19.04.2014
… Lux. So ähnlich titulierte die Journalistin Stefanie Maeck ihren Artikel in Spiegel Online vom März 2013. Eigentlich zur Unzeit ist der Artikel erschienen, denn März ist die Saison für Artikel über schlimme Wirkungen der Sonne, Hautkrebs u.ä. Die werden nämlich durch die Industrie der Sonnenmilch gesponsert. Licht gegen Winterdepression hat in November Saison wie die Feiertage, an denen die Tanzveranstaltungen früher immer abgesagt wurden. Die große Frage, der die Journalistin nachging, lautete: „… gibt es auch künstliches Licht, das uns glücklich und gesund macht?“
Offensichtlich ja. Aber der Artikel beginnt mit einer ketzerischen Bemerkung: „Experten empfehlen morgens möglichst viel helles Licht, einen Spaziergang als Wachmacher oder auf dem Weg zur Arbeit.“ Spaziergang auf dem Weg zur Arbeit? Das ist wirklich etwas, was keiner braucht! Ich meine, keiner, der mit Licht Geschäfte machen will. Ansonsten kann ich die Empfehlung nur empfehlen. Ich kenne die Sache nämlich aus früherer Erfahrung aus meiner Schulzeit. Eine Gruppe Schüler meiner Schule musste zunächst einen morgendlichen Spaziergang zum Dampfer machen, dann dort eine Weile auf die Fähre warten. Danach fuhr man etwa 40 Minuten bei Wind und Wetter, um noch einmal 15 Minuten zu Fuss in die Schule zu hetzen. Ach, wie haben wir unsere Mitschüler beneidet, die nur die 15 Minuten von zu Hause in die Schule brauchten. Später habe ich begriffen, dass deren Tag in einem vollen Bus begann, der sie kurz vor dem Schuleingang ausspuckte. Sie sahen manchmal tatsächlich wie ausgespuckt aus. Wir hingegen waren voll Licht und Luft, als wir durch das Schultor spazierten.
Da man die Vorteile der Torturen, die wir erlitten haben, erst viel später erkennt, verbringen wir den Anfang des Tages in Hetze, nicht selten im Stau - Hetze und Stillstand! Und dann brauchen wir die Produkte der Lichtstimmungsmacher. So z.B.: „Die ...-Forscher entwickeln derzeit einen Prototypen, bei dem sich die Lichtfarbe sogar der Stimmung anpasst. Die Idee dahinter: Ein vollbepackter Outlook-Terminkalender könnte ein Indiz für viel Stress und Aufregung sein. Entsprechend könne man ein beruhigendes Licht am Bürohimmel anbieten, erklärt ... Ist der Mitarbeiter müde, könnte das eine Gesichtserkennungssoftware registrieren - zur Aufmunterung würde blaues Licht verabreicht. Auch rosa Licht könnte helfen: Untersuchungen mit besonders aggressiven Häftlingen ergaben, dass diese in einer rosa Zelle "friedlich wie Lämmchen" wurden.“
Man sollte den Artikel schnellstmöglich ins Amerikanische übersetzen. Dann kann man in Guantánamo waterboarding durch lightboarding ersetzen. Grimmige Taliban mit Licht in sanfte Lämmer verwandeln? Ganz neu ist die Sache indes nicht. Ich hatte die Idee bei einem Vortrag vor drei Jahren hübsch illustriert angeboten. Allerdings handelte es sich damals um Satire. Lichtforscher kennen offenbar keine Pietätsfristen, denn zwischen Satire – z.B. Meldung über Bananenzucht in Norwegen in Extra 3 – und der Beschließung von EU-Subventionen für Bananenzüchter in Irland müssen mindestens 5 Jahre vergehen.
Auch ohne ethische Bedenken berichtet Frau Maeck über die nicht totzuschlagende Studie aus Hamburg-Eppendorf mit Grundschülern, die man mit Licht konditioniert haben will, damit sie Pisa-gerecht werden: „Wurden Farbtemperatur und Lichtintensität optimal auf Situationen und Anforderungen im Klassenraum eingestellt, verbesserten sich die Leistungen der Schüler. Unter sehr hellem, bläulichem Licht waren die Schüler schneller beim Lesen und machten weniger Fehler. Durch Beigabe von gelbem Licht konnten sie sich schneller beruhigen. Per Knopfdruck konnte die Lehrerin das passende Ambiente für die Schüler wählen: "Aktivieren", „Beruhigen" oder "konzentriertes Arbeiten". Bald hatten die Schüler sogar Lieblingslichtstimmungen.“
Der Artikel schließt mit einer Bemerkung, die jedem Lichttechniker das Herz höher schlagen lässt: „Licht könnte ein Glücks-Medikament der Zukunft sein.“ Könnte? Ist doch schon längst bei denen, die mit LED handeln. Dummerweise werden die, die das Geschäft heute betreiben, vermutlich morgen zu den Opfern der Revolution zählen. Denn LED braucht zu ihrer Durchsetzung die Künste der Elektroniker eher als die der Lichttechniker. Am Ende könnten die Letzteren in die Röhre gucken. (Hier darf ich ausnahmsweise von Röhre statt Lampe sprechen, ohne gleich exkommuniziert zu werden.)
(Die Sache mit den Kindern wurde in diesem Blog mehrfach behandelt. Z.B.
hier Kinder als Versuchsobjekt noch einmal
hier Blaulicht in HH - AD Acta
hier Kinder als Versuchsobjekt
Wer den Link zu dem Film erfahren möchte, in dem ein Forscher einem Millionenpublikum erklärt, wie man Kinder mit Licht manipuliert, muss mich anschreiben, da der Film nicht öffentlich verfügbar ist. Der Clip ist garantiert nicht manipuliert. Ob er Sachinformation wiedergibt oder eher den realen Irrsinn XXL, muss man selber entscheiden. Ob man nur den Schreiber von solchen Artikeln oder den Chefredakteur gleich mit unter Lichteinfluss setzen soll, muss wohl der Richter entscheiden. Ganz so straffrei dürften die Verfasser solcher Artikel nicht ausgehen, bei aller Liebe zur Pressefreiheit.)
14.04.2014
Die Wochenzeitung Die Zeit gehört nicht zur Lieblingslektüre deutscher Kabarettisten. Zu Unrecht, wie man jetzt leicht feststellen kann. Zwar trägt auch heute der Herausgeber H. Schmidt, seines Zeichens Bundeskanzler, der Bundeskanzler, mit seinem Zigarettenkonsum erheblich zur Erheiterung der Republik bei. Die Sketchreihe „Loki und Smoky“ musste aber aus traurigem Anlass eingestellt werden.
Im letzten Zeitmagazin fand sich eine sehr bemerkenswerte Lösung des Lichtproblems im Büro, die jeder nach Kräften publik machen sollte. Ich gehe mit gutem Beispiel voran:
ZItat Ende! Den Text habe ich hier als Bild eingesetzt, damit keiner auf die Idee kommt, dem Link zu folgen. Der führt nämlich zu einem Artikel, dessen Titel so aussieht:
Wer also sein Büro angemessen beleuchten will, muss eine blaue Stehleuchte in einen grünen Pflanzentrog stecken. Ich habe die Redaktion gebeten, mir mitzuteilen, ob ich die Leuchte mit dem Kopf oder mit dem Fuss in die Tonne hauen soll. Frau Groll reagierte ihrem Namen entsprechend.
In der BRD wird die Presse durch das Grundgesetz geschützt. Und wer schützt uns vor der Presse? Vielleicht kann die GROKO den Schutzschirm für die Presse etwas lockern, damit uns der Tod durch Lachanfall erspart bleibt.
30.03.2014
Was tut ein Mensch, der den Allmächtigen trifft? Früher warf man sich hin und wälzte sich im Staub. Ich schätze, heute wäre das nicht angemessen. Als ich heute dem Meister der Verkleidung begegnet bin, wartete die größte Menschenschar auf der Messe Licht und Bildung, nein, Light & Building, auf eine Erscheinung. Dann kam ER und erteilte seinem Gastgeber, einem Leuchtenhersteller, seinen Segen. „Sie haben Ahnung vom Leuchten, ich bin Meister des Glamours …“ Oder so ähnlich! Ich dachte, das Standpersonal hätte mir Vodka in das Mineralwasser gemischt, und bekniff mich an der Wade. Nein, ich war nüchtern und von dieser Welt. Harald Glööckler präsentierte sein Licht.
Warum eigentlich nicht? Weniger gefährlich für die Gesundheit ist seine Beleuchtung als die TÜV-08/15-Laternen für Arbeitsräume allemal. Auch weniger gefährlich für die allgemeine Kultur als seine Store-Eröffnung (bitte nur anklicken, wenn Sie eine gestandene Persönlichkeit sind, Kinder und Ältere müssen davor geschützt werden.) Die Bild-Zeitung hat dem Event eine ganze Seite gewidmet, wobei oben eine Warnung (oder Entschuldigung?) stand: „Bitte nicht erschrecken, wir erfüllen unseren Bildungsauftrag."
Was man auch von der ganzen Geschichte halten mag. Mir gefiel sein Motto: Jede Frau ist eine Prinzessin und hat ein Recht darauf, gut auszusehen. In Deutschland warten so etwa 11 Millionen Prinzessinnen darauf, dass ihr Büro so beleuchtet wird, dass man sie nicht für Testpiloten in einer Besenfabrik hält. Natürlich ist diese Vorstellung recht übertrieben. Nicht alle 11 Millionen sehen aus, als würden sie sich auf die Walpurgisnacht vorbereiten. Aber alle würden besser aussehen, wenn die Beleuchtung nicht der „Sehaufgabe“ gälte, sondern den Menschen oder ihrer Umgebung. Ist das nicht schon jetzt so? Anscheinend nicht, denn in der Norm EN 15193-1 "Energetische Bewertung von Gebäuden – Energetische Anforderungen an die Beleuchtung – Teil 1: Spezifikationen, Modul M9“ lese ich, dass es drei Klassen der Güte der Beleuchtung gibt: * oder ** oder *** . Bei nur einem * geht es um die „ einfache Erfüllung der Anforderungen“, während ** „gute Erfüllung der Anforderungen“ bedeutet. Erst mit *** ausgezeichnete Beleuchtungen erfüllen die Anforderungen umfassend. Woher die Anforderungen kommen, steht leider nicht zu lesen.
Worin unterscheiden sich ***- von **-Anlagen? Die Norm sagt dazu „Besondere Beachtung der gegenseitigen Blickkommunikation durch beleuchtete Gesichter (Ezylindrisch)“ und „Besondere Beachtung von gesundheitlichen Belangen“. Ergo: Wenn ich gesund bleiben und gesund aussehen soll, muss meine Beleuchtung mit *** ausgezeichnet sein. Dazu muss man den Energieaufwand von 42,1 kWh pro Quadratmeter und Jahr auf 67,1 kWh erhöhen. Also einen Mehraufwand von 59,4% betreiben. Das ist gesund. Dass die Blickkommunikation Wunder bewirken kann, war mir schon bekannt. Dass sie aber 60% mehr Energie kosten muss, ist mir hingegen ganz neu.
Da unsere Beleuchtungsnormen derzeit nicht einmal einfache Anforderungen erfüllen und niemand noch 60% darauf legen möchte, damit die gegenseitige Blickkommunikation gefördert wird, wird es mit dem Aussehen unserer Prinzessinnen nicht allzu gut aussehen. Apropos Blickkommunikation: 60% mehr Energieaufwand heißt auch 60% mehr Leuchten im Raum. Ob die vielen Leuchten dem Blickkontakt zu neuen Höhenflügen verhelfen? Wenn 11 Millionen Prinzessinnen im Büro eine Verschönerung durch die zylindrische Beleuchtungsstärke erfahren sollen, kostet die Sache in Jahr 2.200.000.000,00 kWh (bei einem Verbrauch von 200 kWh/Prinzessin).
25.03.2014
Heute stieß ich auf einen Artikel in einer Zeitschrift, der von „healing“, also Heilung durch Licht, handelt. Gemeint ist nicht eine Lichttherapie, sondern die Wirkung visueller Umwelt - Sichtverbindung nach außen z.B. - auf den Menschen, der in einem Klinikzimmer liegt.
Mir sind zwei Studien bekannt, die man etwa so zusammenfassen kann: Je angenehmer die Aussicht vom Krankenzimmer, desto schneller die Heilung - und desto geringer der Schmerzmittelkonsum. Es gibt zwar mehr davon, aber diese beiden haben es in sich. Sie sind keine Interventionsstudien, bei denen man etwas ändert und guckt, wie sich die Änderungen auswirken. Alle diese Studien sind potenzielle Opfer eines ungeliebten Effekts: Hawthorne-Effekt. Tatsächlich stammt dieser Effekt, der insbesondere die Sozialwissenschaften traumatisiert, aus der Forschung zu Lichtwirkungen. Die von mir bevorzugten Studien sind aber retrospektiv erstellt worden. D.h., man hat bestimmte Wirkungen hypothetisiert, die die Umgebung erzeugen sollen, und frühere Patientendaten ausgewertet. Daher sind diese Studien für mich einfach zuverlässiger, weil das Verhalten der Patienten nicht nachträglich durch die Studie manipuliert werden kann.
Mehr zum Thema Heilen mit oder durch Licht, Beispiele …
hier zu Roger S. Ulrich, der die Heilwirkung der Aussicht aus dem Krankenzimmer erforscht hat
hier zu Heilwirkung des Lichts bei Kniearthrose
hier Umfassende Übersicht über die biochemischen Kaskaden (ROS-Bildung, NO-Freisetzung, ATP-Steigerung) bei der Gewebereparatur durch rotes und nah-infrarotes Licht
24.03.2014
Es kommt nicht alle Tage vor, dass ein Konzept aus der Lichttechnik in anderen Bereichen Akzeptanz findet. Der letzte Fall, der mir bekannt ist, war die Übernahme des Begriffs Raumwinkel in die Theoretische Elektrotechnik. Der Professor, der ihn übernahm, fand ihn genial. Dieser selbst war nicht minder genial. Trotzdem war weder ihm noch jemandem anders das Konzept eingefallen. Er hat es zufällig von unserem Lichttechnikprofessor beim Kaffee erfahren. Man darf sich nicht wundern, wenn ein Wissenschaftler aus einem anderen Fachbereich in 100 Jahren Heureka schreit, weil er die Normierung der Außenwelt auf eine Kugel um den Punkt des Interesses herum erfunden haben will. Der wird kurz danach die alten Vorlesungsskripte vom 20. Jahrhundert hassen lernen, die ihm das Patent vermiesen werden.
Ein weiteres Konzept harrte seiner Entdeckung seit den 1930ern. Leider fand sich bis gestern keiner dazu bereit. Die Rede ist von der Allgemeinbeleuchtung. Irgend ein Forscher soll vor etwa 80 Jahren herausgefunden haben, dass Menschen mehr Leistung abgeben, wenn die Beleuchtung um sie herum gleichmäßig ist. Hurra – nicht Heureka – rief das Amt für Schönheit der Arbeit (Deutsche Arbeitsfront) und verkündete einen Slogan – damals noch Lösung genannt – nach Art des Hauses: Gleiches Licht für alle Volksgenossen. Eigentlich nicht falsch, denn „Gleiches Licht für alle Volksgenossen“ sollte bedeuten, dass an jedem Arbeitsplatz die gleichen visuellen Bedingungen herrschen sollten, sofern die Arbeitsaufgaben und damit auch die Sehaufgaben gleich waren. Falsch wurde die Sache dadurch, dass man sagte, überall müsse die gleiche Beleuchtungsstärke vorhanden sein, wenn man den Zweck des Arbeitsraums und dessen Nutzung nicht kenne. Will heißen: Wenn man nicht weiß, wo man in einem Raum was sehen will oder muss, muss der ganze Raum ausgeleuchtet sein. Und immer in vorauseilendem Gehorsam - weil niemand beim Bau eines Gebäudes wissen kann, wie ein Raum in 20 oder 40 Jahren benutzt wird.
Das Ganze heißt glücklicherweise nicht mehr „Allgemeinbeleuchtung“, sondern „Raumbezogene Beleuchtung“ (übrigens sind die Erfinder dieser Beleuchtungsart ein Freund und ich). In der Normensprache (DIN 5035-7) heißt es: „Unter dem Beleuchtungskonzept .Raumbezogene Beleuchtung. wird eine gleichmäßige Beleuchtung des Raumes oder von Raumzonen verstanden, die an allen Stellen etwa gleiche Sehbedingungen schafft.“
„Das Beleuchtungskonzept .Raumbezogene Beleuchtung. wird empfohlen
-- …
-- wenn Arbeitsbereiche in der Planungsphase örtlich nicht zugeordnet werden können
-- wenn die räumliche Ausdehnung der Arbeitsbereiche in der Planungsphase nicht bekannt ist,
-- wenn eine flexible Anordnung der Bildschirmarbeitsplätze vorgesehen ist.“
Ehrlich unter uns gesagt: Bitte immer „Raumbezogene Beleuchtung“ alias Allgemeinbeleuchtung! Wer weiß bei einer Planungsphase eines Bürohauses, welche Arbeitsbereiche wie groß sein werden? Wer weiß, wann eine flexible Anordnung der Bildschirmarbeitsplätze vorgesehen ist? Eigentlich jeder, denn niemand will eine unflexible Anordnung der Arbeitsplätze.
Genau diesen Gedanken hat der chinesische Künstler Ai Weiwei aufgegriffen und lässt im Lichthof des Gropius Baus in Berlin 6.000 Hocker aufstellen, als Allgemeinbestuhlung sozusagen. Das Konzept lässt sich auf die Bestuhlung aller Büros anwenden: Weiß man beim Bau eines Raums nicht, wo die Insassen sitzen werden, stellt man ihn mit Stühlen voll. Dann kann jeder überall sitzen. Ist doch logisch?
Oh, Weiwei!
Anm.: Kann mir einer erklären, warum mir bei lichttechnischen Diskussionen immer dieses Buch einfällt: The Inmates Are Running the Asylum? (Auf Deutsch etwa: Die Irren sind los. oder Die Insassen haben die Anstalt übernommen.