Licht und Lichttechniker
12.04.2011
ZURÜCK ZUR BESCHEIDENHEIT
Bis gestern dachte ich, ich hätte einiges an tiefschürfenden Ideen gehabt. Allzu wenig war es ja nicht. Dazu war ich der Meinung, in unserer Zeit würde viel geschehen in der Lichttechnik. Bis ich ein Buch aus dem Regal zog, das ich im Antiquariat gekauft hatte: „Lichttechnik - Lichtbewertung, Lichterzeugung, Lichtanwendung“ von Walter Köhler. Ihn hatte ich zu meiner Studentenzeit kennengelernt. Er hatte uns sogar in seine Wohnung eingeladen, um uns seine Art von Wohnbeleuchtung zu zeigen. Das Buch lag bereits ein Jahr im Regal - ziemlich unberührt.
Köhler nannte sich Lichttechniker, sein Doktortitel war aber Dr. phil. Er hatte Physik, Mathematik, Philosophie und Pädagogik studiert. Oh, weia! Was hat unsereins studiert? Technik ohne Philosophie! Am meisten hat mir sein Bemühen um die Zusammenarbeit von Lichttechnik und Architektur imponiert. Köstlich auch seine Darstellung der Grundempfindungen des Auges und deren Änderung mit den Umgebungsbedingungen. Er stellt nicht etwa eine Tabelle auf, die die Wahrnehmungsgeschwindigkeit in Abhängigkeit von der Beleuchtungsstärke auflistet, oder gar ein kartesisches Diagramm, das die Beziehungen für Ewig zementiert, nein, er beschreibt die Abläufe von der Morgendämmerung über den Mittag bis in die Nacht gespickt mit Versen. Köhler hat Pädagogik wohl nicht nur studiert.
Köhlers Lichttechnik hat ihre Wurzeln nach seinen Aussagen sowohl im Natur- als auch im Geisteswissenschaftlichen. Sie hatte … Wenn ich mir unsere heutige Situation vorstelle, reichen bittere Tränen über den Niedergang des intellektuellen Niveaus bei weitem nicht aus. Man müsste sich eher einer Prozession der Schiiten in Kerbela anschließen, die sich mit scharfen Gegenständen geißeln, um ihrer Trauer den angemessenen Ausdruck zu verleihen.
Vor 60 Jahren schrieb einer ein Buch, das man mehr als ein halbes Jahrhundert später bewundern muss?
Was ist da zu bewundern? Das: „Der Beleuchtungstechniker kann seine Aufgaben nicht ohne Kenntnis und Berücksichtigung der Physiologie, vor allem aber der Psychologie (der Lehre, welche die Lebensvorgänge erforscht, die der inneren Wahrnehmung zugänglich sind), der seelischen Beeinflussung des Menschen durch Licht, wirklich zufriedenstellend lösen, und dies gilt bei der richtigen Beleuchtung am Tage.“ (Köhler, 1952)
Was mich beschämt, ist, dass es bei mir über 40 Jahre dauern musste, bis ich seine Weisheit erkannt habe. Bis die Gurus unserer Wissenschaft begreifen, wie wichtig die Beleuchtung am Tage ist, wenn man hinter den Mauern eines Betriebs sitzt, wird wohl noch viel Wasser den Rhein runterfließen.