Posts Tagged: Planung

Die Lehmschicht alias Lichtplaner

2015

Die Lehmschicht ist etwas Schönes, wenn man sich einen Gartenteich bauen will, ohne auf Produkte aus Leverkusen zurückzugreifen, zum Beispiel. Ich hatte als Jugendlicher die Ehre, Profile von Erdschichten zusammen zu kleben, damit sich die Geologen ein Bild von einer Bohrstelle machen konnten. Damals arbeitete ich als Hiwi für die Firma Deilmann, die auf Ölsuche spezialisiert war. Die Profile sahen aus wie ein Schnitt durch eine Sachertorte, aber meterlang. Sieht man darauf eine Lehmschicht, kann man sich auf Wasser freuen, denn Lehm ist wasserdicht. Lässt nichts von oben nach unten durchsickern, und umgekehrt genausowenig.

Im Arbeitsleben werden aber eher unschöne Sachen als Lehmschicht bezeichnet. Dazu gehört z.B. das mittlere Management, das davon lebt, dass die Oberen nichts von dem mitbekommen, was bei den Mitarbeitern passiert, bzw. umgekehrt. Der Lichtplaner gehört nicht dazu, bildet aber eine besondere andere Art Lehmschicht. Das merkte ich, als wir eine Roadshow für einen großen Leuchtenhersteller organisiert hatten, dessen Klientel der Lichtplaner war. Bei jeder Veranstaltung hatte ein Mitarbeiter aus dem Entwicklungslabor des Herstellers teilgenommen. Die wunderten sich, was die Lichtplaner so alles wussten und wollten, wovon sie selbst keinen blassen Schimmer hatten. Im praktischen Leben erlebte ich dasselbe etwa so: Ich bitte den Chef einer Entwicklungsabteilung um tätige Hilfe bei einer Lichtplanung seiner Firma, der auch zusagt. Trotzdem geht alles daneben, weil in jeder Stadt eine andere Lösung mit den gleichen Leuchten gefunden wird. Mittlere Beleuchtungsstärke so von 350 lx bis 900  lx. 500 sollte es sein. Es musste sogar sein, weil sich der Kunde verpflichtet hatte, genau diesen Wert einzuhalten. (Warum das? Bitte unten lesen, falls Interesse vorhanden) In einem anderen Fall bitte ich den Mann mit der gleichen Rolle bei einem anderen großen Hersteller, er möge mir eine erfolgreiche Planung nennen, die unter üblichen Umständen zustande gekommen sein sollte. Von den fünf Objekten, die er genannt hat, hätte er drei bestimmt nur seinen ärgsten Feinden empfohlen. Meine Intention war eine Dokumentation des Erfolgs eines bestimmten Produkts der Firma. Ich hätte aber das Gegenteil dokumentieren müssen. Zum Glück konnte ich zwischen der Leistung der Firma und dem Unvermögen der Planer deutlich unterscheiden. (Auch das steht unten erklärt.)

Wie kommt es dazu, dass Leute, die Produkte für ihr Unternehmen entwickeln, keine Ahnung davon haben, was mit denen in der Praxis passiert? Ich denke immer an die Lehmschicht. Der Lichtplaner, eine schillernde Persönlichkeit von Elektrotechniker bis esoterischer Künstler mit Architektenausbildung, verhindert, dass die Information aus der Praxis in die Entwicklung fließt. Nicht absichtlich, sondern aufgrund der herrschenden Verhältnisse. Dabei gibt es genügend Beispiele für das genaue Gegenteil: Der Lichtplaner entwickelt eine Leuchte für ein Projekt, eine Sonderleuchte wenn nötig, aus der später ein Serienprodukt wird. Es gibt sogar findige Lichtplaner, auf deren Wunsch hin Leuchtmittel neu konzipiert werden. Wieso funktioniert dennoch die Lehmschicht? Ich denke, das liegt an der Vertriebsstruktur für die Produkte der Lichttechnik. So etwa 90 - 95% der Büroprojekte, die ich kenne, wurden ohne einen qualifizierten Lichtplaner realisiert. Die Leuchten gingen bei dem Elektrogroßhändler über die Theke und wurden irgendwie an den Decken platziert. Sehr häufig nur gleichmäßig verteilt an die Decke geschraubt. Einen eventuellen Misserfolg meldet der Kunde häufig nicht an den Planer, und der meldet ihn nicht an den Hersteller. Dazu müsste der nämlich wissen, was die Ursache des Misserfolgs ist. Wenn die Leute überhaupt merken, dass es sich um einen Misserfolg handelt. Was sie da an die Decke nageln, ist eine Beleuchtungsnorm. Und die kann doch nicht falsch sein? Oder?

Wie sieht die Zukunft aus? Ich denke schlechter als jetzt. Noch kennt der Hersteller seinen Großhandel und umgekehrt gilt es auch. Wenn Komponenten in Korea erstellt, in Gehäuse aus Vietnam eingebaut, in Singapur verkabelt und das Ganze als Leuchten über Thailand nach Rotterdam verschifft werden, wird man sich nach der Lehmschicht sehnen. Vielleicht auch nach der Norm …

* Zu der Verpflichtung 500 lx einzuhalten:

In Deutschland gilt die Pflicht, den Stand der Technik einzuhalten. Jedenfalls theoretisch. Am einfachsten ist es, wenn man es schafft, seine Vorstellungen in eine DIN-Norm zu bringen. Die gelten fast immer als Stand der Technik. Natürlich versucht jeder Hersteller, den Stand der Technik in seinem Sinne zu definieren. Im besagten Fall stand ein Anwender von Computern vor dem Arbeitsgericht und musste sich ausdrücklich verpflichten, den Stand der Technik einzuhalten, weil ansonsten der Betriebsrat die Einführung der Technik hätte verhindern können. Computer wurden und werden über Bildschirme bedient. Und bei denen war der Stand der Technik relativ mies. Diesen versuchte ein Hersteller von Bildschirmgeräten dadurch akzeptabel erscheinen zu lassen, indem er Gutachten in Auftrag gab, nach dessen Ergebnis nicht die Geräte schlecht waren, sondern die Beleuchtung. Die Geräte würden funktionieren, wenn die vermaledeite Beleuchtung maximal 500 lx erzeugen würde. Dies fand man so toll, dass es in Zeitschriften und sogar in Büchern propagiert wurde. 

Dämlichweise war der "Stand der Technik" in Sachen Beleuchtung ansonsten so definiert, dass der Anwender eine "Mindestbeleuchtungsstärke" einhält, die in einschlägigen Normen angegeben ist. Daher die Zahl 500. Wie hält man aber genau 500 lx ein, wenn man Gebäude in 38 Städten mit den gleichen Leuchten beleuchtet? Wo es doch leichter scheint, bei Zahlenlotto vier Richtige zu tippen als die richtige Beleuchtungsstärke auf 200 lx genau zu projektieren. (Kein Scherz, die Wettervorhersage ist fast immer genauer als die Berechnung der Beleuchtungsstärke.)

Das eigentlich Dämliche war aber die Tatsache, dass sowohl der Hersteller der besagten Bildschirme, einer der größten deutschen Computerhersteller seiner Zeit, und der Initiator der besagten Beleuchtungsnormen, einer der größten Leuchtenhersteller seiner Zeit, derselbe war, der auch die besagte Beleuchtungsplanung hätte erfolgreich durchführen müssen. Auch das Gutachten hatte dieser in Auftrag gegeben. Und die, die Gutachten und die Normungstätigkeiten in beiden Fällen durchsetzten, waren sogar dieselben Personen. Das ist eine andere Art Dreieinigkeit. Oder sollte man lieber Dreifaltigkeit sagen? Irgendwas mit "Falt" war es schon. Vielleicht Ein-.

Die Quadratur des Kreises ist eine aufregende Angelegenheit. Eigentlich eine spielend einfache Sache, weil der Kreis ohnehin ein Quadrat ist, dem es lediglich an Ecken mangelt. Trost für die Nachwelt: Die Firma stellt keine Computer mehr her. Sie stellt auch keine Leuchten mehr her. Und die Norm, die die miesen Bildschirme in besserem Licht hat erscheinen lassen wollen, die gibt es auch nicht mehr. Den vielseitig verwendbaren Gutachter habe ich auch schon länger nicht gesehen.

Prof. Hastig als Puppe
Prof. Hastig als Puppe
Prof. Hastig als Puppe

* Zu den Problemen, die der Planer alleine schafft:

Bei dem besagten Projekt ging es darum, dass ein Produkt (Leuchtenreihe), die vermutlich günstig beurteilt werden würde, tatsächlich in der Praxis ankommt. Das Vermutliche stammte von mir und würde sehr wahrscheinlich in der Praxis auch so eintreten.

Der Hersteller war der Meinung, dass bei den von ihm genannten Projekten dieses Produkt für die Realisierung der Beleuchtung eingesetzt worden wäre. Insofern stimmte es, das Produkt wurde eingesetzt. Es war eine Stehleuchte mit großem Indirektanteil. In anderen Projekten hatten wir mit ähnlichen Leuchten große Erfolge erzielt. Das besagte Produkt sollte in der Theorie so gut sein, dass die mit ihm erstellte Beleuchtung auch ohne einen großen Planungsaufwand erfolgreich sein würde. Denn ich weiß, dass kaum jemand viel Geld für die Planung ausgibt. Da muss der Planer seine Kohle irgendwie anders ausbaggern.

Als ich die realisierten Objekte sah, dachte ich, mich trifft der Schlag. In einem Fall war es nicht einmal fertig, aber als fertig gemeldet, wovon sogar das Planungsbüro keine Ahnung hatte. Nur der Planer vor Ort kannte den tatsächlichen Zustand. Der größten Geniestreich hatte einer geschafft, indem er zu den Stehleuchten Halogenspots zugeordnet hatte, damit seine Beleuchtungsstärke stimmt. Mit den Stehleuchten kriegte er die vermeintlich erforderliche Gleichmäßigkeit nicht hin, somit auch die Beleuchtungsstärke nicht. Die Spots waren exakt auf die Arbeitsfläche vor dem Benutzer ausgerichtet und machten das Licht eher ungleichmäßig. So weit, so gut. Die so beglückten Leute hatten aber als hauptsächliche Sehaufgabe die Prüfung von glänzenden Objekten, deren gesamte Oberfläche auch noch wegen Fälschungssicherheit gekrizzelt sein musste. Genau deswegen hatte der Hersteller seine Leuchten vorsehen wollen. Die Oberfläche ist absichtlich so schlimm gestaltet, dass es keine Kopierer und keine Scanner schaffen, diese sauber abzulichten. Dafür ist sie nämlich da. Aber wofür braucht man die Beleuchtungsstärke? Sie kann bestenfalls das  Sehen verhindern.

Irgendwann mal schaffte ich es, genügend Objekte zu finden, die keiner hatte verhunzen können. Das Ergebnis sah so positiv aus, dass der Auftraggeber meinte, wir hätten es nicht so doll frisieren sollen. Weniger positiv hätte ihm auch gereicht. Wir hatten aber nichts geschönt. Die Beleuchtung war einfach gut.

master of disaster
Reflexblendung
master of disaster

Licht und Kinder

17.02.2012

BLAULICHT HIN IN HH - AD ACTA? NICHT DOCH!

Vor einem Jahr verkündete die Presse, Frank Schirra wäre nicht mehr Chef der CDU in Hamburg. Verständlich, wenn man seine Wählerzahl von einer Wahl zur nächsten halbiert. Hingegen glaube ich nicht, dass sein Engagement in Sachen Licht, mit dem er das Pisa-Tal mit Hilfe blauen Lichts zu überqueren versuchte, auch zu dem Debakel beigetragen haben könnte. Denn dazu hat die deutsche Öffentlichkeit weitgehend geschwiegen.

Man stelle sich vor, jemand will 1.000 Grundschulklassen mit Einrichtungen versehen, die die Kinder durch Bestrahlung zu höherer Leistung bringen sollen, und die Öffentlichkeit schweigt. Schlimm? Nicht doch, es wird noch besser: Das Institut, das die Blaulicht-Studie durchgeführt hatte, hat noch ein paar Dinge krumm gestaltet, was in einem ordentlich funktionierenden akademischen Umfeld ziemlich schlimme Folgen für den Chef nach sich ziehen würde. So z.B. wollte eine der drei Schulen, in denen die Studie stattgefunden hatte, doch nicht darin genannt werden. Wie sieht die Bereinigung eines Forschungsberichts aus?

Man nimmt die unwilligen Probanden heraus und berechnet die Ergebnisse neu. Nicht schön, aber geht noch. Was hat aber das Institut gemacht?  Nur die Zahl der Probanden korrigiert. Die Ergebnisse sind gleich. Na, bitte. So etwas nennt man homogene Stichprobe. Riecht doch irgendwie stark!

Es kommt aber noch besser: Nachdem eine Beschwerde bei der Ethikkommission eingegangen war, durfte wohl die Studie zur Validierung der Untersuchung nicht mehr mit Kindern gemacht werden. Also? Man nimmt Erwachsene. Sind doch auch Menschen! Ich glaube, der älteste Proband war 48 Jahre alt. Ganz schön junggeblieben, um an einer Studie für Grundschüler als Versuchskaninchen mitzuwirken.

Und dann? Man trägt die Sache vor einem handverlesenen Publikum vor. Dieses merkt zwar, dass der Vortragende ziemlich lustlos wirkt. Wie sollte der arme Kerl sonst wirken, wenn er Dinge vortragen muss, über die man sich nicht totlachen darf, obwohl die Sache wirklich zum Totlachen ist? Schwamm drüber, man kann solche Dinge ja vergessen.

Es kommt aber besser. Man bringt die Studie durch Anführen in einem offiziellen Dokument zu spätem Glanz. Und das sieht so aus:

(Veröffentlicht u.a.: Fassian M., Lange H.-H.: Key learnings from realized dynamic lighting projects: User acceptance and energy evaluation. Proceedings of the CIE Symposium „Lighting Quality & Energy Efficiency“, Vienna (2010) P379-384.)

Man merke: CIE ist die Weltorganisation des Lichts und nimmt für sich allein in Anspruch, lichttechnische Normen zu erstellen. Und da kommen hohe Herrschaften aus aller Welt zusammen, um den Plänen zu lauschen, deutschen Kindern mit frischem Licht zur Intelligenz zu verhelfen. Es ist nicht überliefert, ob das erlauchte Publikum unter Blaulicht stand.

Was meinen die Herren, die das Symposium „Lighting Quality & Energy Efficiency“ veranstaltet haben,  zu der Realität, wonach die Testobjekte in den Schulen mindestens doppelt so viel Strom verbraucht haben wie die üblichen Beleuchtungen? Wohl gar nichts. Bei Symposien fragt man üblicherweise nicht allzu viel. In diesem Fall hätte jemand doch auf den Tisch hauen müssen:

„Kühles frisches Licht“ morgens zum Aktivieren - Wow! Klassenarbeit - Brilliantes Licht erforderlich - Uff! Tief nach der Mittagspause? Wieder frisches kühles Licht! Ähemmm - Machen deutsche Grundschüler Mittagspause?

Wenn die Öffentlichkeit nicht aufwacht, kriegt sie von mir eine Ladung frisches kühles Licht ab. Ich fürchte, sie schläft aber weiter, während ihre Kinder in der Schule mit brilliantem Licht auf den Pisa-Gipfel getragen werden. Kein Wunder, die Damen und Herren Eltern hatten in der Schule ja keine Blaulichtduschen erhalten.

Ich bin in altmodischen Zeiten aufgewachsen. Da hieß es
Im Frühtau zu Berge wir ziehn, vallera …“ Und so weiter :
Ihr alten und hochweisen Leut', vallera
Ihr denkt wohl wir wären nicht gescheit, vallera

Licht und Lüge

17.02.2012

… UND SIE DREHT SICH DOCH

Soeben ist der zweite Präsident der Bundesrepublik Deutschland zurückgetreten. Auch beim Abgang hat er bekräftigt, er habe trotz seiner Fehler immer aufrichtig gehandelt. Die juristische Prüfung der ihm vorgeworfenen Dinge werde ihn völlig entlasten. Ich schätze mal, er wird recht behalten. Denn, wer sich vernünftig diesseits der Kante des Zulässigen hält, kann von Juristen nicht belangt werden. Die Weisheit gilt nicht nur für ehemalige Bundespräsidenten, sondern erst recht für Lobbyisten oder gar Gesinnungstäter, wie übel sie den Mitmenschen auch mitspielen.

Von den letzteren, Gesinnungstätern, kenne ich jede Menge, darunter Kollegen, die nicht im Traum daran denken, etwas Unrechtes getan zu haben. Sie üben nur ihren Beruf aus. Sie sind alle Lichttechniker, die auch ohne Auftrag als Gralshüter ihrer - vermeintlichen - Disziplin fungieren. Für einen Menschen beliebiger Herkunft genügt es ins Lager der Aliens verbannt zu werden, einmal im Leben Leuchtdichte mit Leuchtstärke zu verwechseln. Und das reicht für ewig. So ein Missetäter hieß Hollwich, seine Missetat: Leuchtstoffröhre statt Leuchtstofflampe gesagt zu haben. Er blieb bis ins hohe Alter Buhmann, immerhin nicht ewig.

Interessanter der Kontext seiner Missetat: Hollwich hatte in den späten 1940er Jahren herausgefunden, dass viele Funktionen des menschlichen Körpers von der Beleuchtung und deren Spektrum beeinflusst oder gar gesteuert würden. Eigentlich müsste jeder Lichttechniker bei der Nachricht die Hände gerieben haben. Eine solche Aufwertung des Metiers hat es selten gegeben. Aber NEIN! Hollwich besaß die Frechheit, den Liebling der Technik, die Leuchtstofflampe, wegen ihres miserablen Spektrums anzugreifen. Also, ab in den Karzer!

Einem anderen, der etwas nicht weniger Bedeutsames ermittelt hat, drohte nicht etwa ein ähnliches Schicksal, er musste es sogar erleben und überstehen. Diesmal handelt es sich aber nicht um eine Historie, sondern um die blanke Gegenwart. Die Rede ist von Michael Holick und der Entdeckung des Vitamin-D-Defizits bei den Menschen. Was tut man mit einem, der nachgewiesen zu haben glaubt, dass die Gesundheit des Menschen vom Licht abhängt, und dies mit epidemiologischen Studien begründet und ein Buch schreibt? Richtig! Feuern.

Anders als deutsche Professoren, denen bereits bei der Berufung eine Tube Pattex mitgeliefert wird, damit sie selbst bei einem Sturz ihres Lehrstuhls noch daran kleben, können amerikanische Universitäten ihre Profs in die Prairie jagen. So auch Holick: Die unverzeihliche Missetat: Zu behaupten, Menschen nördlich von Atlanta hätten ein Vitamin-D-Defizit, weil die Hauptquelle für Vitamin-D die Sonne sei. Als Folge hiervon würden die Menschen höheren Risiken z.B. bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Brustkrebs und Dickdarmkrebs ausgesetzt. Die Universität Boston feuerte Holick im Jahre 2004 wegen seines Buches „UV Advantage“ (mehr hier http://www.scientificamerican.com/blog/post.cfm?id=five-years-after-being-fired-sun-ex-2009-01-30, oder hier Holick, MF and Jenkins, M.  The UV Advantage, iBooks: New York, 2004.)

Reicht es, solche Ketzer zu feuern? Müsste man sie nicht auch daran hindern, weiter zu publizieren? Im Mittelalter hat man solchen Leuten z.B. die Zunge abgeschnitten, damit sie nicht weiterreden können. Heute hülfen solche Methoden nicht, weil der Kerl notfalls noch SMS mit der Nase tippen könnte. Was tun also? Vorschlag: In ein modernes Büro mit einer Klimahülle aus Glas setzen. Das dreifache Glas reduziert die Menge an UV, die in den Raum kommt, derart, dass man astronomische Methoden bräuchte, um die Strahlung nachzuweisen. So kriegt man selbst einen harten Knochen wie Holick weich.

Hat Holick etwa etwas Falsches gesagt oder geschrieben, sodass die Uni Boston ihn unbedingt hätte feuern müssen? Nicht doch, lange vor ihm hatte ein anderer behauptet, Licht in Innenräumen könne nicht gesund sein, weil dort UV fehle. Der hieß Matthew Luckiesh und hatte die Sache in einem Buch 1926 aufs Tapet gebracht. Die Uni Michigan, nicht weit entfernt von Boston, hat Luckiesh nicht gefeuert, obwohl die Kritiker des Buchs ihm vorgeworfen hatten, UV zu thematisieren sei wohl der größte Unsinn, weil Inder, die dauernd in der Sonne lebten, eher stürben als Amerikaner. Vielleicht lag es daran, dass Luckiesh einige Jahre später etwas schrieb, was ihn für die mächtige Hautcreme-Lobby annehmbar machte. Was er geschrieben hat, lässt sich nur unter Bezahlung von 30 US-$ ermitteln, weil sein Papier kein Abstract enthielt. Wer es dennoch will, kann versuchen (REACTION OF UNTANNED HUMAN SKIN TO ULTRAVIOLET RADIATION, M. LUCKIESH, L. L. HOLLADAY, and A. H. TAYLOR, http://dx.doi.org/10.1364/JOSA.20.000423).

Mit seiner Rehabilitation zog Luckiesh mit Galileo Galilei gleich, den zwar der Papst verdammt hatte, aber halt in Ruhe ließ, sofern er nicht weiter behauptete, die Erde könne keine Scheibe sein. Wie wir heute wissen, hatte der Papst recht … als er Galilei rehabilitierte, über 400 Jahre später.

Wo liegt nun die Sünde des Lichttechnikers? Ich glaube darin, zu glauben und andere glauben zu machen, in Innenräumen könne es gesundes Licht geben. Diese Irreführung hatte bereits begonnen, bevor der älteste heute lebende Lichttechniker geboren wurde. Man hatte Licht so definiert, dass darin UV nicht vorkam. Ansonsten müsste man nämlich sagen, dass das Tageslicht gesund sei und Kunstlicht, na ja! In Maßen genossen als Beleuchtung zum Sehen. Notgedrungen, weil man das Sonnenlicht nicht in Säcke füllen und ins Rathaus tragen kann wie weiland in einer Kleinstadt in der Schweiz. Man wollte unbedingt, dass künstliches Licht als gesund gilt. Dabei hatte Luckiesh bereits Ende der 1920er Jahre die Bedingung dafür genannt: Künstliches Licht muss UV beinhalten. Folgerichtig hat er die entsprechende Lampe konstruiert. Leider war dieser Lampe kein Erfolg beschieden. So wurde Luckiesh vergessen, die Lampe auch.

Würde davon der Wert des künstlichen Lichts geschmälert? Ich meine, kaum. Es gibt zum einen genug Bedarf an künstlicher Beleuchtung als Ersatz für Tageslicht. Zum anderen gibt es eine breite Palette von Anwendungen, bei denen die künstliche Beleuchtung der natürlichen haushoch überlegen ist, und andere, bei denen es schwarz um Tageslicht aussähe. Also? Man muss nur der Lichttechnik den Zahn ziehen, den lichten Tag nachmachen zu können. Da sieht man immer mau aus. Und die Jünger so lange schulen, bis die wirklich verinnerlichen, dass man mit Lux und Lumen keine menschengerechte Umgebung basteln kann.

Wer übernimmt aber die Schulung? Auch Lichttechniker, es gibt nämlich auch so'ne.

Bis dahin wird es aber noch Beleuchtungsnormen geben, die behaupten, die Sicherheit und Gesundheit des Menschen berücksichtigt zu haben (so DIN EN 12464-1, insbesondere ISO 8995-1:2002 (CIE S 008/E:2001)). Dabei ist es in Europa gesetzwidrig, Normen zu erstellen, die sich auf die Sicherheit und Gesundheit beziehen. Das darf nur der Staat. Und viele Menschen werden an diversen Krebserkrankungen sterben, die vielleicht vermeidbar wären, wenn man Leuten wie Holick glauben würde, anstatt sie zu feuern.

Licht und Grünkohl

23.01.2012

GRÜN BIS HINTER DIE OHREN

„Es war einmal …“. So fangen orientalische Märchen an. In technisierten Hochkulturen kann der Märchenerzähler natürlich die Eröffnung nicht mit den gleichen Worten angehen wie weiland Scheherazade. So bringt die EU-Kommission eine populäre Mär nicht in Form von Erzählungen unter die Leute, sondern als „Unterrichtung“ (hier gemeint: Grünbuch der Kommission - Die Zukunft der Beleuchtung - Beschleunigung des Einsatzes innovativer Beleuchtungstechnologien). Demnach lässt man den Deutschen Bundesrat und damit das gesamte deutsche Volk wissen, „die LED-Technologie“ sei ausgereift. Ach Du grüne Neune!

Es gibt kaum eine LED-Lampe, die derzeit einen Farbwiedergabeindex über 70 erreicht, während man ansonsten 80 für ahnungslose Nutzer für hinreichend erklärt. Will ein Planer LED einsetzen, müsste er Dinge beherrschen, die ich trotz eines Doktortitels in Beleuchtungstechnik und mehrerer Jahre Studium der Farbenlehre nicht verstehe, wie mir und anderen neulich anlässlich eines Kongresses in Madrid Prof. Schanda hochpersönlich beigebracht hat. Er muss die nicht nur verstehen, ich meine, den Lichtplaner.

Dabei ist Lampe noch keine Technologie, sondern Rohmaterial für den Leuchtenhersteller. Und dessen Produkte sind Rohmaterial für den Lichtplaner. Was wäre Technologie in Bezug auf Beleuchtung? Technologie ist das Zusammenwirken von Technik, Mensch und Organisation. LED als Beleuchtungstechnologie wäre somit etabliert, wenn der Dümmste unter den Lichtplanern LED als Lampe ohne dumme Fehler einsetzen könnte und der übliche Lichtplaner damit handwerklich gut umgehen könnte. Zurzeit kann man aber nicht einmal davon ausgehen, dass die Virtuosen unter den Lichtplanern richtig handeln. Oder hat etwa die Stadt Berlin einen Stümper damit beauftragt, hinter dem Bahnhof Alex die grellsten Funzeln aller Zeiten in Scheinwerfer zu packen, um den ganzen Platz als Folterstätte für das Auge zu präsentieren? Das Olympiastadion in Bonbonfarben, Bahnhof Alex von Graumiesen* beleuchtet? Wo kriegen die solche Meister her?

LED ist eine Zukunftstechnologie bzw. eine Technik mit Zukunft. Ausgereift? Vielleicht als Signallampe, aber nicht wie die grün angestrichene Kommission uns weißmachen will. Es dauert seine Zeit, bis sich eine Technologie entwickelt. Wir sind noch am Anfang. ERst einmal muss man das Problem mit dem Flicker lösen. Dann sehen wir mal weiter.

* Die Graumiesen (Blue Meanies) sind musikhassende Fieslinge, die die Welt mit grauen Bomben beschießen, bis alle Farben verschwunden sind. Am Ende kommen die Beatles mit der Yellow Submarine und geben Pepperland seine Farben zurück.

 
 

Licht und Vorschriften

23.11.2011

ÖSIS HABEN ADLERAUGEN

Ösis gehören zu den Bergvölkern des Alpenlandes wie die Bajuwaren und Helvetier. Obwohl alle drei sich besser zusammengeschlossen hätten, um gegen den Rest der Welt anzutreten, haben sie des Öfteren Kriege angezettelt, nicht so blutig, nicht so blutig ernst, aber ganz schön aggressiv beladen gegen den anderen, munitioniert mit Häme. So hatte der Krieg zwischen Helvetien und Ösiland in den 1970er Jahren einen Höhepunkt erreicht, als man behauptete, die Ösis dürften ohne Pass um die ganze Welt reisen, weil Dummheit keine Grenzen kennt. Das war der allerschärfste helvetische Schuss gegen die Ösis seit dem berühmten Apfelschuss, höchstwahrscheinlich motiviert durch die Ereignisse der Geschichte, die auch zum Apfelschuss geführt hatten. Später konterten die Ösis mit der Behauptung, dass der berühmteste Ösi, der eine Grenze ohne Pass überschreiten wollte, Ötzi, nicht etwa dumm war wie Kommissbrot, sondern ein verkappter Helvetier. Niemand sonst würde sich bei einem Spaziergang von einem Gletscher überrollen lassen.

Heute habe ich etwas entdeckt, das den Krieg verschärfen könnte. Allerdings werden diesmal wohl die Ösis glänzend da stehen. Sie müssen nämlich Adleraugen haben, während man den Bajuwaren die Welt mit viel Licht vor die Augen führen muss. Diese, die Bajuwaren, sind vor langer Zeit in einen Bund eingetreten, in dem auch viele Nordgermanen lebten. Das Land frönte einem teuren Hobby, das da hieß, sämtliche Winkel von Arbeitsstätten mit Licht zu fluten. Man lacht zwar gerne über die Bewohner einer helvetischen Stadt, die das Licht in Säcken in ihr Rathaus getragen haben sollen. Dass die Helvetier und Ösis ebenso scharf zurückschießen könnten, kommt den Leuten nicht in den Sinn. Es half auch nicht, dass dem Germanenbund einige einst abhanden gekommene Provinzen wieder beitraten, wo man einen sparsamen Umgang mit Ressourcen lernen musste. Der Lichtteppich wurde nur Richtung Osten verlängert. Da er nicht nur die Arbeitstische belegt, sondern alle Bewegungsräume und der „gesundheitsgerechten Erledigung ihrer Sehaufgaben“ dienenden Lager- bzw. Ablageflächen, watet jeder Beschäftigte täglich durch den in 85 cm Höhe verlegten Lichtteppich.

Nun gibt es wohl einen Anlass, unser Verhältnis zu den Ösis zu überdenken. Wie in dem Beitrag vom 26.07. Selbstwachsende Flächen dargestellt, muss jeder Arbeitsraum von Flensburg bis kurz vor Salzburg mit dem besagten Lichtteppich versehen werden, und zwar so, dass nie und nimmer 500 lx unterschritten werden. Das liest sogar mancher Fachmann so, dass man auch bei Tage das Licht nicht abschalten dürfe, weil es die Vorschrift so wolle (Achtung: Keine Satire). Das, was die Bajuwaren und ihre nordischen Volksgenossen so seitenlang haarklein festgelegt haben, und mit Broschüren in Buchdicke erklärt, passt bei den Ösis auf eine Seite auf dem Bildschirm, wovon drei Viertel aber leer sind. So heißt es zu „Beleuchtung von Arbeitsräumen“:

Arbeitsräume sind mit einer möglichst gleichmäßigen farbneutralen künstlichen Beleuchtung auszustatten.
Bei der Beleuchtung eines Arbeitsplatzes ist zu beachten, dass die

  1. Allgemeinbeleuchtung mindestens 100 Lux beträgt, und

  2. die Arbeitsplatzbeleuchtung entsprechend der Sehaufgabe angepasst wird.

    Zu vermeiden sind:

    •  Blendung

    • Flimmern

    • große Helligkeitsunterschiede

Fertig!

Womit erwiesen wäre, dass die Ösis derart simple Geister sind, dass ihnen nicht mehr zur Beleuchtung einfällt. Oder? Oder, das Gegenteil ist wahr, wie man von Goethe lernt. Er hatte sich bei seinem Freund einst so entschuldigt: „Entschuldige die Länge des Briefes, ich hatte keine Zeit, mich kurz zu fassen.“

Wie dem auch sei. Dass die Ösis Adleraugen haben müssen, steht fest. Sie kommen mit einem Fünftel des Lichts aus, das die Germanen zur „gesundheitsgerechten Erledigung ihrer Sehaufgaben“ benötigen. Es sei denn, sie brauchen wirklich weniger Licht, weil sie viel weniger lesen müssen, um dasselbe zu verstehen. Felix Austria!