20.01.2026
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Die Welt ist voll von kleinen Wundern;
man muss nur die Augen öffnen, um sie zu sehen.
Anonymus
In diesem Blog ist seit Anbeginn viel die Rede vom Melatonin. In einem der ersten Beiträge hatte ich die Umwandlung von nervigen und doofen Schulkindern aus Hamburg in ruhige Intelligenzbestien berichtet (BLAULICHT IN HH - AD ACTA? oder KINDER ALS VERSUCHSOBJEKT NOCH EINMAL
Damals hieß es noch “Blau macht schlau.“ Die Bekanntschaft der Lichttechnik mit dem Thema Melatonin war noch relativ neu. Aber auch die Medizin kannte im Jahr 2010 das Melatonin erst seit einem halben Jahrhundert. Mittlerweile ist die Freundschaft gewachsen. Wir haben seit 2018 eine globale Norm, die alle lichttechnischen Größen in melanopische Größen umrechnen hilft. Seitdem darf man nicht mehr sagen, die Beleuchtungsstärke auf der Treppe betrage 111 lx, sondern 111 lx (visuell). Da die visuelle Wirkung nicht mehr das Maß aller Dinge ist, muss man dazu addieren, sie betrüge 51,67 M-EDI für den Großvater, so sie von einer alten Leuchtstofflampe abgestrahlt wird. Die 111 lx auf der Treppe könnten aber auch 137,35 lx M-EDI für den Enkel stehen, der zwar auf der gleichen Treppe steht, aber von einer Tageslichtlampe bestrahlt wird. Alles bezogen auf das Tageslichtäquivalent mit 6504 K. Werden die beiden nur von Kerzenlicht beleuchtet. ist es auf der Treppe zappenduster, egal welche Kandelaber sie benutzen, melanopisch gesehen.
Wenn einer der beiden Herren wegen einer schlechten Beleuchtung die Treppe runter rauscht: Welche Beleuchtungsstärke mag dafür maßgeblich gewesen sein, die visuelle oder die melanopische? Ich traue mich nicht zu sagen, dass die melanopische der Wahrheit näher kommt, denn bei deren Berechnung wird eingerechnet, dass Opa älter ist und somit sind seine Augen auch.
Zeit, sich das Melatonin etwas näher anzugucken, das uns das neue Glück mit dem Licht beschert hat. Ich habe ein umfangreiches Portrait vom Melatonin geschrieben und dessen Bedeutung versucht darzustellen. Beim Schreiben wurde mir bewusst, dass es älter ist als das Leben auf der Erde und sich listig in alle Lebewesen einschleusen konnte, die sich nach ihm entwickelten. Das Melatonin lässt das marine Leben in der Tiefsee im Takt der Sonne auf- und abwandern, die nie die Sonne gesehen haben können. Wenn sich Menschen wie Vögel benehmen, also Tauben, Lerchen oder Eulen, steckt auch Melatonin dahinter.
Wissenschaft ist nur der Austausch
unserer Unwissenheit
gegen Unwissenheit
neuer Art.
Lord Byron
18.01.2026
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Gestern hatte ich die Absicht, den Bezug von Gebäudebewertungen zum nachhaltigen Bauen allgemein zu beschreiben. Eine davon, DGNB, hatte ich bereits ausführlich kommentiert (Visueller Komfort – Realisieren mit Normen der Lichttechnik oder ganzheitlich?) Die weiteren hören auf glänzende Namen wie LEED, BREEAM, WELL oder Living Future Institute. (Bild DGNB)
Als ich mir die Details angesehen hatte, kamen mir die Erinnerungen an ein Projekt zurück, das ich als Student begleitet hatte, weil der Versuch in meinem Zimmer ablief. Das Projekt sollte ergründen, wie eine Zusammenführung von Tageslicht und künstlichem Licht im Arbeitsraum funktionieren würde. Es hieß "Tageslichtergänzungsbeleuchtung" (TEB) und entspricht etwa dem, was heute die Arbeitsstättenverordnung vorschreibt. Der Betreuer, Prof. Jürgen Krochmann, meinte, dass diese Fragestellung eine psychologische Komponente hätte. Daher sollte eine Beteiligung der Psychologie gesucht werden. Sie kam in der Gestalt einer Studentin, Ellen Collingro, der Ehefrau eines Kollegen aus dem Nachbarinstitut. Der Projektbearbeiter, Georg Roessler, war von dem Ergebnis begeistert. Und der Professor erklärte uns allen, dass wir in unseren Projekten eine Kooperation mit Psychologen suchen sollten, nicht eine Beratung.
Das Ergebnis der Diplomarbeit von Frau Collingro besagte, dass der Mensch eine Kommunikation mit der Umwelt bräuchte, um sich im Raum und in der Zeit zurechtzufinden. Weitere Arbeiten zeigten, wie diese Kommunikation beschaffen sein müsste. So reichte der Blick aus dem Fenster auf eine dunkle Fassade ohne Fenster nicht als Kommunikation. Hingegen war der Ausblick auf einen verkehrsreichen Platz eher unwirksam, weil die Wirkung der von der dunklen Fassade erinnerte. Zwar war die Szenerie absolut lebendig, aber der arbeitende Mensch fühlt sich nicht als stiller Beobachter der Außenwelt. Er will auch nicht "aus dem Fenster gucken", um die Langeweile seines Alltags loszuwerden.
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Als Kollege Roessler seine Erkenntnisse auf einer Sondertagung Auge-Licht-Arbeit der LiTG in Karlsruhe 1971 vorstellte, war das Schicksal des Projekts längst besiegelt. Die Fachwelt wollte das natürliche Auge im künstlichen Licht und die Arbeit in fensterlosen Räumen sehen. Das Projekt wurde eingestellt und wäre ohne Folgen geblieben, ohne das Engagement der beiden Herrn.
Doch mit Hilfe eines Beamten aus dem Arbeitsministerium, vermutlich war dieser der selige Rainer Opfermann, gelang das Kunststück. Die Erkenntnis, dass der Mensch im Innenraum Kommunikation mit der Außenwelt brauche, führte zu einer gesetzlichen Vorschrift (§ 7.1 Sichtverbindung nach außen). Über die Bedeutung des Tageslichts bei der Arbeit haben die beiden nichts gesagt. Für Krochmann als Tageslichttechniker bedurfte es keiner Diskussion. Er war der Autor der Normenreihe DIN 5034 "Tageslicht in Innenräumen“. Und für alle Angehörigen des damaligen Instituts für Lichttechnik galt die Anweisung des damaligen Direktors H.-J. Helwig, dass niemand länger als 4 Stunden in abgedunkelten Räumen verbringen durfte. Er hatte es aber nicht bei der Anweisung belassen, sondern das Institutsgebäude dementsprechend bauen lassen. Alle Arbeitsräume waren mit Datenleitungen versehen, damit man die Laborexperimente im hellen Raum vorbereiten konnte, um sie später im dunklen Labor auszuführen. Die Schaltungen wurden auf Tischen aufgebaut, die man einfach ins Labor fahren konnte.
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Gestern zeigte mir die Recherche, dass die Message weltweit in der Architektur angekommen ist. Alle Bewertungssysteme für nachhaltiges Bauen führen unter Beleuchtung als Erstes Tageslicht an und belohnen die Sichtverbindung als besonderes Merkmal für ein Gebäude. Das Living Future Institute will gar, dass jedes Watt künstlichen Lichts durch eigene Photovoltaik-Anlagen am Gebäude wieder "reingespielt" wird.
Eine unglaubliche Leistung, aus einem relativ simplen Projekt eine weltweite Erkenntnis zu generieren, die Utopiker (Living Future Institute) Health + Happiness Petal (Gesundheit & Glück) verankert sehen.
Zum Beitrag "Wer sorgt für ein gesundes Licht im Büro?"
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Wasser tut’s freilich
höher jedoch steht die Luft,
am höchsten das Licht!
Arnold Rikli
15.01.2026
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Heute überraschte mich eine Meldung, die sich so las: “What MDER Means for Your Lighting“. Sinngemäß übersetzt: „Was MDER für deine Beleuchtung bedeutet“. Jemand wollte mich wohl informieren, dass es wichtige Neuheiten auf unserem Fachgebiet gibt. Verpasse ich was, wenn ich die Meldung ignoriere?
Ich weiß leider nicht, was MDER ist, und fragte deswegen einen allwissenden Kollegen, der Tag und Nacht alle dämlichen Fragen von mir ohne Widerrede aufklärt. Der schrieb: „Der MDER-Wert hilft Lichtdesignern dabei, zu bestimmen, ob ein Licht „stimulierend“ genug ist, um Menschen tagsüber wachsam zu halten, oder „ruhig“ genug, um Entspannung zu ermöglichen.“ Dass Lichtdesigner dafür verantwortlich sind, ob ich tagsüber wachsam bin, ist mir tatsächlich neu. Aber wichtig scheint die Sache zu sein.
Da müsste doch jemand wissen, was MDER nun ist! Die Suche im Internet hilft nicht weiter, sie ergibt immer wieder MDR = Mitteldeutscher Rundfunk. Das ist der deutsche Fernsehsender für die Jahre „Zwischen Volksfest und Vorruhestand“. Der MDR hat das Kunststück vollbracht, ein Programm zu kreieren, bei dem man sich bereits mit 35 Jahren fragt, ob man versehentlich im Wartezimmer eines Orthopäden gelandet ist. Bei „Ruinen-Raten mit Gunther Emmerlich“ – Prominente müssen am Geruch von altem Linoleum erkennen, in welcher sächsischen Kreisstadt sie sich befinden." Kann das gemeint sein? Stimulierend ist der Geruch vom Linoleum, oder?
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Nach einer Weile fand ich die Auflösung des Rätsels. MDER heißt ausgeschrieben „Melanopic Daylight Efficacy Ratio” und ist “eine wichtige Kennzahl im modernen Lichtdesign, die quantifiziert, wie gut eine künstliche Lichtquelle unsere natürlichen circadianen Rhythmen (Schlaf-Wach-Zyklen) im Vergleich zu natürlichem Tageslicht (insbesondere CIE D65) unterstützt. Höhere MDER-Werte weisen auf eine stärkere biologische Wirkung auf Wachsamkeit, Konzentration und allgemeines Wohlbefinden hin und helfen Designern dabei, gesündere und effizientere Umgebungen zu schaffen, indem sie möglicherweise weniger Lichtquellen einsetzen, um den gewünschten biologischen Effekt zu erzielen, so Yuji Lighting und Fagerhult. “ Fagerhult kenne ich seit Jahrzehnten. Yuji Lighting?
Der allwissende Kollege erzählte weiter:
“Die Skala: * MDER = 1,0: Das Licht hat dieselbe biologische Wirkung wie natürliches Tageslicht.
Hoher MDER-Wert (z. B. 0,8+): Stärkere biologische Wirkung; ideal für den Vormittag und Mittag in Büros oder Schulen, um die Aufmerksamkeit und Konzentration zu steigern.
Niedriger MDER (z. B. 0,3–0,5): geringere biologische Wirkung; besser für die Abendstunden geeignet, um den Körper auf den Schlaf vorzubereiten.
Es werde zur Berechnung der MEDI (Melanopic Equivalent Daylight Illuminance) verwendet, also der tatsächlichen „biologischen“ Lichtstärke, die das Auge erreicht, heißt es weiter. Nach einer Weile wurde mir klar: Ich hatte diese Berechnung vor langer Zeit in diesem Blog illustriert: Wie zirkadian wirksam ist mein Licht?
Dumm nur, dass sich die CIE mit Händen und Füßen dagegen wehrt, dass nur noch die Farbtemperatur bestimmt, was bei Licht circadian wirksam sein soll. Vor allem “biologisch wirksam”. Wie bringt es ein Lichtdesigner fertig, dieselben biologischen Wirkungen wie Tageslicht zu erzeugen?
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Und ich wehre mich nicht weniger vehement dagegen, dass die gemeinte Wirkung der biologischen gleichgesetzt wird. Schon vor Jahrzehnten, im Jahr 1983, hatte der selige Kollege Rikard Küller den Begriff NIF = non-image forming geprägt. Damit waren alle Wirkungen des Lichts außer dem Sehen gemeint. Und diese reichen vom Zahnwachstum in der Kindheit bis zum Oberschenkelhalsbruch im hohen Alter. In den Jahren dazwischen kann Licht allerlei Wirkungen auf den Körper und auf die Psyche ausüben, wie Rikard Küller penibel ermittelt hat.
Diese hatte ich hier kommentiert: Wie man sich in 100 Jahren an das Licht herantastet
Doch Küller war beileibe nicht der erste Protagonist, der sich um biologische Wirkungen des Lichts kümmerte. Da waren einige vor ihm, so z.B. Prof. Hollwich von den 1940ern bis in die 1990er Jahre. Aber auch Hollwich war nicht der Urheber, der Idee, dass Licht stark etwas mit der Gesundheit zu tun hätte. Das haben die Väter der ersten deutschen Beleuchtungsnorm 5035 im Jahre 1935 schon getan. So endet der hier erwähnte Beitrag, den ich im November 2020 geschrieben hatte. Da war mir das Buch von Luckiesh und Pacini noch nicht gut bekannt, das genau vor 100 Jahren als “Light and Health” das Licht der Welt erblickt hatte.
Aber auch Luckiesh war nicht der Urheber der Vorstellung, dass Licht wichtige physiologische Wirkungen auf den Menschen hätte. Pioniere wie Niels Finsen (Nobelpreis 1903) nutzten Licht zur Heilung von Krankheiten wie Hauttuberkulose. War er wirklich der Pionier? Da fällt mir ein gewisser A. J. Pleasonton ein, vom Beruf General. Er argumentierte, dass Farbe enorme biologische Wirkungen entfalte und dem blauen Licht elektromagnetische Kräfte innewohnten, die in der Lage wären, den Körper zu heilen und Widerstandskräfte gegen Krankheiten aufzubauen. Das war kurz nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg. Seine Geschichte(n) kommentierte ich in Genesis 2.0 zusammen mit allen zum Umgang mit Blau: Geheimnisse in Blau
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Viele Jahrzehnte später lernte ich Filter zu bauen, die dazu dienten, die Heilkraft des blauen Lichtes auf Neugeborene zu messen. Im Jahr 1956 hatte im Rochford General Hospital in Essex, England, die Oberschwester der Frühgeborenenstation, Sister Jean Ward, festgestellt, dass die Gelbfärbung der Haut (verursacht durch Bilirubin) bei Babys, die am Fenster im Sonnenlicht lagen, deutlich schneller verblasste. Zwei Jahre später war die Wirkung wissenschaftlich belegt. Zehn Jahre später verdiente ich als Student ein Zubrot mit den besagten Filtern. Man hatte herausgefunden, dass Bilirubin Licht am effizientesten im blau-grünen Spektrum (Wellenlänge ca. 460 nm) absorbiert. MDER soll die Wirkung des Lichts auf Melatonin quantifizieren. Dazu gehört die Wellenlänge von 460 nm bis 480 nm. Nicht allzu weit von dem wirksamen Licht für Babys.
Hundert Jahre oder gar 150 , um auf die schlichte Formel zu kommen, die biologische Wirkung der Lichts an seiner Farbtemperatur zu messen …
29.03-2024
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Irgendwie habe ich im Laufe der Jahre Zweifel daran bekommen, dass das Licht im Büro gesund wird. Denn schon im Jahre 2021 hatte eine Gruppe aus Pundits, das sind die Weisen, früher alte weiße Männer mit grauen Bärten, heute auch jüngere Damen, befunden, man müsste die Menschen zwischen 07:00 Uhr und 19:00 mit einer starken Vertikalbeleuchtung bescheinen. Naturgemäß müsste das Licht blau-angereichert sein. Diese müsste zudem 250 lx mel-EDI ergeben. Etwa gleichzeitig erschien das Werk von Experten, weniger bärtig und mit einer geringeren Beteiligung an Frauen, die Norm EN 12464-1, die mir erklärte, dass die Vertikalbeleuchtungsstärke in allen Richtungen fegen muss (gestern erklärt hier), auf dass es im Büro hell wird. Die Formel will ich niemandem verheimlichen, sie ist nicht geheim, auch wenn nicht für jedermann zugänglich.Ich meine mental.
Um der Verwirrung keinen Schaden beizufügen, will ich nicht erklären, dass der Index "v" hier nicht visuell bedeutet, sondern vertikal. Der Index amb kommt von ambient wie Ambiente. Der kleine Strich auf dem E bedeutet, man müsse das Licht auf jeder Wand für sich mitteln, dann mit dem Mittelwert an der Decke zusammenzählen, um alles nochmals zu mitteln. Nur das Licht an der Decke hat keine Bezeichnung, denn sie ist keine Horizontalbeleuchtungsstärke, aber auch nicht vertikal. Sie läuft einfach gegen die Wand, pardon, Decke. Ihre Messung gefilmt schlägt jede Slapsticknummer um Längen.
Diese 6 Werte könnte man der Planung der Beleuchtungsanlage entnehmen, so sie jemand versteht. Um auf 250 melEDi zu kommen, muss man das Tageslicht dazu addieren. Leider sagt mir keiner, an welchem Tag des Jahres und zu welcher Tageszeit. Nehmen wir an, das sei am 06.06. um die Mittagszeit. Wie viel Lux vertikal empfangen die Insassen dieses Büros?

Sie sehen niemanden? Die sind alle da und arbeiten. Nur nicht empfangsbereit für gesundes Licht. Das Bild unten zeigt, wenn sie dazu bereit sind. Dumm nur, dass sie aber alle falsch stehen. Dann drehen wir die Cubicle-Farm einfach um. Alle gucken dann zum Fenster hinaus. Was mit der Arbeit ist? Das ist nebensächlich, die macht man im Homeoffice.
12.03.2024
Gestern habe ich dargelegt, warum ich nichts von einer Internationalisierung von Beleuchtungsnormen halte, obwohl ich selber seit über 30 Jahren internationale Normen schreibe. Heute will ich das mit einer paar Worten, Wörtern und Begriffen erläutern. Dazu fiel mir Zwielicht ein. Und zwar aus zwei Gründen. Zum einen liegt bei mir auf dem Tisch das Buch von Klaus Stanjek mit dem Titel "Zwielicht - Die Ökologie der künstlichen Helligkeit", das dem Kunstlicht und dessen Machern gewidmet ist. Als ich das Buch das erste mal las, ist mir aufgefallen, dass ich etwa jeden zweiten kannte, der im Buch persönlich auftrat. Kannte ich so viele Menschen, die in Zwielicht stehen?
Zum anderen dachte ich an das physikalische Zwielicht, das auf Englisch twilight heißt. Es ist ganz und gar nicht zwielichtig, wie The Platters es besingen. Es ist die Zeit der Liebe, die wiederkommt. Man stelle sich vor, jemand freut sich darauf, am Abend seine alte Liebe zu sehen, in twilight time. Und wir übersetzen das als in der zwielichtigen Zeit. Da kann die alte Liebe auch nicht gerade sehr nobel sein.
Auch mit den Jahreszeiten habe ich so meine Probleme mit der Übersetzung. Aprilwetter ist wirklich nicht etwas wonach man sich sehnt. Aber der April ist der Monat, in dem in meiner Heimat der Apfelbaum blühte. Das jährliche Baumblütenfest beginnt in Werder in April. Dort wo die Apfelblüte seit 1941 besungen wird, in den USA, verspricht der Soldat seiner Liebsten, dass er an einem Tag im Mai kommen wird, um ihren Namen in seinen zu ändern. Das Lied brachte die Soldaten an der Front zum Weinen. Wenn ich aber an Aprilwetter denke, ist es mir aus anderen Gründen zum Weinen. Wenn wir bereits bei der Wortwahl beim Reden über das Wetter Probleme haben, können wir auf eine internationale Einigung hoffen, die Licht, Beleuchtung und Umwelt regeln wollte? Eigentlich müsste, denn wir reden seit Jahren über biologische Wirkungen herum.
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Licht, Zwielicht und die Jahreszeiten haben so ihre Beziehungen. Zunächst zu dem Zwielicht, das ich für meine wissenschaftlichen Arbeiten benutzte. Wir hatten in der Vorlesung eine besondere Form davon gelernt. Diese herrscht, wenn sich zwei Arten von Licht an einem Arbeitsplatz treffen. Das kann Tageslicht und künstliches Licht sein. Wir lernten, in jedem Arbeitsraum gäbe es eine Mischlichtzone, in der die Menschen sich nicht so wohl fühlten. Diese Vorstellung hatte man übertragen auf die künstliche Beleuchtung mit Glühlampen und Leuchtstofflampen. Es gab wissenschaftliche Abhandlungen darüber, wie dies das Auge irritierte und zu einer vorzeitigen Ermüdung führte.
Wenn es nur bei der Wissenschaft geblieben wäre! Man postulierte, um dem Zwielicht vorzubeugen, dürfe in einem Raum nur eine Art Licht sein. Da die für erforderlich gehaltenen Beleuchtungsstärken nur mit Leuchtstofflampen zu machen waren, wurden Glühlampen aus den Arbeitsstätten verbannt. Mit ihnen die Tischleuchten, da es Leuchtstofflampen mit ganz kleinen Abmessungen nicht gab. Auch die kleinsten waren zu groß für Tischleuchten. Ade Tischlampe!
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Das Tageslicht in Arbeitsräumen konnte man nicht so einfach loswerden, obwohl man seit 1924 beharrlich daran arbeitete. Das Zwielichtproblem wurde daher verbal gelöst. Eine Lampe wurde tageslichtweiß genannt. Allerdings hatten die Leute Frostbeulen auf der Seele, wenn sie unter ihrem Licht arbeiteten. Ihre Farbtemperatur, besser ähnlichste Farbtemperatur, lag über 5300 K.*) So hat man sich halt darauf geeinigt, dass 4000 K gut genug wäre, um Zwielicht zu vermeiden. Da der Bereich von 3300 K bis 5300 K aber kaltweiß heißt, nannte man die Lampe mit 4000 K neutralweiß. Völlig ohne Hintergedanken und ohne das Marketing…
Wie gut passen 4000 K und Tageslicht zusammen? Ich würde sagen, ganz und gar nicht bzw. unbestimmt, denn das Tageslicht hat keine Farbtemperatur. Als ich dies in einem offiziellen Entwurf eines ISO-Standards schrieb, dachten die Lichtexperten, den wahren Experten gefunden zu haben und fielen über den Text her. Der stand aber nicht alleine da. Auf den provokanten Spruch folgte die Aussage, dass an jedem Punkt der Erde das einfallende Tageslicht in jeder Himmelsrichtung eine andere Farbtemperatur hat, auch wenn die Sonne scheint. Oder gerade wenn sie scheint.
Noch besser: Wie jeder weiß, ändert sich an jedem Punkt der Erde das Licht aus einer bestimmten Richtung stetig über den Tag. Was weniger Leute wissen, unterscheidet das Licht in Abhängigkeit vom Breitengrad nicht nur in der Menge, sondern auch in seiner Richtung und damit im Verhältnis horizontal zu vertikal. Nicht besonders betont werden muss, dass die Farbe des Lichtes anders ausfällt,
*) Damit es jeder garantiert nicht versteht, hat die Lichttechnik den Temperaturbegriff auf den Kopf gestellt: Je höher die Farbtemperatur, desto kälter das Licht. So hat die Glühlampe eine Farbtemperatur von 2700 K. Eine warmweiße LL-Lampe etwa 3000 K. Steigert man die Temperatur um weitere 1000 K, fühlt sich das Licht kalt an. Das direkte Licht der wärmenden Sonne mit etwa 5900 K heißt kaltweiß. Echt bitter kalt. Brrrr! Das soll einer verstehen. Schuld ist ein gewisser Max Planck bzw. die Physik.
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Genau das hatte ich gemeint, als ich geschrieb, das Tageslicht habe keine Farbtemperatur. Nun versuchten die Experten mich umzustimmen, man könnte sich doch auf eine Zahl einigen. Auf 6504 K zum Beispiel? Die hat nämlich die CIE als Tageslicht definiert. Dummerwiese kann man dieses Licht nicht kaufen, es ist ein mathematisches Konstrukt. Wozu macht man so etwas, wenn man das Licht gar nicht kaufen kann?
Das Geheimnis ist, dass die CIE Normlichtarten nicht etwa definiert, um damit die Welt zu beleuchten. 6504 K ist eine Normlichtart für Tageslicht (D65). Desweiteren gibt es noch D50 (= 5000 K), D55, D65 und D75. Normlichtarten dienen als eine standardisierte - fiktive - Beleuchtung, um Farben und Materialien "objektiv" zu bewerten, so in der Druckindustrie, im Textilbereich oder bei der Kunst. Sogar die Lebensmittelindustrie ist ein Großkunde (mehr dazu unter Brühwurstindex hier). Alles zu seiner Zeit. Die Fotografie und die Druckwelt leben wunderbar mit D50. Hingegen kann das Licht, das man am Tage erlebt, Farbtemperaturen von 3000 K (untergehende Sonne) bis 12.000 K (blauer Nordhimmel ohne Wolken) oder gar 27.000 K (nördliches blaues Himmelslicht) erreichen. Die Zahlen geben aber das Erlebnis nicht hinreichend wieder, weil sich die Intensität des Lichts sowie sein Wärmegehalt mitändern. Zudem gibt es blauen Nordhimmel ohne Sonne nur wenn man ein Nordzimmer bewohnt. Dann blickt man aber auf die wunderbar sonnenbeschienene Umwelt.
Wie kommt man aber auf 6504 K? Das ist der gleichmäßig bewölkte Himmel über Wien zu Beginn des Sommers. Dort sitzt die CIE. Was würde sie wohl als Tageslicht definieren, wenn sie auf den Spitzbergen säße (78° 11′ N), oder ihre Experten am südlichsten Ende der EU, auf der Insel La Reuniuon (20° 52‘ 44.04 S) werkelten?
Vermutlich was anderes, z.B. 5000K (frischer Spinat im Schnee) oder 3000K (welkende Palmenblätter am Strand). Aber das ist nicht mein Hauptproblem mit der Internationalisierung der Beleuchtungsnormen, sondern dies:
"Die Wahl der Lichtfarbe ist eine Frage der Psychologie, der Ästhetik und dem, was als natürlich angesehen wird. Die Auswahl hängt von der Beleuchtungsstärke, den Farben des Raums und der Möbel, dem Umgebungsklima und der Anwendung ab. In warmen Klimazonen wird im Allgemeinen eine kühlere Lichtfarbe bevorzugt, wohingegen in kaltem Klima eine wärmere Lichtfarbe bevorzugt wird."
Das ist wörtlich die Empfehlung der europäischen Beleuchtungsnorm EN 12464-1. Also kein Rat. Ist die Lichtfarbe etwa eine Kleinigkeit, was die Beleuchtung angeht? Ich dachte, die wäre das A und O!
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Ähnlich aufschlussreich könnte die Empfehlung zur Höhe der Beleuchtungsstärke ausfallen, wenn man z.B. den Lichtbedarf des arbeitenden Menschen berücksichtigt. Etwa so: Die Wahl der Beleuchtungsstärke ist eine Frage der Psychologie, der Ästhetik und dem, was als natürlich hell angesehen wird. Die Auswahl hängt von den Farben des Raums und der Möbel, dem Umgebungsklima und der Anwendung ab. In warmen Klimazonen wird im Allgemeinen eine kühl wirkende dunklere Beleuchtung bevorzugt, wohingegen in nordischen Zonen eine höhere Beleuchtungsstärke bevorzugt wird. Also ein schattiges Plätzchen in Ländern mit sengender Sonne, und ein Gegenstück zum Shitwetter für Nordschottland.
Wir können in der gleichen Art mit weiteren Gütekriterien fortfahren, bis einer aufschreit und sagt: Leute, bitte, wollen wir alles nach den örtlichen Gegebenheiten vorsehen wollen und deswegen gar nichts mehr empfehlen? Warum nicht? Lieber kein Rat als ein falscher …
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