Licht und Dauerlicht

15.03.2013

ES IST ERREICHT - DAS LICHT BRENNT DURCH

In den letzten Tagen geschah Unerhörtes. Als so viel los war mit dem alten und neuen Papst, über die so lange berichtet werden musste, ich meine im Öffentlichen, bis dass selbst eingefleischte Feinde des Action-Fernsehens, ich meine des Privaten, lieber Pro7 eingeschaltet haben, als ständig Kardinäle in allerlei Posen zu bewundern, rutsche eine Nachricht ziemlich unbewundert durch: Die erste Arbeitsstätte der Welt, die nach dem Traum des Deutschen Arbeitsschutzes beleuchtet ist, steht, und das Licht brennt durch - ich meine, durchgehend. Es ist der Zukunftsflughafen der Hauptstadt BER, dessen Zukunft in den Wolken geschrieben steht. Steht doch einem Flughafen gut – die Zukunft in den Wolken?

Erst einmal zum Traum: Jeder erwachsene Deutsche, dem ein Arbeitsplatz zugewiesen worden ist, hat per EURO-Norm ein Anrecht auf eine Mindestbeleuchtungsstärke zu seiner Er…, pardon, Beleuchtung. In der zuständigen Norm wird das Recht so definiert: „Die im Abschnitt 5 angegebenen Werte sind Wartungswerte der Beleuchtungsstärke im Bereich der Sehaufgabe auf der Bewertungsfläche, die horizontal, vertikal oder geneigt sein kann. Unabhängig vom Alter und Zustand der Beleuchtungsanlage darf die mittlere Beleuchtungsstärke für die jeweilige Aufgabe nicht unter den im Abschnitt 5 angegebenen Wert fallen.“ Es gibt Experten, die dem so beleuchteten Menschen das Recht absprechen, sogar im Falle übermäßiger Lichtfülle durch die Natur die Beleuchtung zu dimmen oder gar abzuschalten. Zu ihrem Schutz, natürlich. Dass diese den Sinn dieses Schutzes nicht verstehen und einfach zum Schalter greifen, ist unerheblich. Lux muss sein, vor allem 500.

Da eine Norm kein Recht begründet, hat die Arbeitsministerin eine ASR veröffentlicht, die das Ganze nochmals in Beton gießt: „An keiner Stelle im Bereich des Arbeitsplatzes darf das 0,6-fache der mittleren Beleuchtungsstärke unterschritten werden.“ So! Basta! Einen besseren Dienst für das Lichtmarketing hat noch nie eine Bundesministerin erweisen können. 

Bislang haben es deutsche Unternehmen versäumt, dieses Recht in die Praxis umzusetzen. Bisher! Neulich stand in der Zeitung, dass in BER das Licht durchbrennt, weil niemand es abschalten kann. Zwar ist es mit den Arbeitsplätzen noch nicht so weit. Vorglühen wird man doch dürfen … Niemand weiß heute, wann ein Verantwortlicher den Lichtschalter finden wird. Bis dahin wird das Hauptterminal des BER Tag und Nacht hell erleuchtet bleiben.

Licht und SAP

04.03.2013

SAP MACHT IHRE MITARBEITER KRANK

Als ich das neueste Heft von Mensch und Büro las, dachte ich, mich trifft der Schlag. Die Zukunft der Büros bei SAP wird durch eine sogenannte Voutenbeleuchtung erhellt. Die sieht so toll aus, weil die Lampen vor den Mitarbeitern versteckt werden. Vielmehr sieht sie gar nicht aus, denn man sieht keine Beleuchtung. Ein Grauen für jeden aufrichtigen Beleuchter. Wäre es gestern gewesen, hätte die SAP bestimmt gegen die Lichtnormen verstoßen. Und das macht bekanntlich die Mitarbeiter krank.

Falls das nicht reicht, steht noch eine Wohnzimmerleuchte im Raum. Igitt! Das sind doch Lichttöter? Wie man es richtig macht, hat uns ein Ing. aus Österreich erklärt. Man nehme einen Bildschirm, der spiegelt, kippe ihn 20° nach hinten, damit er richtig spiegelt. Dann schneide man den Leuchten den Teil des Lichts ab, den sie gerne auf den Bildschirm geworfen hätten, aber nicht mehr dürfen. Fertig ist das Wunderwerk BAP wie Bildschirmarbeitsplatzleuchte. Kein Licht auf dem Bildschirm, keine Spiegelung. Ich meine, theoretisch …

Ich schätze mal, der Österreicher wurde bei uns aktiv, weil die Ösis viel zu klug sind, um den Unsinn zu Ende zu hören. Dieser Österreicher hatte seine Idee einst als „dark light“ erfunden, so etwa anno 1969. Lange bevor die Linken den Marsch durch die Institutionen aufgerufen hatten, hatte er sich auf den Weg gemacht, eben den Marsch anzutreten. Mein Prof. erklärte uns Studenten, jeder flöge hochkant aus der Prüfung, wenn er von dark light spricht, Licht sei hell und es bliebe dabei. Bei ihm war also nichts zu holen. Ab zum Leiter der Leuchtenplanung der - damals - größten Firma. Die ist auch heute noch groß, aber nicht mehr in Sachen Licht (hier mehr).

Dieser und sein Vorstand witterten die Chance zum größten Scoop der Geschichte der Laternenmacherzunft: Ein neuer Name und ab geht die Post. Der Professor, der dark light nicht mochte, war gestorben. Nur noch ein Hindernis war aus dem Weg zu räumen, eine Weisheit im „Handbuch für Beleuchtung“. Die besagte, dass tiefstrahlende Leuchten nur für Sonderaufgaben einzusetzen seien. Zudem hieß es, „Können nur direktstrahlende Leuchten eingesetzt werden, so sollten sie möglichst großflächig sein“. Ansonsten sollte man die Decke und die Wände mit einer Zusatzbeleuchtung aufhellen.  Ach, was! Leute, die Leuchten kaufen bzw. einen Elektriker bestellen, um diese an die Decke zu schrauben, lesen nicht das Handbuch für Beleuchtung. Und Lichtplaner, die es lesen, kann man mit einer Beleuchtungsnorm zur Räson bringen. Gesagt, getan! Und dass der Protagonist der direktstrahlenden Zukunft das Handbuch mitgeschrieben hatte? Geschenkt.

So etwa seit 1979 wehrt man sich gegen die tolle Erfindung. Man ist leider nicht alle. Zuerst fanden die Leuchte nur die Erfinder gut, der Rest der Gilde übte sich in Enthaltung oder Kritik. Bis er merkte, dass sich gut Geld machen ließ mit der Wunderleuchte. Und die Beleuchtungsnorm hatte ganzheitlich alle Probleme geregelt: z.B. so: „Anmerkung: Auch helle Oberbekleidung kann zu störenden Spiegelungen auf dem Bildschirm führen. …“ Nur das Feingerippte blieb von der Norm unbehelligt, weil kein Licht in die Hose fällt.

Als alles Jammern nicht half, musste ich die Notbremse ziehen und veröffentlichte einen Artikel, der die mittlerweile genormte Leuchte als Verstoß gegen den Arbeitsschutz auswies (hier zu lesen). Mittlerweile sind auch diejenigen von dessen Wahrheitsgehalt überzeugt, die mich damals am liebsten in die Geschlossene eingewiesen hätten.

Aber dass ein Unternehmen es wagt, den schlimmsten Albtraum des Lichtmenschen zur Zukunftsvision zu erklären? Indirektbeleuchtung? Igitt, ist langweilig und ermüdend. Dazu eine Wohnraumleuchte in einem Arbeitsraum? Kann nicht wahr sein. Ob die noch irgendwo Tischlampen versteckt halten? Ich weiß, dass sie es tun.

SAP war einst von Leuten gegründet worden, die ihrem Arbeitgeber, dem größten EDV-Monopolisten seiner Zeit, nicht gehorchen wollten. Das Ketzertum der Gründer hat sich wohl auf die neuere Generation übertragen. Den Feuertod müssen sie nicht befürchten. Dürfen die SAP-Mitarbeiter jetzt weiße Hemden tragen?

Licht und Bahnfahrer

22.02.2013

BAHN LÄSST ICE BUNT LEUCHTEN

Die Deutsche Bahn springt auf den fahrenden Biolicht-Zug, wie heute der Berliner Tagesspiegel berichtet. Dort steht geschrieben: „Beim Licht geht die Bahn neue Wege: Morgens soll es gelblich leuchten, mittags blau und abends rötlich. Dies hätten Testpersonen als „besonders angenehm“ empfunden, hieß es weiter.“

Wenn das nicht ein neues Zeitalter für den ehemaligen Staatsbetrieb ist! Mein Gott! Endlich kommt einer auf die Idee, die biologischen Wirkungen von Licht zum Wohle der Fahrgäste umzusetzen, und alle meckern. Was waren das aber für Testpersonen? Bestimmt keine Schüler aus Hamburg. Die mögen nämlich blau, und zwar morgens. Das macht schlau, hat die Firma allen eingetrichtert, die früher sagten: „Nimm doch Ph…“ Wer mag wohl gelblich? Ich schätze mal die Herren im Sprinter, denen die Pyjamajacke unter dem Sakko rausguckt. Die fliegen morgens gen Frankfurt und kriegen den Kaffee am Platz serviert. Die Farbe passt sogar etwas zu Financial Times, nicht FTD, die ist pleite.

Mittags blau, verstehe ich vollkommen. Da will man möglichst aktiviert werden. Sitzen aber mittags Leute im Zug, die aktiviert werden wollen? Ich nicht. Ich schlafe gerne meinem Ziel entgegen. Da die Testpersonen, wer immer das sein mag, so etwas schön finden, darf ich mittags nicht schlafen, sondern muss mich aktivieren lassen.

Und rötlich - abends? Ähmmm … Wer will denn das schon wieder? Egal - Hauptsache, die Züge werden bunt.

Eigentlich müsste die Bahn die Wagen unterschiedlich bunt machen. Für die Pendler von Berlin nach Wolfsburg, die morgens die ersten ICEs bevölkern, gib blau, das macht aktiv (und zuweilen schlau). Die Fans der Balearen können auf dem Wege zum Flughafen Frankfurt gelblich bis rötlich gut vertragen – sie müssen sich auf das Dösen in Malle nach 12 Bier vorbereiten. Und abends? Soll man die Wirkung der Biere nach getaner Arbeit verstärken? Das spart Alkoholpegel bei gleichem Lustgewinn. Oder die Leute auf das Donnerwetter zu Hause vorbereiten? Dann lieber blau.

Wenn sich die neue Farbenlehre durchsetzt, wird man des Öfteren sein blaues Wunder erleben. Jeder hat seine eigene Körperzeit und seine eigenen Wünsche was seine Aktivierung bzw. Ruhigstellung angeht. Eisenbahnwaggons sind aber keine Telefonzellen, sondern eher Kollektivräume. Mal sehen, wie das Ganze ausgeht. Ob die Bahn so schlau ist, dass sie dieses Produkt mit einbauen lässt? Dann werden die neuen Züge zwar nicht mehr 6,5 Milliarden kosten. Aber so eine erleuchtete Sitzung ist bestimmt ihr Geld wert.

Leider wird sich das biodynamische Licht nicht ganz durchsetzen. wie auch in Arbeitsstätten, in denen die dynamische Beleuchtung abends aufhört, biodynamisch zu sein, weil niemand im Dunkeln arbeiten möchte. Die Bahn darf aus Sicherheitsgründen die Wagen nicht voll abdunkeln. So leuchten die LED-Leisten in die schöne dynamische Nachtbeleuchtung hinein.

Licht und Lampada

02.02.2013

LICHT - NICHT MEHR KERNGESCHÄFT

Unbemerkt von der großen Masse der Menschen ging dieser Tage eine der erstaunlichsten Karrieren der Industriegeschichte zu Ende. OSRAM - einst gemeinsame Tochter von Siemens, AEG und GE, danach 100%ige Tochter der Siemens AG, wurde am 27. Januar … Ja was? Ich denke, einfach und schnöde abgestoßen.

Dabei hatte Siemens ihre Karriere dem Licht zu verdanken. Denn sie lebte - und lebt heute noch - von Generatoren, deren Strom ohne Verbraucher nutzlos ist wie der Strom der Windmühlen auf der Nordsee, die ohne Kabel höchstens das Meer heizen dürfen. Ach ja, Kabel. Darauf baute sich das zweite Bein von Siemens. Und wie verkauft man Kabel, wenn niemand Strom braucht? Gar nicht. Daher muss man dafür sorgen, dass Leute Strom brauchen. Ergo? Man überredet eine hochgestellte Persönlichkeit - z.B. den König von Bayern. Dass dieser, Ludwig II, Märchenkönig heißt, hängt allerdings nicht damit zusammen, dass er den Märchen der Lichttechniker geglaubt hat. Die wurden später erfunden.

Ludwig II ließ 1878 seine Venusgrotte - bitte nicht mit Venushügel verwechseln, die werden seltener beleuchtet, weil meistens öffentlich nicht zugänglich - mit dem Strom aus Linderhof beleuchten. Dort stand das erste Kraftwerk auf Basis von nach dem Siemens-Prinzip arbeitenden Dynamos. Erbaut vom Freund Schuckert. Die Sache war so wichtig für die Geschichte der Firma, dass es einen Festakt auf Schloss Linderhof gab. Am 25. Mai 2011 würdigten Prinz Luitpold von Bayern, der bayrische Finanzminister Georg Fahrenschon und Siemens-Chef Peter Löscher die ersten Pioniere des Stromzeitalters. Und OSRAM keines Blickes. Stromzeitalter - nicht Lichtzeitalter - war angebrochen. Aber ohne Licht säße der Herr von Siemens noch in seiner gasbeleuchteten Werkstatt.


Ja, die Zeiten ändern sich. Zuerst wurde die Leuchtensparte an eine Heuschrecke verkauft - nicht mehr Kerngeschäft. Dann kaufte OSRAM diese zurück - wieder Kerngeschäft? Dann sollte OSRAM selbst verkauft werden - leider kein Geschäft, also stellt Siemens ihr Licht unter den Scheffel.

Jetzt ist Licht das einzige Kerngeschäft – bei OSRAM. Mal sehen, ob es trägt.

Artikel, die einem die gesamte Vergangenheit + Gegenwart beleuchten hier (aber nicht nur hier): 
Schloss Linderhof
Magie des Bühnenraums - natürlich durch Licht
Von der Gasglühlicht-Anstalt zu OLED-Hersteller
Und hier 100 Jahre OSRAM