Posts Tagged: Gesundheit

Licht und Wahrheit

28.07.2014

Vor einem Vierteljahrhundert

Während der Suche nach einer Literaturstelle fand ich einen Schnipsel aus Medical Tribune, den mir ein gewisser Rudi Winzer geschickt hatte. Der hatte mich seit 1979 genervt mit seinen Behauptungen über die Wirkung von (ungeeignetem) Licht auf Krebsentstehung und Alzheimer. (Dazu später). Er war bei Zeiss Oberkochen beschäftigt und kannte sich in dem Milieu gut aus.

Was hat die dpa seinerzeit in 1990 über unsere Studie „Licht und Gesundheit“ verbreitet außer den Zahlen? Das Wichtigste hat Rudi Winzer unterstrichen. Ich würde es auch heute wieder unterstreichen: "Die seit langem vertretene Auffassung, künstliche Beleuchtung stelle einen vollwertigen Ersatz für Tageslicht dar, sei eindeutig falsch." Die Message ist in der Arbeitsstättenverordnung von 2004 angekommen. Sie wurde konkretisiert in 2011 in ASR A3.4 Beleuchtung: "Die Arbeitsstätten müssen möglichst ausreichend Tageslicht erhalten. Eine Beleuchtung mit Tageslicht ist der Beleuchtung mit ausschließlich künstlichem Licht vorzuziehen." Mit der Arbeitsstättenverordnung von 2014* ist auch die Sichtverbindung zurück.
(*Die Arbeitsstättenverordnung wurde 2014 neu aufgelegt. Plötzlich fiel dem Arbeitgeberpräsidenten Kramer auf, dass das Tageslicht angeblich auch für Firmen-Toiletten Pflicht würde, somit auch die Sichtverbindung nach außen. So wurde die ArbStättV für zwei Jahre vom Bundeskanzleramt kassiert und verhackstückt. Am Ende sorgte der Bundesrat für ein Ende der illegalen Aktion.)

Interessanter als das alles ist das Alter der Auffassung, dass künstliches Licht ein vollwertiger Ersatz für Tageslicht sei. Die Originalaussage lautete sinngemäß: "Das Tageslicht ist für das Leben auf Erden unverzichtbar. Deswegen muss das elektrische Licht dies nachbilden. Da das Tageslicht aber nicht immer verfügbar ist und nicht überall, ist das künstliche Licht diesem überlegen." Diese Vorstellung wurde von dem führenden Lichttechniker Matthew Luckiesh 1926 in einem Buch veröffentlicht. Luckiesh war Direktor einer Lampenfabrik von General Electric.

 Was hat aber die „Welt“ aus dem Vorgang gelernt? Die größte lichttechnische Gesellschaft der Welt, IES wie Illuminating Engineering Society (of North America), hat sich ein Memorandum erstellen lassen – von einer ausgesucht qualifizierten Expertenschar. Diese soll die Wirkungen des Lichts auf den Menschen erklären. Es geht um Licht und menschliche Gesundheit – sagt der Titel. Wie gut dies gelungen ist, sei dahingestellt. Wichtiger ist, ob sie überhaupt relevant ist, außer dass, die Experten alle sehr relevant sind.

Wieso die Frage? Ich habe die Expertise lange nach den Wirkungen des Tageslichts abgesucht. Leider nichts gefunden. Das Wort „daylight“ kommt nur als Beispiel für hohe Beleuchtungsstärken in Klammern und nur einmal vor.

Wer mir beim Weitersuchen behilflich sein will, kann sich das Inhaltsverzeichnis ansehen, das ich gebührenfrei erlauben darf (Download hier). Die Gesamtstudie kann man im IES-Shop kaufen und darf deswegen nicht zur Verfügung gestellt werden. Eine Darstellung der Expertise ohne Bewertung kann hier gelesen werden.

Was macht man mit solchen Experten? Am besten 6 Wochen unter künstlicher Beleuchtung halten und gucken, was von deren Gesundheit übrig bleibt. Das dürfen sie wieder ein Memorandum schreiben.

Beiträge aus dem alten Blog

Beiträge aus dem alten Blog

[advanced iframe src=“http://www.lichtundgesundheit.de/Lichtundgesundheit/Blog/Eintrage/2014/7/13_Ich_beleuchtete_Maracana_-_und_Du.html“ width=“100%“ height=“1200″]

Beiträge aus dem alten Blog

Licht und Open Space

23.03.2014

Mit Zitronen gehandelt

Heute las ich das Heft Nummer 1/2014 der Zeitschrift „dasbüro“, das „Magazin für Office-Excellence“. Meiner Meinung nach dürfte es sie nicht geben, weil wir das exzellente Office bereits Anfang der 1970er Jahre erfunden hatten. Warum gibt es eine offensichtlich überflüssige Zeitschrift immer noch? Oder wieder? Das steht in dem gerade gelesenen Heft auf Seite 6 unter News. Für alle, die sich dafür interessieren, habe ich die wichtige Nachricht gescannt:Nanu? Warum wollen sie denn nicht dorthin? Nur 1 % der Büromitarbeiter wollen ins Großraumbüro. Wieso fragt man die Menschen nach etwas, das es nicht gibt? Ich wundere mich, weil es bekanntlich nur noch das Open Space gibt. Und das ist nach führender Meinung von Büroexperten zukunftsträchtig. Das Wort Großraumbüro ist als Begriff verbrannt. Deswegen wollen die Kreativen nur noch Open Space bauen. (Die Bilder von alten Großraumbüros stammen alle von dem Architekten, der sie gebaut hatte. Er meint, dass sie schöne Bürolandschaften darstellen.

So dachten wir in der Lichttechnik Ende der 1960er auch. Nur hieß das Traumbüro damals Großraum. Führende Bürohausarchitekten, führende Büroplaner, führende … – ach, was alles, was führend war, kam damals zusammen und war sich darin einig, dass die Zukunft des deutschen Büros im Großraum liegt. Ob wir die Einsicht von oben bekommen hatten, oder eher als Folge der eigenen Unwissenheit über die Geschichte des Büros selbst generiert, sei dahingestellt. Ich denke, der wahre Grund war: Ein Großraumbüro würde ohne Technik nicht funktionieren, und ich war in einem Fachgebiet tätig, in dem führende Köpfe der nötigen Techniken (technische Akustik, Klimatechnik, Lichttechnik, Architektur etc.) führend tätig waren. Es würde für uns viel zu tun geben, und wir fingen früher an, als die Leute das Kommende erahnen konnten.

Wir wollten nicht nur das Herkömmliche nachahmen, so wie es die „Vorfahren“ taten, so z.B. die, die diese Idee entwickelten:oder jene, auch nicht schlecht:

Nein, es sollte alles besser werden, als die Natur es hergibt. Als Erstes sollten die Fenster abgeschafft werden, weil man ohne sie besser klimatisieren und beleuchten kann. Wozu braucht man Fenster? Die einen sagten, für die Sichtverbindung nach außen. Die anderen sagten, die braucht man nicht, man ist ja zum Arbeiten da, nicht um herumzugucken.

Stimmt. So wurde etwa 1970 prophezeit, in fünf Jahren würden alle deutschen Büromenschen in Großraumbüros arbeiten. Das hat nicht einmal diejenige Organisation in Frage gestellt, die für die Sicherheit und Gesundheit der Büromenschen in Deutschland zuständig ist: Die Berufsgenossenschaft der Banken und Versicherungen (VBG). Sie saß selber in einem der Bürohäuser, die nach den damaligen Ideen top waren: In Hamburg, City Nord, Überseering. So wie City Nord sollte es später in ganz Deutschland aussehen.

An dem, was später kam, lässt sich begründen, warum sich nur 1 % der deutschen Büromenschen nach einem Großraumbüro sehnen: Die VBG zog aus City Nord in die Innenstadt, in das Levante Haus, mit einem Paternoster als Hebezeug für alle. Später zog sie in einen Neubaukomplex mit kleinen Zellenbüros. Keine ihrer Dienststellen in der Republik ist in einem Großraumbüro untergebracht.

Und was macht ihr altes Bürohaus? In Wikipedia steht: „2002 gab es einen Senatsbeschluss zur Wiederbelebung der Bürostadt. …“ Und vorher: „Die Veränderung von Arbeitsabläufen, insbesondere durch die Einführung von Bildschirmarbeitsplätzen hervorgerufen, gilt das Konzept des Großraumbüros weitgehend überholt. In den 90er Jahren erlebte die City Nord, deren Gebäude zum Großteil auf Großraum ausgelegt waren, einen Imageverlust. Unternehmen zogen weg, es kam zu größeren Leerständen. Die Eigentümer reagierten mit großen Investitionen in ihre Häuser. Vielorts ist der Großraum Einzelbüros gewichen. Nicht erhaltenswerte Gebäude wurden abgerissen, Neubauten entstanden…“

Wo lag eigentlich das Problem? Was haben wir damit zu tun? Langsam zum Mitschreiben: Die Klimatechnik behauptete seinerzeit, die Bedürfnisse des Menschen seien etwa 1935 bekannt gewesen, es ginge nur um die Umsetzung in Technik. Die Lichttechnik frönte ebenfalls einem Konzept aus den 1930ern: Allgemeinbeleuchtung. Und die Akustik wurde erst gar nicht gefragt. Büroplanung findet traditionell ohne sie statt, sie kommt erst später dran. Und kann daher entsprechend wenig ausrichten.

Was fehlt dem Menschen in Open Space, Pardon, im Großraumbüro: Ich denke: Kontrolle, d.h. effektive Einflussnahme auf relevante Umgebungsbedingungen nach individuellen Bedürfnissen.

Wie bringt man das bloß Leuten bei, dass die Hersteller durch die Normung selbst den Unternehmen die Kontrolle über ihre eigenen Gebäude entziehen wollen?