Posts in Category: Lichtqualität

Licht und Unsinn

21.05.2013

Licht von unten?

Heute fiel mir ein ganz altes Bild in die Hände. Es hat nicht nur historische Bedeutung, denn damit hat die Suche nach einem Plätzchen für Leuchten an der Decke eines Büroraums angefangen, aber nie wieder aufgehört. Beraten durch die Fachleute eines befreundeten Unternehmens in Sachen Licht, hat die verblichene Firma Nixdorf Computer eine Vorstellung davon entwickelt, wo es an einem Bildschirmarbeitsplatz herkommen darf. Vielmehr, wo es nicht herkommen darf. Wenn man sich die Lösung ansieht, kann man ihre Schöpfer nur bewundern, wie sie mit der Physik umzugehen wissen. So sieht die Lösung aus:

Also: Von hinten dürfen die Leuchten nie leuchten. Da sind ohnehin meistens Fenster. Das ist erstmal gestrichen. Von hinten oben dürfen sie auch nicht kommen. Spiegelungen auf dem Bildschirm sind zu befürchten.  Von oben vorne dürfen sie auch nicht leuchten, da gibt es direkte Blendung. Ganz von vorne dürfen sie auch nicht sein, die Leuchten oder die leuchtenden Fenster. Übrig geblieben ist der winzige Bereich über dem Tisch. Der ist OK. Sagt das Bild. Ein richtiger Lichttechniker wird sagen, um Gottes Willen. Wenn die Leuchten dort angebracht werden, gibt es Reflexblendung. Gibt es auch. Von wo sollen die armen Dinger denn leuchten?

Die geniale Lösung, die ein schwedischer Arbeitsmediziner gefunden hatte, Abdunkeln, mag ich gar nicht. Menschen brauchen Licht. Bleibt also die Lösung, dass die Leuchten von unten nach oben leuchten. Solche Einfälle, d.h. Lichteinfälle sind zwar üblich, aber nur im Theater, um die Hexe noch böser aussehen zu lassen. Im Büro nur für wenige Arbeitsplätze geeignet.

Eine weniger geniale Lösung hatte mein Institut so etwa Ende 1986 entwickelt. Die Leuchten sollen, wenn sie denn leuchten wollen, gerade mal so hell leuchten, dass sie weder Direkt- noch Reflexblendung verursachen. Die Idee dazu hatte eine Firma für Lichttechnik entwickelt, aber sie war umständlich mit einer teuren Optik gekoppelt, die die Leuchten dicker machte. Unsere Lösung: Fliegengitter oder Lochblech. Leider wollte die Industrie nicht überall „hochwertige“ Optik durch Lochblech ersetzt sehen. Wie respektlos muss man denn sein, um das wertvolle Licht durch ein Fliegengitter gesiebt auf den deutschen Bildschirmarbeiter rieseln zu lassen? 

Was tun? Die radikale Lösung hatte ich bereits etwa 1976 entwickelt und den Leuten von der Computerindustrie auch verklickert: Man möge den Bildschirmhintergrund hell machen, dann sieht man die Spiegelungen nicht (mehr so deutlich). Und so hell, dass der noch sichtbare Rest nicht stört. Zudem sollen die Bildschirme eine gerade und entspiegelte Oberfläche haben. All das steht in einem Buch von mir geschrieben, das Jahre nach der Entwicklung der Idee gedruckt wurde, weil eine bestimmte Firma ihr Geld mit Leuchten machen wollte anstatt mit Entspiegelungen an ihren Bildschirmen. Die Firma sollte damit zum Überdenken ihrer Strategie angeregt werden. So sah übrigens der Deckel des Buches aus:

Die rechten Bildschirme auf dem Deckel entsprechen den damaligen Produkten der gemeinten Firma. Damit sie nicht spiegeln, wurde eine Leuchte kreiert, deren Name mit Bildschirm anfängt. Sie überzeugte andere, die auch mit Leuchten Geld machen wollten, anstatt dem Problem zu helfen. Vielleicht wollte man auch nicht. Denn selbst im Jahre 2013 heißt es im Internet: „… Ein weiterer großer Vorteil von Glossy-Displays sind die geringen Kosten bei Produktion und Herstellung. Die Entspiegelung von TFT-Panels ist kostenintensiv.…“ (Quelle hier) Die Lösung, die die zuletzt gemeinte Firma vor ein paar Tagen angekündigt hat, wurde übrigens bereits 1975 angeboten. OCLI lautete ihr Hersteller, und das Produkt hieß λ/4-Beschichtung, in der Physik länger bekannt als Einstein. Allgemein bekannt als Dünnschichttechnik, üblich in der Fotografie seit etwa 1930.

So gucken viele viele Menschen seit mehreren Jahrzehnten dumm in die Röhre. Es gibt zwar mittlerweile nicht nur kleine Monitore wie oben auf dem Bild, die eine ebene Oberfläche besitzen, die auch noch entspiegelt ist. Monitore mit ebenen Oberflächen sind seit langem Standard. Positivdarstellung ist zudem seit Ewigkeiten Standard. Was fehlt, ist, dass die Fachleute anerkennen, dass ihre Lichtlösungen ein Märchen aus der guten alten Zeit sind. Jeder kann seine Beleuchtung längst ohne Rücksicht auf den Bildschirm wählen, wenn dessen Designer Rücksicht auf dessen Benutzer genommen haben. Was sonst? Da zurzeit mindestens drei Normenausschüsse mit Glanz und Gloria beschäftigt sind, darf man auf baldige Lösung hoffen, ich meine, auf die Anerkennung der Lösungen von Anno Tobak. Vielleicht zum 50. Jubiläum des obigen Bildes von Nixdorf?

Danach sieht es aber nicht aus. In der vor zwei Jahren veröffentlichten Beleuchtungsnorm DIN EN 12464-1:2011-08 wird immer noch auf Grenzwerte für die mittlere Leuchtdichte von Leuchten verwiesen, die man dem Bildschirm entsprechend auswählen muss, wie man aufgrund eines Versuchs von 1978 tun sollte, anstatt die Entspiegelung des Bildschirms an die erste Stelle zu setzen. Wer weiß bei der Planung einer Beleuchtung, welcher Bildschirm unter dieser Beleuchtung zum Einsatz kommen wird? Wenn es einem Planer gelingen sollte, das zu wissen: Wie lange wird die Planungsgrundlage, der besagte BIldschirm, im Einsatz bleiben?

Mein Ampelmann

Licht und Überfluss

18.05.2013

Story einer Beleuchtung, die niemand mag

In einem verwunschenen Labor sitzt ein freundlicher Chemiker und forscht vor sich hin: Wann denkt ein Stoff von sich, denkt er, dass er zum Leuchten auserkoren ist? Irgendwann ruft er Heureka („ich hab's“ auf Griechisch, εὕρηκα, ausgesprochen [hɛːǔ̯rɛːka]). Nicht der Stoff, sondern der Chemiker. Der Stoff würde zwar ab und an mal gerne leuchten, aber nicht immer. Das soll der Chemiker ändern. Nun gesellt sich ein Physiker dazu. Er weiß, wie man den Stoff elektrisieren kann, damit er dauernd leuchtet. Und zwar immer dann, wenn der Benutzer es so will. Irgendwann mal rufen beide Heureka. Das ist auch Griechisch. (In Wirklichkeit ist diese Geschichte etwas langwieriger, weil die beiden eine ganze Giftküche elektrisieren müssen, bis etwas ordentlich leuchtet. Wenn man alles erzählen würde, käme es manchem Spanisch vor.)

Wenn auch noch ein Dritter sich hinzugesellt, ein Lampenentwickler, und mit den beiden zusammen hɛːǔ̯rɛːka ruft, ist es so weit. Aus dem Stoff ist ein Lampenprototyp geworden.

Wenn in den oberen Etagen der Firma O. bzw. Ph. viele Leute auch Heureka rufen, wird aus dem Lampenprototypen eine Lampe.

Die meisten Lampen denken aber nicht daran, so zu leuchten, wie man bzw. frau will. Sie streuen ihr Licht womöglich in alle Himmelsrichtungen und müssen daher lernen, nur noch dahin zu leuchten, wo sie rechnerisch den größten Effekt hervorrufen. In der Lichttechnik nennt sich das die Arbeitsebene. Nicht dass alle Leute in dieser - horizontalen - Ebene arbeiten würden - das tun nur Angehörige bestimmter Berufe, über die man ungern redet, öffentlich jedenfalls - nein, weil sich die Ebene am besten rechnet. Damit unser Stoff, der nunmehr eine Lampe geworden ist, pflichtgemäß leuchtet, bekommt er eine Verkleidung. Nennt sich Leuchte. Nicht weil man alle Ideengeber für eine solche hält, sondern weil die Lampe nur in ihr leuchten darf. Sonst ist sie, die Lampe, womöglich grell.

Das darf sie aber nicht sein! Damit unsere Lampe nicht die ganze Arbeitswelt mit ihrer ungebremsten Lust am Leuchten belästigt, muss sie, die gemeine Lust der Lampe an der Gemeinheit, gebremst werden. Das nennt sich Blendungsbegrenzung. In der vornehmen Welt der Lichttechnik gibt es das Wort grell nämlich nicht, obwohl mittlerweile die Autos einen bereits tagsüber am Verstand des Chemikers bzw. des Physikers zweifeln lassen. LED nennt sich ihr neuestes Spielzeug, das noch ungebremst leuchten darf. Am schlimmsten vorne an den teuersten Autos.

Da die Blendungsbegrenzung nicht jede Dumpfbacke in seiner Arbeitsstube selbst vornehmen darf, hat man eine Reihe fein ziselierter Kurven ausgedacht, die den Namen des Erfinders aus dem Labor der Firma Ph. tragen. Diese erzählen dem Entwickler, wie er das Blech der Leuchte biegen muss, damit keiner behauptet, das Licht der Lampe käme grell daher. Fertig ist die Leuchte. Jetzt darf sie über den Köpfen der arbeitenden Bevölkerung an die Decke.

Leider nicht ganz. Denn in anderen Ländern sitzen andere Lichttechniker, die anders denken als der Erfinder der Kurven aus der Firma Ph. Sagen wir mal, sie sind in der Firma G.E. tätig. Die benutzen eine Formel, die den Leuchten den Giftzahn ziehen soll. Da Leuchten später ohne Rücksicht auf Landesgrenzen leuchten sollen, muss eine neue Formel her. Dummerweise fällt die etwas kompliziert aus, sodass es Probleme mit dem, sagen wir höflich, begrenzten Auffassungsvermögen der Praktiker gibt. Ergo packt man die Kurven der Firma Ph. in einen großen Topf, gibt die Formel von dem Autor aus der Firma G.E. dazu, und schüttelt so lange, bis eine feine Tabelle herauskommt. Die nennt sich UGR = Unified Glare Rating. Der Leuchte ordnet man nun eine Zahl zu. Sagen wir 19. Die erscheint in der entsprechenden Beleuchtungsnorm, und dort heißt es, wenn eine Leuchte einen UGR-Wert unter 19 hat, darf sie in einem deutschen Büro leuchten. Zwar ist dann höchstens die Hälfte der so Erleuchteten zufrieden. Das macht aber nix. Sie sollen froh sein, dass sie der zufriedenen Hälfte gehören. (Wer Freund von weniger lustig, dafür mit vollem Ernst vorgetragenen Fakten ist, kann hier fündig werden. Der Autor hat mir persönlich geraten, mich nicht mit Blendung zu befassen, weil ich entweder in die Irre geführt werde, oder irre.)

Fertig? Leider immer noch nein! Es gibt nämlich Leute, die darüber befinden, wie viel Licht unsere Leuchte auf die Arbeitsebene werfen muss. Und die kennen unseren Chemiker nicht. Den Physiker übrigens auch nicht. Und der Leuchtenbieger kennt die hier gemeinten Herrschaften nicht. Babel lässt grüssen. Weil der Physiker nicht weiß, was der Leuchtenbieger braucht, und dieser noch weniger weiß, was die Praktiker brauchen, und die Herren über die Menge des Lichts nicht vollends über die Technik aufgeklärt sind, kommt am Ende aus der Leuchte nicht genug Licht raus. So jedenfalls nach der Meinung der Leute, die die Menge des Lichts in deutschen Arbeitsstätten bestimmen.

Und? Man kann ja deren mehr an die Decke hängen. Dem stehen aber die Gepflogenheiten deutscher Unternehmen entgegen, den Büroraum für Menschen zu rationieren. Ziemlich dumm, aber leider nicht anders machbar! Soll man etwa mehr Raum bieten, damit dessen Himmel mehr von den Leuchten aufnehmen kann? (Wer es nicht glaubt, dass die Sache wirklich so läuft, soll sich mal die Beleuchtungsnormen angucken.) Bei einer Norm hat der Modellraum für eine Person hochgerechnet 45 m² bis 80 m², im realen Büro von 4 m² bis maximal 45 m² bei Vorständen und Staatssekretären. Da muss man aber schon mindestens Staatssekretär sein.) Der „normale“ Mensch im Büro, so z.B. ein Beamter, beansprucht eine Bürofläche mit einer Achsbreite, nennt sich Beamtenachse, mal Tiefe des Raums, so etwa 12 m². In diese Achsbreite passt meistens nur eine Leuchte hinein. Wie soll man da 20% mehr Leuchte installieren, wenn die Beleuchtungsstärke um 20% erhöht wird? (Große Konzerne beschäftigen kluge Berater, die die Beamtenachse so verbiegen, bis nur noch 7 m² übrig bleiben sollen.) Das Dokument war im Internet erhältlich und hieß „Auf dem Weg zum Büro mit Zukunft“. Wo hängt man dann die Leuchte hin? Die Berater kennen weder Lichttechnik, noch Beamte. Sind halt Berater, die vom Beraten leben. Später beraten sie den Kunden über psychische Belastungen. Sie wissen ja, wo die herkommen.)

Geht also nicht! Geht nicht, gibt's nicht - in der Technik. Es gibt nämlich Physiker, die aus der gleichen Länge Lampe viel mehr Licht herausholen. Fehlt nur noch der Elektroniker, der die Vorschaltgeräte so macht, dass sie mehreren Lampen in der gleichen Länge dienen können. Ihr Name: Multiwatt. Die Lampen mit der bombigen Leistung heißen dann High Output oder ähnlich, alles zusammen wird als „effiziente“ Lichttechnik verkauft.

Damit kann man über einem Mitarbeiter mit rationierter Fläche zwar nicht mehr Leuchte aufhängen, auch nicht mehr Lampe, aber mehr Licht aus denen herauskitzeln. Soweit, so gut.

Leider hat die Sache einen Denkfehler: Der vermaledeite UGR-Wert stimmt nicht. Die Leuchte blendet mehr als sie darf. Da der UGR-Wert aber den meisten Bauherren schnuppe ist, weil er ihnen nichts sagt, erzählt der letzte im Glied, der Elektroplaner, ihm überhaupt nichts von der Story. Er installiert, was das Zeug hält. Es ist nämlich so, dass der Planer auf eigene Kosten nachrüsten müsste, wenn man ihm nachweist, dass er zu wenig installiert hat. Wenn er zu viel installiert …? Kann er nicht! Weil in der Norm steht, dass alle angegebenen Werte Mindestwerte sind.

Wenn ein normaler Mensch wissen will, wieso denn solche Vorgaben gemacht werden, erzählt ihm Dr. O. aus der Firma Ph., oder Dr. Ph. aus der Firma O., dass draußen mittags 100.000 lx herrschen, während die mickrigen 500 lx im Büro …, na ja, wirklich mickrig sind. In diesem Metier misst man sein Produkt nämlich am Zentralgestirn unserer Galaxie und nicht an kleinkrämerischen Zahlen. (Leute, die ähnlich dachten, gingen in der griechischen Tragödie in der Antike tragisch unter; im Mittelalter wurden sie auf den Scheiterhaufen gestellt. Und heute?)

Wenn die Leute weder Dr. O. noch Dr. P. glauben wollen, weil ihre Brötchengeber, Lichtfirmen, ein Eigeninteresse an mehr Lux im Büro haben, findet sich bestimmt ein Prof. F. aus Uni G., der die gleiche Geschichte erzählt. Der hat bestimmt kein Eigeninteresse an … Eigentlich braucht man weder Doktoren noch Professoren, die die Story erzählen. Ein kleiner Stud.-ing. reicht dicke. Der nimmt nämlich meine ewig erzählte Geschichte sozusagen mit der Muttermilch auf. So etwa im dritten Semester. Sie ist ja älter als die Väter der heute lebenden Professoren und Doktoren.

Am Ende sitzen die Mitarbeiter*innen in Büros, deren Beleuchtung zwei- bis viermal überdimensioniert ist, und…? Sie schalten die Lampen ab, solange sie noch etwas sehen können. Der Fachmann würde sagen, dies stimme nicht; die Leute würden die Leuchten abschalten. Na, schön. Wenn sich die Leuchten nicht abschalten lassen, dreht man die Lampe aus der Fassung. Abschalten, damit man Ruhe hat. Ruhe vor dem Licht, das so niemand gewollt hat. 

Wer mag denn so komisch denken und handeln? Anscheinend nicht wenige. So besagt eine Studie des Onlinedienstes Linkedin aus dem Jahre 2012, in dem weltweit Führungskräfte vernetzt sind, dass der mit Abstand sehnlichste Wunsch ist, in einer Umgebung ohne künstliche Lichtquellen zu werkeln und zu arbeiten. Für 37% der deutschen Führungskräfte hat ihr Traumarbeitsplatz nur Tageslicht. Wer keine Führungskraft ist, bedient sich des Schalters.

EPILOG: Wer diese Erzählung für eine erfundene Story hält, muss nicht sehr lange suchen, bis er doch die Bestätigung findet. Vielleicht muss man gar nicht suchen, sondern nur nach oben gucken. Von mir kann er Einsicht in Messprotokolle in reichlicher Zahl bekommen, die ihm auf die Sprünge helfen. Der freundliche Herr aus der Firma Ph. ist mittlerweile gestorben und kann deswegen nicht reagieren. Den Forscher der Firma G.E. gibt es leider auch nicht mehr. Die anderen aber sind alle noch da und werkeln, bis ihnen die Klimakatastrophe das Handwerk legt. Vielleicht nicht als biologische Person, weil deren Laufzeit begrenzt ist. Aber als Ideenträger bestimmt. Am Ende wird allen ein Lichtlein aufgehen. Die Studie von LinkedIn findet sich hier. (Anm.: Für die „Stummtaste“, die das Geschwätz der Leute in der Umgebung abstellen kann, interessierten sich nur 21%.)

Für alle, die trotz allem künstliches Licht brauchen oder wollen: Aus der Küche des Chemikers, des Physikers und des Leuchtenbiegers gibt es Produkte, die Indirektleuchten heißen. Die stehen nicht in der UGR-Tabelle, weil ihr UGR-Wert 0 (= blendet überhaupt niemanden) beträgt bzw. bedeutet. Man hätte sie in die Tabelle aufnehmen können, hat aber nicht. Angeblich ist das UGR-Verfahren auf Indirektbeleuchtung nicht anwendbar. Angeblich! Honi soit qui mal y pense [ɔni swa ki mal i pɑ̃s]

Licht und Büromöbel

11.05.2013

SITZEN IST UNGESUND - UND STEHEN?

Ein Büro ist, wenn man einen Schreibtisch und zwei Laternen darüber hat. Rechts und links, wie man in der lichttechnischen Literatur lesen kann. Früher gehörte unbedingt ein Bürodrehstuhl dazu. Denn der Büromensch muss sitzen. Nur der Bürovorsteher darf anders. Er durfte …

Heute sieht es anders aus. Wer einen gütigen Arbeitgeber hat, der auf die Lockrufe der Büromöbelindustrie hört, darf auch stehen, so er stolzer Besitzer eines Steh-Sitz-Arbeitsplatzes ist.

An sich eine gute Sache. Deswegen mache ich sogar kostenlos Werbung für die Büromöbler. Gesünder als Sitzen, gesünder als Stehen. Haltungswechsel nennt sich das. Leider müsste man es heute häufig als erschwerte Haltung mit unvorhergesehenen Problemen nennen. Denn der stehende Mensch kommt, wie weiland Ikarus, der Sonne, pardon, der Beleuchtung näher. Man kann sich das Problem leicht vorstellen, wenn man die Dimensionen eines Menschen zu denen eines Arbeitsraums in Beziehung setzt. Wenn er sitzt, befinden sich seine Augen in einer Höhe von - theoretisch - 121 cm. Da ist noch viel Luft bis zur Decke, na ja, ziemlich viel Luft, die 250 cm lichte Höhe aufweisen soll (in Bayern 240, die Bergvölker sind kleiner, aber dafür breiter). Also befindet sich das Auge etwa zwischen Fußboden und Decke.

Da es modern ist, die Leuchten nicht mehr in die Decke einzubauen  - hier schreibt ein Befürworter davon -, pendeln die Dinger, sagen wir mal, 50 cm darunter, also bei 200 cm. Immer noch fast 80 cm von Auge zu Leuchte. Was aber, wenn man aufsteht? Die theoretisch allerkleinste Frau mit 143 cm Höhe der Augen über dem Boden kann sich noch glücklich von der Leuchte absetzen. Der theoretisch größte Mann beäugt dieselbe aus nur noch 25 cm Entfernung. Der tatsächlich Größte könnte durchaus direkt da hineingucken. Oder mit dem Kopf anstoßen.

Nicht ganz intelligent - oder? Noch weniger intelligent schaut übrigens so ein Büroraum aus, wenn derjenige in Fensternähe seinen Tisch schön hoch stellt, und der im Rauminnern sitzenbleiben will. Tageslicht ziemlich mau, Kunstlicht halbwegs abgeschattet. Und die Raumanmutung? Lieber schweigen. Sichtverbindung mit der Außenwelt? Die wird allerdings besser, wenn beide stehen.

Wer die Sache umfassend betrachten will, sollte auch an Klima denken. Ganz intelligente Gebäude arbeiten mit Bauteilaktivierung. Da hat man die wunderbar gekühlte Decke im Sommer schön nahe über dem Skalp, so man noch dessen erfreuen darf, im Winter wird die warme Luft nach unten durchgeschossen und trifft insbesondere die Stellen hart, die von der Haarpracht bereits befreit worden sind.

Ich hatte mal bei einem Kongress für „Intelligente Gebäude“ mitgemacht. Kann so etwas intelligent bezeichnet werden? Leider nein. Eine Lösung wird aber bedauerlicherweise keiner so schnell finden. Unsere Büros sind nun mal Karnickelställe. Bis die Lösung gefunden wird - d.h. ewig - hat man mit dem Haltungswechsel auch Klimawechsel + Strahlungswechsel. Im alten Griechenland nannte man so etwas Tragödie - d.h. falsch, egal, was man anstellt. Ikarus stürzte ab auf die Insel Ikaria. Dem modernen Büromenschen winkt keine schnelle Lösung, bestenfalls eine quälende Agonie. Und wenn er aus Ärger schreit, hören ihn die anderen im Raum auch besser. Denn Schallschirme befinden sich beim Stehen unter der Unterkante Unterlippe.

Ein Schlamassel, für den niemand verantwortlich zeichnet. Wie denn? Wer denn? Um dem Problem abzuhelfen, müsste man die Geschosshöhe etwa verdoppeln. Gute Idee, um bei Bauherren und Architekten Heiterkeit zu erzeugen. Und die Stadtplaner werden die Kastagnetten rausholen. 

Licht und SAP

04.03.2013

SAP MACHT IHRE MITARBEITER KRANK

Als ich das neueste Heft von Mensch und Büro las, dachte ich, mich trifft der Schlag. Die Zukunft der Büros bei SAP wird durch eine sogenannte Voutenbeleuchtung erhellt. Die sieht so toll aus, weil die Lampen vor den Mitarbeitern versteckt werden. Vielmehr sieht sie gar nicht aus, denn man sieht keine Beleuchtung. Ein Grauen für jeden aufrichtigen Beleuchter. Wäre es gestern gewesen, hätte die SAP bestimmt gegen die Lichtnormen verstoßen. Und das macht bekanntlich die Mitarbeiter krank.

Falls das nicht reicht, steht noch eine Wohnzimmerleuchte im Raum. Igitt! Das sind doch Lichttöter? Wie man es richtig macht, hat uns ein Ing. aus Österreich erklärt. Man nehme einen Bildschirm, der spiegelt, kippe ihn 20° nach hinten, damit er richtig spiegelt. Dann schneide man den Leuchten den Teil des Lichts ab, den sie gerne auf den Bildschirm geworfen hätten, aber nicht mehr dürfen. Fertig ist das Wunderwerk BAP wie Bildschirmarbeitsplatzleuchte. Kein Licht auf dem Bildschirm, keine Spiegelung. Ich meine, theoretisch …

Ich schätze mal, der Österreicher wurde bei uns aktiv, weil die Ösis viel zu klug sind, um den Unsinn zu Ende zu hören. Dieser Österreicher hatte seine Idee einst als „dark light“ erfunden, so etwa anno 1969. Lange bevor die Linken den Marsch durch die Institutionen aufgerufen hatten, hatte er sich auf den Weg gemacht, eben den Marsch anzutreten. Mein Prof. erklärte uns Studenten, jeder flöge hochkant aus der Prüfung, wenn er von dark light spricht, Licht sei hell und es bliebe dabei. Bei ihm war also nichts zu holen. Ab zum Leiter der Leuchtenplanung der - damals - größten Firma. Die ist auch heute noch groß, aber nicht mehr in Sachen Licht (hier mehr).

Dieser und sein Vorstand witterten die Chance zum größten Scoop der Geschichte der Laternenmacherzunft: Ein neuer Name und ab geht die Post. Der Professor, der dark light nicht mochte, war gestorben. Nur noch ein Hindernis war aus dem Weg zu räumen, eine Weisheit im „Handbuch für Beleuchtung“. Die besagte, dass tiefstrahlende Leuchten nur für Sonderaufgaben einzusetzen seien. Zudem hieß es, „Können nur direktstrahlende Leuchten eingesetzt werden, so sollten sie möglichst großflächig sein“. Ansonsten sollte man die Decke und die Wände mit einer Zusatzbeleuchtung aufhellen.  Ach, was! Leute, die Leuchten kaufen bzw. einen Elektriker bestellen, um diese an die Decke zu schrauben, lesen nicht das Handbuch für Beleuchtung. Und Lichtplaner, die es lesen, kann man mit einer Beleuchtungsnorm zur Räson bringen. Gesagt, getan! Und dass der Protagonist der direktstrahlenden Zukunft das Handbuch mitgeschrieben hatte? Geschenkt.

So etwa seit 1979 wehrt man sich gegen die tolle Erfindung. Man ist leider nicht alle. Zuerst fanden die Leuchte nur die Erfinder gut, der Rest der Gilde übte sich in Enthaltung oder Kritik. Bis er merkte, dass sich gut Geld machen ließ mit der Wunderleuchte. Und die Beleuchtungsnorm hatte ganzheitlich alle Probleme geregelt: z.B. so: „Anmerkung: Auch helle Oberbekleidung kann zu störenden Spiegelungen auf dem Bildschirm führen. …“ Nur das Feingerippte blieb von der Norm unbehelligt, weil kein Licht in die Hose fällt.

Als alles Jammern nicht half, musste ich die Notbremse ziehen und veröffentlichte einen Artikel, der die mittlerweile genormte Leuchte als Verstoß gegen den Arbeitsschutz auswies (hier zu lesen). Mittlerweile sind auch diejenigen von dessen Wahrheitsgehalt überzeugt, die mich damals am liebsten in die Geschlossene eingewiesen hätten.

Aber dass ein Unternehmen es wagt, den schlimmsten Albtraum des Lichtmenschen zur Zukunftsvision zu erklären? Indirektbeleuchtung? Igitt, ist langweilig und ermüdend. Dazu eine Wohnraumleuchte in einem Arbeitsraum? Kann nicht wahr sein. Ob die noch irgendwo Tischlampen versteckt halten? Ich weiß, dass sie es tun.

SAP war einst von Leuten gegründet worden, die ihrem Arbeitgeber, dem größten EDV-Monopolisten seiner Zeit, nicht gehorchen wollten. Das Ketzertum der Gründer hat sich wohl auf die neuere Generation übertragen. Den Feuertod müssen sie nicht befürchten. Dürfen die SAP-Mitarbeiter jetzt weiße Hemden tragen?

Licht und Historie

07.10.2012

ES IST ERREICHT!

Nein - es geht nicht um des Kaisers Bart*. Es geht darum, was die jüngst gefeierten 100 Jahre Lichttechnik a la LiTG den Menschen gebracht haben (siehe hier). Das Ergebnis liest sich im Tagesspiegel von heute so an:

„In einer Studie des Businessnetzwerks LinkedIn bestimmen Fach- und Führungskräfte ihren Arbeitsplatz der Zukunft. In der Umfrage hat LinkedIn weltweit über 7000 Arbeitnehmer – 420 davon in Deutschland – nach ihrem „Traumarbeitsplatz“ befragt: Welche Technologien und Rahmenbedingungen wünschen Sie sich für die Zukunft? Die Studie zeigt: 37 Prozent der deutschen Fach- und Führungskräfte bevorzugen einen Arbeitsplatz, der frei ist von künstlichen Lichtquellen.“

Der sehnlichste Wunsch deutscher Führungskräfte besteht darin, dass sie von unseren Produkten unbehelligt bleiben möchten. Und der zweitsehnlichste Wunsch? „Auf Platz zwei folgt der Traum von einer imaginären „Stummtaste“, die alle Gespräche der Arbeitskollegen auf lautlos stellt (21 Prozent).“

Das dumme Geschwätz derer, die man im Augenblick nicht hören möchte, weil man sich konzentrieren muss, um Längen zu toppen! Ist doch klasse – die 100 Jahre haben sich gelohnt. Wer sich 100 Jahre auf Technik nach eigener Vorstellung konzentriert und alle anderen, die etwas beitragen könnten, vergrault, so z.B. Architekten oder Designer, erntet bestenfalls, was er gesät hat. Andere machen es besser. So hat Norwegen eine Gesellschaft, die sich um die Beleuchtung kümmert. Sie nennt sich Lyskultur wie Lichtkultur. In Schweden liest sich nur der Name der zuständigen Gesellschaft etwas anders: Ljuskultur. Die AIDI, das direkte italienische Pendant zur LiTG, versteht sich als wissenschaftlich-technische und kulturelle Vereinigung. Sie konzentriert sich stark auf Lichtkultur, visuelle Ergonomie, Kunst- und Museumsbeleuchtung sowie urbane Identität. Zudem gibt es noch die APIL (Associazione Professionisten dell'Illuminazione): Ein eigenständiger italienischer Verband speziell für unabhängige Lichtdesigner. Der Fokus liegt rein auf dem kreativen, architektonischen Entwurfsprozess, frei von Herstellerinteressen. In Japan verknüpft die Lichtgesellschaft IEIJ technische Forschung extrem stark mit ästhetischen Prinzipien der japanischen Raumwahrnehmung (Schattenwirkung, Materialtextur, Verschmelzung von Innen- und Außenraum).

* „Es ist erreicht“ ist das berühmteste Produkt von Haby, Bartwichse samt Bartbinde für den Kaiser. „Donnerwetter - tadellos“ war eine Bartpomade, „Wach auf“ eine Rasierseife, und „Ich kann so nett sein“ ein Damenshampoo. Man sieht, dass Haby nicht nur dem Kaiser um seinen Bart ging.