Posts By ahmetpro

Licht und Untergang

11.05.2013

INSELN VERSENKEN MIT LICHT

Die Welt hat verstanden: Wenn man weiterhin mit fossilen Brennstoffen die Atmosphäre voll CO2 pumpt, steigt der Meeresspiegel. Am Himalaya wird sich das vielleicht nicht auswirken, außer dass der Mount Everest zwei Meter weniger über N.N. messen wird. Aber das Land, das gerade 1,5 m über dem Wasser rausguckt, wird es nicht mehr geben. Gluck! Es handelt sich um eine der schönsten Atolllandschaften der Erde, die Inselwelt der Malediven.

Der Präsident der dem Untergang geweihten Republik hat die Sache mit einer spektakulären Aktion publik gemacht: Das Kabinett tagte 2009 unter Wasser (mehr hier). Eigentlich kaum vorstellbar, dass so etwas bei uns passiert – Kabinett Merkel unter Wasser. Man sieht, wie einzelne Minister heiße Luft ablassen statt Weisheiten. Die Betonfrisur einer Ministerin gerät durcheinander, was aber nicht weiter auffällt, weil das Make-up stärker derangiert wird. Und über allem schwebt Mutti nebst ihrem Umweltminister, der neulich den uneitelsten Spruch von sich gegeben hat, den je ein Politiker ausgesprochen haben dürfte: Auf die Frage, wie er sich die Speicherung der sommerlichen Sonnenenergie für das winterliche Heizen vorstellt, guckte er kurz auf seinen Bauch und sagte, an der allgemeinen Lösung würden seine Fachleute derzeit arbeiten. Die private Lösung sei ihm aber bereits gelungen. Bei dem Mann kann ich mir vorstellen, dass er auch als Manta über'm Riff schweben würde, ohne an Würde zu verlieren.

Leider ist der Anlass von diesem Blogbeitrag weniger lustig als der humorvolle Minister: Heute wurde auf Mauna Loa die höchste CO2-Konzentration der letzten 2 Millionen Jahre gemessen. Die Menschen haben nur 55 Jahre benötigt, wofür die Natur 2 Mio. Jahre verplempert hat. Soll der Präsident der Malediven demnächst die Tauchgeräte an den Rest seines Volkes austeilen?

Ich denke, das sollte er sofort tun. Denn die Inselwelt könnte viel eher versinken als durch die Erhöhung des Meeresspiegels, die noch 50 oder 100 Jahre auf sich warten lässt. Und die Korallen können in der Zeit weiterwachsen, womit die Republik weiterbestehen könnte, sogar auf einem höheren Niveau. Doch die Korallen benötigen zum Wachstum Nachwuchs, den sie wie viele andere Spezies über sexuelle Kontakte bewerkstelligen. Da die dummen Tiere aber nicht gelernt haben, sich bewegliche Häuser zu bauen wie Schnecken, bleiben sie für immer in der Behausung stecken, die sie mal als Larve ausgesucht haben. Wie läuft ein junger Kerl einer hübschen Schnecke nach, wenn er in einem Zimmer gefangen lebt, und sie auch, aber in einem anderen?

Bei den Korallen geht die Sache recht gut, weil sie nicht an der Luft leben, sondern im Wasser. Die Korallenfrauen lassen ihre Eier einfach ins Wasser, die Korallenmänner die Samen. Fehlt nur noch die Organisation des Zusammentreffens, Speed-Dating für ortsgebundene Riffbewohner – Einsamer sucht Einsame; zum Einsamen reicht nicht. Der Einsame und die Einzusamende müssen sich zum gleichen Zeitraum im gleichen physikalischen Raum treffen - Ei und Samen. Und dafür sorgt der Mond mit seinem Licht.

Einmal im Jahr sehen die Riffe nachts aus, als wären sie in Nebel verhüllt. Man sieht aber deutlich, dass es sich nicht um Nebel bzw. Verschmutzung handelt. Es ist die Hochzeitsnacht der Korallen. Wer in dieser Nacht keinen Partner gefunden hat, treibt am nächsten Tag oben tatsächlich als eine Art Verschmutzung, während die Glücklichen ihr Larvenleben beginnen, indem sie abtreiben. An einem anderen Ort. Keimzelle eines neuen Riffs?

Und was ist mit dem Untergang? Eine Hochzeitsnacht unter'm Vollmond ist doch was Tolles? Stimmt! Allerdings dürfen nicht 365 Nächte im Jahr Vollmond sein. Auf den Malediven ist aber die Sache so weit gediehen. In der einstigen Wildnis gibt es kaum Ecken, wo es nachts noch dunkel wird. (mehr hier: http://www.walkabout-talkabout.de/Malediven/Nacht_weg.html oder http://www.lichtundgesundheit.de/cyberlux/?p=617 ) 

Wenn Korallen 365 Nächte im Jahr Hochzeit feiern (müssen), können sie ihre Eier und Samen jederzeit in die Fluten feuern. Das Ergebnis - bezüglich des Nachwuchses - dürfte wie bei den Menschen ausfallen: sehr geringe Trefferquote. Als Folge verkalken die menschlichen Gesellschaften. Bei dieser Republik kracht es im Gebälk, weil die Malediven keinen einzigen Stein ihr eigen nennen, sondern nur auf Korallenkalk aufgebaut sind. Die Inseln sind ständig im Auf- und Abbau begriffen und brechen auch ohne Weltuntergang in der Mitte durch, wo dann eine Lagune entsteht - und ein Mini-Atoll drumherum. Andernorts wächst dann ein Thila oder Giri langsam nach oben und bildet die nächste Inselgeneration.

Damit ist Sense, wenn die einstige Wildnis als neue Partymeile nächtlich  in Lichterglanz erstrahlt. Keine Koralle ohne Korallenhochzeit - Keine Insel, ohne neue Koralle. Es ist, als ob man im ersten Stock wohnt und zugucken muss, wie Keller und Parterre abgetragen werden. Toter Kalk löst sich hervorragend im Wasser.

Wer beanstandet hatte, dass durch das primitive Verbrennen fossiler Brennstoffe sowie Abfackeln tropischer Wälder der Weltuntergang nur schleppend herbeigezauert werden kann, kann lernen, wie man das schneller und gründlicher bewerkstelligen kann. Titanic lässt grüßen. Ein leuchtendes Vorbild!

 

Licht und Gewohnheit

08.05.2013

SO HAM' WIR IMMA GEMACHT

Ich weiß nicht mehr, wo der Witz herstammt. Ich finde ihn aber trefflich (zutreffend?):
Frage: Wie viele Lichttechniker braucht man, um eine Glühlampe zu wechseln?
Antwort: Einen. Der hält die Lampe fest und wartet, bis das Universum um ihn herum dreimal dreht.

Vorher müsste sich das Universum allerdings gegen den Uhrzeigersinn gedreht haben, um die vorherige Lampe auszuschrauben. Ein Glück, dass wir jetzt Energiesparlampen haben… Ach, nee, die haben doch auch einen Gewindesockel. Und LED? Die meistens auch. Welche Technik man auch zum Lichtmachen einsetzen will, das Universum muss sich um diese drehen.

Kein Wunder, dass die Lichttechnik als beratungsresistent gilt. So nennt der Berater seine Klientel, an der neues Wissen abprallt, egal wie gut es ist und wie schlecht das Wissen des Klienten. Eigentlich nicht verwunderlich, hat die Lichttechnik doch in etwa 100 Jahren das menschliche Leben auf dem Planeten total umgekrempelt. Und nicht nur das menschliche! Bei meinen Tauchgängen habe ich öfter die Bekanntschaft mit Barrakudas gemacht, die nachts den Tauchern folgen, weil man - fisch - im Lichtkegel der Lampen gut jagen kann. Weniger erfreulich indes fällt die Bilanz für die Insekten aus. Die tappen milliardenfach in die Lichtfalle. Nicht nur die Motten. Trotzdem: Das künstliche Licht hat uns nicht nur Räume erschlossen, in denen man sonst nicht hätte wohnen oder arbeiten können, sondern auch Zeiträume erobern helfen. Keine 24-Stunden-Gesellschaft ohne künstliches Licht. Mit ihm könnte höchstens der Mobilfunk konkurrieren, wenn es um die Ingangsetzung gesellschaftlicher Umwälzungen geht. Aber auch der funktioniert nur mit künstlichem Licht - oder ganz schlecht.

Darf man denn bei allem Stolz gegen die Gesetze einer Gesellschaft handeln, in der man aktiv ist? Ich schätze mal, dass den meisten nicht einmal bewusst ist, dass sie das tun. Sie tun es trotzdem, und trotz Ermahnungen. Die Rede ist vom Umgang mit dem Arbeitsschutzgesetz und seiner BildscharbV, sprich Bildschirmarbeitsverordnung. Das Letztere sollte Folgendes vorschreiben:
„b) Beleuchtung
Die allgemeine Beleuchtung und/oder die spezielle Beleuchtung (Arbeitslampen) sind so zu dimensionieren und anzuordnen, daß zufriedenstellende Lichtverhältnisse und ein ausreichender Kontrast zwischen Bildschirm und Umgebung im Hinblick auf die Art der Tätigkeit und die sehkraftbedingten Bedürfnisse des Benutzers gewährleistet sind
.“

So steht es in der für die Bundesrepublik Deutschland gültigen Version der Richtlinie 90/270/EWG in der deutschen Fassung. Die Richtlinie geht ergonomisch richtig auf die Bedürfnisse des Benutzers ein. Was wurde daraus, als die Richtlinie zur BildscharbV wurde? So steht es dort unter Nr. 15:
„Die Beleuchtung muß der Art der Sehaufgabe entsprechen und an das Sehvermögen der Benutzer angepaßt sein; dabei ist ein angemessener Kontrast zwischen Bildschirm und Arbeitsumgebung zu gewährleisten.“ Aus dem Benutzer wurden „die Benutzer“, die „zufriedenstellenden“ Lichtverhältnisse wurden unter den Tisch gekehrt und trafen dort die „spezielle Beleuchtung“ = Arbeitslampen. Diese Lampen hat nämlich ein deutscher Arbeitnehmer nicht nötig. So jedenfalls nach der Meinung der lichttechnischen Industrie. Irgendwie muss diese Meinung bei der Übertragung des Textes der Richtlinie von Deutsch (EU-Version) auf Deutsch (deutsche Verordnung) eingeflossen sein. Fragt sich, wie. Und warum? So missverständlich war der Text doch nicht - oder? Mich würde interessieren, welche Mainzelmännchen einen in Deutsch veröffentlichten Text in einen deutschen Text verwandelt haben, der etwas gant anderes sagt.

Die Sache mit den „Arbeitslampen“ war spätestens 1990 mit der Studie „Licht und Gesundheit“ endgültig einwandfrei belegt worden, so es jemals einer Untersuchung bedurft hätte. Sie fördern die Gesundheit. Und zwar gewaltig, während die Beleuchtung, auf die die Industrie gesetzt hatte, eher das Gegenteil bewirkte. Auch das haben wir mit einer Studie belegt ("Direktbeleuchtung widerspricht dem Arbeitsschutz"). Und diese wurde von allen gelesen und „diskutiert“, was z.B. bei uns eher als unverblümte Drohung ankam. Andernorts behauptete man, wir wären wohl durchgeknallt, um so etwas zu behaupten. Nichts dergleichen - die Veröffentlichung war vorab von einem Professor für Europarecht Buchstabe für Buchstabe geprüft worden, ehe sie gedruckt wurde. Übrigens: Wer hat eigentlich Technikern das Recht gegeben, Leuten bei der Arbeit etwas vorzuenthalten, das sie haben wollen? (mehr hier)

Was ist aber der Unterschied zwischen der und die Benutzer? Ganz einfach: Wenn man die Bedürfnisse des Benutzers befriedigen will, ist das Konzept der Beleuchtung ("Allgemeinbeleuchtung") seit 1972 falsch. Da wurde sie nämlich als (praktisch) alleinige Art der Beleuchtung genormt. Dass sie falsch ist, wurde in der Studie „Licht und Gesundheit“ nach langjährigen Feldstudien und Laboruntersuchungen nachgewiesen. (Richtig ist: Allgemeinbeleuchtung ist geeignet unter Umständen, aber nicht als Vorzugskonzept, schon gar nicht als alleinseligmachendes Rezept.)

Man muss eine flexible Beleuchtung realisieren, um die Bedürfnisse des Benutzers zu befriedigen. Wie so etwas geht? Das hatte der schwedische Architekt Anders Liljefors bereits 1972 veröffentlicht. Später habe ich auch mehrfach gezeigt, wie es geht. Nicht etwa auf dem Papier, sondern in leibhaftigen Beleuchtungsanlagen. An etwa 1500 Arbeitsplätzen haben wir das Funktionieren des Konzepts nachgewiesen. Das Konzept besteht zum einen aus bedarfsgerechten Leuchten, die der Benutzer seinen Vorstellungen entsprechend benutzen kann, und zum anderen aus dem dazu notwendigen Wissen. 

Warum muss man auf den Benutzer eingehen? Das steht in der Ergonomie seit Jahrzehnten als Prinzip fest. Wo es in der Ausführung gehakt hat, hat sich meistens auch erledigt. Man muss aber keine wissenschaftliche Literatur lesen, um die Sache zu begreifen. Man muss sich nur die Fahrräder angucken, wie sie etwa seit dem Jahr 1900 gebaut werden. Wie viele Einheitsfahrräder wären wohl verkauft worden, und welcher Anteil davon würde je benutzt werden?

Wie soll man Leute nennen, die wichtige Dinge nicht lesen und, wenn sie gelesen haben, nicht verstehen? Und das über Jahrzehnte! Bei zufriedenen Menschen, die sich und ihre Umgebung im Griff haben, spricht man von Resilienz. Bei anderen, die einfach nicht verstehen wollen, eben von Resistenz. Wie soll man Leute bezeichnen, die schriftlich niedergelegtes Recht - sagen wir mal höflich - beeinflussen wollen, in „passendere Worte“ kleiden, damit sie ihr Geschäft weiter betreiben, anstatt ihr zu einer neuen Blüte zu verhelfen? (Muss ich den Begriff wirklich schreiben?)

Licht und Gesundheit

24.04.2013

KANN LICHT TÖTEN? - DUMMHEIT SCHON …

Dass Licht tödlich sein kann, hatte ich mal in dem Institut für wissenschaftlichen Film in Göttingen eindrucksvoll erlebt. Eine arme Fliege, die sich auf ihre Rolle als Hauptdarstellerin freute, zischte einfach ins Jenseits, als die Scheinwerfer mit 500.000 lx auf sie schossen. Da auch das Institut nicht mehr lebt, kommt das nur noch in Star Wars vor. Falsches Licht tötet nicht - es lässt die Menschen nur leiden.

Die wahre Gefahr ist viel subtiler. Sie folgt der unendlichen Langsamkeit der ach so ultraschnellen Gesellschaft. Heute fand ich ein Dokument, dessen Inhalt ich eigentlich kannte, aber nicht dort vermutete, wo ich es fand. Im „Neufert“ - das ist das Buch, wonach deutsche Architekten seit dem Jahr 1936 ausgebildet werden. Immer nach der neuesten Ausgabe, selbstverständlich! Selbstverständlich?

In meiner Ausgabe von der Jahrtausendwende heißt es:

BAP - d.h. Bildschirmarbeitsplatz - in fensterfreien Zonen installieren!

Wer kommt auf eine solche Schnapsidee? Zufällig kenne ich alle Täter - und zwar lückenlos. Aber zuerst zum Töten: Wie man in diesem Blog vielfach lesen kann, ist Tageslicht lebenswichtig. Zu dieser Weisheit bedurfte es keines Blogs, weil dies in der Antike nicht nur bekannt war, sondern tägliche Praxis. Man heilte sogar mit Licht – das Solarium im alten Rom war keine Bräunungs-, sondern eine Heilanstalt. Zwar hatte der deutsche Gesetzgeber die Sache in seiner Arbeitsstättenverordnung vergessen, aber nur, weil die deutschen Länder Vorschriften pflegen, die für alle Aufenthaltsräume - mehr oder weniger - Tageslicht sichern, das sind die Landesbauordnungen. Seit 2004 steht es auch in der Arbeitsstättenverordnung - und in den entsprechenden Gesetzen aller EU-Länder.

Ausgerechnet ein Arbeitsmediziner aus Schweden, der den Menschen Gutes tun wollte, schlug 1974 vor, die Arbeitsräume abzudunkeln, weil die Bildschirme ansonsten schlecht lesbar waren. Schlecht ist die Idee nicht, wie man in - damals - Tausenden von Kinos erleben konnte. Von den Millionen von Diavorträgen bei Kongressen oder quälerisch veranlagten Bekannten ganz zu schweigen. Wer da einschlief, hat die Ursache für seine Unpässlichkeit beim Redner oder bei den unsäglichen Urlaubsdias gewähnt. An Licht hat man weniger gedacht.

Es dauerte nicht sehr lange, und auch in Deutschland hatten Menschen Augenprobleme am Bildschirm. Die Ursache war schwupps gefunden: Das muss der Bildschirm sein. Und? Ja, der reflektiert das Licht immer so komisch. Also? Man baut überall Stellwände auf, hinter denen man die Bildschirme versteckt. Und versetzt die BAP dorthin, wo keiner sitzen will.

Kaum zu glauben, dass dies ein Hersteller von Computern hat zeichnen und veröffentlichen lassen. Dass sein Unternehmen später einging, hat weniger mit dieser schlechten Werbung für seine Produkte zu tun. Er hat den PC verschlafen. Vielleicht weil er immer hinten in der Dunkelzone gearbeitet hat?

Nun konnte der Grösste im Lande sich nicht mehr zurückhalten, weil auch er die Augenbeschwerden auf irgendetwas schieben wollte, nur nicht auf seine Bildschirme. Also gab auch er eine Empfehlung heraus:


Jetzt sieht das Ganze viel hübscher aus. Oder? Man merke: Die Bilder sind in den Corporate Colours der jeweiligen Firma designt. Da mussten selbst die Blumentöppe dran glauben.

Nun hatte dieser außer dem Bildschirmverkauf noch ein Geschäft: Leuchten. Warum soll man nicht ein Geschäft daraus machen? Ergo machte man sich daran, eine neue Leuchte zu kreieren, die allerdings so neu nicht war, aber der Name: BAP-Leuchte. Die ultimative Leuchte für den modernen Bildschirmarbeitsplatz.

Da die Leute nicht so dumm sind, in solche Dinge große Summen zu investieren, musste das Ganze in eine Norm gegossen werden. Und da sah die Bude so aus:Bildschirme so weit weg wie möglich vom Tageslicht. So weit, so gut. Dass in dem letzten Bild die Blumentöpfe fehlen bzw. die Stellwände, hat mit den Corporate Colours von DIN nichts zu tun. Normen kannten damals Farbe nicht. Aber Bildschirmtische. Und die sahen nie so aus wie in diesem Bild. Die Berufsgenossenschaft hätte deren Betrieb schnell ein Ende gemacht. Die Tische sehen nur deswegen so schmal aus, weil das Konzept sonst theoretisch nicht funktioniert. In der Praxis übrigens auch nicht.

Man hat in der Lichttechnik den Fehler eingesehen - zwar unfreiwillig durch jahrzehntelange Seelenmassage durch uns -, aber immerhin. Die EU hat in den Jahren, als mein Neufert gedruckt wurde, enorm viel Geld in Forschungsvorhaben zu Tageslicht gesteckt. Und dann das!

Verwunderlich ist das Ganze für mich aufgrund mancher Erfahrung nicht. Als mir ein Architekt bei einem Prozess erklärt hatte, er habe den von mir beanstandeten Raum nach A. Dürer gestaltet, hatte ich mich daran gemacht, festzustellen, wer dieser ominöse Mensch sei, den man anstelle einer anthropometrischen Norm (heißt übrigens DIN 33402) heranzieht. Tatsächlich, in meinem Neufert wird er groß herausgestellt als „Masz aller Dinge“, der mit dem Hasen. Herr Albrecht Dürer - gestorben am 6. April 1528.

Menschen, deren Arbeitsplätze mit dem Bildschirm dicht am Fenster stehen, haben weniger Augenbeschwerden als die, die in der Raumtiefe sitzen. So nach meinem Forschungsbericht „Licht und Gesundheit“ vom Jahre 1990. Hingegen leiden Menschen, die unter der Beleuchtung sitzen, die für die „Bildschirmarbeit“ erfunden wurde, gesundheitlich mehr als andere unter jeder anderen Beleuchtung. Mal sehen, wann die Architektur unsere Geschichte des kollektiven Versagens aufgreift und beseitigt. Hoffentlich nicht in weiteren 500 Jahren. Zum 1000. Todestag von A. D.

 

Licht und Dauerlicht

15.03.2013

ES IST ERREICHT - DAS LICHT BRENNT DURCH

In den letzten Tagen geschah Unerhörtes. Als so viel los war mit dem alten und neuen Papst, über die so lange berichtet werden musste, ich meine im Öffentlichen, bis dass selbst eingefleischte Feinde des Action-Fernsehens, ich meine des Privaten, lieber Pro7 eingeschaltet haben, als ständig Kardinäle in allerlei Posen zu bewundern, rutsche eine Nachricht ziemlich unbewundert durch: Die erste Arbeitsstätte der Welt, die nach dem Traum des Deutschen Arbeitsschutzes beleuchtet ist, steht, und das Licht brennt durch - ich meine, durchgehend. Es ist der Zukunftsflughafen der Hauptstadt BER, dessen Zukunft in den Wolken geschrieben steht. Steht doch einem Flughafen gut – die Zukunft in den Wolken?

Erst einmal zum Traum: Jeder erwachsene Deutsche, dem ein Arbeitsplatz zugewiesen worden ist, hat per EURO-Norm ein Anrecht auf eine Mindestbeleuchtungsstärke zu seiner Er…, pardon, Beleuchtung. In der zuständigen Norm wird das Recht so definiert: „Die im Abschnitt 5 angegebenen Werte sind Wartungswerte der Beleuchtungsstärke im Bereich der Sehaufgabe auf der Bewertungsfläche, die horizontal, vertikal oder geneigt sein kann. Unabhängig vom Alter und Zustand der Beleuchtungsanlage darf die mittlere Beleuchtungsstärke für die jeweilige Aufgabe nicht unter den im Abschnitt 5 angegebenen Wert fallen.“ Es gibt Experten, die dem so beleuchteten Menschen das Recht absprechen, sogar im Falle übermäßiger Lichtfülle durch die Natur die Beleuchtung zu dimmen oder gar abzuschalten. Zu ihrem Schutz, natürlich. Dass diese den Sinn dieses Schutzes nicht verstehen und einfach zum Schalter greifen, ist unerheblich. Lux muss sein, vor allem 500.

Da eine Norm kein Recht begründet, hat die Arbeitsministerin eine ASR veröffentlicht, die das Ganze nochmals in Beton gießt: „An keiner Stelle im Bereich des Arbeitsplatzes darf das 0,6-fache der mittleren Beleuchtungsstärke unterschritten werden.“ So! Basta! Einen besseren Dienst für das Lichtmarketing hat noch nie eine Bundesministerin erweisen können. 

Bislang haben es deutsche Unternehmen versäumt, dieses Recht in die Praxis umzusetzen. Bisher! Neulich stand in der Zeitung, dass in BER das Licht durchbrennt, weil niemand es abschalten kann. Zwar ist es mit den Arbeitsplätzen noch nicht so weit. Vorglühen wird man doch dürfen … Niemand weiß heute, wann ein Verantwortlicher den Lichtschalter finden wird. Bis dahin wird das Hauptterminal des BER Tag und Nacht hell erleuchtet bleiben.