Wenn die KI einem den Kopf wäscht

02.06.2026

Alles, was modern ist,
ist meistens nur etwas Altes,
das vergessen wurde.
der Blogger

Bei der Recherche nach neuen Erkenntnissen zu Lichtwirkungen muss ich mich zu weit aus dem Fenster gelehnt haben. Auf einmal erschien die nachfolgende Notiz in meinem Browser. Sie ist unbearbeitet und enthält die angeführten Literaturhinweise im Original:

Dass Sie bei der Lektüre aktueller Normenentwürfe (wie etwa der oft diskutierten DIN SPEC 5031-100) an die Lehrinhalte von 1968 denken, ist bezeichnend. Die Erkenntnis, dass Licht weit mehr tut als nur das Sehen zu ermöglichen, ist uralt. Die biologische bzw. nichtvisuelle Wirkung von Licht (also die Steuerung der inneren Uhr) wurde historisch fundiert erforscht. [1, 2]

Dennoch „vergeigen“ es Normungsgremien oft, diese einfachen Prinzipien praxisgerecht umzusetzen:

  • Der Kern der Sache: Die Erkenntnis, dass helles Licht am Morgen den Organismus aktiviert und der Mangel daran den Hormonhaushalt (Serotonin / Melatonin) stört, war bereits Ende der 1960er Jahre physiologischer Standard.
  • Das Problem der Normen: Statt dieses biologische Grundwissen in einfache, klare Regeln zu gießen, verstricken sich die Entwürfe oft in hochkomplexe, neue Messgrößen (wie etwa das \(\alpha \)-opic ERF, \(EDI\) oder \(MEDI\)). Das macht die Normen für die Praxis oft schwer verständlich und unhandlich.
  • Der Praxisbezug: Ein modernes, gesundes Beleuchtungskonzept für Büros oder Wohnräume lässt sich auf eine einfache Formel reduzieren: Hohe Beleuchtungsstärken mit hohem Blauanteil am Tag (zur Aktivierung) und warmes, gedimmtes Licht am Abend (zur Entspannung). [1, 2, 3, 4, 5]
    .

Wie kam es dazu, dass die Wissenschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts die Entdeckung des neuen Sensors im Auge fast wie die Erscheinung des Heilands gefeiert hat? Dies will ich nicht in ganzer Länge kommentieren. Aber ein Ereignis kann ich aus eigener Erfahrung treffend kommentieren. Der Forschende, der häufig  mit der Entdeckung der (intrinsisch) photosensitiven retinalen Ganglienzellen in Verbindung gesehen wird, Prof. Brainard, berichtete im Jahr 2017 von einer Studie, womit er festgestellt haben wollte, dass Blinde einen circadianen Rhythmus besäßen, obwohl ihr Gehirn keine Bilder empfangen könne. 

Ich hatte exakt dieselbe Erkenntnis von Prof. Hollwich Anfang der 1970er Jahre an der TU Berlin gehört. Er hatte Sehende, Blinde und Augenlose hinsichtlich ihrer circadianen Rhythmik verglichen und daraus abgeleitet, dass es einen anderen Kanal zwischen dem Auge und dem Gehirn geben müsse. Diesen Kanal hätte er deswegen den energetischen Pfad genannt. Warum müssen wir 30 Jahre später einen amerikanischen Forscher einfliegen, der uns die fast identische Story als neue Erkenntnis auftischt?

Meine Diagnose lautet: Zerstückelung des Forschungsgebiets. Hollwich war ein Augenmediziner. Dass er an der TU Berlin vortrug, hing damit zusammen, dass er mit der LiTG zusammengeraten war, als er beim Bundestag ein Verbot von Leuchtstofflampen beantragt hatte. Er war zu dem Vortrag eingeladen worden, weil unser Professor die Kommunikation zwischen ihm und der LiTG managte. Als Ingenieursstudenten hätten wir solche Inhalte nie erfahren, ohne dass die Uni und die LiTG sie jenseits unserer beruflichen Sachverhalte diskutiert hätten.  

Die Zeitschrift, in der deutsche Lichttechniker ihre Forschung hätten veröffentlichen können, Lichtforschung, hatte ein  extrem kurzes Leben. Die entstand etwa 1971 und war 1973 schon tot. Sie war aus der Lichttechnik hervorgegangen, wie auch die Zeitschrift Licht, die es auch heute noch gibt. Diese sollte weniger wissenschaftlich sein. Deswegen liest man sie nur in Deutschland und nur in technischen Kreisen. Wo Hollwich überall seine Erkenntnisse veröffentlicht hat, zeigt das Zitat, so etwa Dtsch. Ophtal. Ges., Graefes Arch. Opth. Actas neuweget, Wien …

Kurz gesagt, der deutschen Lichtforschung, so es die überhaupt gibt, fehlte ein Publikationsorgan. Was das bedeutet, kann man an einer Zahl erkennen: Das fundamentale Buch Human Factor in Lighting von Peter Boyce führt über 1200 Referenzen an. Davon stammt eine einzige Referenz aus Licht

Forschende wie George C. Brainard hingegen (hier, nicht zu verwechseln mit dem Disney-Professor Ned Brainard, dem zerstreuten Professor, bevorzugen Organe wie The Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism oder Journal of Biological Rhythms. Ich musste mir meine Kenntnisse zu Licht und Gesundheit aus sehr unterschiedlichen Disziplinen zusammenholen. Wer sich heute auf dem Gebiet orientieren will, muss sich neben Lichttechnik auch auf Gebieten wie Chronobiologie, Photobiologie, Ophthalmologie, Dermatologie, Endokrinologie, Psychiatrie und Psychologie informieren. 

Kaum jemand weiß, dass Brainard seit 1987 für die NASA forscht und sein Wirken darauf ausgerichtet ist, die circadiane Rhythmik von Astronauten bei längeren Raumfahrten zu optimieren. Andere untersuchen Therapiemöglichkeiten für die Psychiatrie. Wiederum andere wollen zufriedenstellende Lebensbedingungen in der Arbeitswelt mit Licht optimieren. 

Da nimmt es nicht Wunder, dass manches Wissen auf einem Gebiet aus vorgestern anderen wie eine Vision für morgen vorkommt. 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Wenn die KI einem den Kopf wäscht

02.06.2026

Alles, was modern ist,
ist meistens nur etwas Altes,
das vergessen wurde.
der Blogger

Bei der Recherche nach neuen Erkenntnissen zu Lichtwirkungen muss ich mich zu weit aus dem Fenster gelehnt haben. Auf einmal erschien die nachfolgende Notiz in meinem Browser. Sie ist unbearbeitet und enthält die angeführten Literaturhinweise im Original:

Dass Sie bei der Lektüre aktueller Normenentwürfe (wie etwa der oft diskutierten DIN SPEC 5031-100) an die Lehrinhalte von 1968 denken, ist bezeichnend. Die Erkenntnis, dass Licht weit mehr tut als nur das Sehen zu ermöglichen, ist uralt. Die biologische bzw. nichtvisuelle Wirkung von Licht (also die Steuerung der inneren Uhr) wurde historisch fundiert erforscht. [1, 2]

Dennoch „vergeigen“ es Normungsgremien oft, diese einfachen Prinzipien praxisgerecht umzusetzen:

  • Der Kern der Sache: Die Erkenntnis, dass helles Licht am Morgen den Organismus aktiviert und der Mangel daran den Hormonhaushalt (Serotonin / Melatonin) stört, war bereits Ende der 1960er Jahre physiologischer Standard.
  • Das Problem der Normen: Statt dieses biologische Grundwissen in einfache, klare Regeln zu gießen, verstricken sich die Entwürfe oft in hochkomplexe, neue Messgrößen (wie etwa das \(\alpha \)-opic ERF, \(EDI\) oder \(MEDI\)). Das macht die Normen für die Praxis oft schwer verständlich und unhandlich.
  • Der Praxisbezug: Ein modernes, gesundes Beleuchtungskonzept für Büros oder Wohnräume lässt sich auf eine einfache Formel reduzieren: Hohe Beleuchtungsstärken mit hohem Blauanteil am Tag (zur Aktivierung) und warmes, gedimmtes Licht am Abend (zur Entspannung). [1, 2, 3, 4, 5]
    .

Wie kam es dazu, dass die Wissenschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts die Entdeckung des neuen Sensors im Auge fast wie die Erscheinung des Heilands gefeiert hat? Dies will ich nicht in ganzer Länge kommentieren. Aber ein Ereignis kann ich aus eigener Erfahrung treffend kommentieren. Der Forschende, der häufig  mit der Entdeckung der (intrinsisch) photosensitiven retinalen Ganglienzellen in Verbindung gesehen wird, Prof. Brainard, berichtete im Jahr 2017 von einer Studie, womit er festgestellt haben wollte, dass Blinde einen circadianen Rhythmus besäßen, obwohl ihr Gehirn keine Bilder empfangen könne. 

Ich hatte exakt dieselbe Erkenntnis von Prof. Hollwich Anfang der 1970er Jahre an der TU Berlin gehört. Er hatte Sehende, Blinde und Augenlose hinsichtlich ihrer circadianen Rhythmik verglichen und daraus abgeleitet, dass es einen anderen Kanal zwischen dem Auge und dem Gehirn geben müsse. Diesen Kanal hätte er deswegen den energetischen Pfad genannt. Warum müssen wir 30 Jahre später einen amerikanischen Forscher einfliegen, der uns die fast identische Story als neue Erkenntnis auftischt?

Meine Diagnose lautet: Zerstückelung des Forschungsgebiets. Hollwich war ein Augenmediziner. Dass er an der TU Berlin vortrug, hing damit zusammen, dass er mit der LiTG zusammengeraten war, als er beim Bundestag ein Verbot von Leuchtstofflampen beantragt hatte. Er war zu dem Vortrag eingeladen worden, weil unser Professor die Kommunikation zwischen ihm und der LiTG managte. Als Ingenieursstudenten hätten wir solche Inhalte nie erfahren, ohne dass die Uni und die LiTG sie jenseits unserer beruflichen Sachverhalte diskutiert hätten.  

Die Zeitschrift, in der deutsche Lichttechniker ihre Forschung hätten veröffentlichen können, Lichtforschung, hatte ein  extrem kurzes Leben. Die entstand etwa 1971 und war 1973 schon tot. Sie war aus der Lichttechnik hervorgegangen, wie auch die Zeitschrift Licht, die es auch heute noch gibt. Diese sollte weniger wissenschaftlich sein. Deswegen liest man sie nur in Deutschland und nur in technischen Kreisen. Wo Hollwich überall seine Erkenntnisse veröffentlicht hat, zeigt das Zitat, so etwa Dtsch. Ophtal. Ges., Graefes Arch. Opth. Actas neuweget, Wien …

Kurz gesagt, der deutschen Lichtforschung, so es die überhaupt gibt, fehlte ein Publikationsorgan. Was das bedeutet, kann man an einer Zahl erkennen: Das fundamentale Buch Human Factor in Lighting von Peter Boyce führt über 1200 Referenzen an. Davon stammt eine einzige Referenz aus Licht

Forschende wie George C. Brainard hingegen (hier, nicht zu verwechseln mit dem Disney-Professor Ned Brainard, dem zerstreuten Professor, bevorzugen Organe wie The Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism oder Journal of Biological Rhythms. Ich musste mir meine Kenntnisse zu Licht und Gesundheit aus sehr unterschiedlichen Disziplinen zusammenholen. Wer sich heute auf dem Gebiet orientieren will, muss sich neben Lichttechnik auch auf Gebieten wie Chronobiologie, Photobiologie, Ophthalmologie, Dermatologie, Endokrinologie, Psychiatrie und Psychologie informieren. 

Kaum jemand weiß, dass Brainard seit 1987 für die NASA forscht und sein Wirken darauf ausgerichtet ist, die circadiane Rhythmik von Astronauten bei längeren Raumfahrten zu optimieren. Andere untersuchen Therapiemöglichkeiten für die Psychiatrie. Wiederum andere wollen zufriedenstellende Lebensbedingungen in der Arbeitswelt mit Licht optimieren. 

Da nimmt es nicht Wunder, dass manches Wissen auf einem Gebiet aus vorgestern anderen wie eine Vision für morgen vorkommt. 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Wenn die KI einem den Kopf wäscht

02.06.2026

Alles, was modern ist,
ist meistens nur etwas Altes,
das vergessen wurde.
der Blogger

Bei der Recherche nach neuen Erkenntnissen zu Lichtwirkungen muss ich mich zu weit aus dem Fenster gelehnt haben. Auf einmal erschien die nachfolgende Notiz in meinem Browser. Sie ist unbearbeitet und enthält die angeführten Literaturhinweise im Original:

Dass Sie bei der Lektüre aktueller Normenentwürfe (wie etwa der oft diskutierten DIN SPEC 5031-100) an die Lehrinhalte von 1968 denken, ist bezeichnend. Die Erkenntnis, dass Licht weit mehr tut als nur das Sehen zu ermöglichen, ist uralt. Die biologische bzw. nichtvisuelle Wirkung von Licht (also die Steuerung der inneren Uhr) wurde historisch fundiert erforscht. [1, 2]

Dennoch „vergeigen“ es Normungsgremien oft, diese einfachen Prinzipien praxisgerecht umzusetzen:

  • Der Kern der Sache: Die Erkenntnis, dass helles Licht am Morgen den Organismus aktiviert und der Mangel daran den Hormonhaushalt (Serotonin / Melatonin) stört, war bereits Ende der 1960er Jahre physiologischer Standard.
  • Das Problem der Normen: Statt dieses biologische Grundwissen in einfache, klare Regeln zu gießen, verstricken sich die Entwürfe oft in hochkomplexe, neue Messgrößen (wie etwa das \(\alpha \)-opic ERF, \(EDI\) oder \(MEDI\)). Das macht die Normen für die Praxis oft schwer verständlich und unhandlich.
  • Der Praxisbezug: Ein modernes, gesundes Beleuchtungskonzept für Büros oder Wohnräume lässt sich auf eine einfache Formel reduzieren: Hohe Beleuchtungsstärken mit hohem Blauanteil am Tag (zur Aktivierung) und warmes, gedimmtes Licht am Abend (zur Entspannung). [1, 2, 3, 4, 5]
    .

Wie kam es dazu, dass die Wissenschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts die Entdeckung des neuen Sensors im Auge fast wie die Erscheinung des Heilands gefeiert hat? Dies will ich nicht in ganzer Länge kommentieren. Aber ein Ereignis kann ich aus eigener Erfahrung treffend kommentieren. Der Forschende, der häufig  mit der Entdeckung der (intrinsisch) photosensitiven retinalen Ganglienzellen in Verbindung gesehen wird, Prof. Brainard, berichtete im Jahr 2017 von einer Studie, womit er festgestellt haben wollte, dass Blinde einen circadianen Rhythmus besäßen, obwohl ihr Gehirn keine Bilder empfangen könne. 

Ich hatte exakt dieselbe Erkenntnis von Prof. Hollwich Anfang der 1970er Jahre an der TU Berlin gehört. Er hatte Sehende, Blinde und Augenlose hinsichtlich ihrer circadianen Rhythmik verglichen und daraus abgeleitet, dass es einen anderen Kanal zwischen dem Auge und dem Gehirn geben müsse. Diesen Kanal hätte er deswegen den energetischen Pfad genannt. Warum müssen wir 30 Jahre später einen amerikanischen Forscher einfliegen, der uns die fast identische Story als neue Erkenntnis auftischt?

Meine Diagnose lautet: Zerstückelung des Forschungsgebiets. Hollwich war ein Augenmediziner. Dass er an der TU Berlin vortrug, hing damit zusammen, dass er mit der LiTG zusammengeraten war, als er beim Bundestag ein Verbot von Leuchtstofflampen beantragt hatte. Er war zu dem Vortrag eingeladen worden, weil unser Professor die Kommunikation zwischen ihm und der LiTG managte. Als Ingenieursstudenten hätten wir solche Inhalte nie erfahren, ohne dass die Uni und die LiTG sie jenseits unserer beruflichen Sachverhalte diskutiert hätten.  

Die Zeitschrift, in der deutsche Lichttechniker ihre Forschung hätten veröffentlichen können, Lichtforschung, hatte ein  extrem kurzes Leben. Die entstand etwa 1971 und war 1973 schon tot. Sie war aus der Lichttechnik hervorgegangen, wie auch die Zeitschrift Licht, die es auch heute noch gibt. Diese sollte weniger wissenschaftlich sein. Deswegen liest man sie nur in Deutschland und nur in technischen Kreisen. Wo Hollwich überall seine Erkenntnisse veröffentlicht hat, zeigt das Zitat, so etwa Dtsch. Ophtal. Ges., Graefes Arch. Opth. Actas neuweget, Wien …

Kurz gesagt, der deutschen Lichtforschung, so es die überhaupt gibt, fehlte ein Publikationsorgan. Was das bedeutet, kann man an einer Zahl erkennen: Das fundamentale Buch Human Factor in Lighting von Peter Boyce führt über 1200 Referenzen an. Davon stammt eine einzige Referenz aus Licht

Forschende wie George C. Brainard hingegen (hier, nicht zu verwechseln mit dem Disney-Professor Ned Brainard, dem zerstreuten Professor, bevorzugen Organe wie The Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism oder Journal of Biological Rhythms. Ich musste mir meine Kenntnisse zu Licht und Gesundheit aus sehr unterschiedlichen Disziplinen zusammenholen. Wer sich heute auf dem Gebiet orientieren will, muss sich neben Lichttechnik auch auf Gebieten wie Chronobiologie, Photobiologie, Ophthalmologie, Dermatologie, Endokrinologie, Psychiatrie und Psychologie informieren. 

Kaum jemand weiß, dass Brainard seit 1987 für die NASA forscht und sein Wirken darauf ausgerichtet ist, die circadiane Rhythmik von Astronauten bei längeren Raumfahrten zu optimieren. Andere untersuchen Therapiemöglichkeiten für die Psychiatrie. Wiederum andere wollen zufriedenstellende Lebensbedingungen in der Arbeitswelt mit Licht optimieren. 

Da nimmt es nicht Wunder, dass manches Wissen auf einem Gebiet aus vorgestern anderen wie eine Vision für morgen vorkommt. 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Wenn die KI einem den Kopf wäscht

02.06.2026

Alles, was modern ist,
ist meistens nur etwas Altes,
das vergessen wurde.
der Blogger

Bei der Recherche nach neuen Erkenntnissen zu Lichtwirkungen muss ich mich zu weit aus dem Fenster gelehnt haben. Auf einmal erschien die nachfolgende Notiz in meinem Browser. Sie ist unbearbeitet und enthält die angeführten Literaturhinweise im Original:

Dass Sie bei der Lektüre aktueller Normenentwürfe (wie etwa der oft diskutierten DIN SPEC 5031-100) an die Lehrinhalte von 1968 denken, ist bezeichnend. Die Erkenntnis, dass Licht weit mehr tut als nur das Sehen zu ermöglichen, ist uralt. Die biologische bzw. nichtvisuelle Wirkung von Licht (also die Steuerung der inneren Uhr) wurde historisch fundiert erforscht. [1, 2]

Dennoch „vergeigen“ es Normungsgremien oft, diese einfachen Prinzipien praxisgerecht umzusetzen:

  • Der Kern der Sache: Die Erkenntnis, dass helles Licht am Morgen den Organismus aktiviert und der Mangel daran den Hormonhaushalt (Serotonin / Melatonin) stört, war bereits Ende der 1960er Jahre physiologischer Standard.
  • Das Problem der Normen: Statt dieses biologische Grundwissen in einfache, klare Regeln zu gießen, verstricken sich die Entwürfe oft in hochkomplexe, neue Messgrößen (wie etwa das \(\alpha \)-opic ERF, \(EDI\) oder \(MEDI\)). Das macht die Normen für die Praxis oft schwer verständlich und unhandlich.
  • Der Praxisbezug: Ein modernes, gesundes Beleuchtungskonzept für Büros oder Wohnräume lässt sich auf eine einfache Formel reduzieren: Hohe Beleuchtungsstärken mit hohem Blauanteil am Tag (zur Aktivierung) und warmes, gedimmtes Licht am Abend (zur Entspannung). [1, 2, 3, 4, 5]
    .

Wie kam es dazu, dass die Wissenschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts die Entdeckung des neuen Sensors im Auge fast wie die Erscheinung des Heilands gefeiert hat? Dies will ich nicht in ganzer Länge kommentieren. Aber ein Ereignis kann ich aus eigener Erfahrung treffend kommentieren. Der Forschende, der häufig  mit der Entdeckung der (intrinsisch) photosensitiven retinalen Ganglienzellen in Verbindung gesehen wird, Prof. Brainard, berichtete im Jahr 2017 von einer Studie, womit er festgestellt haben wollte, dass Blinde einen circadianen Rhythmus besäßen, obwohl ihr Gehirn keine Bilder empfangen könne. 

Ich hatte exakt dieselbe Erkenntnis von Prof. Hollwich Anfang der 1970er Jahre an der TU Berlin gehört. Er hatte Sehende, Blinde und Augenlose hinsichtlich ihrer circadianen Rhythmik verglichen und daraus abgeleitet, dass es einen anderen Kanal zwischen dem Auge und dem Gehirn geben müsse. Diesen Kanal hätte er deswegen den energetischen Pfad genannt. Warum müssen wir 30 Jahre später einen amerikanischen Forscher einfliegen, der uns die fast identische Story als neue Erkenntnis auftischt?

Meine Diagnose lautet: Zerstückelung des Forschungsgebiets. Hollwich war ein Augenmediziner. Dass er an der TU Berlin vortrug, hing damit zusammen, dass er mit der LiTG zusammengeraten war, als er beim Bundestag ein Verbot von Leuchtstofflampen beantragt hatte. Er war zu dem Vortrag eingeladen worden, weil unser Professor die Kommunikation zwischen ihm und der LiTG managte. Als Ingenieursstudenten hätten wir solche Inhalte nie erfahren, ohne dass die Uni und die LiTG sie jenseits unserer beruflichen Sachverhalte diskutiert hätten.  

Die Zeitschrift, in der deutsche Lichttechniker ihre Forschung hätten veröffentlichen können, Lichtforschung, hatte ein  extrem kurzes Leben. Die entstand etwa 1971 und war 1973 schon tot. Sie war aus der Lichttechnik hervorgegangen, wie auch die Zeitschrift Licht, die es auch heute noch gibt. Diese sollte weniger wissenschaftlich sein. Deswegen liest man sie nur in Deutschland und nur in technischen Kreisen. Wo Hollwich überall seine Erkenntnisse veröffentlicht hat, zeigt das Zitat, so etwa Dtsch. Ophtal. Ges., Graefes Arch. Opth. Actas neuweget, Wien …

Kurz gesagt, der deutschen Lichtforschung, so es die überhaupt gibt, fehlte ein Publikationsorgan. Was das bedeutet, kann man an einer Zahl erkennen: Das fundamentale Buch Human Factor in Lighting von Peter Boyce führt über 1200 Referenzen an. Davon stammt eine einzige Referenz aus Licht

Forschende wie George C. Brainard hingegen (hier, nicht zu verwechseln mit dem Disney-Professor Ned Brainard, dem zerstreuten Professor, bevorzugen Organe wie The Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism oder Journal of Biological Rhythms. Ich musste mir meine Kenntnisse zu Licht und Gesundheit aus sehr unterschiedlichen Disziplinen zusammenholen. Wer sich heute auf dem Gebiet orientieren will, muss sich neben Lichttechnik auch auf Gebieten wie Chronobiologie, Photobiologie, Ophthalmologie, Dermatologie, Endokrinologie, Psychiatrie und Psychologie informieren. 

Kaum jemand weiß, dass Brainard seit 1987 für die NASA forscht und sein Wirken darauf ausgerichtet ist, die circadiane Rhythmik von Astronauten bei längeren Raumfahrten zu optimieren. Andere untersuchen Therapiemöglichkeiten für die Psychiatrie. Wiederum andere wollen zufriedenstellende Lebensbedingungen in der Arbeitswelt mit Licht optimieren. 

Da nimmt es nicht Wunder, dass manches Wissen auf einem Gebiet aus vorgestern anderen wie eine Vision für morgen vorkommt. 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Wenn die KI einem den Kopf wäscht

02.06.2026

Alles, was modern ist,
ist meistens nur etwas Altes,
das vergessen wurde.
der Blogger

Bei der Recherche nach neuen Erkenntnissen zu Lichtwirkungen muss ich mich zu weit aus dem Fenster gelehnt haben. Auf einmal erschien die nachfolgende Notiz in meinem Browser. Sie ist unbearbeitet und enthält die angeführten Literaturhinweise im Original:

Dass Sie bei der Lektüre aktueller Normenentwürfe (wie etwa der oft diskutierten DIN SPEC 5031-100) an die Lehrinhalte von 1968 denken, ist bezeichnend. Die Erkenntnis, dass Licht weit mehr tut als nur das Sehen zu ermöglichen, ist uralt. Die biologische bzw. nichtvisuelle Wirkung von Licht (also die Steuerung der inneren Uhr) wurde historisch fundiert erforscht. [1, 2]

Dennoch „vergeigen“ es Normungsgremien oft, diese einfachen Prinzipien praxisgerecht umzusetzen:

  • Der Kern der Sache: Die Erkenntnis, dass helles Licht am Morgen den Organismus aktiviert und der Mangel daran den Hormonhaushalt (Serotonin / Melatonin) stört, war bereits Ende der 1960er Jahre physiologischer Standard.
  • Das Problem der Normen: Statt dieses biologische Grundwissen in einfache, klare Regeln zu gießen, verstricken sich die Entwürfe oft in hochkomplexe, neue Messgrößen (wie etwa das \(\alpha \)-opic ERF, \(EDI\) oder \(MEDI\)). Das macht die Normen für die Praxis oft schwer verständlich und unhandlich.
  • Der Praxisbezug: Ein modernes, gesundes Beleuchtungskonzept für Büros oder Wohnräume lässt sich auf eine einfache Formel reduzieren: Hohe Beleuchtungsstärken mit hohem Blauanteil am Tag (zur Aktivierung) und warmes, gedimmtes Licht am Abend (zur Entspannung). [1, 2, 3, 4, 5]
    .

Wie kam es dazu, dass die Wissenschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts die Entdeckung des neuen Sensors im Auge fast wie die Erscheinung des Heilands gefeiert hat? Dies will ich nicht in ganzer Länge kommentieren. Aber ein Ereignis kann ich aus eigener Erfahrung treffend kommentieren. Der Forschende, der häufig  mit der Entdeckung der (intrinsisch) photosensitiven retinalen Ganglienzellen in Verbindung gesehen wird, Prof. Brainard, berichtete im Jahr 2017 von einer Studie, womit er festgestellt haben wollte, dass Blinde einen circadianen Rhythmus besäßen, obwohl ihr Gehirn keine Bilder empfangen könne. 

Ich hatte exakt dieselbe Erkenntnis von Prof. Hollwich Anfang der 1970er Jahre an der TU Berlin gehört. Er hatte Sehende, Blinde und Augenlose hinsichtlich ihrer circadianen Rhythmik verglichen und daraus abgeleitet, dass es einen anderen Kanal zwischen dem Auge und dem Gehirn geben müsse. Diesen Kanal hätte er deswegen den energetischen Pfad genannt. Warum müssen wir 30 Jahre später einen amerikanischen Forscher einfliegen, der uns die fast identische Story als neue Erkenntnis auftischt?

Meine Diagnose lautet: Zerstückelung des Forschungsgebiets. Hollwich war ein Augenmediziner. Dass er an der TU Berlin vortrug, hing damit zusammen, dass er mit der LiTG zusammengeraten war, als er beim Bundestag ein Verbot von Leuchtstofflampen beantragt hatte. Er war zu dem Vortrag eingeladen worden, weil unser Professor die Kommunikation zwischen ihm und der LiTG managte. Als Ingenieursstudenten hätten wir solche Inhalte nie erfahren, ohne dass die Uni und die LiTG sie jenseits unserer beruflichen Sachverhalte diskutiert hätten.  

Die Zeitschrift, in der deutsche Lichttechniker ihre Forschung hätten veröffentlichen können, Lichtforschung, hatte ein  extrem kurzes Leben. Die entstand etwa 1971 und war 1973 schon tot. Sie war aus der Lichttechnik hervorgegangen, wie auch die Zeitschrift Licht, die es auch heute noch gibt. Diese sollte weniger wissenschaftlich sein. Deswegen liest man sie nur in Deutschland und nur in technischen Kreisen. Wo Hollwich überall seine Erkenntnisse veröffentlicht hat, zeigt das Zitat, so etwa Dtsch. Ophtal. Ges., Graefes Arch. Opth. Actas neuweget, Wien …

Kurz gesagt, der deutschen Lichtforschung, so es die überhaupt gibt, fehlte ein Publikationsorgan. Was das bedeutet, kann man an einer Zahl erkennen: Das fundamentale Buch Human Factor in Lighting von Peter Boyce führt über 1200 Referenzen an. Davon stammt eine einzige Referenz aus Licht

Forschende wie George C. Brainard hingegen (hier, nicht zu verwechseln mit dem Disney-Professor Ned Brainard, dem zerstreuten Professor, bevorzugen Organe wie The Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism oder Journal of Biological Rhythms. Ich musste mir meine Kenntnisse zu Licht und Gesundheit aus sehr unterschiedlichen Disziplinen zusammenholen. Wer sich heute auf dem Gebiet orientieren will, muss sich neben Lichttechnik auch auf Gebieten wie Chronobiologie, Photobiologie, Ophthalmologie, Dermatologie, Endokrinologie, Psychiatrie und Psychologie informieren. 

Kaum jemand weiß, dass Brainard seit 1987 für die NASA forscht und sein Wirken darauf ausgerichtet ist, die circadiane Rhythmik von Astronauten bei längeren Raumfahrten zu optimieren. Andere untersuchen Therapiemöglichkeiten für die Psychiatrie. Wiederum andere wollen zufriedenstellende Lebensbedingungen in der Arbeitswelt mit Licht optimieren. 

Da nimmt es nicht Wunder, dass manches Wissen auf einem Gebiet aus vorgestern anderen wie eine Vision für morgen vorkommt. 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert