Posts in Category: LED

Licht und Kinder

17.02.2012

BLAULICHT HIN IN HH - AD ACTA? NICHT DOCH!

Vor einem Jahr verkündete die Presse, Frank Schirra wäre nicht mehr Chef der CDU in Hamburg. Verständlich, wenn man seine Wählerzahl von einer Wahl zur nächsten halbiert. Hingegen glaube ich nicht, dass sein Engagement in Sachen Licht, mit dem er das Pisa-Tal mit Hilfe blauen Lichts zu überqueren versuchte, auch zu dem Debakel beigetragen haben könnte. Denn dazu hat die deutsche Öffentlichkeit weitgehend geschwiegen.

Man stelle sich vor, jemand will 1.000 Grundschulklassen mit Einrichtungen versehen, die die Kinder durch Bestrahlung zu höherer Leistung bringen sollen, und die Öffentlichkeit schweigt. Schlimm? Nicht doch, es wird noch besser: Das Institut, das die Blaulicht-Studie durchgeführt hatte, hat noch ein paar Dinge krumm gestaltet, was in einem ordentlich funktionierenden akademischen Umfeld ziemlich schlimme Folgen für den Chef nach sich ziehen würde. So z.B. wollte eine der drei Schulen, in denen die Studie stattgefunden hatte, doch nicht darin genannt werden. Wie sieht die Bereinigung eines Forschungsberichts aus?

Man nimmt die unwilligen Probanden heraus und berechnet die Ergebnisse neu. Nicht schön, aber geht noch. Was hat aber das Institut gemacht?  Nur die Zahl der Probanden korrigiert. Die Ergebnisse sind gleich. Na, bitte. So etwas nennt man homogene Stichprobe. Riecht doch irgendwie stark!

Es kommt aber noch besser: Nachdem eine Beschwerde bei der Ethikkommission eingegangen war, durfte wohl die Studie zur Validierung der Untersuchung nicht mehr mit Kindern gemacht werden. Also? Man nimmt Erwachsene. Sind doch auch Menschen! Ich glaube, der älteste Proband war 48 Jahre alt. Ganz schön junggeblieben, um an einer Studie für Grundschüler als Versuchskaninchen mitzuwirken.

Und dann? Man trägt die Sache vor einem handverlesenen Publikum vor. Dieses merkt zwar, dass der Vortragende ziemlich lustlos wirkt. Wie sollte der arme Kerl sonst wirken, wenn er Dinge vortragen muss, über die man sich nicht totlachen darf, obwohl die Sache wirklich zum Totlachen ist? Schwamm drüber, man kann solche Dinge ja vergessen.

Es kommt aber besser. Man bringt die Studie durch Anführen in einem offiziellen Dokument zu spätem Glanz. Und das sieht so aus:

(Veröffentlicht u.a.: Fassian M., Lange H.-H.: Key learnings from realized dynamic lighting projects: User acceptance and energy evaluation. Proceedings of the CIE Symposium „Lighting Quality & Energy Efficiency“, Vienna (2010) P379-384.)

Man merke: CIE ist die Weltorganisation des Lichts und nimmt für sich allein in Anspruch, lichttechnische Normen zu erstellen. Und da kommen hohe Herrschaften aus aller Welt zusammen, um den Plänen zu lauschen, deutschen Kindern mit frischem Licht zur Intelligenz zu verhelfen. Es ist nicht überliefert, ob das erlauchte Publikum unter Blaulicht stand.

Was meinen die Herren, die das Symposium „Lighting Quality & Energy Efficiency“ veranstaltet haben,  zu der Realität, wonach die Testobjekte in den Schulen mindestens doppelt so viel Strom verbraucht haben wie die üblichen Beleuchtungen? Wohl gar nichts. Bei Symposien fragt man üblicherweise nicht allzu viel. In diesem Fall hätte jemand doch auf den Tisch hauen müssen:

„Kühles frisches Licht“ morgens zum Aktivieren - Wow! Klassenarbeit - Brilliantes Licht erforderlich - Uff! Tief nach der Mittagspause? Wieder frisches kühles Licht! Ähemmm - Machen deutsche Grundschüler Mittagspause?

Wenn die Öffentlichkeit nicht aufwacht, kriegt sie von mir eine Ladung frisches kühles Licht ab. Ich fürchte, sie schläft aber weiter, während ihre Kinder in der Schule mit brilliantem Licht auf den Pisa-Gipfel getragen werden. Kein Wunder, die Damen und Herren Eltern hatten in der Schule ja keine Blaulichtduschen erhalten.

Ich bin in altmodischen Zeiten aufgewachsen. Da hieß es
Im Frühtau zu Berge wir ziehn, vallera …“ Und so weiter :
Ihr alten und hochweisen Leut', vallera
Ihr denkt wohl wir wären nicht gescheit, vallera

Licht und Lüge

17.02.2012

… UND SIE DREHT SICH DOCH

Soeben ist der zweite Präsident der Bundesrepublik Deutschland zurückgetreten. Auch beim Abgang hat er bekräftigt, er habe trotz seiner Fehler immer aufrichtig gehandelt. Die juristische Prüfung der ihm vorgeworfenen Dinge werde ihn völlig entlasten. Ich schätze mal, er wird recht behalten. Denn, wer sich vernünftig diesseits der Kante des Zulässigen hält, kann von Juristen nicht belangt werden. Die Weisheit gilt nicht nur für ehemalige Bundespräsidenten, sondern erst recht für Lobbyisten oder gar Gesinnungstäter, wie übel sie den Mitmenschen auch mitspielen.

Von den letzteren, Gesinnungstätern, kenne ich jede Menge, darunter Kollegen, die nicht im Traum daran denken, etwas Unrechtes getan zu haben. Sie üben nur ihren Beruf aus. Sie sind alle Lichttechniker, die auch ohne Auftrag als Gralshüter ihrer - vermeintlichen - Disziplin fungieren. Für einen Menschen beliebiger Herkunft genügt es ins Lager der Aliens verbannt zu werden, einmal im Leben Leuchtdichte mit Leuchtstärke zu verwechseln. Und das reicht für ewig. So ein Missetäter hieß Hollwich, seine Missetat: Leuchtstoffröhre statt Leuchtstofflampe gesagt zu haben. Er blieb bis ins hohe Alter Buhmann, immerhin nicht ewig.

Interessanter der Kontext seiner Missetat: Hollwich hatte in den späten 1940er Jahren herausgefunden, dass viele Funktionen des menschlichen Körpers von der Beleuchtung und deren Spektrum beeinflusst oder gar gesteuert würden. Eigentlich müsste jeder Lichttechniker bei der Nachricht die Hände gerieben haben. Eine solche Aufwertung des Metiers hat es selten gegeben. Aber NEIN! Hollwich besaß die Frechheit, den Liebling der Technik, die Leuchtstofflampe, wegen ihres miserablen Spektrums anzugreifen. Also, ab in den Karzer!

Einem anderen, der etwas nicht weniger Bedeutsames ermittelt hat, drohte nicht etwa ein ähnliches Schicksal, er musste es sogar erleben und überstehen. Diesmal handelt es sich aber nicht um eine Historie, sondern um die blanke Gegenwart. Die Rede ist von Michael Holick und der Entdeckung des Vitamin-D-Defizits bei den Menschen. Was tut man mit einem, der nachgewiesen zu haben glaubt, dass die Gesundheit des Menschen vom Licht abhängt, und dies mit epidemiologischen Studien begründet und ein Buch schreibt? Richtig! Feuern.

Anders als deutsche Professoren, denen bereits bei der Berufung eine Tube Pattex mitgeliefert wird, damit sie selbst bei einem Sturz ihres Lehrstuhls noch daran kleben, können amerikanische Universitäten ihre Profs in die Prairie jagen. So auch Holick: Die unverzeihliche Missetat: Zu behaupten, Menschen nördlich von Atlanta hätten ein Vitamin-D-Defizit, weil die Hauptquelle für Vitamin-D die Sonne sei. Als Folge hiervon würden die Menschen höheren Risiken z.B. bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Brustkrebs und Dickdarmkrebs ausgesetzt. Die Universität Boston feuerte Holick im Jahre 2004 wegen seines Buches „UV Advantage“ (mehr hier http://www.scientificamerican.com/blog/post.cfm?id=five-years-after-being-fired-sun-ex-2009-01-30, oder hier Holick, MF and Jenkins, M.  The UV Advantage, iBooks: New York, 2004.)

Reicht es, solche Ketzer zu feuern? Müsste man sie nicht auch daran hindern, weiter zu publizieren? Im Mittelalter hat man solchen Leuten z.B. die Zunge abgeschnitten, damit sie nicht weiterreden können. Heute hülfen solche Methoden nicht, weil der Kerl notfalls noch SMS mit der Nase tippen könnte. Was tun also? Vorschlag: In ein modernes Büro mit einer Klimahülle aus Glas setzen. Das dreifache Glas reduziert die Menge an UV, die in den Raum kommt, derart, dass man astronomische Methoden bräuchte, um die Strahlung nachzuweisen. So kriegt man selbst einen harten Knochen wie Holick weich.

Hat Holick etwa etwas Falsches gesagt oder geschrieben, sodass die Uni Boston ihn unbedingt hätte feuern müssen? Nicht doch, lange vor ihm hatte ein anderer behauptet, Licht in Innenräumen könne nicht gesund sein, weil dort UV fehle. Der hieß Matthew Luckiesh und hatte die Sache in einem Buch 1926 aufs Tapet gebracht. Die Uni Michigan, nicht weit entfernt von Boston, hat Luckiesh nicht gefeuert, obwohl die Kritiker des Buchs ihm vorgeworfen hatten, UV zu thematisieren sei wohl der größte Unsinn, weil Inder, die dauernd in der Sonne lebten, eher stürben als Amerikaner. Vielleicht lag es daran, dass Luckiesh einige Jahre später etwas schrieb, was ihn für die mächtige Hautcreme-Lobby annehmbar machte. Was er geschrieben hat, lässt sich nur unter Bezahlung von 30 US-$ ermitteln, weil sein Papier kein Abstract enthielt. Wer es dennoch will, kann versuchen (REACTION OF UNTANNED HUMAN SKIN TO ULTRAVIOLET RADIATION, M. LUCKIESH, L. L. HOLLADAY, and A. H. TAYLOR, http://dx.doi.org/10.1364/JOSA.20.000423).

Mit seiner Rehabilitation zog Luckiesh mit Galileo Galilei gleich, den zwar der Papst verdammt hatte, aber halt in Ruhe ließ, sofern er nicht weiter behauptete, die Erde könne keine Scheibe sein. Wie wir heute wissen, hatte der Papst recht … als er Galilei rehabilitierte, über 400 Jahre später.

Wo liegt nun die Sünde des Lichttechnikers? Ich glaube darin, zu glauben und andere glauben zu machen, in Innenräumen könne es gesundes Licht geben. Diese Irreführung hatte bereits begonnen, bevor der älteste heute lebende Lichttechniker geboren wurde. Man hatte Licht so definiert, dass darin UV nicht vorkam. Ansonsten müsste man nämlich sagen, dass das Tageslicht gesund sei und Kunstlicht, na ja! In Maßen genossen als Beleuchtung zum Sehen. Notgedrungen, weil man das Sonnenlicht nicht in Säcke füllen und ins Rathaus tragen kann wie weiland in einer Kleinstadt in der Schweiz. Man wollte unbedingt, dass künstliches Licht als gesund gilt. Dabei hatte Luckiesh bereits Ende der 1920er Jahre die Bedingung dafür genannt: Künstliches Licht muss UV beinhalten. Folgerichtig hat er die entsprechende Lampe konstruiert. Leider war dieser Lampe kein Erfolg beschieden. So wurde Luckiesh vergessen, die Lampe auch.

Würde davon der Wert des künstlichen Lichts geschmälert? Ich meine, kaum. Es gibt zum einen genug Bedarf an künstlicher Beleuchtung als Ersatz für Tageslicht. Zum anderen gibt es eine breite Palette von Anwendungen, bei denen die künstliche Beleuchtung der natürlichen haushoch überlegen ist, und andere, bei denen es schwarz um Tageslicht aussähe. Also? Man muss nur der Lichttechnik den Zahn ziehen, den lichten Tag nachmachen zu können. Da sieht man immer mau aus. Und die Jünger so lange schulen, bis die wirklich verinnerlichen, dass man mit Lux und Lumen keine menschengerechte Umgebung basteln kann.

Wer übernimmt aber die Schulung? Auch Lichttechniker, es gibt nämlich auch so'ne.

Bis dahin wird es aber noch Beleuchtungsnormen geben, die behaupten, die Sicherheit und Gesundheit des Menschen berücksichtigt zu haben (so DIN EN 12464-1, insbesondere ISO 8995-1:2002 (CIE S 008/E:2001)). Dabei ist es in Europa gesetzwidrig, Normen zu erstellen, die sich auf die Sicherheit und Gesundheit beziehen. Das darf nur der Staat. Und viele Menschen werden an diversen Krebserkrankungen sterben, die vielleicht vermeidbar wären, wenn man Leuten wie Holick glauben würde, anstatt sie zu feuern.

Licht und Grünkohl

23.01.2012

GRÜN BIS HINTER DIE OHREN

„Es war einmal …“. So fangen orientalische Märchen an. In technisierten Hochkulturen kann der Märchenerzähler natürlich die Eröffnung nicht mit den gleichen Worten angehen wie weiland Scheherazade. So bringt die EU-Kommission eine populäre Mär nicht in Form von Erzählungen unter die Leute, sondern als „Unterrichtung“ (hier gemeint: Grünbuch der Kommission - Die Zukunft der Beleuchtung - Beschleunigung des Einsatzes innovativer Beleuchtungstechnologien). Demnach lässt man den Deutschen Bundesrat und damit das gesamte deutsche Volk wissen, „die LED-Technologie“ sei ausgereift. Ach Du grüne Neune!

Es gibt kaum eine LED-Lampe, die derzeit einen Farbwiedergabeindex über 70 erreicht, während man ansonsten 80 für ahnungslose Nutzer für hinreichend erklärt. Will ein Planer LED einsetzen, müsste er Dinge beherrschen, die ich trotz eines Doktortitels in Beleuchtungstechnik und mehrerer Jahre Studium der Farbenlehre nicht verstehe, wie mir und anderen neulich anlässlich eines Kongresses in Madrid Prof. Schanda hochpersönlich beigebracht hat. Er muss die nicht nur verstehen, ich meine, den Lichtplaner.

Dabei ist Lampe noch keine Technologie, sondern Rohmaterial für den Leuchtenhersteller. Und dessen Produkte sind Rohmaterial für den Lichtplaner. Was wäre Technologie in Bezug auf Beleuchtung? Technologie ist das Zusammenwirken von Technik, Mensch und Organisation. LED als Beleuchtungstechnologie wäre somit etabliert, wenn der Dümmste unter den Lichtplanern LED als Lampe ohne dumme Fehler einsetzen könnte und der übliche Lichtplaner damit handwerklich gut umgehen könnte. Zurzeit kann man aber nicht einmal davon ausgehen, dass die Virtuosen unter den Lichtplanern richtig handeln. Oder hat etwa die Stadt Berlin einen Stümper damit beauftragt, hinter dem Bahnhof Alex die grellsten Funzeln aller Zeiten in Scheinwerfer zu packen, um den ganzen Platz als Folterstätte für das Auge zu präsentieren? Das Olympiastadion in Bonbonfarben, Bahnhof Alex von Graumiesen* beleuchtet? Wo kriegen die solche Meister her?

LED ist eine Zukunftstechnologie bzw. eine Technik mit Zukunft. Ausgereift? Vielleicht als Signallampe, aber nicht wie die grün angestrichene Kommission uns weißmachen will. Es dauert seine Zeit, bis sich eine Technologie entwickelt. Wir sind noch am Anfang. ERst einmal muss man das Problem mit dem Flicker lösen. Dann sehen wir mal weiter.

* Die Graumiesen (Blue Meanies) sind musikhassende Fieslinge, die die Welt mit grauen Bomben beschießen, bis alle Farben verschwunden sind. Am Ende kommen die Beatles mit der Yellow Submarine und geben Pepperland seine Farben zurück.

 
 

Licht und Lust

12.11.2011

DEUTSCHE GESCHICHTE IN BONBONFARBEN

Berlin ist reich an Geschichte. Die ist aber nicht nur schön. Wie man damit umgeht, kann man beim Regierungsviertel bewundern, wo anstelle der Welthauptstadt Germania die Kanzler(innen)waschmaschine steht. Die Architektur dort steht für eine Korrektur des mörderischen Irrtums.

So schlimm wie mit Germania war es mit unserem Olympiastadion nicht. Der Bau hat halt nur den Zeitgeist wieder gespiegelt, der später anders gesehen wurde. Wie er benutzt wurde, um die Massen zu begeistern, kann man in dem Film Olympia von Leni Riefenstahl sehen, der mit dem berühmten Lichtdom von Albert Speer endet. Dieser sollte auch Germania einst als Welthauptstadt aufbauen und bekam deswegen den Titel „Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt“ (GBI) verliehen.

Genau diesen Lichtdom wollte man wohl durch ein Lichtspiel aus den Gedanken vertreiben, das ich heute Abend habe bewundern wollen. Den Nachfolge-Dom konnte ich bereits aus meinem Fenster aus sehen, und er sah vielversprechend aus. Also Kameras eingepackt, und ab zum Stadion. Dort bekam ich einen gehörigen Schreck verpasst, ehe ich das Stadion betreten konnte. Die Denkmal geschützte Monumentalarchitektur hatte man in Bonbonfarben verpackt, die seit einiger Zeit Mode geworden sind, seitdem LEDs nicht mehr nur leuchten, sondern auch beleuchten. Aus Schreck habe ich die Kamera verpackt gelassen.

Dann ließ ich mich auf einer Stelle auf der Tribüne nieder, von wo aus man direkt zum Tor schaut. Von dort aus kann man die besten Bilder schießen, die nachweisen, warum allein der Umbau des Stadions etwa 10 Preise eingeheimst hat, darunter auch den Licht-Architektur-Preis 2005. Dabei war nach meinen früheren Untersuchungen das Olympiastadion Berlin das ungemütlichste in Deutschland gewesen. Nach dem Umbau sprachen die Leute aber nur noch in Superlativen.

Ich saß in der Kälte, filmte die Show, schoss Fotos und wartete auf etwas … Was? Na, ja. Auf den neuen Zeitgeist? Aus den Lautsprechern höre ich die Radioübertragung der letzten Minuten von Bern, 1954. Ab und an gibt es Musik, mal laut, mal leise. Nicht einmal verbunden mit dem Event wie im Sommer am Ende von World Culture Festival 2011. Die Lasershow damals hatte einen nicht unbedingt vom Hocker gehauen, viele Leute fanden sie aber anregend
(http://www.youtube.com/watch?v=pA07j1aH71o&feature=related).

Wie ich die „Night of Lights“ fand? Ich dachte fortwährend an die Fälle von Niagara, die sich am Abend von einem Naturwunder in ein Bonbongewitter verwandeln. Muss man eine großartige Architektur auch so behandeln? Deutsche Geschichte in Bonbonfarben - Nein, danke.

Mein AMpelmann

Licht und Seltene Erden

01.09.2011

AUF SELTENEN ERDEN GEWACHSEN

Was zeichnet einen Industriekapitän aus, um eben als Kapitän tituliert zu werden? Z.B.: Weitsicht? Ja, er sieht die Felsen, bevor sie am Horizont auftauchen. Vorsicht? Ja, er umschifft die Felsen weiträumig. Wer weiß, vielleicht fällt die Maschine gerade dann aus, wenn man in der Nähe der Felsen ist. Umsicht? Ja, er erfasst die Stimmungslage aller um ihn herum und tariert die Interessen aus. Rücksicht? Ja, er ist stets bedacht, die Betroffenen nicht dumm aussehen zu lassen. Weise Voraussicht? Ja, sonst wäre er ja nicht lange Kapitän und säße auf dem nächsten Felsen.

Wie kommt man an einem 1. September auf die Idee, über Kapitäne und Industrie zu sinnieren? Weil dieser 1. September nicht wie jeder andere ist. Seit 00:00 Uhr morgens, ich meine Mitternacht, ist die Glühlampe weg. Nicht ganz, aber fast. Und just zu diesem Zeitpunkt tickerte die DPA die Nachricht, dass OSRAM die Preise für „Energiesparlampen“ kräftig erhöhe, so um 25% nach "Financial Times Deutschland". Und die Dinger heißen laut Spiegel online jetzt „Öko-Leuchten“.

Den OSRAM-Chef trifft da keine Schuld. Schuld sind die Seltenen Erden. Und an deren Knappheit ist schuld: China! Diese Kommunisten kontrollieren die meisten Vorräte der Welt und wollen das Zeug nicht mehr umsonst verteilen. Das alles hat sich in der Nacht zwischen Mittwoch und Donnerstag herausgestellt oder überhaupt ereignet. Man hätte ja gar nicht vorstellen können, dass die Nachfrage nach dem Öko-Licht so plötzlich aufflammen würde. Denn der Preisaufschlag bei Festplatten, auch Verbraucher Seltener Erden, beträgt nur 5%. 25 % Aufschlag auf den Endpreis wegen Rohstoffen? Das gibt es nicht mal beim Bäcker, wenn sich der Mehlpreis verdoppelt. Da muss jede Menge Seltene Erden in jeder Öko-Lampe stecken. Offensichtlich sind sie nicht so selten. Da wundert es nicht, dass der NDR im April berichtet hatte, Energiesparlampen gäben beim Leuchten giftige Gase ab. Untersuchungen hätten ergeben, dass die Lampen im Betrieb womöglich Dämpfe freisetzten, darunter insbesondere Phenol - ein Stoff, der im Verdacht steht, Krebs zu erzeugen. Die Prüfer hätten in den Lampen "einen ganzen Cocktail an giftigen Substanzen" ausfindig gemacht. Muss man das durch eine Prüfung ermitteln? Nein! Das Umweltbundesamt hat nämlich flugs eingesprochen, dass es zu erwarten gewesen sei, dass Lampen beim Betrieb Gase freisetzten. Aber die Konzentrationen in den Wohnräumen blieben vernachlässigbar gering. So ist unser UBA. Schützt zuverlässig die Umwelt, die industrielle.

Die DPA meldet weiter: „Auch beim niederländischen Konzern Philips sind für Deutschland durchschnittliche Preissteigerungen zwischen 20 und 25 Prozent geplant, sagte ein Sprecher des Unternehmens.“ Die Niederländer sind eben so. Bis die merken, dass die Rohstoffpreise in einer Nacht tsunamiartig anschwellen, dauert es ein Weilchen. Oder haben die etwa einen Wink von einem niederländischen Ölkonzern bekommen, dass Preiserhöhungen mehrerer Firmen im Gleichtakt die Kartellwächter aus dem Tiefschlaf holen? Die haben ja noch nicht einmal das Lichtkartell von 1924 gerochen. Nu soll man nicht gleich neue Lunte unter die Nase reiben.

Die Politik, die so große Stücke auf die „Energiesparlampe“ hielt, dass mancher Parteichef in seinem Wahlkampf die „Öko“-Lampen verteilen ließ, damit es weniger Quecksilber über Deutschland regnet, und andere Parteichefs im Fernsehen einträchtig die CO2-arme Zukunft herbeigetalkt haben, steht ganz schön dumm da. Den Aphorismus von gestern, „Wer den Zeitgeist heiratet, wird bald Witwer sein.“, lasse ich heute stehen. Wer sich von einem Industriekapitän die Zukunft zusammenbasteln lässt, kann froh sein, wenn er auf einem Felsen aufläuft. Besser als einfach absaufen.

Was, wenn die Chinesen ihre Seltenen Erden ganz für sich behalten? Muss uns Angie die Kernkraftwerke wieder anfahren lassen und Glühlampen als Notration verteilen, damit wir nicht in CO2 untergehen?

Nur böse Zungen behaupten, es habe ein Kartell namens Phoebus gegeben, das Lampenhersteller 1924 ins Leben gerufen hätten, um der Glühlampe ihre Lebensdauer zu verkürzen. Ich denke, das ist genauso gelogen wie die Preiserhöhung für Energiesparlampen im Gleichschritt.