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Licht und Quecksilber

07.04.2011

WOHIN MIT DEM QUECKSILBER - WIEDER MAL

In diesem Blog wird das arme Quecksilber bis in den letzten Winkel der Welt verfolgt, wo es sich auch verstecken mag. Heute habe ich erfahren - wo! Das Quecksilber der Energiesparlampen geht nicht zur Hölle, wo es hin gehört, sondern nach Hessen, ganz nahe bei der Hölle, in eine alte Kaligrube. Nach Spiegel Online aus Kostengründen. Der Beitrag endet damit, dass die große Energiesparlüge entlarvt sei, wie einst bei der Atomkraft. Am besten das Video selbst ansehen (Einbetten leider nicht möglich):

http://www.spiegel.de/video/video-1112211.html

Wie war es denn mit der Atomgeschichte? Davon habe ich viele Szenen live erlebt. Die erste, ganz im Nebel meiner Erinnerungen. Ich sehe bei der Wochenschau im Kino, das Atomzeitalter sei angebrochen. Auch Deutschland habe einen Atomminister bestellt, der heute (1958) den Grundstein eines Atommeilers für die friedliche Nutzung der Atomenergie gelegt habe. Etwa 30 Jahre später sollte ich dort als Gutachter einziehen, der die Sicherheit nicht nur dieses Meilers prüfen sollte. Davon hatte ich aber nicht die geringste Ahnung, von meinen Zukunftsplänen schon: Physiker werden. Denn die Welt brauchte kostenlose Energie, die Reaktoren sollten nicht nur in Schiffe (etwa Otto Hahn) oder Flugzeuge gebaut werden, sondern auch in Autos. Mann! Jahrzehntelang Auto fahren ohne zu tanken!

10 Jahre später, April 1968: Wir stehen vor einem Brunnen mit dem klarsten Wasser, das ich je im Leben gesehen habe. Es ist aber kein Brunnen, sondern ein Wasserbecken in der Physikalisch Technischen Bundesanstalt Braunschweig, wohl mein erster Blick in den PTB-Reaktor. Faszinierend! Der Chef der PTB sagte aber, es werde nur langsam vorangehen mit der Kernenergie, weil die Bestimmungen für die Sicherheit alles bremsen täten. Warum nur? Ist doch nicht gefährlicher als die Chemie, die man nicht so belästigt.

An den Mann sollte ich mich wieder erinnern, als es in Tschernobyl losging. Im Fernsehen redeten sich an jenen Tagen einige Mitglieder der Reaktorsicherheitskommission um Kopf und Kragen. Irgendwie hieß es, dass die Kernkraft sicher sei, aber … die dummen Russen … Dachte ich auch, nur mit der Sicherheit war da so eine Sache. Ein Cousin von mir war mit von der Partie, als der erste Kernreaktor der Türkei geplant werden sollte. Nach seinen Unterlagen hatte ein deutsches Unternehmen ein billiges Angebot gemacht, ohne den Sicherheits-Schnickschnack à la Germany. So sinngemäß hieß es im Angebot. Und mir hatte ein britischer Kollege, der beim TÜV gearbeitet hatte, gesteckt, so doll wäre nach seiner Meinung nicht mit der Sicherheit in Deutschland. Er hatte auch in Windscale gearbeitet (heute Sellafield, damit keiner an den Skandal denkt). Dass es dort nie zu ernsten Unfällen gekommen sei, ist eine Legende, die dadurch entstehen sollte, dass die Regierung die Berichte eigenhändig retuschiert hatte.

So kam ich auf die Idee, dass man auch deutsche KKW überprüfen sollte. Und die fand tatsächlich statt, und ich war einer der Gutachter. Über den Inhalt kann ich naturgemäß nichts sagen, aber über Erlebnisse im Rahmen dieser Prüfungen. Die decken sich fast vollkommen mit der obigen Story über Quecksilber aus der Energiesparlampe: Öffentlich wird geschworen, dass das Menschenmögliche für die Sicherheit getan werde, in der Ausführung schlägt der Koofmich zu, der meint, dass Sicherheit einfach zu teuer sei. Der sitzt jedem Reaktorfahrer im Nacken, wenn er den entscheidenden Knopf drücken möchte, um einen Reaktorschnellschluss einzuleiten. Ein Knopfdruck - eine Woche Stillstand mit etwa 1 Mio. Verlust am Tag. Willst Du das? Noch besser: Wenn das Ergebnis der Überlegung lautet „Anlage vernichten, um die Umwelt zu schützen“, muss ein armer Teufel eine Anlage für mehrere Milliarden Euro zum (hauptamtlichen) Teufel jagen. Ernsthaft. Auch ohne den Kaufmann im Nacken hat man da so seine Probleme.

Natürlich gibt es keine Anweisung, kostenbezogen zu denken, wenn die Sicherheit im Spiel ist. Und kein Lampenhersteller wird je angeordnet haben, das Quecksilber heimlich im Hades, Pardon, in Hessen, verschwinden zu lassen. Es geschieht halt. Und hätte ich ein Auto gekauft, das nie mehr betankt werden muss, weil nuklear-angetrieben, würde ich garantiert nicht jeden Tag die Reifen wechseln, damit mein kleiner Reaktor sicher auf der Chaussee fährt.

Licht und Lügen drumherum

12.03.2011

LÜGENDES LICHT UND KABELSALAT

Das Buch, über das ich gestern berichtet hatte, „Lügendes Licht“, fängt mit einer bemerkenswerten Seite an: Die 1000-Stunden Glühlampe: gewollter Stillstand. Sie versetzt uns zurück an den Anfang des verflossenen Jahrhunderts:

1920er Jahre: Die Comedian Harmonists auf Schellackplatten tönen aus Trichtergrammofonen, als das Phoebus-Kartell die Lebensdauer der Edison-Birne festlegt. 

Die Glühlampe brennt 1000 Stunden.

Es folgen die Jahrzehnte mit Zarah Leander, Glenn Miller, Rolling Stones, ABBA, Falco und David Bowie, Nirwana, Youtube und die 2010er, deren Star, eine Doktorarbeit eines Politikers von dem Ort, wo sich Politiker sonst wegen überlanger Opernvorstellungen Kameras stellen. Und?

Die Glühlampe brennt 1000 Stunden.

Aber: Die ineffiziente Glühlampe mit der zu kurzen Lebensdauer wird abgeschaltet.

Als ich die Story mit den 1000 Stunden kennenlernte, im Jahr 1966, waren die Rolling Stones in Berlin und ließen die Waldbühne zerlegen. Ich lernte sie aber keineswegs in einer Märchenstunde - unser Professor, der sie zu Zeiten von Glenn Miller gelernt hatte,  erklärte uns, die 1000 Stunden wären eine Optimierung zwischen Herstellkosten, Energiekosten, Betriebskosten usw. Was ich später lernen sollte, bedeutet, eine Optimierung, das Beste unter den gegebenen Umständen zu erzielen. Ich vermute, die Enkel unseres Lehrers auf seinem Lehrstuhl erzählten im Youtube-Zeitalter dieselbe Geschichte. Und werden sie vielleicht beim Abschiedskonzert der Rolling Stones weiter erzählen, sollten diese jemals aufhören zu singen.

Haben sich die Umstände in den 90 Jahren seit den Comedian Harmonists nicht geändert? Nein, und nochmals nein. Wieso denn nein? Wenn sich Firmen absprechen, etwas so zu halten, wie es nach ihrem Willen nützlich ist, nennt man dies ein Kartell. Das lehrte uns die Soziologie-Lehrerin an meiner Schule. Und Kartelle seien verboten, stand in unserem Buch für Staatsbürgerkunde. Also kann es doch kein Kartell geben - schon gar keines, das über 90 Jahre funktioniert. In der Zeit hat die Welt doch zwei der grausamsten Kriege ihrer Geschichte erlebt, und die 12 Jahre des Tausendjährigen Reichs sowie den Aufstieg und Untergang des Sozialismus. Da soll ein Kartell sogar länger gehalten haben?

Die wissenden Herrschaften weisen die Sache von sich. Es habe kein Kartell gegeben, schon gar keines namens Phoebus. Basta! Ich muss dem nicht widersprechen, denn aus dem gleichen Stall, der Elektroindustrie,  stammte ein Kartell, das im Jahre 1997 abgeschaltet wurde. Es war im Jahre 1902 (!) gegründet worden und wurde nach 95 Jahren verboten, weil ein Aussteiger die Hersteller von Stromkabeln verpfiffen hatte. Kann sich jemand vorstellen, dass Zehntausende von Männern (Frauen gibt es in der Branche nur als Kabelwicklerinnen) über 95 Jahre schweigen? Oder? Es gibt auch andere Möglichkeiten - wie wär's z.B. mit 10.000 Politikern, die 95 Jahre weghören?

Wie dem auch sei, die Geschichte des Lichts ist eng mit der des Kabels verbunden - kein Licht, kein Kabel. Kein Kabel - kein Kraftwerk! Im Anfang war das Licht - sagt die Bibel. Eine modernere Version davon sagt: „Im Anfang war die Dynamomaschine“. Damit sein Strom nicht nutzlos im Äther verschwinde, sprach der Herr: „Es muss Licht werden!“ Und man verlege Kabel, damit der Strom zu den Lampen komme. Damit sich nicht etwa Fremde an den Kuchen machen, müssen alle drei Säulen, auf denen das Gebäude steht, Kraftwerk, Kabel, Lampe, gut geschützt werden. Und zwar so gut, dass ihm auch zwei Weltkriege nichts haben anhaben können.

Als ich vor einigen Stunden ein Kraftwerksgebäude in Japan wie eine Bombe auseinanderfliegen sah, erinnerte ich mich an meinen Besuch in einem japanischen Kernkraftwerk in den 1990er Jahren. Damals war ich Mitglied in der Reaktorsicherheitskommission und interessierte mich für die Aufstellung eines Systems, das Reaktorunfälle unwahrscheinlicher machen würde, indem man kleinere Unfälle unter der staatlichen Meldeschwelle erfasst, analysiert und auf ihre Ursachen zurückschließt, die auch zu größeren Unfällen führen könnten. Damals stellte ich fest, dass die Betreiber von Kernkraftwerken auch bei Ereignissen, die sie hätten melden müssen, doppelt so viele Fälle im eigenen Rechner führten wie offiziell gemeldet wurden. Auch in Deutschland haben sich die Betreiber mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, dass eine staatliche Kommission ein solches System führt. Privat hat man es hingegen eingeführt. Es gibt eben staatliche Einrichtungen – aber auch überstaatliche … Kein Wunder in einem Land, in dem der Bundeskanzler sein Ehrenwort für höherwertig hält als die Verfassung des Landes, die er zu achten und zu schützen geschworen hat.

Wir werden vielleicht in den nächsten Stunden, vielleicht auch später erfahren, wie das Lügengebäude einer überstaatlichen Organisation in Japan zusammenbricht. Eigentlich ist er doch zusammengebrochen … Ein Unfall in der Kerntechnik hat eine Wahrscheinlichkeit von 1 zu 10.000 Jahren, hieß es. Da wir bereits zwei innerhalb von weniger als 10 Jahren hatten (Three Mile Island und Tschernobyl), muss der Reaktor in Fukushima 2 x 10.000 Jahre halten. Zwar soll die Kernschmelze vor einigen Minuten begonnen haben. Es gibt aber bestimmt Experten, die einem erklären, dass das nicht so schlimm sei, weil der Wind nicht in unsere Richtung weht.

Um die Nacht hell wie den lichten Tag zu machen, das aber preiswert, hat man beschlossen, die Energie aus der Hölle zu holen. Jetzt zeigt uns der Teufel, was ein Pferdefuß ist. Wie in Fukushima Störfälle vertuscht wurden, kann man in Welt Online lesen. Weiter unten erscheint die Geschichte vom 95-jährigen Kartell aus Spiegel Online. Man sieht: Nichts hält ewig.

(http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-8722069.html)

Licht und Lügen darüber

10.03.2011

LÜGENDES LICHT

Heute brachte der Postbote eine besondere Sendung: „Lügendes Licht“ von Claudia Karstedt und Thomas Worm. Es handelt von der sog. Energiesparlampe und wie die Politik sie zu Lasten eines Kulturgutes durchdrücken will. Die ersten Schritte sind schon getan, man hat ein „Glühlampen-Verbot“ erlassen, das schrittweise die Glühlampe in den Hades schicken soll. Der Untertitel lautet „Die dunklen Seiten der Energiesparlampe“, die Einleitung „Die Energiesparlampe - Eine Innovation im Zwielicht“. Es steht zu befürchten, dass das Verbot die Begünstigte, die Energiesparlampe, überlebt und im Jahre 2016 noch die letzte Halogenlampe vom Markt fegt. Dann wird es die Sparfunzeln nicht mehr geben oder in anständiger Form.

Naturgemäß kann man hier nicht ein ganzes Buch wiedergeben. Man muss es selbst lesen. Man muss! Ich habe in dem Buch als erstes die „Ökobilanz“ gesucht, die mir wohl entwischt war, obwohl ich einige Jahre danach gesucht hatte. Die Autoren, immerhin beide Fernsehjournalisten, könnten sie in ihrem Schlupfwinkel aufgestöbert haben. Ein ganzes Kapitel haben sie dem Thema gewidmet. Und was haben sie gefunden? Man könnte das betreffende Kapitel „Eine Abhandlung über eine abwesende Erleuchtung“ oder so ähnlich nennen. Anstelle einer Ökobilanz dokumentiert das Buch nur eine Handelsbilanz: Das Problem der Herstellung und der damit verbundenen Umweltverschmutzung wurde nach China exportiert. Dafür importieren wir die Lampen mit ihrer Konterbande, dem Quecksilber, nach Europa. Saubääär!

Mit deren Hilfe werden wir den Ausstoß an CO2 so erheblich verringern, dass man ein Vergrößerungsglas benötigt, um die Verbesserung auszumachen. Dafür haben wir aber ein hehres Prinzip zum Teufel gejagt: Handle so, dass wenigstens du selbst glaubst, dass du richtig handelst! Wenn dieselben Leute, die ein Umweltgift (Quecksilber) so verteufeln, dass sie Thermometer mit eben dieser Füllung verbieten, mit Gewalt eine Technik durchsetzen, die auf just diesem Gift beruht, sind sie etwa so glaubhaft wie Politiker, die einen wegen dämlichen Abschreibens in die Wüste gegangenen Kollegen zurück wünschen. So geschehen zu Aschermittwoch 2011 unter starkem Fluss von schwarzen Krokodilstränen. Der Aschermittwoch für die, die ein ökologisch motiviertes Verbot ohne Ökobilanz aussprechen, kommt noch. Wetten?

Lügendes Licht - Die dunklen Seiten der Energiesparlampe
Thomas Worm/ Claudia Karstedt, Hirzel Verlag, Stuttgart, 2011, 254 S. EUR 19,80 sFr 33,70

Inhaltsverzeichnis

  1. Statt eines Vorwortes: ein Bekenntnis

  2. Einleitung: Die Energiesparlampe – eine Innovation im Zwielicht

  3. Vorwärts in die Vergangenheit – die Fluoreszenz-Technologie ist von gestern                                             

  4. Die Kompaktleuchtstofflampe – ein Klimaretter zum Nulltarif?     

  5. Lagerfeuer im Glaskolben – glühendes Licht zu Hause        

  6. Undurchschaubare Sparlampen – der Konsument als Lichttechniker

  7. Falscher Schein der Künstlichkeit – die verkehrte Welt des Fluoreszenzlichts                                                                              

  8. Leiden fürs Klima – Leuchtstoffröhren als Risikofaktor für die Gesundheit                                                                                       

  9. Entsorgte Probleme – Umweltkosten der Sparlampe werden exportiert

  10. Vom Glühen zum Glimmen – Ausblick in die Zukunft des Lichts

  11. Das volle Spektrum, bitte! – von Verdunkelungsgefahr und lichtem Bewusstsein

  12. Anhang: Wissenswertes & Nützliches

  13. Anmerkungen

  14. Register 

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