Posts in Category: Lichtqualität

Blendung reloaded, kurzgefasst

03.10.2026

100 Jahre Licht- und Sehforschung,
aber das LED-Licht blendet dich nachts
trotzdem zuverlässiger als die Sonne selbst.
der Blogger

Die Blendung durch Licht will man seit über 100 Jahren bekämpfen. Die wichtigsten Methoden dafür wurden in den 1940er Jahren entwickelt, weil die Einführung einer neuen Lampe bevorstand, die der Leuchtstofflampe. In den 1990er Jahren wurde aus ihnen auf dem Papier eine vereinheitlichte Methode entwickelt, das UGR-Verfahren. So wie es aussieht, wird man in der Lichttechnik bestenfalls erst in den 2030er Jahren eine brauchbare Methode für die Blendungsbekämpfung einführen können, wenn die Revision von DIN EN 12464-1 ansteht. Wer nicht bis dahin warten möchte, um in einer störungsfreien Umgebung arbeiten zu dürfen, und auch keine Lust hat, eine persönliche Abdunkelungsmaßnahme zu realisieren, kann zu professionellen Produkten greifen (rechts: ein Schutzdach der Firma Cubeshield). 

In einem neuen Beitrag in Genesis 2.0 – Schöpfung der elektrischen Sonne wird die Problematik der Blendung behandelt. Hier die Kurzfassung:

Der Beitrag untersucht die wissenschaftliche Aussagekraft etablierter Verfahren zur Bewertung psychologischer Blendung in Innenräumen, insbesondere des Unified Glare Rating (UGR). Ausgangspunkt ist die methodische Unterscheidung zwischen Reliabilität, also der Zuverlässigkeit und Wiederholbarkeit einer Messung, und Validität, das heißt ihrer inhaltlichen Gültigkeit. Historisch entstand UGR aus älteren nationalen Modellen wie BGI, VCP und dem Söllner-Verfahren, um eine international einheitliche Bewertung zu ermöglichen. Der Index berücksichtigt Hintergrundleuchtdichte, mittlere Leuchtdichte, Größe und Position von Leuchten. Seine tabellarische Anwendung setzt jedoch standardisierte Raumgeometrien, Reflexionsgrade und regelmäßige Anordnungen eines Leuchtentyps voraus.

Die Analyse zeigt erhebliche Anwendungsgrenzen: Sehr kleine, großflächige oder inhomogen leuchtende Quellen sowie indirekte Beleuchtung werden unzureichend erfasst. Zudem ist UGR keine reine Leuchteneigenschaft, sondern von Raum, Anlage und Beobachterposition abhängig. Besonders problematisch sind große interindividuelle Streuungen in Probandenstudien, die Genauigkeit und Wiederholbarkeit der Blendungsurteile begrenzen. Damit wird bereits die Reliabilität infrage gestellt; ohne hinreichende Reliabilität ist eine Validierung des Verfahrens methodisch nicht möglich. Untersuchungen berichten darüber hinaus eine geringe Übereinstimmung vorhandener Blendindizes mit subjektiven Bewertungen, insbesondere bei komplexen Mehrleuchtensituationen und LED-Systemen.

Die praktischen Folgen reichen über momentanes Unbehagen hinaus. Beschäftigte verändern Beleuchtung, Arbeitsplätze oder Körperhaltung, um Direkt- und Reflexblendung zu vermeiden; mögliche Konsequenzen sind visuelle Ermüdung, Beschwerden des Bewegungsapparats und eine geringe Akzeptanz konventioneller Bürobeleuchtung. Ergebnisse aus Arbeitsumgebungen deuten darauf hin, dass formal gut entblendete Direktbeleuchtung dennoch stärkere Belastungen hervorrufen kann als indirekte oder individuell beeinflussbare Systeme. Eine ausschließlich auf UGR-Grenzwerte gestützte Planung unterschätzt daher die Wechselwirkungen zwischen Blendung, Kontrast, Reflexionen, Flimmern, spektraler Lichtwirkung, Bildschirmarbeit und fehlender Nutzerkontrolle. Erforderlich sind neue Bewertungsansätze, die reale Arbeitsaufgaben, zeitabhängige Belastungen, individuelle Unterschiede und weitere visuelle Stressoren integrieren. Bis zu einer solchen Neuformulierung sollten UGR-Werte nicht als präzise oder universell gültige Komfortkennzahlen interpretiert werden, sondern lediglich als begrenzte Planungsindikatoren innerhalb ihres definierten Anwendungsbereichs.

FemInLight - Eine Initiative der LiTG

14.07.2026

Wenn der Kampf für Rechte in einen Kampf um Nuancen umschlägt,
verliert die eigentliche Botschaft ihre Kraft.
der Blogger

Die letzte Light + Building wurde von einem seltenen Ereignis begleitet. Die LiTG veranstaltete beim LiTG-Campus LICHT ein Netzwerktreffen von Lichtfrauen. Es moderierten Johanna Stückler und Paula Longato einen offenen Austausch mit der Frage, wie Frauen* einander mehr in der Branche unterstützen können. (Der Stern ist unten erklärt.)

Aus dem positiven Feedback und dem Ziel, das „Zusammen“ zu erarbeiten, zu fördern und zu leben, ist nun eine Linkedin-Gruppe entstanden, die als Plattform zum Austauschen, Vernetzen, Fragen und Sichtbarwerden dienen soll. Die Gruppe ist unter https://www.linkedin.com/groups/18570021/ erreichbar. (hier)

Mir ist die Meldung eine eigene Meldung wert, weil ich viele Lichtdesignerinnen kenne, die wunderbare Arbeiten erstellt haben. 

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Ich bin nur durch den Stern irritiert. Den erklärt die LiTG so:
*Mit Frauen meinen wir alle Personen, die von Sexismus bzw. geschlechtsspezifischer Benachteiligung betroffen sind, darunter cis Frauen, trans Frauen sowie weitere Personen, die sich als Frauen identifizieren oder sich dem weiblichen Geschlecht zugehörig fühlen.

Die Links sind im Original vorhanden und führen zu Wikipedia-Artikeln, die die jeweiligen Geschlechtlichkeiten erklären. 

Eine salutogenetische Betrachtung von Licht - Umsetzungshindernisse und Chancen

14.07.2026

Wir sterben vielleicht nicht mehr an den üblichen Gefahren,
aber dafür wenigstens kerngesund und vorschriftsmäßig
an den Nebenwirkungen der Prävention
der Blogger

In Genesis 2.0 - Schöpfung der elektrischen Sonne  ist ein neuer Beitrag erschienen, der die Chancen für eine salutogenetische Auffassung vom Licht erläutert und die HIndernisse aufzeigt, die Lichtplaner und Nutzer daran hindern. 

Der Beitrag untersucht die neueste Beleuchtungsnorm ISO/CIE 8995-1:2025 aus einer salutogenetischen Perspektive und fragt, ob die Norm geeignet ist, Licht nicht nur als technische Mindestanforderung, sondern als Ressource für Gesundheit, Orientierung und Handlungsfähigkeit zu begreifen. Ausgangspunkt ist das Salutogenese-Modell, dessen Kohärenzgefühl aus Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit besteht. Diese drei Dimensionen werden auf die Beleuchtungsnorm übertragen, um deren praktische und begriffliche Leistungsfähigkeit kritisch zu prüfen.

Im Hinblick auf die Verstehbarkeit zeigt der Text erhebliche Defizite. Die Norm beansprucht, Anforderungen an Beleuchtung für Sehkomfort, Leistungsfähigkeit und Sicherheit zu formulieren. Gerade diese Zielgrößen erscheinen jedoch begrifflich unscharf oder unzureichend definiert. Der Begriff des Sehkomforts bleibt ohne belastbare Definition, Leistungsfähigkeit wird als zu weit gefasster Allgemeinbegriff kritisiert, und der Sicherheitsbegriff steht nach meiner Auffassung in Spannung zu normativen Vorgaben, die eine präzise Zweck- oder Schutzzielformulierung verlangen. Zusätzlich problematisiert der Beitrag den Geltungsbereich für Personen mit „normalem“ oder auf Normalwerte korrigiertem Sehvermögen und Lichtempfinden, da solche Normalwerte praktisch und rechtlich fragwürdig sind.

Die Handhabbarkeit wird vor allem daran gemessen, ob Betroffene oder Lichtplanende über geeignete Mittel verfügen, um Beleuchtung an individuelle Bedürfnisse anzupassen. Ich argumentiere, dass starre Beleuchtungsstärken, komplexe Tabellenwerte, unklare Begriffe und schwer überprüfbare Anforderungen die praktische Aneignung erschweren. Besonders problematisch erscheinen Bildschirmarbeitsplätze, an denen Fremdlicht Reflexionen, Blendung und visuelle Belastungen erzeugen kann. Zugleich weist der Beitrag darauf hin, dass moderne LED-Technik, tunable White, zonale Beleuchtung und individuell steuerbare Lichtsysteme neue Möglichkeiten eröffnen, Licht flexibler, nutzerbezogener und experimentell handhabbar zu machen.

Die Dimension der Sinnhaftigkeit verschiebt den Blick von bloßer Normkonformität auf gesundheitsförderliche Lichtumgebungen. Sichtverbindung nach außen, Tageslichtdynamik, atmosphärische Raumqualität und anpassbare Beleuchtung werden als Faktoren beschrieben, die biologische Rhythmen, Motivation und Wohlbefinden unterstützen können. Insgesamt kommt der Beitrag zu dem Ergebnis, dass eine rein pathogenetische Lichtplanung, die Augenbeschwerden, Unfälle oder Mindestwerte vermeiden will, nicht ausreicht. Eine salutogenetische Lichtplanung fragt vielmehr, wie Licht Verstehen, Bewältigen und Sinnstiftung im Arbeitsraum ermöglicht. Damit wird Licht als Bestandteil einer menschengerechten, flexiblen und gesundheitsfördernden Arbeitsumgebung verstanden, insbesondere im Kontext digitaler Arbeit und New-Work-Konzepte.

Verlust der Nacht - reloaded

11.06.2026

Die Erde leuchtet, der Himmel verblasst –
wir tauschen die Unendlichkeit gegen Straßenlaternen..
der Blogger

Verlust der Nacht zählt zu den wiederkehrenden Themen dieses Blogs. Ein Beitrag von 2015 trug den gleichen Titel (s. Rettet die Nacht ). In dem Beitrag sind drei Videos von Youtube verlinkt, die man sich auch heute noch angucken sollte.

Das erste Video, das hier wiederholt wird, liegt mir besonders am Herzen, weil …
… es Szenen aus Berlin zeigt, die Stadt der Lichter, die nachts besonders schön scheint
… es die Fledermäuse thematisiert, die von dem nächtlichen Licht zu profitieren scheinen.
… es die damaligen Anfänge eines Projekts des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) (Stand 2014) zeigt, das man 12 Jahre später als Erfolg bezeichnen kann.

Das zweite Video vom DarkSky International beklagt den Verlust “unserer” Nacht aus der Sicht der Astronomen, die sich heute eher in die Atacama-Wüste zurückziehen, wenn sie ferne Galaxien beobachten wollen. Das erste Video handelt von Projekten, die sich ganz nahe bei uns in Westhavelland abspielten; das zweite zeigt die globale Dimension. Allerdings kann kein Video die wahre Dimension des Problems aufzeigen, das die Forschenden von LAN (Light-at-Night) seit Jahrzehnten untersuchen. Deren Arbeit zeigt, wie das Licht in der Nacht nicht nur Tiere und Pflanzen massiv verändert, sondern auch das Leben des Menschen.

Den Videos folgt ein Bild, das Istanbul in der Nacht zeigt, eine Stadt, deren Lichthaube in den Weltraum ragt. Der dünne Kanal Richtung Nord zeigt den Bosporus, auf dem ich als Jugendlicher nachts die gefangenen Fische in meinem Boot mit einem Eimer Wasser suchte. Wenn man Seewasser bewegt, leuchtet es sehr schwach. Das reichte damals aus, um größere Gegenstände sichtbar zu machen. Heute wissen die dortigen Kinder nicht einmal, dass es die Milchstraße gibt.

Das Wort für Meeresleuchten wurde vor etwa 15 Jahren zum schönsten Wort der Welt gewählt, Yakamoz. Wenn man die Menschen am Bosporus danach fragt, werden sie auf eine Kneipe tippen.

Wenn  man sich die linke untere Ecke des Bildes anguckt, wird man kleine leuchtende Punkte entdecken, die die Küste säumen. Das sind keine Inseln, sondern Schiffe, die auf Reede liegen. Sie lassen die ganze Nacht ihre Generatoren laufen. Ihre Beleuchtung lässt sich vom Weltall fotografieren. Dabei reichen für Schiffe ab 50 m Länge als Ankerlieger zwei Rundumlichter, die aber nur von unten zu sehen sind und nicht vom Himmel aus.
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Bei dem besagten Projekt ging es nicht um ein Vermeiden von Licht in der Nacht, sondern um eine Begrenzung auf das Notwendige. Zudem wollte man die Wirkung auf die Insekten minimieren, indem man geeignete Spektren wählte.

Was da alles mittlerweile erreicht worden ist, kann man z.B. auf der Website Tatort Straßenbeleuchtung  sehen. Da steht z.B. „Kunst gegen Lichtsmog – Als Lampe trägst du Mütze“

Neben dieser witzigen künstlerischen Lösung gibt es auch technische Lösungen, so auch Full-Cutoff-Leuchten, das sind Leuchten, die die Mütze ab Werk tragen. Das Licht wird dahin gelenkt, wo es gebraucht wird. Dabei wird sogar der eigene Mast ausgespart: Das Licht fällt direkt nach unten, ohne den eigenen Laternenmast zu erhellen, da die Reflexion am Mast zusätzliche Lockwirkung entfaltet. (mehr hier)

Da sich die meisten Straßenleuchten in Deutschland den Mast in den Bauch stehen, bis ein Fußgänger kommt, dem sie den Weg zeigen dürfen – es sind immerhin über 9 Millionen –, werden sie spät in der Nacht gedimmt oder gar nur bedarfsgerecht eingeschaltet, wenn der besagte Fußgänger kommt. Die Idee ist nicht allzu neu, healthylight hatte darüber schon 2014 berichtet (hier Laternarius wieder da - elektronisch. Damals war das Licht nach Meinung eines Journalisten scheußlich kaltkrankes LED-Licht. Am Ende Projekts des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei wird man zum bernsteinfarbenen Licht einer anderen LED raten.

Wer nicht nur lesen, sondern auch mitforschen möchte, kann sich bei Tatort Straßenbeleuchtung melden: “Tatort Straßenbeleuchtung sucht Menschen, die mitforschen möchten! Anwohnerinnen und Anwohner, kleine und große Mitforscherinnen und Mitforscher. Experten und Amateure, Biologen, Astronomen oder Physiker, hier bieten wir Mit-Mach-Aktionen für alle Interessen!” (hier) Weitere interessante Links finden sich hier.

Die Methode Wissenschaft, mit der man Wissenschaft verhindert

13.05.2026

Wissenschaft, die vor lauter Signifikanz die Relevanz vergisst,
gleicht einem Kompass, der zwar perfekt nach Norden zeigt,
aber ignoriert, dass man bereits im Treibsand steht.

der Blogger

Dieses Kapitel kritisiert nicht Wissenschaft an sich, sondern bestimmte Vorgehensweisen, mit denen wissenschaftliches Arbeiten in sein Gegenteil verkehrt werden kann. Die zentrale These lautet, dass Methoden, die eigentlich der Erkenntnisgewinnung dienen sollen, in der Praxis häufig dazu benutzt werden, gewünschte Ergebnisse zu erzeugen, unpassende Befunde zu verschleiern oder unbequeme Erkenntnisse zu ignorieren. Am Beispiel der Lichttechnik zeigt der Autor, wie aus einzelnen wahren oder plausiblen Aussagen weitreichende Behauptungen konstruiert werden, die wissenschaftlich klingen, aber oft weder sauber begründet noch für den jeweiligen Anwendungsbereich hinreichend belegt sind.

Zu Beginn wird erläutert, dass sogenannte „science faction“ besonders problematisch ist: Dabei werden unstrittige Fakten mit Vermutungen, Plausibilitäten und Deutungen vermischt, bis am Ende der Eindruck eines wissenschaftlichen Nachweises entsteht. Aus einfachen, nachvollziehbaren Beobachtungen wird schrittweise eine große Behauptung abgeleitet, etwa dass mehr Beleuchtungsstärke automatisch gesünder, leistungsfördernder oder weniger ermüdend sei. Der Einwand des Autors lautet, dass Plausibilität noch kein Beweis ist und dass solche Argumentationsketten häufig gerade deshalb überzeugen, weil ihre einzelnen Bestandteile nicht völlig falsch wirken.

Ein zentrales Angriffsziel ist das sogenannte P-Hacking. Der Autor beschreibt damit die Praxis, aus Daten so lange passende Ausschnitte, Vergleiche oder Versuchsanordnungen herauszusuchen, bis ein statistisch signifikantes Ergebnis erscheint. Kritisiert wird vor allem, dass statistische Signifikanz häufig fälschlich als inhaltliche Bedeutung verstanden wird. Ein Ergebnis kann rechnerisch signifikant sein und trotzdem wenig über die eigentliche Praxis aussagen. Darüber hinaus zeigt der Text, dass mit genügend großer Fallzahl auch sehr kleine Unterschiede signifikant werden können. Dadurch entsteht die Gefahr, dass gewünschte Aussagen als wissenschaftliche Erkenntnisse verkauft werden, obwohl ihre Relevanz unklar bleibt.

An mehreren Beispielen aus der Licht- und Arbeitsmedizin wird verdeutlicht, wie problematisch dieser Umgang mit Signifikanz sein kann. So verweist der Autor auf Studien und Leitlinien, in denen statistisch starke Effekte behauptet werden, ohne dass die zugrunde liegenden Ursachen ausreichend erklärt werden. Besonders scharf kritisiert er Versuche, aus Untersuchungen in speziellen Umgebungen, etwa psychiatrischen Einrichtungen oder medizinischen Sondersituationen, allgemeine Aussagen über die gesundheitliche Wirkung von Beleuchtung im Alltag oder am Arbeitsplatz abzuleiten. Der Vorwurf lautet, dass hier häufig von Spezialfällen auf völlig andere Kontexte geschlossen wird, ohne die Übertragbarkeit der Ergebnisse ernsthaft zu prüfen.

Ein weiteres Muster sieht der Autor im HARKing, also im nachträglichen Formulieren einer Hypothese, nachdem die Ergebnisse bereits bekannt sind. Wer so vorgeht, erweckt den Eindruck, eine Untersuchung habe von Anfang an eine klare theoretische Grundlage gehabt, obwohl die Deutung erst im Nachhinein passend gemacht wurde. Ergänzt wird dies durch das sogenannte SHARKing, bei dem missliebige Hypothesen oder ganze Projekte stillschweigend verschwinden, wenn sich die erhofften Resultate nicht einstellen. Beide Praktiken verfälschen nach Ansicht des Autors den wissenschaftlichen Prozess, weil sie Misserfolge und Unsicherheiten unsichtbar machen, obwohl gerade diese für echten Erkenntnisfortschritt wichtig wären.

Besonders wirksam erscheint dem Autor jedoch nicht die Manipulation von Daten, sondern das Ignorieren von Wissen. Er argumentiert, dass in der Lichttechnik viele ältere, gut begründete Erkenntnisse nicht deshalb verdrängt wurden, weil sie widerlegt worden wären, sondern weil sie nicht in aktuelle technische, wirtschaftliche oder gestalterische Interessen passten. An Beispielen aus Architektur, Normung und Blendungsforschung zeigt er, dass bekannte Probleme über Jahrzehnte nicht konsequent aufgegriffen wurden. Dasselbe gelte für das Thema Flimmern: Beschwerden von Betroffenen seien lange abgewiesen worden, obwohl sich später zeigte, dass die Störung real ist und gesundheitliche Folgen haben kann. Für den Autor ist dies ein Beleg dafür, dass wissenschaftliche oder technische Gemeinschaften unbequeme Tatsachen oft nicht aktiv widerlegen, sondern schlicht an ihnen vorbeiarbeiten.

Als besonders tief liegendes Problem beschreibt der Text die mangelnde Validierung. Gemeint ist die Frage, ob eine gemessene Größe, ein Versuch oder ein Modell tatsächlich das erfasst, was inhaltlich behauptet wird. Der Autor macht deutlich, dass dies keine rein theoretische Frage ist, sondern praktische Folgen hat: Wenn ein Messwert nicht valide ist, kann ein ganzes System auf falschen Annahmen beruhen. An Beispielen aus der Kerntechnik, der Beleuchtung, der Blendungsbewertung und der Leistungsforschung zeigt er, dass zwischen physikalischer Messgröße und menschlicher Wahrnehmung oder praktischer Wirkung oft keine einfache, direkte Beziehung besteht. Gerade in der Lichttechnik wird aber häufig so getan, als ließen sich komplexe Wirkungen mit wenigen linearen Größen eindeutig erfassen.

Daran schließt die Kritik an dem unscharfen Begriff der Lichtqualität an. Der Autor bemängelt, dass die Lichttechnik zwar ständig von Qualität, Wohlbefinden, Sehkomfort, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit spreche, aber keine klaren und überprüfbaren Kriterien formuliere, nach denen sich die Qualität einer Beleuchtung tatsächlich bestimmen ließe. Solange der Zweck einer Beleuchtung nicht präzise festgelegt sei, bleibe auch unklar, woran ihre Güte gemessen werden soll. Dadurch wird es möglich, sehr verschiedene und teils widersprüchliche Anforderungen miteinander zu vermischen und dennoch den Eindruck einer objektiven Bewertung zu erzeugen.

Am Ende unterscheidet der Autor grundsätzlich zwischen Wissenschaft und Technik. Wissenschaft ziele darauf ab, Wissen dauerhaft zu gewinnen, Irrtümer offen zu legen und Erkenntnisse nachvollziehbar einzuordnen. Technik hingegen arbeitet oft unter Innovations-, Markt- und Verbesserungsdruck; dort genügt es häufig, dass etwas besser funktioniert als zuvor, auch wenn es noch unvollkommen ist. Diese Logik erklärt für den Autor manche Fehlentwicklungen, entschuldigt sie aber nicht.

Die Gesamtbotschaft des Kapitels ist, dass gerade in einem anwendungsnahen Feld wie der Lichttechnik wissenschaftliche Begriffe, statistische Methoden und normative Aussagen mit besonderer Sorgfalt behandelt werden müssten. Andernfalls entsteht eine Scheinwissenschaft, die mit dem Anschein von Exaktheit arbeitet, ohne die Voraussetzungen echter wissenschaftlicher Erkenntnis einzulösen.
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