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16.12.2010
WIE LANGE DAUERT DIE NACHT?
Dumme Frage. Der Tag hat zwei Hälften, eine helle und eine dunkle. Am Äquator sind die „Hälften“ immer gleich lang, in den höheren Breitengraden nur zweimal im Jahr gleich (Äquinox bzw. Tag- und Nachtgleiche), ansonsten ändern sich die Verhältnisse so, dass im Jahresschnitt Tag und Nacht gleich lang sind.
Ist das wahr? Das einzig Wahre hier ist, dass am Äquator die Nacht und der Tag über das Jahr jeweils gleich lang bleiben, aber nicht gleich lang sind. Das liegt daran, dass das Licht der Sonne „um die Ecke“ kriecht, also auch nach ihrem Untergang noch wirksam bleibt. Deswegen gibt es beim Equinox etwa 13 Stunden Licht und 11 Stunden Dunkelheit. Die Dunkelheit bleibt diskriminiert. Sie wird kurz gehalten.
Wie lange sieht man das Licht der Sonne, nachdem man sie selber nicht mehr sehen kann? Bekanntlich ganz kurz am Äquator, so etwa 20 Minuten, und umso länger, je weiter man sich davon entfernt. Und in der Polarnacht? Die soll bis zu 6 Monate dauern, stand in unserem Geografie-Buch. Ich bin heute an einem Ort, an dem die Polarnacht schon vor einem Monat eingezogen ist. Tromsö. Bis sie aufhört, werden noch etwa fünf Wochen vergehen. Wie „Nacht“ ist es denn draußen?
Man kann ohne Probleme für etwa fünf Stunden im Freien sein und die Natur sehen bzw. erahnen. Etwa zwei Kilometer weit über den Fjord kann man schon sehen. Stockdunkle Nacht ist es indes nicht. Letztes Jahr zwei Wochen vor dem Ende der Nacht konnte ich für etwa 6 Stunden ohne Licht filmen und fotografieren. Und vermutlich gibt es nicht 6 Monate Nacht an den Polen, sondern eher 5.
Nur in der Gesetzgebung kann die Nacht wirklich die Hälfte ausmachen. Z.B. fängt in der Seemannschaft die Nacht bei Sonnenuntergang an. Nur im geteilten Berlin war es anders. Dort hatten die Alliierten verfügt, die Nacht möge eine halbe Stunde später anfangen. Wie weise!
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06.11.2011
… ohne Waffen. Nicht doch, den Spruch kennt man aus anderen Gebieten. Hier geht es um Standards in der Beleuchtung. Heute habe ich des Rätsels Lösung für eine „Vorschrift“ gefunden, von der niemand weiß, wo sie wohl herkommt. Wo sie drin steht, kann man hingegen häufig erleben. Die „Vorschrift“ lautet: „Die Beleuchtungsstärke an ständig besetzten Arbeitsplätzen muss mindestens 200 lx betragen.“
Vielleicht fällt der Wortlaut etwas anders aus, die 200 stehen aber felsenfest. Wo kommt aber die Zahl her und was bedeutet sie? Wer hat sie begründet?
Die Lösung ist unglaublich: Niemand hat sie ermittelt. Sie wurde beim Übergang von alten physikalischen Einheiten zu den SI-Einheiten von IES (US-amerikanische lichttechnische Gesellschaft) durch Aufrunden gezeugt. Sie hatte in ihrem „Code“ von 1961 eine sog. „amenity value“ von 15 lm/ft² empfohlen. Nach der neuen Größe (Lux) würde das 161,4 lx ausmachen. Auf- oder abrunden? Bei Preisverhandlungen im Großen Basar von Damaskus wäre Abrunden angesagt, bei Mathematikern auch. Aber doch nicht bei Licht. So kam man auf 200 lx. Stand im IES-Code 1968. Zwar haben die Amerikaner bis heute die SI-Einheiten nicht in ihr Herz schließen können, aber bei so einer wichtigen Größe … musste unverzüglich gehandelt werden.
200 lx, aber wofür? Amenity bedeutet so viel wie „Annehmlichkeit“. Den Begriff in Bezug auf Innenraumbeleuchtung hat ein gewisser G.P. Cundall, BSc, CEng, FIEE, FIMechE, FIllumES in seinem Artikel „Value for money—interior lighting“ (Lighting Research & Technology, 1972) erläutert. Er sagt aus, amenity sei eine Sache der Wertschätzung. Was bekomme ich für mein Geld? Heute würde man eher sagen, was bekomme ich für die Energie, die ich verbrauche? Jedenfalls keine Sicherheit. Denn ein gewisser Peter Boyce (s. unten) soll experimentell nachgewiesen haben, dass Menschen im Büro bei plötzlichem Lichtausfall bei etwa 1 lx das Büro sicher verlassen haben. (Wer das nicht glaubt, erntet den Zorn der Sicherheitsexperten, weil die auch der Meinung sind, dass 1 lx reicht).
Man bekommt jedenfalls nicht das, was uns die Normen seit jeher gelernt haben: Mehr = besseres Licht. Denn nach der Schlussfolgerung des Artikels gilt: Die Quantität des Lichts allein wird niemals schlechte Gestaltung aufwiegen, und die beste Wertschätzung wird man erzielen, wenn man den Bedürfnissen der Benutzer entspricht, ohne ungebührliche Energieaufwendungen zu erfordern.
Das hat IES nicht davon abgehalten, aus 161 lx 200 lx zu machen. Später haben die Europäer sogar ihre amerikanischen Vorbilder übertrumpft und aus 500 wieder 500 gemacht, allerdings aus 500 lx Nenn- 500 lx Mindestbeleuchtungsstärke. Macht rund 25% mehr. Macht aber nix, weil es kaum jemand bemerkt hat. Jedenfalls nicht so plump wie aus 161 lx 200 zu generieren.
Hier passt ein Artikel von Peter Boyce, einem britischen Professor für Lichttechnik, der in den USA gearbeitet hat, unheimlich gut. Damit hat er den Kollegen vom IES ins Gewissen geredet, damit sie aufhören, Märchen zu erzählen. Der Artikel trägt den Titel „Festlegung der Beleuchtungsstärke für Sehleistung - Und andere Märchen“.
(Der Artikel ist angehängt, hier download pdf)
