Warum das Licht immer von oben kommt – aber kein Segen ist
14.02.2026
Ich bin ein Teil von jener Kraft,die
stets das Helle will und stets das Dunkle schafft.
d. Blogger, frei nach Mephisto
Wenn man lichttechnische Abhandlungen oder Beleuchtungsnormen liest, hat man das Gefühl, man könnte das Licht in Innenräumen lenken, wie man es gerne hätte. So soll z.B. laut DIN EN 12464-1 die Beleuchtungsstärke horizontal (auf den Tischen) wie vertikal (auf den Wänden) und gar auf der Decke gemessen werden. Bei der letzteren Angabe fehlte den Autoren die Fantasie, einen Namen zu geben, denn sie ist die Umkehrung der Horizontalbeleuchtungsstärke. Der Laie hat ohnehin schwer genug, zu verstehen, warum man das Licht mit einem senkrechten Pfeil nach unten anzeigt, aber dann Horizontalbeleuchtungsstärke nennt. Während man das noch mit dem Wissen aus der Geometrie erklären kann, würde die Beleuchtungsstärke an der Decke als umgekehrt-horizontal u.ä. bestenfalls Gelächter hervorrufen.

Nicht lachen kann der Laie hingegen, wenn er liest, an jedem Punkt einer Arbeitsstätte müsse die zylindrische Beleuchtungsstärke angegeben werden. Wenn er dann einen Fachmann fragt, was das ist, erklärt ihm dieser den Begriff mit diesem Bild. Es stammt von der Firma Trilux, sieht sehr schön aus. Ist aber falsch. Denn es zeigt die halb-zylindrische Beleuchtungsstärke. Mit der (ganz-)zylindrischen hätte man so seine Probleme, denn dazu zählt auch das Licht von hinten. Wie jeder Laie weiß, sieht ein fotografiertes Gesicht traurig aus, wenn Licht von hinten kommt.
Wie man es auch nimmt, am Ergebnis ändert sich nicht viel, weil das Licht immer von der Decke kommt. Es wird an der freien Entfaltung durch diverse Hindernisse gestört, wovon die berühmtesten aus den USA stammen und auf den Namen Cubicle hören. Diese sind bei uns trotz der Bemühungen der Firma Vitra, sie zum Lifestyle zu erklären, selten anzutreffen. Vitra hat sie früher nicht nur verkauft, sondern auch noch selbst benutzt.
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Während die Cubicles gut organisierte Zellen ergaben, trifft das wohl geplante Licht bei uns auf früher nicht bekannte Hindernisse. Sie sehen fast alle grau aus und geben vor, der Akustik zu dienen. Fragt man die Leute, die zwischen den grauen Wänden gequetscht sitzen, ob das wahr ist, müsste der Kaufmann, der sie bezahlt hat, sein Geld zurückfordern.
Eigentlich liegt der Umstand, warum man auch in deutschen Büros fast immer die Horizontalbeleuchtungsstärke antrifft, mehrere Jahrzehnte zurück. So etwa gegen Ende der 1960er Jahre setzten sich Büroplaner, Architekten und Möbelleute zusammen und erfanden die integrierte Decke, die sämtliche Technik, so z.B. Elektroleitungen, Luftkanäle, in sich vereinigt, wozu dann auch die Leuchten gehörten. Sie sollten in der Decke verschwinden, damit sie die Luftwalze nicht stören, die die warme Luft nach oben an die Decke bringt, um sie später wieder herunterzuholen. Das Ganze nahm ca. 50 cm von der Raumhöhe weg. Da die ohnehin gegenüber früheren Bauten weitgehend reduziert war, konnte sich das Licht eben sehr schlecht ausbreiten.
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Fehlt uns da etwas dadurch? Wozu braucht es die (halb-)zylindrische Beleuchtungsstärke? Der Grund wird in vielen Schriften, Normen und Regelwerken angegeben: visuelle Kommunikation, Modellierung von Gesichtern. Das wird jeder Bühnenbeleuchter sofort unterschreiben. Dummerweise gibt es in den Cubicles keine Nachbarn, die einen sehen. Und die Bildschirme, in denen man sich selber sehen konnte, sind mittlerweile entspiegelt. Ob die Menschen, die zwischen grauen Paneelen gefangen vor großen Bildschirmen arbeiten, etwa von der zylindrischen Beleuchtungsstärke was merken? Physikalisch kaum möglich.
Wozu braucht man Vertikalbeleuchtungsstärken? Für die nicht-visuellen Wirkungen zählt nur diese. Die braucht der Mensch, z.B. um wach zu bleiben. Nun kann man sich darüber streiten, ob das Fehlen der Vertikalbeleuchtungsstärke mehr zum Einschlafen beiträgt oder eher die grauen Wände.