21.01.2011
DEUTSCHE BEAMTE MIT PROFUNDEM WISSEN
Gestern entdeckten wir etwas, was wir hätten längst wissen müssen. Der Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung hat ein sehr umfangreiches Bewertungssystem für Nachhaltiges Bauen (BNB) entwickelt, was an sich nicht so sensationell ist. Etwas bemerkenswerter ist schon, dass man weiterhin Kriterien für „Neubau Büro- und Verwaltungsgebäude“ entwickelt hat. Denn solche Ansinnen bleiben häufig künstlerisch aktiven Leutchen vorbehalten , die ihre Kreationen vom Büro der Zukunft oder mit Zukunft, egal, Hauptsache Zukunft, hier und da veröffentlichen. Systematische Bücher gibt es selten.
Noch schöner: Das gesamte System ist hierarchisch geordnet nach Hauptkriteriengruppe, Kriteriengruppe und Kriterium. Daher muss jedes Argument, das irgendwo eingetragen wird, „sitzen“. Nicht die falsche Ebene! Wo gehört nach Meinung des Ministeriums visueller Komfort? Andernorts, wo richtige Lichtfachleute urteilen, gehört der in die Abteilung Bla Bla, denn die haben nicht einmal das Hauptziel ihres Tuns, die Sehleistung, definiert. Beim Wort Komfort schlagen sie die Hände überm Kopf zusammen und sagen, das sei eben Psychologie, und Psychologie ist … Na, ja, Sie wissen schon … Wir brauchen knackige Zahlen!
Nicht so bei den ministeriellen Fachleuten: Der Begriff „Visueller Komfort“ gehört zur Hauptkriteriengruppe „Soziokulturelle und funktionale Qualität“, die Kriteriengruppe lautet „Gesundheit, Behaglichkeit und Nutzerzufriedenheit“. Womit wir den ministeriellen Segen für das Thema Licht und Gesundheit hätten. Der lautet ausgeführt:
„Der visuelle Komfort an Arbeitsplätzen bildet die Grundlage für effizientes und leistungsförderndes Arbeiten. Darüber hinaus bildet eine gute Tageslichtnutzung ein hohes Energieeinsparpotenzial für künstliche Beleuchtung, und Kühlung. Die Akzeptanz des Raumklimas (thermische Behaglichkeit, Luftqualität, Lärm und Beleuchtung), insbesondere die Lichtbedingungen, steht in starkem Zusammenhang mit der Zufriedenheit am Arbeitsplatz. Daher muss in allen ständig genutzten Innenräumen eine ausreichende und störungsfreie Beleuchtung gesichert werden.“
Vom Segen kann man zwar glückselig werden, aber bauen danach? Wieder mal Abteilung Bla Bla? Nein - und das ist das Schöne am Ganzen. Im BNB Abschnitt 3.1.5 wird angegeben:
„Für die Beurteilung des visuellen Komforts wurde eine Bewertungsliste erarbeitet, die unterschiedliche Teilkriterien abbildet und am Ende eine Gesamtnote ergibt.
Im Rahmen der Bewertungsliste werden die folgenden Teilkriterien beurteilt:
1. Tageslichtverfügbarkeit Gesamtgebäude (quantitativ)
2. Tageslichtverfügbarkeit ständige Arbeitsplätze (quantitativ)
3. Sichtverbindung nach außen (quantitativ)
4. Blendfreiheit Tageslicht (qualitativ)
5. Blendfreiheit Kunstlicht (quantitativ)
6. Lichtverteilung (qualitativ)
7. Farbwiedergabe (quantitativ)“
Alle Kriterien werden erläutert und vor allem mit quantitativen Werten belegt. So muss man nicht sinnieren, ob ein Bürohaus der ArbStättV genügt, die da vorschreibt: „Arbeitsstätten sind möglichst ausreichend mit Tageslicht zu beleuchten.“

Tacheles statt Bla Bla!
Warum mich dieses Werk so besonders freut, kann man durch ein Studium des Berichts „Licht und Gesundheit“ aus dem Jahre 1990 entdecken: Dort wird zum einen auf Tageslicht abgehoben, zum anderen aber auf die Individualisierung der Beleuchtung. Zudem wird als ein Grund für die geringe Akzeptanz künstlicher Beleuchtung der Mangel an Farbe angeführt. (Den Bericht bekommt man hier unter healthylight.de, und Erklärungen dazu hier)
Zu Farbe meint das Ministerium:

Da erkennt man, dass die Einhaltung von Beleuchtungsnormen nicht ausreicht, um einen Blumentopf zu gewinnen. Denen genügt Ra > 80. Die Geschichte erzählen die Normen seit Jahrzehnten. Und seit Jahrzehnten hat sich da nichts geändert. Vermutlich wird es noch einige Jahrzehnte dauern, bis die Lichttechnik erkennt, dass die Farbwiedergabe wichtig ist.
Noch schlimmer kommt es für die, die sich zum obersten Ziel setzen, Leuchten gleichmäßig verteilt an die Decke zu schrauben:
Wer keine individuelle Beleuchtung vorsieht, bekommt Null Punkte. Setzen! Wer nur die Normen einhält, kommt mit einem blauen Auge davon.
Was mich besonders freut, ist das Fehlen des Wortes Lux in dem Papier.
Das gesamte Papier ist unter http://www.nachhaltigesbauen.de/fileadmin/pdf/zertifizierung_allgemein/bewertungssystem-nb_KE_Stand_18-12-09.pdf erhältlich.
Aus gegebenem Anlass: Hiermit wird versichert, dass alle Gänsefüßchen geistiges Eigentum des Autors sind. Nur der Text dazwischen wurde vom Ministerium verfasst.
12.03.2011
MAGIE DER ZAHL 500
Heute muss ich mich mit einer Broschüre beschäftigen, die ein Experte geschrieben hat. Viele andere Experten haben ihn dabei beraten. Sie handelt vom Tageslicht und beschreibt, wie man Arbeitsplätze angenehmer machen kann, indem man Tageslicht sinnvoll einsetzt. Das ist sinnvoll.
Was mich erschrocken hat, ist das Treffen mit einer uralten Bekannten. Die 500, gefolgt von Lux, treibt auch hier ihr Unwesen. Ich lese, Tagsüber könnte die Beleuchtung viel höher sein, als man mit künstlicher Beleuchtung je erreichen könnte. Stimmt. Ist auch gut so.
Unser Experte meint aber, optimal seien am Schreibtisch 500 lx! Wieso 500? Die Geschichte dieser Zahl hatte ich in diesem Blog früher dargestellt (500). Tolle Sache, früher maß man Kunstlicht am helllichten Tage, d.h. an seinen Beleuchtungsstärken. Jetzt misst man den helllichten Tag an den Funzeln, die man halt nicht anders betreiben kann. Sonst würde in den Büros noch mehr als 40 % des Stroms verluxt. Das können wir uns nach der Rolle rückwärts der Bundeskanzlerin von Gestern nicht mehr leisten. Sie hat ja ihr eigenes Gesetz, das sie gegen den Bundesrat durchgeboxt hat, mir nichts, dir nichts, kassiert. Hoffentlich auch die Geheimabsprachen dazu. Seit gestern ist in Deutschland Atomstrom kein Thema mehr, äh, das Thema … Da das Gesetz letztes Jahr wegen dringenden Strombedarfs erlassen wurde, und es so eilig war, dass der Bundesrat schnell umschifft werden musste, wird uns wohl mächtig an Strom fehlen. Vielleicht fehlt uns womöglich die Kanzlerin, weil um einen Kopf kürzer gemacht.
Aber auch ohne Geheimabsprache sorgt die 500 für Krach im Gebälk. Der ist aber so leise, dass nur Fachleute das Problem verstehen. Es geht so: Um Energie zu sparen, will man die Beleuchtung am Arbeitsplatz am liebsten so regeln, dass Kunstlicht + himmlisches Licht, Pardon, natürliches Licht, immer 500 lx ergeben. Liefert die Sonne mehr als 500 lx, kann die Lampe abgeschaltet werden. Liegt das Tageslicht so bei 200 oder 400 lx, muss halt die künstliche Beleuchtung ihr Scherflein dazu beitragen. Abends leuchtet sie dann allein, so die Leute dann arbeiten wollen. Das ist Teil der Regelungen für die Energieeffizienz von Gebäuden. Das haben ernstzunehmende Leute in ernstzunehmenden Normen so veröffentlicht. Nicht ganz so, aber sinngemäß.
Dumm nur, dass die Sache nicht laufen will. Hätten unsere Öko-Freaks ihre Studien zum Tageslicht oder Null-Energiehaus nicht immer in Freiburg gemacht, hätten sie gewusst, dass in Innenräumen auch am Fenster die 500 lx nicht allzu lange überschritten werden. In Freiburg ist das anders, dort scheint die Sonne länger als anderswo in Deutschland, und die Sonne, so sie scheint, gibt mehr Licht als in Norddeutschland. Und sie scheint auch länger als bei den Nordlichtern. Da sie auch noch eine halbe Stunde später scheint als bei den Ossis, ist Freiburg der optimale Ort für das Öko-Marketing. Und die Experten für künstliche Beleuchtung hätten ihnen geflüstert, dass Anlagen zur Lichtregelung erstens Strom schlucken, und das unentwegt, und zweitens die Lampen und Leuchten außerhalb ihrer optimalen Betriebsbedingungen betreiben. Z.B. sterben sie früher, wenn man sie häufig schaltet, oder ihre Lichtfarbe stimmt nicht, oder ihre „Effizienz“ stimmt nicht, oder oder …
Nun zurück zu der 500 … Wer braucht 500 lx Tageslicht am Schreibtisch? Eine persönliche Antwort dazu kann jeder finden, wenn er ein Luxmeter nimmt und sich an ein paar Tagen seinen Schreibtisch anschaut und danach das Luxmeter. Mal messen!
Was rauskommen wird, hat bereits in den 1980er Jahren ein Doktorand meines Professors haarklein berechnet: Will man die gleiche Güte beim Erkennen von schwierigen Sehobjekten erreichen, braucht man bei Tageslicht die Hälfte der Luxe, die man bei Kunstlicht aufwenden muss.
Ein anderer Experte, ein angesehener Professor aus Karlsruhe, hatte ermittelt, dass man die 500 lx nicht wegen des Sehens von Sehobjekten benötigt, sondern um einen hellen Raumeindruck zu bekommen. Und den bekommt man auch bei 100 lx mit Tageslicht.
Nicht glauben, einfach ausprobieren. Hilft ungemein gegen Verluxen kostbarer Energie.
12.03.2011
LÜGENDES LICHT UND KABELSALAT
Das Buch, über das ich gestern berichtet hatte, „Lügendes Licht“, fängt mit einer bemerkenswerten Seite an: Die 1000-Stunden Glühlampe: gewollter Stillstand. Sie versetzt uns zurück an den Anfang des verflossenen Jahrhunderts:
1920er Jahre: Die Comedian Harmonists auf Schellackplatten tönen aus Trichtergrammofonen, als das Phoebus-Kartell die Lebensdauer der Edison-Birne festlegt.
Die Glühlampe brennt 1000 Stunden.
Es folgen die Jahrzehnte mit Zarah Leander, Glenn Miller, Rolling Stones, ABBA, Falco und David Bowie, Nirwana, Youtube und die 2010er, deren Star, eine Doktorarbeit eines Politikers von dem Ort, wo sich Politiker sonst wegen überlanger Opernvorstellungen Kameras stellen. Und?
Die Glühlampe brennt 1000 Stunden.
Aber: Die ineffiziente Glühlampe mit der zu kurzen Lebensdauer wird abgeschaltet.
Als ich die Story mit den 1000 Stunden kennenlernte, im Jahr 1966, waren die Rolling Stones in Berlin und ließen die Waldbühne zerlegen. Ich lernte sie aber keineswegs in einer Märchenstunde - unser Professor, der sie zu Zeiten von Glenn Miller gelernt hatte, erklärte uns, die 1000 Stunden wären eine Optimierung zwischen Herstellkosten, Energiekosten, Betriebskosten usw. Was ich später lernen sollte, bedeutet, eine Optimierung, das Beste unter den gegebenen Umständen zu erzielen. Ich vermute, die Enkel unseres Lehrers auf seinem Lehrstuhl erzählten im Youtube-Zeitalter dieselbe Geschichte. Und werden sie vielleicht beim Abschiedskonzert der Rolling Stones weiter erzählen, sollten diese jemals aufhören zu singen.
Haben sich die Umstände in den 90 Jahren seit den Comedian Harmonists nicht geändert? Nein, und nochmals nein. Wieso denn nein? Wenn sich Firmen absprechen, etwas so zu halten, wie es nach ihrem Willen nützlich ist, nennt man dies ein Kartell. Das lehrte uns die Soziologie-Lehrerin an meiner Schule. Und Kartelle seien verboten, stand in unserem Buch für Staatsbürgerkunde. Also kann es doch kein Kartell geben - schon gar keines, das über 90 Jahre funktioniert. In der Zeit hat die Welt doch zwei der grausamsten Kriege ihrer Geschichte erlebt, und die 12 Jahre des Tausendjährigen Reichs sowie den Aufstieg und Untergang des Sozialismus. Da soll ein Kartell sogar länger gehalten haben?
Die wissenden Herrschaften weisen die Sache von sich. Es habe kein Kartell gegeben, schon gar keines namens Phoebus. Basta! Ich muss dem nicht widersprechen, denn aus dem gleichen Stall, der Elektroindustrie, stammte ein Kartell, das im Jahre 1997 abgeschaltet wurde. Es war im Jahre 1902 (!) gegründet worden und wurde nach 95 Jahren verboten, weil ein Aussteiger die Hersteller von Stromkabeln verpfiffen hatte. Kann sich jemand vorstellen, dass Zehntausende von Männern (Frauen gibt es in der Branche nur als Kabelwicklerinnen) über 95 Jahre schweigen? Oder? Es gibt auch andere Möglichkeiten - wie wär's z.B. mit 10.000 Politikern, die 95 Jahre weghören?
Wie dem auch sei, die Geschichte des Lichts ist eng mit der des Kabels verbunden - kein Licht, kein Kabel. Kein Kabel - kein Kraftwerk! Im Anfang war das Licht - sagt die Bibel. Eine modernere Version davon sagt: „Im Anfang war die Dynamomaschine“. Damit sein Strom nicht nutzlos im Äther verschwinde, sprach der Herr: „Es muss Licht werden!“ Und man verlege Kabel, damit der Strom zu den Lampen komme. Damit sich nicht etwa Fremde an den Kuchen machen, müssen alle drei Säulen, auf denen das Gebäude steht, Kraftwerk, Kabel, Lampe, gut geschützt werden. Und zwar so gut, dass ihm auch zwei Weltkriege nichts haben anhaben können.
Als ich vor einigen Stunden ein Kraftwerksgebäude in Japan wie eine Bombe auseinanderfliegen sah, erinnerte ich mich an meinen Besuch in einem japanischen Kernkraftwerk in den 1990er Jahren. Damals war ich Mitglied in der Reaktorsicherheitskommission und interessierte mich für die Aufstellung eines Systems, das Reaktorunfälle unwahrscheinlicher machen würde, indem man kleinere Unfälle unter der staatlichen Meldeschwelle erfasst, analysiert und auf ihre Ursachen zurückschließt, die auch zu größeren Unfällen führen könnten. Damals stellte ich fest, dass die Betreiber von Kernkraftwerken auch bei Ereignissen, die sie hätten melden müssen, doppelt so viele Fälle im eigenen Rechner führten wie offiziell gemeldet wurden. Auch in Deutschland haben sich die Betreiber mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, dass eine staatliche Kommission ein solches System führt. Privat hat man es hingegen eingeführt. Es gibt eben staatliche Einrichtungen – aber auch überstaatliche … Kein Wunder in einem Land, in dem der Bundeskanzler sein Ehrenwort für höherwertig hält als die Verfassung des Landes, die er zu achten und zu schützen geschworen hat.
Wir werden vielleicht in den nächsten Stunden, vielleicht auch später erfahren, wie das Lügengebäude einer überstaatlichen Organisation in Japan zusammenbricht. Eigentlich ist er doch zusammengebrochen … Ein Unfall in der Kerntechnik hat eine Wahrscheinlichkeit von 1 zu 10.000 Jahren, hieß es. Da wir bereits zwei innerhalb von weniger als 10 Jahren hatten (Three Mile Island und Tschernobyl), muss der Reaktor in Fukushima 2 x 10.000 Jahre halten. Zwar soll die Kernschmelze vor einigen Minuten begonnen haben. Es gibt aber bestimmt Experten, die einem erklären, dass das nicht so schlimm sei, weil der Wind nicht in unsere Richtung weht.
Um die Nacht hell wie den lichten Tag zu machen, das aber preiswert, hat man beschlossen, die Energie aus der Hölle zu holen. Jetzt zeigt uns der Teufel, was ein Pferdefuß ist. Wie in Fukushima Störfälle vertuscht wurden, kann man in Welt Online lesen. Weiter unten erscheint die Geschichte vom 95-jährigen Kartell aus Spiegel Online. Man sieht: Nichts hält ewig.
10.03.2011
LÜGENDES LICHT
Heute brachte der Postbote eine besondere Sendung: „Lügendes Licht“ von Claudia Karstedt und Thomas Worm. Es handelt von der sog. Energiesparlampe und wie die Politik sie zu Lasten eines Kulturgutes durchdrücken will. Die ersten Schritte sind schon getan, man hat ein „Glühlampen-Verbot“ erlassen, das schrittweise die Glühlampe in den Hades schicken soll. Der Untertitel lautet „Die dunklen Seiten der Energiesparlampe“, die Einleitung „Die Energiesparlampe - Eine Innovation im Zwielicht“. Es steht zu befürchten, dass das Verbot die Begünstigte, die Energiesparlampe, überlebt und im Jahre 2016 noch die letzte Halogenlampe vom Markt fegt. Dann wird es die Sparfunzeln nicht mehr geben oder in anständiger Form.
Naturgemäß kann man hier nicht ein ganzes Buch wiedergeben. Man muss es selbst lesen. Man muss! Ich habe in dem Buch als erstes die „Ökobilanz“ gesucht, die mir wohl entwischt war, obwohl ich einige Jahre danach gesucht hatte. Die Autoren, immerhin beide Fernsehjournalisten, könnten sie in ihrem Schlupfwinkel aufgestöbert haben. Ein ganzes Kapitel haben sie dem Thema gewidmet. Und was haben sie gefunden? Man könnte das betreffende Kapitel „Eine Abhandlung über eine abwesende Erleuchtung“ oder so ähnlich nennen. Anstelle einer Ökobilanz dokumentiert das Buch nur eine Handelsbilanz: Das Problem der Herstellung und der damit verbundenen Umweltverschmutzung wurde nach China exportiert. Dafür importieren wir die Lampen mit ihrer Konterbande, dem Quecksilber, nach Europa. Saubääär!
Mit deren Hilfe werden wir den Ausstoß an CO2 so erheblich verringern, dass man ein Vergrößerungsglas benötigt, um die Verbesserung auszumachen. Dafür haben wir aber ein hehres Prinzip zum Teufel gejagt: Handle so, dass wenigstens du selbst glaubst, dass du richtig handelst! Wenn dieselben Leute, die ein Umweltgift (Quecksilber) so verteufeln, dass sie Thermometer mit eben dieser Füllung verbieten, mit Gewalt eine Technik durchsetzen, die auf just diesem Gift beruht, sind sie etwa so glaubhaft wie Politiker, die einen wegen dämlichen Abschreibens in die Wüste gegangenen Kollegen zurück wünschen. So geschehen zu Aschermittwoch 2011 unter starkem Fluss von schwarzen Krokodilstränen. Der Aschermittwoch für die, die ein ökologisch motiviertes Verbot ohne Ökobilanz aussprechen, kommt noch. Wetten?
Lügendes Licht - Die dunklen Seiten der Energiesparlampe
Thomas Worm/ Claudia Karstedt, Hirzel Verlag, Stuttgart, 2011, 254 S. EUR 19,80 sFr 33,70
Inhaltsverzeichnis
Statt eines Vorwortes: ein Bekenntnis
Einleitung: Die Energiesparlampe – eine Innovation im Zwielicht
Vorwärts in die Vergangenheit – die Fluoreszenz-Technologie ist von gestern
Die Kompaktleuchtstofflampe – ein Klimaretter zum Nulltarif?
Lagerfeuer im Glaskolben – glühendes Licht zu Hause
Undurchschaubare Sparlampen – der Konsument als Lichttechniker
Falscher Schein der Künstlichkeit – die verkehrte Welt des Fluoreszenzlichts
Leiden fürs Klima – Leuchtstoffröhren als Risikofaktor für die Gesundheit
Entsorgte Probleme – Umweltkosten der Sparlampe werden exportiert
Vom Glühen zum Glimmen – Ausblick in die Zukunft des Lichts
Das volle Spektrum, bitte! – von Verdunkelungsgefahr und lichtem Bewusstsein
Anhang: Wissenswertes & Nützliches
Anmerkungen
Register
05.11.2010
Knackig satte Farben
Heute habe ich die Nachricht darüber erhalten, dass Marvin Böll und Tran Quoc Khanh in der Zeitschrift Licht einen Artikel zum Thema Lichtquellen für Wohnraumbeleuchtung veröffentlicht hatten. Eigentlich hätte ich den Artikel schon längst gelesen haben müssen. Eigentlich …
Was die beiden geschrieben haben, hätte sie noch vor ein paar Jahren an den (virtuellen) Galgen der Lichttechnik gebracht, und einen Kongress, auf dem sie die Dinge vorgetragen hätten, hätten sie nur nach Zusicherung für freies Geleit aufgesucht und nur unter dem Schutz der Security verlassen können. Heute können sie ohne Angst vor Verurteilungen schreiben.
Worum geht es? Im Prinzip um zwei Mogelpackungen namens Farbwiedergabeindex und Energieeffizienz. Beim Farbwiedergabeindex handelt es sich um die Fähigkeit einer Lichtquelle, Farben von Objekten wiederzugeben. Der gebildete Laie lernt dazu im Physikunterricht, dass Objekte nur die Farben reflektieren können, die in dem sie beleuchtenden Licht enthalten sind. Soweit der Laie … Der Fachmann hingegen redet vom Farbwiedergabeindex, der sich zwischen 0 und 100 bewegen kann. wenn man den Artikel richtig liest, stellt man fest, dass der Fachmann von der Sache weniger versteht als der Laie. Denn dieser prüft und testet die Beleuchtung seines Wohnraums unter Beachtung der dort befindlichen Farben, so er Interesse an seiner Umgebung hat. Und die Industrien, von denen die Möbel in dem Wohnraum sowie seine Kleidung herkommen, rechnen und arbeiten mit spektralen Reflexionsgraden, während der Beleuchtungsfachmann bestenfalls weiß, dass es so etwas gibt.
Der Farbwiedergabeindex ist zum einen falsch skaliert, denn ein Wert von etwa 90 suggeriert, dass er sehr hoch sei, und die meisten Farben würden gut wiedergegeben. Und gar ein Index von 99? So eine Lampe müsste praktisch alle Farben schön wiedergeben. Denkste! Sie gibt nur Pastellfarben gut wieder, weil die gesättigten Farben gar nicht berücksichtigt werden. Der Index heißt nämlich der „allgemeine“ F… Die beiden Ketzer, die den Artikel geschrieben haben, haben aber die gesättigten Farben mit berücksichtigt. Ihr Ergebnis u.a.: „Die warmweißen Kompaktleuchtstofflampen haben keinen guten Farbwiedergabeindex bei Gelbgrün (R3), Purpur (R8), gesättigtem Rot (R9), gesättigtem Gelb (R10) und gesättigtem Blau (R12).“ Und: „Eine warmweiße Kompaktleuchtstofflampe mit einem Ra von 82 hat einen R9-Wert von nur 2. Sie kann außerdem wichtige Farben wie Gelb (R10) und Blattgrün (R14) trotzdem farblich nicht gut wiedergeben.“ (Zahlen in Klammern sind die Nummern der Testfarben für gesättigte Farben.)
Was lernt das einen? Zum einen, dass man sich die farbliche Gestaltung seines Wohnraums sparen kann, wenn man solche Lampen einsetzt. Zum anderen verraten die Autoren, wie die Legende von der Energieeffizienz bestimmter Lampen entstanden ist: „Eine Erkenntnis aus … ist es, dass das jetzige Leuchtstoffsystem in dem Spektralbereich zwischen 555 nm und 575 nm, in dem die V(λ)- Funktion sehr hohe Hellempfindungswerte aufweist, relativ wenig Strahlungsemission liefert und deshalb die derzeitige Lichtausbeute zwischen 48 lm/W und 67 lm/W zustande bringt.“ In weniger gewählter Ausdrucksweise heißt das, dass die relativ hohe Lichtausbeute durch Inkaufnahme eines Farbstichs entsteht.
Farben unwichtig? Das wird einem kein Fachmann erzählen wollen. Es ist aber so. Nur der „Fachmann“ weiß es nicht, wenn er seine Schulung bei einem Hersteller absolviert hat. Dort lernt er, dass ein Index von 69 „gut“ sei, 85 „sehr gut“ und 100 „optimal“. Optimal eine Steigerung von sehr gut? Und das auch, wenn keine der gesättigten Farben wiedergegeben wird? Dieser Unsinn ist bestimmt nicht steigerungsfähig.
Langsam begreife ich, was ein anerkannter Sehphysiologe gemeint hat, als er Beleuchtung als „Lichtsoße“ bezeichnete.
zum Artikel: Farb- und lichttechnische Charakterisierung von Lichtquellen für Wohnraumbeleuchtung, in Licht 4/2010, war jedenfalls heute verfügbar unter http://www.litg.de/publik/litg.php4