Posts Tagged: Farbwiedergabe

Gibt es Tageslicht in Gebäuden?

2014

Was bleibt vom „Stoff des Lebens“, wenn es durch das Fenster geht?

Was erzählt man Leuten, die mit Stoffen umgehen, mit Stoffen, aus denen man Möbel macht, oder Kleider, mit Stoffen, mit denen man seine Räume wohnlich macht? Als ich ein Kind war, ging meine Mutter mit mir einkaufen. Häufig kaufte sie Stoffe, Knöpfe oder Nähseide ein, aus denen später Anzüge, Röcke oder Blusen wurden. Sie kaufte zunächst den Stoff ein, danach erst die "Zutaten". Diese legte sie im Laden auf den Stoff und beobachtete alle zusammen. Dann ging sie damit vor die Tür. Sie stellte sich mal in die Sonne mal in den Schatten. Warum sie so handelte, lernte ich nach vielen Jahren Studium. Es handelt sich um eine Geschichte der Lichtqualität.

Seit dem Ende der 1960er Jahre, einer Ära, in der man sich auf einen endgültigen Abschied vom Tageslicht in der Architektur geeinigt zu haben schien, vollzieht sich eine phänomenale Kehrtwende. Experten des Lichts erkennen, was der Laie schon immer wusste: Das Sonnenlicht ist der Stoff, aus dem Leben gemacht wird. So weit, so gut!

Die Techniker des künstlichen Lichts haben sich viele Jahrzehnte bemüht, das Tageslicht zu simulieren. Tageslichtersatz wurde aber nie mehr als nur Ersatz. Kein Wunder, man wusste ja nicht, was man da simulieren wollte. Genau genommen wissen wir auch heute nicht, welche Eigenschaften des Tageslichts es zum „Stoff des Lebens“ machen. Was macht die Qualität des Tageslichts aus?

Während man auf eine allgemeine Antwort auf diese Frage vermutlich noch lange warten wird, gibt es Antworten bezüglich spezifischer Qualitätsmerkmale des Lichts, die jeden interessieren, der mit Textilien umgeht, sei es als Macher, sei es als Verbraucher. Sie hängen eng zusammen mit Farbe, Farbwiedergabe, Farbkonstanz u.ä.; kurz gesagt mit dem Spektrum des Lichts.

Anders die Sichtweise der Lichttechnik, die sich vornehmlich mit Helligkeiten beschäftigt. Ihre Grundgrößen (z.B. Beleuchtungsstärke und Lichtstrom) sind vom Spektrum des Lichts „befreit“. In der Beleuchtungstechnik wird sogar häufig die Einfallsrichtung des Lichts ignoriert. „Lux“, die Einheit der Beleuchtungsstärke, enthält keine Auskunft über die Einfallsrichtung des Lichts. Sogar etwas weiter geht die Energieeffizienz, bei der nur die Menge der Energie eine Rolle spielt, die in dem Licht enthalten ist. Wo sie her kommt und wie sie beschaffen ist, spielt kaum eine Rolle.

Bereits bei der Definition des Begriffs „Licht“ sind zwei lebenswichtige Teile des Tageslichts außer Acht gelassen worden: Ultraviolett und Infrarot. Durch das Bemühen um Energieeffizienz der Gebäude wird auch der sichtbare Teil des Spektrums durch die modernen Fenstergläser beschnitten und zuweilen zusätzlich insgesamt um die Hälfte oder mehr herabgesetzt. Während ein einscheibiges Fensterglas ca. 90 % des einfallenden Lichts farbneutral durchlässt, weisen manche modernen Fassaden nur noch 30% Transmissionsgrad auf und verfälschen zudem das sichtbare Spektrum.

Das Tageslicht im Innenraum ist nicht nur in seiner Intensität um ca. 2 Zehnerpotenzen gegenüber dem im Freien geschwächt, sondern wichtigen Bestandteilen beraubt und häufig spektral verfälscht. Während der Intensitätsverlust nach unserer Lebenserfahrung noch erträglich scheint, weil wir uns auch mal draußen aufhalten, fallen die Veränderungen des Spektrums durch Verfälschen von Farben stärker ins Gewicht. Keine gut klingenden Erkenntnisse für eine Branche, die wie kaum eine andere von Farbe lebt.

Tod den Insektenkillern

2014

 

Als ich die Nachricht über die LED-Lampen in Hannover schrieb, fiel mir ein, wie sich die LED auf nachtaktive Insekten auswirken würden. 

Beim Studium der Veröffentlichungen fiel mir der Kinnladen runter, weil meine Lieblingslampe, Halogenmetalldampflampe, wohl der Insektenkiller #1 ist. Ich liebte die, weil ich meine Dissertation über Sportstätten geschrieben hatte, die man am besten mit solchen Lampen beleuchtet. Sie hat eine sehr gute Farbwiedergabe. Attraktiv! Leider auch für die Insekten.

Wie sieht es für die LED aus. Hier sind mehrere Artikel/Studien von einer unverdächtigen Stelle (NABU) zusammengestellt: 
INSEKTENVERTRÄGLICHKEIT UND NATURSCHUTZ

Wie so eine Studie aussieht, hat Prof. Eisenbeis in 24 Folien zusammengestellt (ganz unten auf der Seite abrufbar. Hier leider aus Copyrightgründen nicht möglich): Hier sein Fazit:

  • Die getesteten LED's erwiesen sich am Fleher Deich als insektenfreundlich – sie müssen jedoch hinsichtlich möglicher anderer Nebenwirkungen auf Natur und Mensch weiter sorgfältig beobachtet werden
  • Die Halogenmetalldampflampen verdienen das Prädikat 'Insektenkiller' wie die Quecksilberdampflampen
Mein Ampelmann

Licht und Farbe

28.05.2012

LEBEN AN EINER LEICHE ERKLÄREN

Kann ein Pathologe anhand der vielen Leichen, die er seziert hat, erklären, wie das Leben funktioniert? Bestimmt nicht. Er sagt im Krimi immer aus, wie einer zu Tode gekommen ist - umgekehrt geht es wohl nicht. (Für Freunde der korrekten Ausdrucksweise: Dieser Pathologe ist ein Forensiker)

In der Technik versucht man es doch. Man teilt etwas Ganzes in seine Bestandteile auf und behandelt jedes Element für sich. So kann der eine Ingenieur erklären, wie ein Kolben funktioniert, der andere wie eine Kurbelwelle. Kann man aus beiden lernen, wie ein Auto funktioniert? Nein. Man muss alle Teile gemeinsam betrachten können. Der Pathologe könnte seinen Beruf nie ausüben, ohne lebende Menschen studiert zu haben. Und der Kolbenbauer wird nie ein guter, wenn er sich nicht verinnerlicht hat, wie ein Motor funktioniert. Man wird zuerst Mediziner bzw. Konstrukteur, um später Pathologe oder Kolbenbauer zu werden.

So ähnlich geht es in der Beleuchtung zu. Ein Lichtplaner, der Architektur studiert hat, wird zum einen wissen, wie Farben entstehen. Und zum anderen, wie man Formen und Oberflächen beleuchtet, damit sie gefällig aussehen. Helligkeit, Form, Farbe und Glanz, sind für den Architekten wie für den Autodesigner eins, so sie den Umgang mit der visuellen Kommunikation gelernt haben. (Wenn nicht, gibt es andere Berufe, die man in Erwägung ziehen sollte.)

Was aber, wenn man die vier Aspekte (Form, Helligkeit, Farbe und Glanz) zerlegt und jeweils einer Gruppe von Menschen zuordnet, für die der Rest - sagen wir mal unfein - schnuppe ist? Das ist just der Zustand, den wir in der Beleuchtung tagtäglich erleben:

  • Für die Normen für Beleuchtung ist Form wirklich schnuppe. Woher soll denn einer wissen, was später in dem von ihm beleuchteten Raum steht? (Wie man es macht, wenn man es weiß, kann man z.B. an der Beschreibung der Planung des Neuen Museums in Berlin, Beleuchtung für Nofretete, lesen). 
  • Glanz ist zwar nicht völlig schnuppe, aber Teufelszeug. Dazu sagt man apodiktisch, nichts darf glänzen, alles muss matt sein. Wenn es doch nicht so sein sollte, bitte die Leuchten so aufstellen, dass nichts glänzen kann. Da man einmal verbaute Leuchten doch nicht verrücken kann, ordnet man an, dass Millionen von Leuchten immer in Bändern links und rechts über den Bürotischen hängen. (Dass es Leuchten gibt, die man verrücken kann, spricht sich langsam herum, aber sehr sehr langsam.) Ganz schlaue Experten wenden die Weisheit sogar auf Industriehallen an. Wie man polierte Oberflächen, Wellen und Werkzeuge matt kriegen soll? Wenn nicht, dann die Maschinen zwischen den Leuchtenreihen aufstellen. Dann müsste man allerdings viele glänzende Maschinenteile platt kriegen. Was vermutlich niemandem gelingen wird. 

  • Farbe? Da man ihre Existenz nicht verleugnen kann, muss was dafür getan werden. Bei den Lampen gibt man die Farbtemperatur an, die unter brutaler Vergewaltigung des Planckschen Strahlungsgesetzes berechnet wird. Ob die stimmt, kann der Laie nicht berechnen. Der Fachmann übrigens auch nicht, fast immer nicht. Außerdem muss noch die Farbwiedergabe angegeben werden. Dummerweise sieht der dazu verwendete Index wie eine Prozentangabe aus, so dass auch Fachleute zuweilen glauben, dass z.B. ein Index von 90 irgendwie bedeuten müsste, dass 90% der Farben wiedergegeben werden. Oder alle Farben zu 90%? Oder ähnlich, aber nie richtig. Farben gibt es nämlich nicht physikalisch. Daher bezieht sich der Index auf eine Referenzquelle und Testobjekte, und von der Referenzquelle gibt es mindestens zwei. So können zwei total unterschiedliche Erscheinungsbilder vom gleichen Objekt von zwei Lichtquellen erzeugt werden, die beide stolz sind auf den höchsten Farbwiedergabeindex von 100. Geben sie wenigstens alle Farben wieder? Kann sein, muss aber nicht. Denn der Index wird mit den (Test-)Farben berechnet, die ein US-Maler namens Munsell zu Beginn des letzten Jahrhunderts festgelegt hatte. Von diesen kann man manche nur noch theoretisch herstellen, ergo nur noch auf dem Rechner. Und alle Testfarben sind Pastellfarben. Frische, gesättigte Farben kann eine Lampe wiedergeben, muss aber nicht. Wie dem auch sei: Der Lichttechniker sieht es nicht als seine Aufgabe an, welche Farben in einer Umgebung benutzt werden. Das ist auch gut so. Die soll derjenige bestimmen, der den Raum gestaltet. Übrigens: Farbenerkennen gehört nicht zur Sehleistung. (Zum Thema Farben auf dem Rechner möge man sich nur die Klimmzüge ansehen, die Grafiker und Druckereien sich leisten müssen, um ein Werk auf dem Rechner und auf dem Papier gleich aussehen zu lassen.) 

  • Helligkeit: Der vierte im Bunde ist die Domäne der Lichttechnik. Die Effizienz ihrer Produkte (Lampen) wird an der Erzeugung von Helligkeit bestimmt. Alles, was zu Sehleistung gehören soll, wird an dieser Größe gemessen. Dumm nur, dass es auch die Helligkeit nicht gibt. Sie ist eine Empfindung, die schwer zu beschreiben ist. Daher behauptet man, dass die Leuchtdichte die beste Annäherung dazu sei. Kann sein. Eine gute Annäherung ist sie aber nicht, wie weiter unten gezeigt wird.

Trotzdem: Würde man in den Normen nach dieser Größe verfahren, würde uns Vieles erspart bleiben. Man tut es nicht, obwohl man weiß, dass es besser wäre. Denn für die Außenbeleuchtung ist der Maßstab die Leuchtdichte. Für die Innenbeleuchtung aber nicht. Man unterteilt die Leuchtdichte noch einmal in Reflexionsgrad und Beleuchtungsstärke. Nicht weil dies viel Sinn macht, sondern weil die Lichtindustrie keine Farbeimer verkauft, sondern Lampen und Leuchten. Einst hat man die Vorgaben für Beleuchtungsstärke immer an den Reflexionsgrad gekoppelt. Seit langem nicht mehr, die Reflexionsgrade werden nur noch pauschal empfohlen. (Hier wäre noch einmal das Wort Schnuppe angebracht. Ist aber nicht, denn für den Umsatz des Herstellers  ist es nicht schnuppe, ob man die Leuchtdichte oder die Beleuchtungsstärke zum Maßstab macht.)

Was hat das Ganze mit der Leiche zu tun? Viel. So wie man an der sezierten Leiche nicht verstehen kann, wie das Leben funktioniert, kann man auch aus Beleuchtungsstärke und Reflexionsgrad nicht auf Helligkeit schließen, schon gar nicht auf Farbe. Ob gar ein beleuchteter möblierter Raum die gewünschte Anmutungsqualität aufweisen wird, wird man nicht einmal näherungsweise anhand technischer Größen bestimmen können. Übrigens, einer sehr weit verbreiteten Mär zufolge kann man an der Beleuchtungsstärke ablesen, wie hell ein Raum erscheint. Sie bleibt eine Mär, auch wenn viele Leute daran glauben.

Wie die technische Zerlegung der für die Empfindung wichtigen Aspekte uns in die Irre führt, kann man an zwei Beispielen erkennen:

  • Zunächst das häufiger bekannte Beispiel: Ein Stück Kohle ist bei Tage (physikalisch) „heller“ als weißes Papier bei Nacht. Trotzdem wird Kohle immer dunkler eingestuft als Papier. Eines der Konstanzphänomene. Auch optische Täuschung genannt. Und da täuscht man sich.
  • Jetzt das kaum bekannte: Welche Farbe haben Schäfchenwolken, das sind die hübschen kleinen Schönwetterwolken, und welche die schlimmen Gewitterwolken? Eigentlich eine ganz dumme Frage. Jeder weiß es doch!

Wenn man sich zur Beantwortung der Frage nicht die Wolken anschaut, sondern so vorgeht wie in der Beleuchtungstechnik - Beleuchtungsstärke und Reflexionsgrad getrennt beobachten -, wird man unweigerlich zu der echt überraschenden Feststellung kommen, dass die Schäfchenwolken und die Gewitterwolken ohne Beleuchtung gleich aussehen, nur die Beleuchtungsstärke ist unterschiedlich. Beide Wolken sind Wasserdampf plus kondensierte Wassertröpchen und würden, in Proben aufgeteilt, im Labor ähnlich aussehen. Die echte Schäfchenwolke ist aber dünn und lässt viel Licht durch, während die Gewitterwolke bis zu 10 km hoch sein kann. Das schluckt Licht. Ihre gruselige Erscheinung ist also überhaupt nicht wahr, erwiesenermaßen, lichttechnisch. Auch eine optische Täuschung?

Es ist an der Zeit, mit der Täuschung aufzuhören. Beleuchtungsnormen dienen nicht vornehmlich den Interessen der „Beleuchteten“, also der Menschen, die unter einer Beleuchtung leben und arbeiten müssen, sondern - jetzt fein gesagt - Partikularinteressen. Wer die „Partikulären“ sind, kann man schnell anhand der Teilnehmerlisten von Sitzungen bestimmen, in denen die Normen gemacht werden. Die Teilnehmer an Sitzungen, in denen Beleuchtungsnormen festgelegt werden, sind zu etwa 70% Angestellte von Herstellern oder Lobbyorganisationen. Unser Pech ist, dass sie Dinge festlegen, die in der realen Welt jeder anders sieht, aber jeder gleich sehen soll. 

Dass Regeln meistens den Interessen derer dienen, die sie setzen, wird sich nicht vermeiden lassen. Man kann ihnen das nicht einmal verübeln. Wenn diese aber ihre Regeln so festlegen, dass anderen das Handwerk erschwert wird oder gar unmöglich gemacht, sollte man sich überlegen, ob die Interessen aller bei der gerade formal zuständigen Truppe noch hinreichend berücksichtigt sind. Wie das gehen kann, kann man am Schicksal des Normenausschusses Bürowesen studieren. War NBü einst auf seinem Gebiet mächtiger als der Staat - der hätte sich nie getraut, DIN A4 als Maß für alle Lebensbereiche festzulegen oder die Länge der Tischbeine für die Hälfte der Arbeitsbevölkerung auf Millimeter genau vorzuschreiben oder gar der ganzen deutschen Bevölkerung vorzugeben, wie man in ein Diktiergerät spricht, so gibt es ihn seit 2007 nicht mehr. Bereits früher waren die Büromöbel Sache eines Ausschusses, der vom Thema Holz dominiert wurde. Na, bitte. Das sind doch gute Aussichten!

An den beiden Vorhaben, die Tischbeinlänge auf Millimeter genau festlegen und vorgeben, wie man in ein Diktiergerät spricht, kann man gute und schlechte Normen lernen auseinanderzuhalten. Die Beine der Tische müssen unterschiedlich  lang sein, weil auch die Menschen, die daran sitzen, unterschiedlich lange Beine haben. Hingegen gibt es nur eine Möglichkeit, Briefe in ein Gerät zu diktieren, wenn die Briefe mit den Gepflogenheiten der Wirtschaft konform sein sollen. 

Etwas ganz Besonderes stellt die Festlegung von DIN A4 dar. Das DIN-A4-Format wurde 1922 im Standard DIN 476 von Walter Porstmann festgelegt (heute weltweit als ISO 216 bekannt). Seine Entstehung löste ein enormes Chaos unterschiedlichster regionaler Papierformate ab. Beim Bogenoffsetdruck entstehen kaum Schnittabfälle (Verschnitt), da die Formate perfekt ineinander aufgehen. Die Vorteile sind derart  vielfältig, dass das DIN-A4-Format (international als ISO 216 standardisiert) in über 140 Ländern der Welt der alleinige offizielle Standard für Verwaltung, Wirtschaft und Bildung ist. Rechnet man alle Staaten hinzu, die ISO 216 als maßgebliche Norm anerkannt haben, nutzen über 190 Länder das Format – das betrifft fast die gesamte Weltbevölkerung.

Wie viele Länder wohl die deutsche Norm für die Beleuchtung übernommen haben? Man frage sich, warum.

Licht und Kinder

17.02.2012

BLAULICHT HIN IN HH - AD ACTA? NICHT DOCH!

Vor einem Jahr verkündete die Presse, Frank Schirra wäre nicht mehr Chef der CDU in Hamburg. Verständlich, wenn man seine Wählerzahl von einer Wahl zur nächsten halbiert. Hingegen glaube ich nicht, dass sein Engagement in Sachen Licht, mit dem er das Pisa-Tal mit Hilfe blauen Lichts zu überqueren versuchte, auch zu dem Debakel beigetragen haben könnte. Denn dazu hat die deutsche Öffentlichkeit weitgehend geschwiegen.

Man stelle sich vor, jemand will 1.000 Grundschulklassen mit Einrichtungen versehen, die die Kinder durch Bestrahlung zu höherer Leistung bringen sollen, und die Öffentlichkeit schweigt. Schlimm? Nicht doch, es wird noch besser: Das Institut, das die Blaulicht-Studie durchgeführt hatte, hat noch ein paar Dinge krumm gestaltet, was in einem ordentlich funktionierenden akademischen Umfeld ziemlich schlimme Folgen für den Chef nach sich ziehen würde. So z.B. wollte eine der drei Schulen, in denen die Studie stattgefunden hatte, doch nicht darin genannt werden. Wie sieht die Bereinigung eines Forschungsberichts aus?

Man nimmt die unwilligen Probanden heraus und berechnet die Ergebnisse neu. Nicht schön, aber geht noch. Was hat aber das Institut gemacht?  Nur die Zahl der Probanden korrigiert. Die Ergebnisse sind gleich. Na, bitte. So etwas nennt man homogene Stichprobe. Riecht doch irgendwie stark!

Es kommt aber noch besser: Nachdem eine Beschwerde bei der Ethikkommission eingegangen war, durfte wohl die Studie zur Validierung der Untersuchung nicht mehr mit Kindern gemacht werden. Also? Man nimmt Erwachsene. Sind doch auch Menschen! Ich glaube, der älteste Proband war 48 Jahre alt. Ganz schön junggeblieben, um an einer Studie für Grundschüler als Versuchskaninchen mitzuwirken.

Und dann? Man trägt die Sache vor einem handverlesenen Publikum vor. Dieses merkt zwar, dass der Vortragende ziemlich lustlos wirkt. Wie sollte der arme Kerl sonst wirken, wenn er Dinge vortragen muss, über die man sich nicht totlachen darf, obwohl die Sache wirklich zum Totlachen ist? Schwamm drüber, man kann solche Dinge ja vergessen.

Es kommt aber besser. Man bringt die Studie durch Anführen in einem offiziellen Dokument zu spätem Glanz. Und das sieht so aus:

(Veröffentlicht u.a.: Fassian M., Lange H.-H.: Key learnings from realized dynamic lighting projects: User acceptance and energy evaluation. Proceedings of the CIE Symposium „Lighting Quality & Energy Efficiency“, Vienna (2010) P379-384.)

Man merke: CIE ist die Weltorganisation des Lichts und nimmt für sich allein in Anspruch, lichttechnische Normen zu erstellen. Und da kommen hohe Herrschaften aus aller Welt zusammen, um den Plänen zu lauschen, deutschen Kindern mit frischem Licht zur Intelligenz zu verhelfen. Es ist nicht überliefert, ob das erlauchte Publikum unter Blaulicht stand.

Was meinen die Herren, die das Symposium „Lighting Quality & Energy Efficiency“ veranstaltet haben,  zu der Realität, wonach die Testobjekte in den Schulen mindestens doppelt so viel Strom verbraucht haben wie die üblichen Beleuchtungen? Wohl gar nichts. Bei Symposien fragt man üblicherweise nicht allzu viel. In diesem Fall hätte jemand doch auf den Tisch hauen müssen:

„Kühles frisches Licht“ morgens zum Aktivieren - Wow! Klassenarbeit - Brilliantes Licht erforderlich - Uff! Tief nach der Mittagspause? Wieder frisches kühles Licht! Ähemmm - Machen deutsche Grundschüler Mittagspause?

Wenn die Öffentlichkeit nicht aufwacht, kriegt sie von mir eine Ladung frisches kühles Licht ab. Ich fürchte, sie schläft aber weiter, während ihre Kinder in der Schule mit brilliantem Licht auf den Pisa-Gipfel getragen werden. Kein Wunder, die Damen und Herren Eltern hatten in der Schule ja keine Blaulichtduschen erhalten.

Ich bin in altmodischen Zeiten aufgewachsen. Da hieß es
„Im Frühtau zu Berge wir ziehn, vallera …“ Und so weiter :
Ihr alten und hochweisen Leut', vallera
Ihr denkt wohl wir wären nicht gescheit, vallera

Licht und Lüge

17.02.2012

… UND SIE DREHT SICH DOCH

Soeben ist der zweite Präsident der Bundesrepublik Deutschland zurückgetreten. Auch beim Abgang hat er bekräftigt, er habe trotz seiner Fehler immer aufrichtig gehandelt. Die juristische Prüfung der ihm vorgeworfenen Dinge werde ihn völlig entlasten. Ich schätze mal, er wird recht behalten. Denn, wer sich vernünftig diesseits der Kante des Zulässigen hält, kann von Juristen nicht belangt werden. Die Weisheit gilt nicht nur für ehemalige Bundespräsidenten, sondern erst recht für Lobbyisten oder gar Gesinnungstäter, wie übel sie den Mitmenschen auch mitspielen.

Von den letzteren, Gesinnungstätern, kenne ich jede Menge, darunter Kollegen, die nicht im Traum daran denken, etwas Unrechtes getan zu haben. Sie üben nur ihren Beruf aus. Sie sind alle Lichttechniker, die auch ohne Auftrag als Gralshüter ihrer - vermeintlichen - Disziplin fungieren. Für einen Menschen beliebiger Herkunft genügt es ins Lager der Aliens verbannt zu werden, einmal im Leben Leuchtdichte mit Leuchtstärke zu verwechseln. Und das reicht für ewig. So ein Missetäter hieß Hollwich, seine Missetat: Leuchtstoffröhre statt Leuchtstofflampe gesagt zu haben. Er blieb bis ins hohe Alter Buhmann, immerhin nicht ewig.

Interessanter der Kontext seiner Missetat: Hollwich hatte in den späten 1940er Jahren herausgefunden, dass viele Funktionen des menschlichen Körpers von der Beleuchtung und deren Spektrum beeinflusst oder gar gesteuert würden. Eigentlich müsste jeder Lichttechniker bei der Nachricht die Hände gerieben haben. Eine solche Aufwertung des Metiers hat es selten gegeben. Aber NEIN! Hollwich besaß die Frechheit, den Liebling der Technik, die Leuchtstofflampe, wegen ihres miserablen Spektrums anzugreifen. Also, ab in den Karzer!

Einem anderen, der etwas nicht weniger Bedeutsames ermittelt hat, drohte nicht etwa ein ähnliches Schicksal, er musste es sogar erleben und überstehen. Diesmal handelt es sich aber nicht um eine Historie, sondern um die blanke Gegenwart. Die Rede ist von Michael Holick und der Entdeckung des Vitamin-D-Defizits bei den Menschen. Was tut man mit einem, der nachgewiesen zu haben glaubt, dass die Gesundheit des Menschen vom Licht abhängt, und dies mit epidemiologischen Studien begründet und ein Buch schreibt? Richtig! Feuern.

Anders als deutsche Professoren, denen bereits bei der Berufung eine Tube Pattex mitgeliefert wird, damit sie selbst bei einem Sturz ihres Lehrstuhls noch daran kleben, können amerikanische Universitäten ihre Profs in die Prairie jagen. So auch Holick: Die unverzeihliche Missetat: Zu behaupten, Menschen nördlich von Atlanta hätten ein Vitamin-D-Defizit, weil die Hauptquelle für Vitamin-D die Sonne sei. Als Folge hiervon würden die Menschen höheren Risiken z.B. bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Brustkrebs und Dickdarmkrebs ausgesetzt. Die Universität Boston feuerte Holick im Jahre 2004 wegen seines Buches „UV Advantage“ (mehr hier http://www.scientificamerican.com/blog/post.cfm?id=five-years-after-being-fired-sun-ex-2009-01-30, oder hier Holick, MF and Jenkins, M.  The UV Advantage, iBooks: New York, 2004.)

Reicht es, solche Ketzer zu feuern? Müsste man sie nicht auch daran hindern, weiter zu publizieren? Im Mittelalter hat man solchen Leuten z.B. die Zunge abgeschnitten, damit sie nicht weiterreden können. Heute hülfen solche Methoden nicht, weil der Kerl notfalls noch SMS mit der Nase tippen könnte. Was tun also? Vorschlag: In ein modernes Büro mit einer Klimahülle aus Glas setzen. Das dreifache Glas reduziert die Menge an UV, die in den Raum kommt, derart, dass man astronomische Methoden bräuchte, um die Strahlung nachzuweisen. So kriegt man selbst einen harten Knochen wie Holick weich.

Hat Holick etwa etwas Falsches gesagt oder geschrieben, sodass die Uni Boston ihn unbedingt hätte feuern müssen? Nicht doch, lange vor ihm hatte ein anderer behauptet, Licht in Innenräumen könne nicht gesund sein, weil dort UV fehle. Der hieß Matthew Luckiesh und hatte die Sache in einem Buch 1926 aufs Tapet gebracht. Die Uni Michigan, nicht weit entfernt von Boston, hat Luckiesh nicht gefeuert, obwohl die Kritiker des Buchs ihm vorgeworfen hatten, UV zu thematisieren sei wohl der größte Unsinn, weil Inder, die dauernd in der Sonne lebten, eher stürben als Amerikaner. Vielleicht lag es daran, dass Luckiesh einige Jahre später etwas schrieb, was ihn für die mächtige Hautcreme-Lobby annehmbar machte. Was er geschrieben hat, lässt sich nur unter Bezahlung von 30 US-$ ermitteln, weil sein Papier kein Abstract enthielt. Wer es dennoch will, kann versuchen (REACTION OF UNTANNED HUMAN SKIN TO ULTRAVIOLET RADIATION, M. LUCKIESH, L. L. HOLLADAY, and A. H. TAYLOR, http://dx.doi.org/10.1364/JOSA.20.000423).

Mit seiner Rehabilitation zog Luckiesh mit Galileo Galilei gleich, den zwar der Papst verdammt hatte, aber halt in Ruhe ließ, sofern er nicht weiter behauptete, die Erde könne keine Scheibe sein. Wie wir heute wissen, hatte der Papst recht … als er Galilei rehabilitierte, über 400 Jahre später.

Wo liegt nun die Sünde des Lichttechnikers? Ich glaube darin, zu glauben und andere glauben zu machen, in Innenräumen könne es gesundes Licht geben. Diese Irreführung hatte bereits begonnen, bevor der älteste heute lebende Lichttechniker geboren wurde. Man hatte Licht so definiert, dass darin UV nicht vorkam. Ansonsten müsste man nämlich sagen, dass das Tageslicht gesund sei und Kunstlicht, na ja! In Maßen genossen als Beleuchtung zum Sehen. Notgedrungen, weil man das Sonnenlicht nicht in Säcke füllen und ins Rathaus tragen kann wie weiland in einer Kleinstadt in der Schweiz. Man wollte unbedingt, dass künstliches Licht als gesund gilt. Dabei hatte Luckiesh bereits Ende der 1920er Jahre die Bedingung dafür genannt: Künstliches Licht muss UV beinhalten. Folgerichtig hat er die entsprechende Lampe konstruiert. Leider war dieser Lampe kein Erfolg beschieden. So wurde Luckiesh vergessen, die Lampe auch.

Würde davon der Wert des künstlichen Lichts geschmälert? Ich meine, kaum. Es gibt zum einen genug Bedarf an künstlicher Beleuchtung als Ersatz für Tageslicht. Zum anderen gibt es eine breite Palette von Anwendungen, bei denen die künstliche Beleuchtung der natürlichen haushoch überlegen ist, und andere, bei denen es schwarz um Tageslicht aussähe. Also? Man muss nur der Lichttechnik den Zahn ziehen, den lichten Tag nachmachen zu können. Da sieht man immer mau aus. Und die Jünger so lange schulen, bis die wirklich verinnerlichen, dass man mit Lux und Lumen keine menschengerechte Umgebung basteln kann.

Wer übernimmt aber die Schulung? Auch Lichttechniker, es gibt nämlich auch so'ne.

Bis dahin wird es aber noch Beleuchtungsnormen geben, die behaupten, die Sicherheit und Gesundheit des Menschen berücksichtigt zu haben (so DIN EN 12464-1, insbesondere ISO 8995-1:2002 (CIE S 008/E:2001)). Dabei ist es in Europa gesetzwidrig, Normen zu erstellen, die sich auf die Sicherheit und Gesundheit beziehen. Das darf nur der Staat. Und viele Menschen werden an diversen Krebserkrankungen sterben, die vielleicht vermeidbar wären, wenn man Leuten wie Holick glauben würde, anstatt sie zu feuern.