparen geschlossen werden. Ob die Herrschaften wissen, wie viel elektrischer Strom in Deutschland auf den Teppich geschüttet wird? Da würden sie dem Arbeitsminister seine demnächst erscheinende ASR 4.3 schnell aus der Hand schlagen. Wenn man deutsche Büros danach prüfen würde, müsste man noch viel mehr Strom verluxen, weil die meisten Arbeitsplätze nach deren Vorstellungen zappenduster sind.
Mehr noch: Die elektrische Beleuchtung muss viel früher eingeschaltet werden als nötig, weil man die Lichtregelsysteme, die bei Abnahme des Tageslichts die künstliche Beleuchtung hochfahren, an den neuen Werten festmacht. Sie sollen die Beleuchtung hochfahren, sobald 500 lx am Arbeitsplatz unterschritten werden. Auch das Energiesparpotential von Gebäuden wird daran gemessen. Und? Kein Mensch mit gesundem Verstand wird je auf die Idee kommen, bei 500 lx Tageslicht am Arbeitsplatz Licht einzuschalten. Dazu muss man Experte sein. Wer glaubt zu wissen, wie hell es bei 500 lx Tageslicht am Arbeitsplatz ist, sollte einfach ein Lichtmessgerät auf die Mitte seines Arbeitstisches stellen und ablesen.
Egal! Wissen müssten alle, die sich mit Licht befassen, dass ihr Tun Unsinn bedeutet. Bei der hier abgebildeten Beleuchtungsanlage beträgt die Beleuchtungsstärke auf dem Teppich neben dem Tisch und an dessen beiden Enden 700 lx. Dort, wo einer sehen soll, sind 300 lx vorhanden. macht gemittelt etwa 500 lx! Ganz legal, steht in vielen Büchern, Normen etc. Und die BG nimmt die Rechnung ab, weil sie sie vorgibt. Eine ziemlich einmalige Konstellation, bei der eine Berufsgenossenschaft Absatzförderung für die lichttechnische Industrie betreibt.
Wenn man noch böser ist, müsste man ihnen sogar Unwissenheit vorwerfen. Denn, Licht dort, wo man es nicht braucht, mindert die Wirkung des Lichts auf dem Sehobjekt. Nannte sich einst Umfeldblendung. Aus dem Vokabular gestrichen, weil nicht passend …
11.05.2011
STEINZEITKONZEPT
Gerade habe ich in der ARD eine Sendung mit dem Titel „Das Steinzeitkonzept“ gesehen. Es handelt sich darum, dass wir Menschen vor vielen Jahrtausenden entstanden sind, aber nicht unsere Nahrung, nicht unsere Fortbewegung, auch nicht unsere Lebensweise. So werden heute diejenigen dick, die bessere Futterverwerter sind. Früher wäre das im Vorteil, weil der Mensch auch mal hungern musste. Das leckere Brot und das Getreide, aus dem es gebacken wird, entfremden unseren Magen von seiner ursprünglichen Aufgabe. Der gesunde Bürodrehsessel verbiegt unsere Wirbelsäule, der den ultimativen Lordose-Stützpunkt in Höhe des richtigen Wirbels L5/S1 abstützen soll, und die Sportschuhe der Marken Adidas XBums oder Puma SLX schütteln den Bewegungsapparat durch und machen die Füße kaputt; man solle daher barfuss über den Asphaltdschungel laufen.
Nicht meine Welt. Von den Augen hat die Sendung nicht gesprochen. Die Augen von heute sind nämlich auch aus der Steinzeit – oder? Ich denke, noch älter. Sie waren entstanden in der Hochebene von Äthiopien oder in der Savanne, wie man an der Empfindlichkeitskurve des Auges erkennen kann. Und? Mir fiel nur ein, dass ein Experte für Licht in einem Buch schrieb, es wäre unnatürlich, wenn oben heller wäre als unten. Deswegen sei Indirektbeleuchtung unnatürlich. Ach, ja! Ist sie? Der Experte arbeitete einst für die Firma, die die Beleuchtung erfand, die sich nicht in den Bildschirmen spiegeln sollte. Diese Beleuchtung verleiht jedem Büro einen Höhlenlook. Das Buch war eine Auftragsarbeit, deren Ziel es war, diese Beleuchtung schönzureden. Ist oben heller als unten unnatürlich?
Ja, sie ist. Jede von Ingenieuren geplante Beleuchtung ist unnatürlich, weil es in der Natur keine Lichtsituation gibt, die lange oder immer gleich bleibt. Wenn, dann in der Wüste über viele Stunden hinweg. Das ist natürlich, aber eine Tortur. Wenn man zu dem gleichbleibenden Licht noch die gleichbleibende Temperatur, Luftfeuchte etc. hinzu rechnet, kommen wir zu dem Office-Biotop, das den meisten vorschwebt, die sich Gedanken über eine angenehme Büroumgebung machen. Die haben aber keine Bauanleitungen für Legebatterien gelesen.
Was heute als neues Forschungsergebnis bezüglich der Beleuchtung daherkommt, ist eine Ohrfeige nach der anderen, was Konzepte für Beleuchtung angeht, die man über Jahrzehnte für richtig gehalten hatte. Ob wir es schaffen – zurück zur Steinzeit?
Wohl kaum. Schuld ist ja nicht die Beleuchtungstechnik, die uns ermöglicht, 24 Stunden rund um die Uhr zu arbeiten und zu leben. Wir können aber trotzdem lernen, etwas von der Steinzeit zu retten. In Japan gibt es sogar ein Großinstitut, in dem geforscht wird, wie man in modernen Umgebungen gesund und munter leben kann. Die Japaner verstehen es ja gut, wie man Tradition und Fortschritt verknüpft.
Etwas ist aber schon geschafft: Sowohl die Lichttechniker, die biologisch wirksame Beleuchtung realisieren wollen, als auch das Bundesministerium für Bauwesen haben erkannt, dass es besser ist, wenn oben heller ist als unten. Das wird einem Herrn nicht gefallen, der seit Jahrzehnten einen gnadenlosen Feldzug für tiefstrahlende Leuchten führt, weil er die erfunden zu haben glaubt. Die Menschen, denen die „neue“ Denke zuteil wird, denken da anders. Der Herr hat es von einem einfachen "Ing." in den 1960ern zum Professor geschafft. Den Himmel dunkler werden zu lassen als die Erde, wird auch ihm nicht gelingen.
12.04.2011
ZURÜCK ZUR BESCHEIDENHEIT
Bis gestern dachte ich, ich hätte einiges an tiefschürfenden Ideen gehabt. Allzu wenig war es ja nicht. Dazu war ich der Meinung, in unserer Zeit würde viel geschehen in der Lichttechnik. Bis ich ein Buch aus dem Regal zog, das ich im Antiquariat gekauft hatte: „Lichttechnik - Lichtbewertung, Lichterzeugung, Lichtanwendung“ von Walter Köhler. Ihn hatte ich zu meiner Studentenzeit kennengelernt. Er hatte uns sogar in seine Wohnung eingeladen, um uns seine Art von Wohnbeleuchtung zu zeigen. Das Buch lag bereits ein Jahr im Regal - ziemlich unberührt.
Köhler nannte sich Lichttechniker, sein Doktortitel war aber Dr. phil. Er hatte Physik, Mathematik, Philosophie und Pädagogik studiert. Oh, weia! Was hat unsereins studiert? Technik ohne Philosophie! Am meisten hat mir sein Bemühen um die Zusammenarbeit von Lichttechnik und Architektur imponiert. Köstlich auch seine Darstellung der Grundempfindungen des Auges und deren Änderung mit den Umgebungsbedingungen. Er stellt nicht etwa eine Tabelle auf, die die Wahrnehmungsgeschwindigkeit in Abhängigkeit von der Beleuchtungsstärke auflistet, oder gar ein kartesisches Diagramm, das die Beziehungen für Ewig zementiert, nein, er beschreibt die Abläufe von der Morgendämmerung über den Mittag bis in die Nacht gespickt mit Versen. Köhler hat Pädagogik wohl nicht nur studiert.
Köhlers Lichttechnik hat ihre Wurzeln nach seinen Aussagen sowohl im Natur- als auch im Geisteswissenschaftlichen. Sie hatte … Wenn ich mir unsere heutige Situation vorstelle, reichen bittere Tränen über den Niedergang des intellektuellen Niveaus bei weitem nicht aus. Man müsste sich eher einer Prozession der Schiiten in Kerbela anschließen, die sich mit scharfen Gegenständen geißeln, um ihrer Trauer den angemessenen Ausdruck zu verleihen.
Vor 60 Jahren schrieb einer ein Buch, das man mehr als ein halbes Jahrhundert später bewundern muss?
Was ist da zu bewundern? Das: „Der Beleuchtungstechniker kann seine Aufgaben nicht ohne Kenntnis und Berücksichtigung der Physiologie, vor allem aber der Psychologie (der Lehre, welche die Lebensvorgänge erforscht, die der inneren Wahrnehmung zugänglich sind), der seelischen Beeinflussung des Menschen durch Licht, wirklich zufriedenstellend lösen, und dies gilt bei der richtigen Beleuchtung am Tage.“ (Köhler, 1952)
Was mich beschämt, ist, dass es bei mir über 40 Jahre dauern musste, bis ich seine Weisheit erkannt habe. Bis die Gurus unserer Wissenschaft begreifen, wie wichtig die Beleuchtung am Tage ist, wenn man hinter den Mauern eines Betriebs sitzt, wird wohl noch viel Wasser den Rhein runterfließen.