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Licht und Sicherheit

01.06.2011

KANN LICHT DER GESUNDHEIT SCHADEN? 2

Eigentlich, ja, in der Praxis wohl nein, weil sich Generationen von Arbeitsschützern (das sind nicht die, die die Arbeit vor der Erledigung schützen, sondern die Sicherheit und Gesundheit der arbeitenden Bevölkerung) sicherstellen müssen, sollen und wollen. Die sorgen sich in Deutschland seit etwa 1935 um die Arbeitnehmer und deren (lichte) Welt. Im Jahre 2011 müssten sie irgendwie zum Erfolg gekommen sein? Oder etwa nicht? Seit heute ist es amtlich: Die Lichttechniker haben eine Norm gemacht - EN 12464 -, nach der man Beleuchtung planen soll, aber im „GEMEINSAMES MINISTERIALBLATT“ steht zu lesen:
„Die Anforderungen dieser ASR weichen in Einzelfällen von Normen, insbesondere von DIN EN 12464-1:2003 Beleuchtung von Arbeitsstätten – Teil 1: Arbeitsstätten in Innenräumen sowie DIN EN 12464-2:2007 – Teil 2: Beleuchtung im Freien ab. Die DIN EN 12464 Teil 1 und 2 legen Planungsgrundlagen für Beleuchtungsanlagen fest, berücksichtigen aber nicht die Anforderungen, die an Sicherheit und Gesundheitsschutz der Beschäftigten bei der Arbeit zu stellen sind.“

Gemeint ist die ASR A3.4 „Beleuchtung“, die am 1. Juni vom BMAS bekanntgemacht wurde.

Der ewige Friede - ach was, Freundschaft - zwischen dem Arbeitsschutz und der Normung für Beleuchtung hat offenbar einen gewaltigen Knacks bekommen. Hatte man beim Arbeitsschutz schon immer „empfohlen“ – nette Umschreibung für eine Erzwingung -, die Beleuchtung normgerecht auszuführen, wird künftig der zuständigen Beleuchtungsnorm unter anderem dieser Satz vorangehen : „Wird die Planung und/oder der Betrieb von Beleuchtungsanlagen ausschließlich nach dieser Norm vorgenommen, kann das dazu führen, dass die staatlichen Mindestanforderungen oder die Anforderungen der Unfallversicherungsträger an die Beleuchtung nicht eingehalten sind.“ Also erkennt die lichttechnische Normung an, was der Arbeitsschutz sagt.

Eigentlich müsste mich diese Entwicklung freuen, hatte ich doch bereits im Jahre 1997 (!) eine Studie mit dem Titel „Direktbeleuchtung am Bildschirmarbeitsplatz widerspricht Anforderungen des Arbeitsschutzes“ (Anm. Die damalige Norm DIN 5035-7 für Bildschirmarbeitsplätze war erstellt worden, um Direktbeleuchtung zu „fördern“. Man könnte die Sache anders nennen, aber ich bleibe lieber vorsichtig. Die Studie und die zitierenden Stellen findet man, wenn man den Titel in eine Suchmaschine überträgt.) Leider freut man sich nicht über das Recht-Behalten, wenn im Gegenzug unzählige Arbeitnehmer leiden müssen.

Ich möchte heute kein Lichtplaner sein.

In einer Sache freue ich mich doch, Recht zu behalten: Die neue ASR empfiehlt „Unerhörtes“: „Die Einrichtung fensternaher Arbeitsplätze ist zu bevorzugen.“ Und warum das? Den Grund gibt die ASR auch an: „Tageslicht weist Gütemerkmale (z. B. die Dynamik, die Farbe, die Richtung, die Menge des Lichts) auf, die in ihrer Gesamtheit von künstlicher Beleuchtung nicht zu erreichen sind. Tageslicht hat im Allgemeinen eine positive Wirkung auf die Gesundheit und das Wohlempfinden des Menschen.“

Licht kann also der Gesundheit doch schaden – falsches Licht. Jetzt müssen die Experten ihre Empfehlungen bezüglich der Einrichtung fensterferner Arbeitsplätze wieder einmotten. Sie, darunter auch Arbeitsmediziner, hatten sogar fensterlose Arbeitsräume empfohlen. Es waren nicht einzelne Arbeitsmediziner gewesen, sondern gleich ein ganzer Sonderkongress ("Menschen in fensterlosen Fabrikationsräumen haben - sofern diese in arbeitshygienischer Sicht optimal gestaltet sind - keine gesundheitsschädigenden Einflüsse zu befürchten.“ 6. Arbeitstagung der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin im Jahre 1965 zum Thema “Der fensterlose Arbeitsraum”). Der Gesetzgeber will aber anders.

Licht und Verschwendung

30.05.2011

DENN SIE WISSEN NICHT …

Vor einiger Zeit fragte mich jemand, was denn an einer Beleuchtung, die er geplant hatte, falsch wäre. Er hätte sich Mühe gegeben, alle Vorgaben einzuhalten. Nu sind die Leute mit seiner Beleuchtung nicht so glücklich. Ist was falsch?

Ich fragte ihn, was er denn gemacht hätte. Eigentlich, das was jeder tun sollte, will er die Beleuchtungsnormen einhalten. Er hatte die Liste der Beleuchtungsstärken genommen, so-und-so-viel Lux auf dem Bürotisch, so-und-so-viel Lux im Gang, so-und-so-viel im Treppenhaus … Was soll daran falsch sein? Vielleicht das Ziel? Oder das Konzept?

Beleuchtung ist die Anwendung des Lichts, um Objekte sichtbar zu machen. Und Arbeitstische hat man seit jeher beleuchtet, damit man den Papierkram lesen kann, den man darauf bearbeiten soll. Und? Nichts, und es gibt keine Belege mehr, und den Bildschirm muss man nicht beleuchten; er leuchtet selber. Warum beleuchtet man etwas auf dem Arbeitstisch? Vor allem, wieso muss man heute in dem größten Teil der Büroräume mehr als doppelt so viel Licht installieren wie vor zehn Jahren? Und in den restlichen etwa 25 % mehr? (Mehr darüber in http://www.lichtundgesundheit.de/cyberlux/?p=225)- Man muss es nicht. Man muss nur für helle Wände und Decken sorgen. Dann ist es egal, wie viel Licht auf dem Tisch landet. 

Warum beleuchtet man einen Flur und ein Treppenhaus? Und zwar so wie einen Tisch? Guckt einer hin, wo er hintritt, wenn er einen Flur entlang läuft? Hoffentlich nicht! Noch schlimmer wär's, wenn er sich die Treppenstufen ansehen würde, die er gerade betritt. Wenn er schnell genug läuft, landet er dann nämlich garantiert auf der Nase. Wozu beleuchtet man also die Treppe? Auf jeden Fall braucht niemand die Beleuchtungsstärke auf den Treppenstufen, auch wenn die genau dort vorgeschrieben ist und dort gemessen wird. Es ist vorgeschrieben, die Beleuchtung auf den Treppenstufen in 20 cm Höhe zu messen. Hat jemand eine Erklärung dafür, welche Sehvorgänge 20 cm über einer Treppenstufe ablaufen?*

Eigentlich ein bemerkenswerter Fall, weil auch die Verfasser von Beleuchtungsnormen nachts Treppen rauf- und runterlaufen, mal mit, mal ohne Beleuchtung. Als Ingenieure müssten sie sich verpflichtet fühlen, das Licht genau dort einzusetzen, wo es benötigt wird. Sie tun es offensichtlich nicht. Richtige Lichtplaner machen es anders und richtig. Sie zeigen den Weg, den man gehen soll. Nur bekommen sie manchmal Ärger, weil die Luxe auf der Treppe nicht stimmen. Planen sie nur nach den Regeln, dann verlegen sie einen Lichtteppich auf die Stufen, der eine große Verschwendung bedeutet. Manchmal bedeutet der Lichtteppich auch Unfallgefahr, wenn er die Stufen nicht richtig modelliert.

Noch viel schlimmer sieht es mit der Beleuchtung in den Büroräumen aus. Seit etwa 30 Jahren landet der größere Teil des Lichtstroms auf dem Teppich oder an den Enden der Tische. Warum das so ist, kann man aus den Leuchtendaten und den Empfehlungen für die Anordnung von Arbeitsplätzen zwischen den Leuchtenreihen einwandfrei ableiten. Man muss es aber gar nicht, man sieht es an jeder Stirnwand eines Büros. Licht bevorzugt dorthin, wo man es nicht braucht! Gegen dieses Konzept kann kein Kabarettist einen Blumentopf gewinnen, egal wie zynisch er auch argumentiert.

Als ich dies vor vielen Jahren, und zwar mit dem mittleren Bild, das eine echte Installation wiedergibt, bei einem Vortrag thematisierte, wendete der Entwicklungsleiter einer großen Firma ein, gegen Fehlplanungen könne man nichts tun. Etwas derart „Meschuggenes“ kenne er nicht. Pech für ihn - die Planung stammte zufällig aus dem Hause, für das er arbeitete. Und die Leuchten hatte er selbst konstruiert. 

Die Sache fiel mir gerade heute ein, als Merkel und Co. mit ernster Miene den Ausstieg aus der Atomenergie verkündeten. Die Lücke, die die Atommeiler hinterlassen, soll mit einer verstärkten Verspargelung von Deutschland und, weil dies nicht reicht, durch Sparen geschlossen werden. Ob die Herrschaften wissen, wie viel elektrischer Strom in Deutschland auf den Teppich geschüttet wird? Da würden sie dem Arbeitsminister seine demnächst erscheinende ASR 4.3 schnell aus der Hand schlagen. Wenn man deutsche Büros danach prüfen würde, müsste man noch viel mehr Strom verluxen, weil die meisten Arbeitsplätze nach deren Vorstellungen zappenduster sind.

Mehr noch: Die elektrische Beleuchtung muss viel früher eingeschaltet werden als nötig, weil man die Lichtregelsysteme, die bei Abnahme des Tageslichts die künstliche Beleuchtung hochfahren, an den neuen Werten festmacht. Sie sollen die Beleuchtung hochfahren, sobald 500 lx am Arbeitsplatz unterschritten werden. Auch das Energiesparpotential von Gebäuden wird daran gemessen. Und? Kein Mensch mit gesundem Verstand wird je auf die Idee kommen, bei 500 lx Tageslicht am Arbeitsplatz Licht einzuschalten. Dazu muss man Experte sein. Wer glaubt zu wissen, wie hell es bei 500 lx Tageslicht am Arbeitsplatz ist, sollte einfach ein Lichtmessgerät auf die Mitte seines Arbeitstisches stellen und ablesen. 

Egal! Wissen müssten alle, die sich mit Licht befassen, dass ihr Tun Unsinn bedeutet. Bei der hier abgebildeten Beleuchtungsanlage beträgt die Beleuchtungsstärke auf dem Teppich neben dem Tisch und an dessen beiden Enden 700 lx. Dort, wo einer sehen soll, sind 300 lx vorhanden. macht gemittelt etwa 500 lx! Ganz legal, steht in vielen Büchern, Normen etc. Und die BG nimmt die Rechnung ab, weil sie sie vorgibt. Eine ziemlich einmalige Konstellation, bei der eine Berufsgenossenschaft Absatzförderung für die lichttechnische Industrie betreibt. 

Wenn man noch böser ist, müsste man ihnen sogar Unwissenheit vorwerfen. Denn, Licht dort, wo man es nicht braucht, mindert die Wirkung des Lichts auf dem Sehobjekt. Nannte sich einst Umfeldblendung. Aus dem Vokabular gestrichen, weil nicht passend …

  • Die Messung deer Beleuchtung 20 cm über den Treppenstufen hat nichts mit Licht zu tun, sondern mit dessen Messung. Früher lud man den Messkopf auf einen Wagen, um ihn über den Flur zu ziehen. Wagen plus Messkopf ergaben 20 cm. 

Licht und Steinzeit

11.05.2011

STEINZEITKONZEPT

Gerade habe ich in der ARD eine Sendung mit dem Titel „Das Steinzeitkonzept“ gesehen. Es handelt sich darum, dass wir Menschen vor vielen Jahrtausenden entstanden sind, aber nicht unsere Nahrung, nicht unsere Fortbewegung, auch nicht unsere Lebensweise. So werden heute diejenigen dick, die bessere Futterverwerter sind. Früher wäre das im Vorteil, weil der Mensch auch mal hungern musste. Das leckere Brot und das Getreide, aus dem es gebacken wird, entfremden unseren Magen von seiner ursprünglichen Aufgabe. Der gesunde Bürodrehsessel verbiegt unsere Wirbelsäule, der den ultimativen Lordose-Stützpunkt in Höhe des richtigen Wirbels L5/S1 abstützen soll, und die Sportschuhe der Marken Adidas XBums oder Puma SLX schütteln den Bewegungsapparat durch und machen die Füße kaputt; man solle daher barfuss über den Asphaltdschungel laufen.

Nicht meine Welt. Von den Augen hat die Sendung nicht gesprochen. Die Augen von heute sind nämlich auch aus der Steinzeit – oder? Ich denke, noch älter. Sie waren entstanden in der Hochebene von Äthiopien oder in der Savanne, wie man an der Empfindlichkeitskurve des Auges erkennen kann. Und? Mir fiel nur ein, dass ein Experte für Licht in einem Buch schrieb, es wäre unnatürlich, wenn oben heller wäre als unten. Deswegen sei Indirektbeleuchtung unnatürlich. Ach, ja! Ist sie? Der Experte arbeitete einst für die Firma, die die Beleuchtung erfand, die sich nicht in den Bildschirmen spiegeln sollte. Diese Beleuchtung verleiht jedem Büro einen Höhlenlook. Das Buch war eine Auftragsarbeit, deren Ziel es war, diese Beleuchtung schönzureden. Ist oben heller als unten unnatürlich?   

Ja, sie ist. Jede von Ingenieuren geplante Beleuchtung ist unnatürlich, weil es in der Natur keine Lichtsituation gibt, die lange oder immer gleich bleibt. Wenn, dann in der Wüste über viele Stunden hinweg. Das ist natürlich, aber eine Tortur. Wenn man zu dem gleichbleibenden Licht noch die gleichbleibende Temperatur, Luftfeuchte etc. hinzu rechnet, kommen wir zu dem Office-Biotop, das den meisten vorschwebt, die sich Gedanken über eine angenehme Büroumgebung machen. Die haben aber keine Bauanleitungen für Legebatterien gelesen.

Was heute als neues Forschungsergebnis bezüglich der Beleuchtung daherkommt, ist eine Ohrfeige nach der anderen, was Konzepte für Beleuchtung angeht, die man über Jahrzehnte für richtig gehalten hatte. Ob wir es schaffen – zurück zur Steinzeit?

Wohl kaum. Schuld ist ja nicht die Beleuchtungstechnik, die uns ermöglicht, 24 Stunden rund um die Uhr zu arbeiten und zu leben. Wir können aber trotzdem lernen, etwas von der Steinzeit zu retten. In Japan gibt es sogar ein Großinstitut, in dem geforscht wird, wie man in modernen Umgebungen gesund und munter leben kann. Die Japaner verstehen es ja gut, wie man Tradition und Fortschritt verknüpft.

Etwas ist aber schon geschafft: Sowohl die Lichttechniker, die biologisch wirksame Beleuchtung realisieren wollen, als auch das Bundesministerium für Bauwesen haben erkannt, dass es besser ist, wenn oben heller ist als unten. Das wird einem Herrn nicht gefallen, der seit Jahrzehnten einen gnadenlosen Feldzug für tiefstrahlende Leuchten führt, weil er die erfunden zu haben glaubt. Die Menschen, denen die „neue“ Denke zuteil wird, denken da anders. Der Herr hat es von einem einfachen "Ing." in den 1960ern zum Professor geschafft. Den Himmel dunkler werden zu lassen als die Erde, wird auch ihm nicht gelingen. 

Licht und Lichttechniker

12.04.2011

ZURÜCK ZUR BESCHEIDENHEIT

Bis gestern dachte ich, ich hätte einiges an tiefschürfenden Ideen gehabt. Allzu wenig war es ja nicht. Dazu war ich der Meinung, in unserer Zeit würde viel geschehen in der Lichttechnik. Bis ich ein Buch aus dem Regal zog, das ich im Antiquariat gekauft hatte: „Lichttechnik - Lichtbewertung, Lichterzeugung, Lichtanwendung“ von Walter Köhler. Ihn hatte ich zu meiner Studentenzeit kennengelernt. Er hatte uns sogar in seine Wohnung eingeladen, um uns seine Art von Wohnbeleuchtung zu zeigen. Das Buch lag bereits ein Jahr im Regal - ziemlich unberührt.

Köhler nannte sich Lichttechniker, sein Doktortitel war aber Dr. phil. Er hatte Physik, Mathematik, Philosophie und Pädagogik studiert. Oh, weia! Was hat unsereins studiert? Technik ohne Philosophie! Am meisten hat mir sein Bemühen um die Zusammenarbeit von Lichttechnik und Architektur imponiert. Köstlich auch seine Darstellung der Grundempfindungen des Auges und deren Änderung mit den Umgebungsbedingungen. Er stellt nicht etwa eine Tabelle auf, die die Wahrnehmungsgeschwindigkeit in Abhängigkeit von der Beleuchtungsstärke auflistet, oder gar ein kartesisches Diagramm, das die Beziehungen für Ewig zementiert, nein, er beschreibt die Abläufe von der Morgendämmerung über den Mittag bis in die Nacht gespickt mit Versen. Köhler hat Pädagogik wohl nicht nur studiert.

Köhlers Lichttechnik hat ihre Wurzeln nach seinen Aussagen sowohl im Natur- als auch im Geisteswissenschaftlichen. Sie hatte … Wenn ich mir unsere heutige Situation vorstelle, reichen bittere Tränen über den Niedergang des intellektuellen Niveaus bei weitem nicht aus. Man müsste sich eher einer Prozession der Schiiten in Kerbela anschließen, die sich mit scharfen Gegenständen geißeln, um ihrer Trauer den  angemessenen Ausdruck zu verleihen.

Vor 60 Jahren schrieb einer ein Buch, das man mehr als ein halbes Jahrhundert später bewundern muss?

Was ist da zu bewundern? Das: „Der Beleuchtungstechniker kann seine Aufgaben nicht ohne Kenntnis und Berücksichtigung der Physiologie, vor allem aber der Psychologie (der Lehre, welche die Lebensvorgänge erforscht, die der inneren Wahrnehmung zugänglich sind), der seelischen Beeinflussung des Menschen durch Licht, wirklich zufriedenstellend lösen, und dies gilt bei der richtigen Beleuchtung am Tage.“  (Köhler, 1952)

Was mich beschämt, ist, dass es bei mir über 40 Jahre dauern musste, bis ich seine Weisheit erkannt habe. Bis die Gurus unserer Wissenschaft begreifen, wie wichtig die Beleuchtung am Tage ist, wenn man hinter den Mauern eines Betriebs sitzt, wird wohl noch viel Wasser den Rhein runterfließen.

Licht und Quecksilber

07.04.2011

WOHIN MIT DEM QUECKSILBER - WIEDER MAL

In diesem Blog wird das arme Quecksilber bis in den letzten Winkel der Welt verfolgt, wo es sich auch verstecken mag. Heute habe ich erfahren - wo! Das Quecksilber der Energiesparlampen geht nicht zur Hölle, wo es hin gehört, sondern nach Hessen, ganz nahe bei der Hölle, in eine alte Kaligrube. Nach Spiegel Online aus Kostengründen. Der Beitrag endet damit, dass die große Energiesparlüge entlarvt sei, wie einst bei der Atomkraft. Am besten das Video selbst ansehen (Einbetten leider nicht möglich):

http://www.spiegel.de/video/video-1112211.html

Wie war es denn mit der Atomgeschichte? Davon habe ich viele Szenen live erlebt. Die erste, ganz im Nebel meiner Erinnerungen. Ich sehe bei der Wochenschau im Kino, das Atomzeitalter sei angebrochen. Auch Deutschland habe einen Atomminister bestellt, der heute (1958) den Grundstein eines Atommeilers für die friedliche Nutzung der Atomenergie gelegt habe. Etwa 30 Jahre später sollte ich dort als Gutachter einziehen, der die Sicherheit nicht nur dieses Meilers prüfen sollte. Davon hatte ich aber nicht die geringste Ahnung, von meinen Zukunftsplänen schon: Physiker werden. Denn die Welt brauchte kostenlose Energie, die Reaktoren sollten nicht nur in Schiffe (etwa Otto Hahn) oder Flugzeuge gebaut werden, sondern auch in Autos. Mann! Jahrzehntelang Auto fahren ohne zu tanken!

10 Jahre später, April 1968: Wir stehen vor einem Brunnen mit dem klarsten Wasser, das ich je im Leben gesehen habe. Es ist aber kein Brunnen, sondern ein Wasserbecken in der Physikalisch Technischen Bundesanstalt Braunschweig, wohl mein erster Blick in den PTB-Reaktor. Faszinierend! Der Chef der PTB sagte aber, es werde nur langsam vorangehen mit der Kernenergie, weil die Bestimmungen für die Sicherheit alles bremsen täten. Warum nur? Ist doch nicht gefährlicher als die Chemie, die man nicht so belästigt.

An den Mann sollte ich mich wieder erinnern, als es in Tschernobyl losging. Im Fernsehen redeten sich an jenen Tagen einige Mitglieder der Reaktorsicherheitskommission um Kopf und Kragen. Irgendwie hieß es, dass die Kernkraft sicher sei, aber … die dummen Russen … Dachte ich auch, nur mit der Sicherheit war da so eine Sache. Ein Cousin von mir war mit von der Partie, als der erste Kernreaktor der Türkei geplant werden sollte. Nach seinen Unterlagen hatte ein deutsches Unternehmen ein billiges Angebot gemacht, ohne den Sicherheits-Schnickschnack à la Germany. So sinngemäß hieß es im Angebot. Und mir hatte ein britischer Kollege, der beim TÜV gearbeitet hatte, gesteckt, so doll wäre nach seiner Meinung nicht mit der Sicherheit in Deutschland. Er hatte auch in Windscale gearbeitet (heute Sellafield, damit keiner an den Skandal denkt). Dass es dort nie zu ernsten Unfällen gekommen sei, ist eine Legende, die dadurch entstehen sollte, dass die Regierung die Berichte eigenhändig retuschiert hatte.

So kam ich auf die Idee, dass man auch deutsche KKW überprüfen sollte. Und die fand tatsächlich statt, und ich war einer der Gutachter. Über den Inhalt kann ich naturgemäß nichts sagen, aber über Erlebnisse im Rahmen dieser Prüfungen. Die decken sich fast vollkommen mit der obigen Story über Quecksilber aus der Energiesparlampe: Öffentlich wird geschworen, dass das Menschenmögliche für die Sicherheit getan werde, in der Ausführung schlägt der Koofmich zu, der meint, dass Sicherheit einfach zu teuer sei. Der sitzt jedem Reaktorfahrer im Nacken, wenn er den entscheidenden Knopf drücken möchte, um einen Reaktorschnellschluss einzuleiten. Ein Knopfdruck - eine Woche Stillstand mit etwa 1 Mio. Verlust am Tag. Willst Du das? Noch besser: Wenn das Ergebnis der Überlegung lautet „Anlage vernichten, um die Umwelt zu schützen“, muss ein armer Teufel eine Anlage für mehrere Milliarden Euro zum (hauptamtlichen) Teufel jagen. Ernsthaft. Auch ohne den Kaufmann im Nacken hat man da so seine Probleme.

Natürlich gibt es keine Anweisung, kostenbezogen zu denken, wenn die Sicherheit im Spiel ist. Und kein Lampenhersteller wird je angeordnet haben, das Quecksilber heimlich im Hades, Pardon, in Hessen, verschwinden zu lassen. Es geschieht halt. Und hätte ich ein Auto gekauft, das nie mehr betankt werden muss, weil nuklear-angetrieben, würde ich garantiert nicht jeden Tag die Reifen wechseln, damit mein kleiner Reaktor sicher auf der Chaussee fährt.