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Licht und Kinder

21.07.2012

KINDER ALS VERSUCHSOBJEKT NOCH EINMAL

Gestern hatte ich das Blaue Wunder aus Hamburg dargestellt (das Video steht in der ARD-Mediathek nur noch 6 Tage zur Verfügung, bitte nicht versäumen). Heute habe ich noch Lustigeres erfahren. Wo? Das verrate ich sehr gerne: Ein Professor, der sich „Nutzerzentrierten Technologien“ verschrieben hat, hat in einem seriösen wissenschaftlichen Beitrag eine Literaturstelle zitiert, der ich gerne nachgefolgt bin. Es geht um die Dynamik des Lichts für Schulen. Wie trägt man die doofen deutschen Schüler auf den Pisa-Gipfel? Pardon, es geht nur um die Nordlichter, denn auch dieser Beitrag stammt aus dem hohen Norden, aus Kiel. Macht doch nichts. Auch Nordlichter wollen große Leuchten werden!

Diesmal geht es nicht mehr allein um dynamisches Licht und dynamisierte Schulkinder, sondern auch um die Energieeffizienz. Uns hatten die Leute aus der Hamburger Verwaltung ins Ohr geflüstert, dass das dynamische Licht so etwa 2,5 mal so viel Strom erfordere als die gute alte statische Beleuchtung. Sie müssen sich fürchterlich geirrt haben. Denn die Literaturstelle zeigt, dass die keinen blassen Schimmer von Tuten und auch sonst nicht haben. Der Beitrag „School Vision Dynamisches Licht und energieeffiziente Beleuchtung in Schulen“ auf dem Energieworkshop für Schulen in Kiel (2010) weist eindeutig nach, dass „Die Beleuchtungsanlage Dynamisches Licht EnEV-konform ist!“ Ich weiß zwar immer noch nicht, wie das gehen soll, wenn man blaues Licht erzeugen will, aber man kann es selber lesen. Irgendwie muss es gehen, wenn genug Geld dahintersteckt. Wenn das Projekt "School Vision …" heißt und sich auch noch mit der "energieeffizienten" Beleuchtung beschäftigt, dürfte das Geld kräftig sprudeln. Ich habe den Beweis gefunden, dass der Segen der dynamischen Beleuchtung nicht nur bei den Nordlichtern in Germanien ankommt, sondern über alle Länder niedergeht. "School Vision" soll wohl das Schlagwort für die Schulbeleuchtung allgemein werden.

Was von Hamburger Schülern unter der altmodischen Beleuchtung zu halten ist, hat die Autorin treffend dargestellt:

Nun kommt das EnEV-konforme energieeffiziente dynamische Licht ins Spiel (das Bild gab es schon einmal, aber nie so schön)

Und Nu? Das Wunder ist perfekt: Es heißt: Die Universitätsklinik (UKE) in Hamburg hat eine wissenschaftliche Studie mit Dynamischem Licht in Schulen durchgeführt. Die Beleuchtung kommt von P. ...!

• Das Ergebnis belegt:

Schön, dass die Schulkinder kaum mehr Bewegungsunruhe zeigen. Gestern hatte der Professor, der das Ganze angezettelt hat, noch von 20 % gesprochen. Wer wissen will, welche 20 % er gemeint hat, kann sich das Video noch einmal ansehen. Ist ja richtig sehenswert. Heute sind es satte 35% bei der Lesegeschwindigkeit, und 45% weniger Fehler bei einem Test. Und vor allem: Die Kinder werden endlich ruhiger!

Wer sich für den Test interessiert, bei dem das blaue Licht um 45% besser abschneidet: Es handelt sich hierbei um den d2-Aufmerksamkeits-Belastungs-Test von Rolf Brickenkamp und er ist für Personen von 9 bis 60 Jahren validiert. Nicht für die 8-jährigen Teilnehmer dieser Studie. Ach was, wer wird denn so pingelig sein? Und es ergibt 7 Kriterien, nach denen das Ergebnis bewertet wird, nicht nur die Fehlerhäufigkeit. Wo sind die anderen geblieben? Auch so eine pingelige Frage!

Neueste Untersuchungen haben ergeben, dass die Fehlerskalen weniger reliabel sind (man frage Prof. Dr. G. H. Franke/S. Jäger, M.Sc. Hochschule Magdeburg/Stendal). Ach was! Solche Leute vermiesen einem aber alles.

Und die beiden Herrschaften, die das Testverfahren geprüft haben, sagen aus: „d2 bildet lediglich Tempo und Sorgfalt des Arbeitsverhaltens bei der Unterscheidung ähnlicher visueller Reize ab." Heißt so viel wie: Der Test ist auch von der visuellen Umgebung abhängig. Hat man den Test unter gleichen visuellen Bedingungen durchgeführt? Wie sollte man denn? Gerade die wurden geändert.

Uns hatte Brickenkamp vor langer Zeit angegeben, dass der Test einen sehr starken Lerneffekt aufweist. So um die 25% …

Wer sich die Studie näher anschaut, wird herausfinden, dass die erforderliche Validität geprüft worden ist, allerdings mit Erwachsenen! Eine Studie mit Grundschulkindern validieren mit Erwachsenen? So viel zur Methodik. (In dem Kasten rechts ist eine Kurzfassung einer US-amerikanischen Replikation der Studie zu lesen. Die Originalquelle ist als Volltext verfügbar.)

Solche Dinge kümmern Leute nicht, die Produkte zu verkaufen haben. Warum sollten sie auch, wenn vom Staat besoldete Professoren im Fernsehen Licht statt Espresso predigen? (Bitte Video noch einmal ansehen) Man nehme an, das stimmt. Wer möchte um die 16 Stunden am Tag einen Espresso trinken? 

 

Dazu sagt die US-amerikanische Replikation der Studie (Illuminating the Effects of Dynamic Lighting on Student Learning von Michael S. Mott, Daniel H. Robinson, Ashley Walden, Jodie Burnette, and Angela S. Rutherford): 

In jüngsten Forschungsarbeiten wurden die Beleuchtungsvariablen Farbtemperatur und Beleuchtungsstärke hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf Schlaf, Stimmung, Fokus, Motivation, Konzentration sowie Arbeits- und Schulleistung untersucht. … Insgesamt 84 Drittklässler wurden entweder einer „Fokus“-Beleuchtung (6000 K, durchschnittlich 100 fc) oder einer normalen Beleuchtung ausgesetzt. Die Fokus-Beleuchtung führte zu einem höheren prozentualen Anstieg der Leseflüssigkeit beim Vorlesen (36 %) als die Kontrollbeleuchtung (17 %). Hinsichtlich Motivation oder Konzentration wurden keine Auswirkungen der Beleuchtung festgestellt, 

Bei Fehlern und Intelligenz fand man wohl nichts, weil bereits das Suchen überflüssig war.

Die Schüler haben in der Testsituation schneller gelesen. Bei der dynamischen Beleuchtung lasen sie etwas schneller. das war alles.

Licht und Gesundheit

20.07.2012

KINDER ALS VERSUCHSOBJEKT RELOADED

Gestern Abend zeigte die ARD die neueste Folge der Show der großen Naturwunder. Zu denen gehören die Kinder aus Hamburg, über die in diesem Blog mehrfach berichtet wurde. Die werden durch das Blaulicht einfach um 20 % intelligenter. Wer davor noch geguckt hatte, hatte gelernt, dass das Stachelschwein nicht mit den Stacheln schießt und am liebsten Obst isst.

Der Unsinn hat es in die große ARD-Unterhaltung geschafft. Ein Inder, der es auch ohne Bestrahlung nach oben geschafft hat, Ranga Yogeshwar, interviewt mit total ernsthafter Miene den Professor für Psychiatrie, der den Versuch in immer weitere Kreise verkauft.

Der Traum des deutschen Lehrers wird wahr: Man braucht nur den Knopf „Aktivieren“ zu drücken, schon sind die Kinder 20% intelligenter. Wenn die Saublagen zu viel Krach machen, dann Knopf 4 drücken:: Das beruhigt. Sollen sie sich konzentrieren, dann Knopf 3, z.B. auf den unbeschreiblichen Unsinn, der verbreitet wird: Auf Anfrage von Yogeshwar, dem die Sache nicht so glaubhaft scheint, erzählt der Professor, dass die Umstimmung praktisch sofort erfolgt. Schneller als das Zubereiten einer Tasse Nescafé. Nesstimmung also.

Bleibt noch zu ergänzen: Der Professor erklärte, wodurch das Wunder geschieht, durch Melatoninerzeugung. Als wir ihn vor drei Jahren zu einer Anhörung gezwungen hatten, hatte er dort erzählt, er wüsste nichts von hormonellen Wirkungen. Und das vor großem Publikum. Danach haben wir die zuständige Ethikkommission eingeschaltet, weil es sich um ein medizinisches Experiment mit gesunden Kindern gehandelt hatte. Der muss er auch erzählt haben, dass es sich nicht um ein solches gehandelt hat. Jetzt erzählt er vor 15,6 % des deutschen Fernsehpublikums (Einschaltquote, vermutlich waren alle 15,6% wach, weil dieser Teil ziemlich zu Beginn gezeigt wurde), dass man Hormone per Knopfdruck umstellen kann. Großer Applaus vom Studiopublikum.

Zudem erzählt er in dem Film, dass es drei Schulen mit über 100 Schülern gewesen seien. Das hatte er vor drei Jahren auch erzählt, bis eine der drei Schulen widersprach. Sie hatte den Versuch nicht mitgemacht. Daraufhin wurden die Daten in dem Forschungsbericht reduziert, zwei anstelle von drei Schulen, 116 Kinder anstelle von 166. Dann wurde die Sache in einer ernsthaften Zeitschrift veröffentlicht. Es waren 89 Schüler. Gestern im Fernsehen waren es wieder über 100. Zahlen sind Schall und Rauch. Man soll die Daten nicht überstrapazieren - hatte ich von den Jüngern eines anderen Gurus aus der Medizin erfahren, als ich denen Diskrepanzen in ihren Studien vorgeführt hatte. 

Der Herr Professor erklärt sogar den Erfolg von Talkmastern und Talkmasterinnen mit der Farbe, die immer schön warm ist. Das beruhigt! Von Farbpsychologie hat er wohl nichts gehört. Kann wirklich stimmen, Psychiater studieren keine Psychologie, sondern Krankheiten der Seele als Mediziner. Und Mediziner kennen am besten die Farbe des G… (Verzeihung)

Am Ende fragte der Moderator, Frank Elstner, ob es sein kann, dass er durchs Abi durchgerasselt war, weil er schlechtes Licht hatte. Ob die Hamburger Kinder es so weit kriegen werden wie Frank Elstner? Ach was, 20% besser werden sie allemal sein. Dank einer Blaulichtberieselung. 

Die Sendung ist für 7 Tage in der ARD Mediathek zu sehen. Für wissenschaftliche Zwecke habe ich einen Teil ausgeschnitten und dabei Stachelschwein und die rechnenden Wunderküken weggelassen. Die sind aber sehenswert. Die nachfolgende Szene ist bestenfalls für den Psychiater geeignet, den alle aufsuchen sollten, die den Unsinn glauben.