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Licht und Unsinn

25.05.2013

Tiefstrahler Ade - Hoffentlich endgültig

Seit einem denkwürdigen Tag im Jahre 1980* sehen viele deutsche Büros abends etwa aus wie oben (2013) oder rechts (1990) abgebildet: Zwei mehr oder weniger scharf ausgeprägte Lichtkegel an jeder Stirnwand. Sie zeigen das, was der Techniker LVK = Lichtstärkeverteilungskurve nennt. Eigentlich sollen sie gar nichts zeigen. Denn wenn ein Gegenstand, z.B. eine Wand, beleuchtet wird, dann gleichmäßig. Es sei denn, man will mit der Ungleichmäßigkeit etwas ausdrücken.

An den beiden Kegeln kann man erkennen, welche Gleichmäßigkeit unten in der Arbeitsebene erwartet werden kann. Schneiden sich die Kegel hoch oben, ist das Licht unten gleichmäßiger als wenn sie sich viel weiter unten oder gar nicht schneiden.

Soweit, so gut. Vor einigen Tagen wurde in diesem Blog ein Thema angeschnitten, das für die Gesundheit der Menschen im Büro eine große Rolle spielt: Arbeiten im Sitzen/Stehen (mehr hier). Jetzt haben wir die Beleuchtungen von bestimmten Räumen ausgewertet, in denen direktes Licht (s. oben) und weitgehend indirektes Licht installiert worden sind.

Das Ergebnis kann niemanden überraschen: Bei weitgehender indirekter Beleuchtung macht die Änderung der Tischhöhe kaum etwas aus. Während die direkte Beleuchtung bei jeder Höhenänderung eine Verschiebung des Tisches erforderlich machen würde, wenn man ähnliche Lichtverhältnisse auf seinem Tisch erzielen will. Tolle Idee!

Lustig vor allem ist die Außerkraftsetzung des Photometrischen Grundgesetzes: Wenn man sich einer Lichtquelle nähert, ändert sich die Beleuchtungsstärke mit dem Quadrat der Entfernung. In einem Büro kann sie aber bei höherem Tisch (= näher an der Leuchte) niedriger liegen als bei niedrigerem Tisch (= weiter weg von der Leuchte). Ein Büro ist halt kein lichttechnisches Labor, auch wenn manche Leute anders denken.

Wer gesündere Arbeitsplätze will, sollte sich mit Indirektbeleuchtung anfreunden. Eine seit Jahrzehnten kolportierte Weisheit besagt zwar, dass sie langweilig und ermüdend ausschauen und wirken kann. Diese beruht aber auf einem Gerücht, dessen Ursprung niemand entdecken will. Sonst käme etwa das heraus, was man von Spinat und Eisen kennt.

* An dem denkwürdigen Tag, 1. April 1980, hielt die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Unfallforschung (jetzt BAUA) ihre erste Tagung zur Bildschirmarbeit ab. Dort wurde das Konzept der damals führenden Firma in Licht vorgestellt, von dem sich die meisten Büros bis heute nicht haben erholen können. Die Firma wohl auch nicht.

Licht und Unsinn

21.05.2013

Licht von unten?

Heute fiel mir ein ganz altes Bild in die Hände. Es hat nicht nur historische Bedeutung, denn damit hat die Suche nach einem Plätzchen für Leuchten an der Decke eines Büroraums angefangen, aber nie wieder aufgehört. Beraten durch die Fachleute eines befreundeten Unternehmens in Sachen Licht, hat die verblichene Firma Nixdorf Computer eine Vorstellung davon entwickelt, wo es an einem Bildschirmarbeitsplatz herkommen darf. Vielmehr, wo es nicht herkommen darf. Wenn man sich die Lösung ansieht, kann man ihre Schöpfer nur bewundern, wie sie mit der Physik umzugehen wissen. So sieht die Lösung aus:

Also: Von hinten dürfen die Leuchten nie leuchten. Da sind ohnehin meistens Fenster. Das ist erstmal gestrichen. Von hinten oben dürfen sie auch nicht kommen. Spiegelungen auf dem Bildschirm sind zu befürchten.  Von oben vorne dürfen sie auch nicht leuchten, da gibt es direkte Blendung. Ganz von vorne dürfen sie auch nicht sein, die Leuchten oder die leuchtenden Fenster. Übrig geblieben ist der winzige Bereich über dem Tisch. Der ist OK. Sagt das Bild. Ein richtiger Lichttechniker wird sagen, um Gottes Willen. Wenn die Leuchten dort angebracht werden, gibt es Reflexblendung. Gibt es auch. Von wo sollen die armen Dinger denn leuchten?

Die geniale Lösung, die ein schwedischer Arbeitsmediziner gefunden hatte, Abdunkeln, mag ich gar nicht. Menschen brauchen Licht. Bleibt also die Lösung, dass die Leuchten von unten nach oben leuchten. Solche Einfälle, d.h. Lichteinfälle sind zwar üblich, aber nur im Theater, um die Hexe noch böser aussehen zu lassen. Im Büro nur für wenige Arbeitsplätze geeignet.

Eine weniger geniale Lösung hatte mein Institut so etwa Ende 1986 entwickelt. Die Leuchten sollen, wenn sie denn leuchten wollen, gerade mal so hell leuchten, dass sie weder Direkt- noch Reflexblendung verursachen. Die Idee dazu hatte eine Firma für Lichttechnik entwickelt, aber sie war umständlich mit einer teuren Optik gekoppelt, die die Leuchten dicker machte. Unsere Lösung: Fliegengitter oder Lochblech. Leider wollte die Industrie nicht überall „hochwertige“ Optik durch Lochblech ersetzt sehen. Wie respektlos muss man denn sein, um das wertvolle Licht durch ein Fliegengitter gesiebt auf den deutschen Bildschirmarbeiter rieseln zu lassen? 

Was tun? Die radikale Lösung hatte ich bereits etwa 1976 entwickelt und den Leuten von der Computerindustrie auch verklickert: Man möge den Bildschirmhintergrund hell machen, dann sieht man die Spiegelungen nicht (mehr so deutlich). Und so hell, dass der noch sichtbare Rest nicht stört. Zudem sollen die Bildschirme eine gerade und entspiegelte Oberfläche haben. All das steht in einem Buch von mir geschrieben, das Jahre nach der Entwicklung der Idee gedruckt wurde, weil eine bestimmte Firma ihr Geld mit Leuchten machen wollte anstatt mit Entspiegelungen an ihren Bildschirmen. Die Firma sollte damit zum Überdenken ihrer Strategie angeregt werden. So sah übrigens der Deckel des Buches aus:

Die rechten Bildschirme auf dem Deckel entsprechen den damaligen Produkten der gemeinten Firma. Damit sie nicht spiegeln, wurde eine Leuchte kreiert, deren Name mit Bildschirm anfängt. Sie überzeugte andere, die auch mit Leuchten Geld machen wollten, anstatt dem Problem zu helfen. Vielleicht wollte man auch nicht. Denn selbst im Jahre 2013 heißt es im Internet: „… Ein weiterer großer Vorteil von Glossy-Displays sind die geringen Kosten bei Produktion und Herstellung. Die Entspiegelung von TFT-Panels ist kostenintensiv.…“ (Quelle hier) Die Lösung, die die zuletzt gemeinte Firma vor ein paar Tagen angekündigt hat, wurde übrigens bereits 1975 angeboten. OCLI lautete ihr Hersteller, und das Produkt hieß λ/4-Beschichtung, in der Physik länger bekannt als Einstein. Allgemein bekannt als Dünnschichttechnik, üblich in der Fotografie seit etwa 1930.

So gucken viele viele Menschen seit mehreren Jahrzehnten dumm in die Röhre. Es gibt zwar mittlerweile nicht nur kleine Monitore wie oben auf dem Bild, die eine ebene Oberfläche besitzen, die auch noch entspiegelt ist. Monitore mit ebenen Oberflächen sind seit langem Standard. Positivdarstellung ist zudem seit Ewigkeiten Standard. Was fehlt, ist, dass die Fachleute anerkennen, dass ihre Lichtlösungen ein Märchen aus der guten alten Zeit sind. Jeder kann seine Beleuchtung längst ohne Rücksicht auf den Bildschirm wählen, wenn dessen Designer Rücksicht auf dessen Benutzer genommen haben. Was sonst? Da zurzeit mindestens drei Normenausschüsse mit Glanz und Gloria beschäftigt sind, darf man auf baldige Lösung hoffen, ich meine, auf die Anerkennung der Lösungen von Anno Tobak. Vielleicht zum 50. Jubiläum des obigen Bildes von Nixdorf?

Danach sieht es aber nicht aus. In der vor zwei Jahren veröffentlichten Beleuchtungsnorm DIN EN 12464-1:2011-08 wird immer noch auf Grenzwerte für die mittlere Leuchtdichte von Leuchten verwiesen, die man dem Bildschirm entsprechend auswählen muss, wie man aufgrund eines Versuchs von 1978 tun sollte, anstatt die Entspiegelung des Bildschirms an die erste Stelle zu setzen. Wer weiß bei der Planung einer Beleuchtung, welcher Bildschirm unter dieser Beleuchtung zum Einsatz kommen wird? Wenn es einem Planer gelingen sollte, das zu wissen: Wie lange wird die Planungsgrundlage, der besagte BIldschirm, im Einsatz bleiben?

Mein Ampelmann