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Licht und Architektur

15.03.2014

Asche über mein Haupt

Gestern erlebte ich einen tollen Raum, der mich dazu bewegt, alle Kritik an den lichttechnischen Normen erst einmal zu vergessen, die ich gerne schreibe. Der Raum gehört zu einem preisgekrönten Haus und liegt dort im Vorstandsbereich. Also in den Bereich, in dem man kein Geld spart, damit sich der Vorstand wohlfühlt. Ich musste gestern vor den anderen hinein, um eine Präsentation vorzubereiten. Danach kamen etwa 60 Leute, denen ich auch etwas über schlechtes Licht erzählen wollte.

Man konnte sich alles sparen - oder die Veranstaltung zu einer über die Meriten der Lichttechnik umwidmen. Eine Satireveranstaltung über einen Architekten abzuhalten, der wohl seine Auftraggeber quälen wollte, wäre auch keine schlechte Idee. Dumm nur, dass der Architekt ein Sohn der Stadt ist, auf den sie stolz ist.

Erst einmal der Raum: Großer Saal mit großen Fenstern und Tageslicht sogar von der Dachluke direkt auf den Kopf des Vorsitzenden. Gesundes Licht mit Glühlampen, schön abgeschirmt, damit kein Auge der hohen Herren auch nur näherungsweise Blendung empfindet. Möbel edelst ausgestattet. Damit man Dias oder gar Bilder vom Epidiaskop störungsfrei projizieren kann, alles sogar lichtdicht abdunkelbar. Also schöner geht es nimmer.

Als ich alleine da saß, blendete mich der schöne Frühlingstag draußen fürchterlich. Dabei liebe ich das Tageslicht. Und verbringe zuweilen Mittagstunden auf tropischen Inseln im Freien. Ohne Sonnenbrille. Was war in diesem Raum? Alle Raumbegrenzungsflächen waren entweder schwarz oder fast schwarz oder sahen schwarz aus, weil kein Licht darauf fiel. Ich weiß nicht, wann ich gelernt habe, dass die Leuchtdichten im Gesichtsfeld balanciert sein sollen. Es war aber nicht erst in der dritten Vorlesungsstunde bei Lichttechnik. Ich schätze mal, Innenarchitekten kannten solche Vorstellungen vor meiner Geburt. Chinesen vielleicht im zweiten Jahrtausend vor Christi Geburt - Feng Shui …

Dass das Auge Flächen über ihre Leuchtdichte sieht und deswegen auf diese geachtet werden möge (Beleuchtungsstärke mal Reflexionsgrad), habe ich spätestens in der vierten Stunde bei unserem Lichtprofessor gelernt. Das war übrigens ca. 9 Jahre vor der Fertigstellung des besagten Raumes.

An der sehr interessant geformten Decke hingen ganze Batterien von Downlights mit Reflektorglühlampen. Schön … teuer und nutzlos, weil das Einzige, was sie können, ist blenden. Ansonsten sieht man ein Glimmen in einem schwarzen Rohr. Als Student hatte ich ähnliche Objekte gemessen und eine Schelte vom Professor eingefangen, weil die Messwerte unmöglich hätten stimmen können. Der Leuchtenwirkungsgrad lag so bei 20%. Da Glühlampen bekanntlich bei der Umwandlung von Strom in Licht nicht gerade kleinlich sind, schätze ich mal, dass etwa 1% der eingespeisten Energie das Gebilde als Licht verlassen kann. Nicht schlecht, wenn man das eine Prozent sinnvoll aufwenden könnte. Auch das war aber nicht möglich, weil der Fußboden fast schwarz war. Zwar kann man auf einem Blatt Papier etwas lesen, wenn es auf einem der Tische platziert ist. Aber angenehm heißt anders.

Noch schöner als die Downlights schienen die Strahler, die nach oben gerichtet waren und somit eine fast schwarze Decke getroffen haben bzw. treffen, bis man sie abschaltet. Besser kann man Energievernichtung nicht darstellen.

Optisch gesehen fühlte sich diese Wohlfühloase an wie unser Lichtlabor, in dem alles Licht so gerichtet ist, dass es keine hellen Flecken verursachen kann, so es überhaupt da sein darf. Nach einem Tag in einer solchen Umgebung weiß man nicht, ob es draußen Winter oder Donnerstag ist. Man verbringt dort aber nicht den ganzen Tag. Zum anderen fehlen dort die Störungen durch das Tageslicht und die Sonne.

Unangenehmer als ein Dunkelraum im Labor - das muss man können! Der Architekt konnte aber noch mehr „Wohlfühl“! Der Raum soll in der wärmeren Jahreszeit etwa Temperaturen wie in Finnland erreichen – ich meine, wie in gewissen Einrichtungen dort. Macht nix, Vorstände sind zwischen April und Oktober eh nur an der Riviera an der Promenade anzutreffen.

Ich lasse meine Normensammlung zu einem dicken Buch zusammenbinden. Den kriegt der nächste Kreative an den Kopf geschmissen, der mit seinen Super-Konzepten mir über den Weg läuft. Wenn er die Sache überlebt, darf er weitermachen. 

Licht und Blendung

28.02.2014

Wenn Kinderräder am helllichten Tag blenden

Heute Morgen wunderte ich mich über ein Sternchen, das auf dem Bürgersteig gegenüber hell aufleuchtete. Neuer Stern von Bethlehem? Nein - es war ein Kleinkind, das auf dem Bürgersteig Rad fahren darf. Es war ein hellichter Tag, und trotzdem wurde ich geblendet. Früher mit dem Glühlämpchen, versorgt von einem altertümlichen Dynamo, würde das Licht des Kindes mir nicht einmal nachts so auffallen. Tagsüber würde kein Mensch daran denken, ein Kleinkind mit Licht fahren zu lassen.

Andere Zeiten - neue Blendungen! LED ist durch und durch eine schlecht beherrschte Technik. Meine Freude über eine wunderbare Meldung in der Zeitung, dass die Lichtverschmutzung in Europa teilweise abgenommen hätte, verflog beim Anblick des Minirads, auf dem das Kind sass. Lichterschein am Weihnachtshimmel oder über der Krippe, ja! Auf dem Asphalt, wenn nötig.

Bitte mitbeten, damit die LED-Lampen möglichst lange möglichst teuer bleiben. Ansonsten stehen uns schlimme Zeiten bevor.

Licht und Unsinn

13.01.2014

Beleuchten, um nicht zu beleuchten …

Etliche Beiträge in diesem Blog drehen sich um den Unsinn, mit Leuchten, d.h. mit Leuchtendesign, Spiegelungen auf dem Bildschirm zu bekämpfen. Es war schon zu Beginn der Welle Unsinn. Leider hatte niemand die Sache so deutlich dargestellt wie einer, der Ergonomie macht (Quelle), und das anno 2014:Die Leuchten beleuchten alles, nur nicht die Stelle, an der der Benutzer Erleuchtung finden will. Dabei hatte ein wichtiger Mensch ein früheres Bild von mir, das diesen Unsinn etwas anders darstellte, als Unsinn bezeichnet. „Wer plant denn so etwas?“ hatte er in die Menge gerufen.

Ja, wer plant denn so etwas? Jeder, der die Normen, die man anwenden sollte, richtig ausführt. Was soll anderes herauskommen, wenn man zwei Leuchtenreihen mit tiefstrahlender Charakteristik parallel zum Fenster in ein übliches deutsches Büro (Höhe 2,50 m bis 2,70 m; Tiefe ca. 6 m) aufhängt und dazwischen die Arbeitstische platziert? Mein Bild stammt von etwa 1995, das obere Bild fand ich gestern auf einer neu aussehenden Website. Eigentlich muss man keine solchen Bilder zeichnen; man sieht die Misere in fast jedem ähnlichen Raum an beiden Seitenwänden.

Mehr z.B. unter Kann Licht töten? Dummheit schon…
oder hier SAP macht seine MItarbeiter krank (macht garantiert nicht)

Licht und Dunkelheit

31.07.2013

Entleuchtungsbirne

Als ich den gestrigen Beitrag mit Realsatiren schrieb, fiel mir ein Buch ein, in dem solche Dinge, allerdings als Satire klar erkennbar, von Wissenschaftlern geschrieben werden, im Journal der Unwiederholbaren Experimente. Für solche Taten gibt es seit einigen Jahren auch einen Nobelpreis. Damit man den nicht mit dem echten Preis verwechselt, heißt er „Ig Noble Prize“. Wie ernst die Sache genommen wird, sieht man daran, dass die Laudatio von echten Nobelpreisträgern gehalten wird. Weniger ernst sieht das Ende mancher Veröffentlichungen aus: Man faltet Papierflugzeuge daraus und lässt sie im Saal steigen.

Eine der prämierten Erfindungen heißt Schwarzbirne, die man zur Entleuchtung von Räumen einsetzt, in denen zu viel Licht installiert ist. Gestresste Bewohner von Großraumbüros, die keinen Besenstiel ergattern können, um die Lampen über ihrem Kopf kaputtzuschlagen, können aufatmen: Die Entleuchtungsbirne gibt es bald zu kaufen. Man installiert sie an passenden Stellen im Raum und hat so seine Ruhe.

Ich kenne viele Leute, die beim Anblick dieser Zeilen den Kopf schütteln werden. So'n Unsinn! Stimmt! Wird aber seit Jahrzehnten von dem Lieblingskonzept der Lichttechnik, der Allgemeinbeleuchtung, überboten. Man hat zwar den Namen getilgt, aber nicht geschafft, das Konzept zu killen. Seit mehr als 10 Jahren heißt es „raumbezogene Beleuchtung“. Damit keiner auf die Idee kommt, davon abweichen zu dürfen, erweitert man die zu beleuchtenden Flächen so, dass am Ende bei jedem Konzept dasselbe herauskommt (mehr dazu: selbstwachsende Flächen).

Wer Praktikern Konzepte verkauft, bei denen der überwiegende Teil des im Raum installierten Lichts auf den Teppich fließt, und der auf den Tisch fallende Teil vornehmlich an beiden Tischenden landet, darf sich über fade Scherze nicht aufregen. Dass die Studien, die zu solchen Konzepten geführt haben sollen, das o.g. Journal bereichern könnten, kann ich mir nicht vorstellen. Wenn die Redakteure unter einer entsprechenden Beleuchtung zu arbeiten haben, werden sie sich verbitten, Scherze über ihr Elend zu treiben.

Licht und Lampe und Lüge

30.07.2013

Legende im Eimer

Gestern Abend kramte ich in alten Sendungen von Extra 3 herum und fand eine Sammlung Realsatiren, aus denen eine besonders herausragte: Heinrich Göbel bzw. vielmehr der Umgang der Stadt Springe mit ihm. Springe ist nicht irgendeine deutsche Stadt, jedenfalls nicht für Lichttechniker. Dort saß einst die AEG Lichttechnik. Sie sitzt immer noch da in der Rathenaustraße, heißt aber jetzt anders. Die Stadt hat sich richtig Mühe gegeben mit dem Sohn Heinrich Göbel, später Henry Goebel genannt, der die Glühlampe erfunden hat. Nach seiner Version, genau genommen.

Die Springer ehrten seit 1929 Heinrich Göbel als Erfinder der Glühlampe, was an verschiedenen Stellen in der Stadt sichtbar ist. Ein Bronzerelief mit einer ewig brennenden Glühlampe erinnert an den 1848 nach New York emigrierten Springer-Bürger. Im Museum auf dem Burghof befasst sich eine Abteilung mit Heinrich Göbel. So kann man dort erfahren, dass man glaubte, Heinrich Göbel habe kurz vor seinem Tode in einem Prozess die gebührende Anerkennung erhalten, bereits 25 Jahre vor dem Amerikaner Thomas A. Edison eine gebrauchsfertige Glühlampe erfunden zu haben. Zur einhundertjährigen Wiederkehr der Erfindung 1954 feierte Springe das "Jahr des Lichtes". Seitdem leuchtet jeden Abend über der Stadt, weithin sichtbar, auf einem Obelisk das Glühlampensymbol. Dieses Denkmal steht an einem guten Aussichtspunkt am Deisterhang auf der Göbelbastei.

Göbel ohne Ende. Und dann das: Ein böser Mensch, Dr. Hans-Christian Rohde, hat in seiner Diss die ganze Göbel-Legende als heiße Luft entlarvt. Nun muss sich die „Stadt des Lichts“ Lügenlampenhausen schelten lassen, frei nach dem Professor, bei dem Göbel gelernt haben will, Prof. Munchausen. Einen Mann mit diesem Namen gab es schon, aber der zog es vor, auf Kanonenkugeln zu reiten.

Was ist daran so bemerkenswert? Zum einen: Das Alter der Entlarvung der Legende. Es ist mehr als 100 Jahre her, dass die Gerichte Göbels Ansinnen zurückgewiesen haben. Trotzdem schimpften die Springer in Extra 3 auf den Doktoranden. Warum dieses Wasser in unseren Wein?

Warum? Ist mir egal. Aber nicht die Entstehung dieser Legende. Göbel wurde vermutlich von Glühlampenherstellern vorgeschickt, um das Patent von T. Alva Edison zu Fall zu bringen. Es kommen auch andere in Betracht, Möchtegern-Stromproduzenten. Denn Edison verdiente sein Geld mit Strom. Er hatte wohl bei einem anderen Mächtigen seiner Zeit die brennende Idee abgeguckt: Rockefeller und „Öl für die Lampen Chinas“. (Erzählung und Film lesenswert bzw. sehenswert) Was macht man, wenn niemand einen Stromverbraucher betreibt? Man gibt ihm einen - die Glühlampe. Was Kerosin für Rockefeller war die Glühlampe für Edison.

Zu seinen besonderen „Freunden“ zählte ein gewisser George Westinghouse, der meinte, dass Edison spinne. Man könne die USA nicht mit einem Gleichstromnetz überziehen, und das bei 110 V, weil erstens niemand so viel Kupfer beschaffen könne. Und zweitens, würde der St.-Andreas-Graben unter dem Gewicht der Leitungen gleich nachgeben. Westinghouse hatte aber erst einmal das Nachsehen, weil die Hersteller unter Berufung auf ihre Urheberrechte damals häufig das Benutzungsrecht verkaufter Glühlampen auf lizenzierte Stromnetze beschränkten. Hotels und Büros mit eigenen Dynamos wurden erfolgreich mit gerichtlichen Verfügungen auf Unterlassung der weiteren Nutzung ihrer Glühlampen belegt. Die Glühlampenhersteller sicherten sich so auch den Markt der elektrotechnischen Infrastruktur und behinderten freien Wettbewerb und Innovation. Irgendwie kommt mir das sehr bekannt vor. Man kann in diesem Blog schnell herausfinden, an wen ich dabei denke. Man stelle sich vor: Man kauft eine Lampe und darf diese nur in eine lizenzierte Fassung schrauben, die an einer lizenzierten Leitung hängt, an deren Ende eine lizenzierte Dynamomaschine werkelt. Uff! (Einige Einsichten in solche Geschäftsmodelle sind zu lesen in Der Spiegel aus dem Jahre 1997. Es geht um ein Kartell, das 95 Jahre gehalten hatte.)

Göbels Story war Teil eines Stromkrieges, an dessen Ende (Ende?) Edison den Kürzeren zog. Wechselstrom ist besser geeignet für große Länder. Damit der Gegner gründlich diskreditiert wurde, hatte Edison einen schönen Auftrag entgegengenommen: die Entwicklung des elektrischen Stuhls für Hinrichtungen. Natürlich betrieben mit Wechselspannung. Es half nix. Der Wechselstrom, besser der Drehstrom, wurde Standard. Aber Edison war derart stur, dass der New Yorker Stromversorger Consolidated Edison die Lieferung von Gleichspannung erst Ende November 2007 einstellte. Edison räumte sein Eintreten für das Gleichspannungssystem als größten Fehler seiner Karriere ein. (Er hätte vielleicht etwas warten sollen. Heute ist Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung wieder ein Thema - z.B. wenn man auf Island Strom produziert, geothermisch, und in England verbrauchen will. Da sieht Wechselstrom schlecht aus.)

Unsere kleine Stadt Springe ehrt also einen, den Gegenmächte von Edison instrumentalisiert haben, um dessen Macht über die Stromnetze zu brechen. Dessen Schaffenskraft war aber so immens, dass er sogar der Namensgeber für die AEG wurde. Die hieß zu Beginn nämlich „Deutsche Edison Gesellschaft“. Ach ja, wie hieß doch die General Electric früher? Edison General Electric Company! GE steht in den Rankings zwischen dem 3. Platz (weltweit nach Größe) und dem 63. (nach grünem Handeln). Weniger grün handelt Westinghouse: Sie baute viele Kernreaktoren. Sie gehört aber jetzt Toshiba. Japaner wissen, wie man solche Dinge betreibt. Außer dass ein Tsunami kommt …

hier ist der Beitrag aus der ARD-Mediarhek
hier die Dissertation Rohde 
hier der Wikipedia-Artikel zu Heinrich, Pardon, Henry Goebel
hier die Geschichte mit dem Stromkrieg
hier die Sache mit Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung
hier kann man mehr Realen Irrsinn finden