24.04.2013
Dass Licht tödlich sein kann, hatte ich mal in dem Institut für wissenschaftlichen Film in Göttingen eindrucksvoll erlebt. Eine arme Fliege, die sich auf ihre Rolle als Hauptdarstellerin freute, zischte einfach ins Jenseits, als die Scheinwerfer mit 500.000 lx auf sie schossen. Da auch das Institut nicht mehr lebt, kommt das nur noch in Star Wars vor. Falsches Licht tötet nicht - es lässt die Menschen nur leiden.
Die wahre Gefahr ist viel subtiler. Sie folgt der unendlichen Langsamkeit der ach so ultraschnellen Gesellschaft. Heute fand ich ein Dokument, dessen Inhalt ich eigentlich kannte, aber nicht dort vermutete, wo ich es fand. Im „Neufert“ - das ist das Buch, wonach deutsche Architekten seit dem Jahr 1936 ausgebildet werden. Immer nach der neuesten Ausgabe, selbstverständlich! Selbstverständlich?
In meiner Ausgabe von der Jahrtausendwende heißt es:

BAP - d.h. Bildschirmarbeitsplatz - in fensterfreien Zonen installieren!
Wer kommt auf eine solche Schnapsidee? Zufällig kenne ich alle Täter - und zwar lückenlos. Aber zuerst zum Töten: Wie man in diesem Blog vielfach lesen kann, ist Tageslicht lebenswichtig. Zu dieser Weisheit bedurfte es keines Blogs, weil dies in der Antike nicht nur bekannt war, sondern tägliche Praxis. Man heilte sogar mit Licht – das Solarium im alten Rom war keine Bräunungs-, sondern eine Heilanstalt. Zwar hatte der deutsche Gesetzgeber die Sache in seiner Arbeitsstättenverordnung vergessen, aber nur, weil die deutschen Länder Vorschriften pflegen, die für alle Aufenthaltsräume - mehr oder weniger - Tageslicht sichern, das sind die Landesbauordnungen. Seit 2004 steht es auch in der Arbeitsstättenverordnung - und in den entsprechenden Gesetzen aller EU-Länder.
Ausgerechnet ein Arbeitsmediziner aus Schweden, der den Menschen Gutes tun wollte, schlug 1974 vor, die Arbeitsräume abzudunkeln, weil die Bildschirme ansonsten schlecht lesbar waren. Schlecht ist die Idee nicht, wie man in - damals - Tausenden von Kinos erleben konnte. Von den Millionen von Diavorträgen bei Kongressen oder quälerisch veranlagten Bekannten ganz zu schweigen. Wer da einschlief, hat die Ursache für seine Unpässlichkeit beim Redner oder bei den unsäglichen Urlaubsdias gewähnt. An Licht hat man weniger gedacht.
Es dauerte nicht sehr lange, und auch in Deutschland hatten Menschen Augenprobleme am Bildschirm. Die Ursache war schwupps gefunden: Das muss der Bildschirm sein. Und? Ja, der reflektiert das Licht immer so komisch. Also? Man baut überall Stellwände auf, hinter denen man die Bildschirme versteckt. Und versetzt die BAP dorthin, wo keiner sitzen will.

Kaum zu glauben, dass dies ein Hersteller von Computern hat zeichnen und veröffentlichen lassen. Dass sein Unternehmen später einging, hat weniger mit dieser schlechten Werbung für seine Produkte zu tun. Er hat den PC verschlafen. Vielleicht weil er immer hinten in der Dunkelzone gearbeitet hat?
Nun konnte der Grösste im Lande sich nicht mehr zurückhalten, weil auch er die Augenbeschwerden auf irgendetwas schieben wollte, nur nicht auf seine Bildschirme. Also gab auch er eine Empfehlung heraus:

Jetzt sieht das Ganze viel hübscher aus. Oder? Man merke: Die Bilder sind in den Corporate Colours der jeweiligen Firma designt. Da mussten selbst die Blumentöppe dran glauben.
Nun hatte dieser außer dem Bildschirmverkauf noch ein Geschäft: Leuchten. Warum soll man nicht ein Geschäft daraus machen? Ergo machte man sich daran, eine neue Leuchte zu kreieren, die allerdings so neu nicht war, aber der Name: BAP-Leuchte. Die ultimative Leuchte für den modernen Bildschirmarbeitsplatz.
Da die Leute nicht so dumm sind, in solche Dinge große Summen zu investieren, musste das Ganze in eine Norm gegossen werden. Und da sah die Bude so aus:
Bildschirme so weit weg wie möglich vom Tageslicht. So weit, so gut. Dass in dem letzten Bild die Blumentöpfe fehlen bzw. die Stellwände, hat mit den Corporate Colours von DIN nichts zu tun. Normen kannten damals Farbe nicht. Aber Bildschirmtische. Und die sahen nie so aus wie in diesem Bild. Die Berufsgenossenschaft hätte deren Betrieb schnell ein Ende gemacht. Die Tische sehen nur deswegen so schmal aus, weil das Konzept sonst theoretisch nicht funktioniert. In der Praxis übrigens auch nicht.
Man hat in der Lichttechnik den Fehler eingesehen - zwar unfreiwillig durch jahrzehntelange Seelenmassage durch uns -, aber immerhin. Die EU hat in den Jahren, als mein Neufert gedruckt wurde, enorm viel Geld in Forschungsvorhaben zu Tageslicht gesteckt. Und dann das!

Verwunderlich ist das Ganze für mich aufgrund mancher Erfahrung nicht. Als mir ein Architekt bei einem Prozess erklärt hatte, er habe den von mir beanstandeten Raum nach A. Dürer gestaltet, hatte ich mich daran gemacht, festzustellen, wer dieser ominöse Mensch sei, den man anstelle einer anthropometrischen Norm (heißt übrigens DIN 33402) heranzieht. Tatsächlich, in meinem Neufert wird er groß herausgestellt als „Masz aller Dinge“, der mit dem Hasen. Herr Albrecht Dürer - gestorben am 6. April 1528.
Menschen, deren Arbeitsplätze mit dem Bildschirm dicht am Fenster stehen, haben weniger Augenbeschwerden als die, die in der Raumtiefe sitzen. So nach meinem Forschungsbericht „Licht und Gesundheit“ vom Jahre 1990. Hingegen leiden Menschen, die unter der Beleuchtung sitzen, die für die „Bildschirmarbeit“ erfunden wurde, gesundheitlich mehr als andere unter jeder anderen Beleuchtung. Mal sehen, wann die Architektur unsere Geschichte des kollektiven Versagens aufgreift und beseitigt. Hoffentlich nicht in weiteren 500 Jahren. Zum 1000. Todestag von A. D.
15.03.2013
In den letzten Tagen geschah Unerhörtes. Als so viel los war mit dem alten und neuen Papst, über die so lange berichtet werden musste, ich meine im Öffentlichen, bis dass selbst eingefleischte Feinde des Action-Fernsehens, ich meine des Privaten, lieber Pro7 eingeschaltet haben, als ständig Kardinäle in allerlei Posen zu bewundern, rutsche eine Nachricht ziemlich unbewundert durch: Die erste Arbeitsstätte der Welt, die nach dem Traum des Deutschen Arbeitsschutzes beleuchtet ist, steht, und das Licht brennt durch - ich meine, durchgehend. Es ist der Zukunftsflughafen der Hauptstadt BER, dessen Zukunft in den Wolken geschrieben steht. Steht doch einem Flughafen gut – die Zukunft in den Wolken?
Erst einmal zum Traum: Jeder erwachsene Deutsche, dem ein Arbeitsplatz zugewiesen worden ist, hat per EURO-Norm ein Anrecht auf eine Mindestbeleuchtungsstärke zu seiner Er…, pardon, Beleuchtung. In der zuständigen Norm wird das Recht so definiert: „Die im Abschnitt 5 angegebenen Werte sind Wartungswerte der Beleuchtungsstärke im Bereich der Sehaufgabe auf der Bewertungsfläche, die horizontal, vertikal oder geneigt sein kann. Unabhängig vom Alter und Zustand der Beleuchtungsanlage darf die mittlere Beleuchtungsstärke für die jeweilige Aufgabe nicht unter den im Abschnitt 5 angegebenen Wert fallen.“ Es gibt Experten, die dem so beleuchteten Menschen das Recht absprechen, sogar im Falle übermäßiger Lichtfülle durch die Natur die Beleuchtung zu dimmen oder gar abzuschalten. Zu ihrem Schutz, natürlich. Dass diese den Sinn dieses Schutzes nicht verstehen und einfach zum Schalter greifen, ist unerheblich. Lux muss sein, vor allem 500.
Da eine Norm kein Recht begründet, hat die Arbeitsministerin eine ASR veröffentlicht, die das Ganze nochmals in Beton gießt: „An keiner Stelle im Bereich des Arbeitsplatzes darf das 0,6-fache der mittleren Beleuchtungsstärke unterschritten werden.“ So! Basta! Einen besseren Dienst für das Lichtmarketing hat noch nie eine Bundesministerin erweisen können.
Bislang haben es deutsche Unternehmen versäumt, dieses Recht in die Praxis umzusetzen. Bisher! Neulich stand in der Zeitung, dass in BER das Licht durchbrennt, weil niemand es abschalten kann. Zwar ist es mit den Arbeitsplätzen noch nicht so weit. Vorglühen wird man doch dürfen … Niemand weiß heute, wann ein Verantwortlicher den Lichtschalter finden wird. Bis dahin wird das Hauptterminal des BER Tag und Nacht hell erleuchtet bleiben.
04.03.2013
Als ich das neueste Heft von Mensch und Büro las, dachte ich, mich trifft der Schlag. Die Zukunft der Büros bei SAP wird durch eine sogenannte Voutenbeleuchtung erhellt. Die sieht so toll aus, weil die Lampen vor den Mitarbeitern versteckt werden. Vielmehr sieht sie gar nicht aus, denn man sieht keine Beleuchtung. Ein Grauen für jeden aufrichtigen Beleuchter. Wäre es gestern gewesen, hätte die SAP bestimmt gegen die Lichtnormen verstoßen. Und das macht bekanntlich die Mitarbeiter krank.
Falls das nicht reicht, steht noch eine Wohnzimmerleuchte im Raum. Igitt! Das sind doch Lichttöter? Wie man es richtig macht, hat uns ein Ing. aus Österreich erklärt. Man nehme einen Bildschirm, der spiegelt, kippe ihn 20° nach hinten, damit er richtig spiegelt. Dann schneide man den Leuchten den Teil des Lichts ab, den sie gerne auf den Bildschirm geworfen hätten, aber nicht mehr dürfen. Fertig ist das Wunderwerk BAP wie Bildschirmarbeitsplatzleuchte. Kein Licht auf dem Bildschirm, keine Spiegelung. Ich meine, theoretisch …
Ich schätze mal, der Österreicher wurde bei uns aktiv, weil die Ösis viel zu klug sind, um den Unsinn zu Ende zu hören. Dieser Österreicher hatte seine Idee einst als „dark light“ erfunden, so etwa anno 1969. Lange bevor die Linken den Marsch durch die Institutionen aufgerufen hatten, hatte er sich auf den Weg gemacht, eben den Marsch anzutreten. Mein Prof. erklärte uns Studenten, jeder flöge hochkant aus der Prüfung, wenn er von dark light spricht, Licht sei hell und es bliebe dabei. Bei ihm war also nichts zu holen. Ab zum Leiter der Leuchtenplanung der - damals - größten Firma. Die ist auch heute noch groß, aber nicht mehr in Sachen Licht (hier mehr).
Dieser und sein Vorstand witterten die Chance zum größten Scoop der Geschichte der Laternenmacherzunft: Ein neuer Name und ab geht die Post. Der Professor, der dark light nicht mochte, war gestorben. Nur noch ein Hindernis war aus dem Weg zu räumen, eine Weisheit im „Handbuch für Beleuchtung“. Die besagte, dass tiefstrahlende Leuchten nur für Sonderaufgaben einzusetzen seien. Zudem hieß es, „Können nur direktstrahlende Leuchten eingesetzt werden, so sollten sie möglichst großflächig sein“. Ansonsten sollte man die Decke und die Wände mit einer Zusatzbeleuchtung aufhellen. Ach, was! Leute, die Leuchten kaufen bzw. einen Elektriker bestellen, um diese an die Decke zu schrauben, lesen nicht das Handbuch für Beleuchtung. Und Lichtplaner, die es lesen, kann man mit einer Beleuchtungsnorm zur Räson bringen. Gesagt, getan! Und dass der Protagonist der direktstrahlenden Zukunft das Handbuch mitgeschrieben hatte? Geschenkt.
So etwa seit 1979 wehrt man sich gegen die tolle Erfindung. Man ist leider nicht alle. Zuerst fanden die Leuchte nur die Erfinder gut, der Rest der Gilde übte sich in Enthaltung oder Kritik. Bis er merkte, dass sich gut Geld machen ließ mit der Wunderleuchte. Und die Beleuchtungsnorm hatte ganzheitlich alle Probleme geregelt: z.B. so: „Anmerkung: Auch helle Oberbekleidung kann zu störenden Spiegelungen auf dem Bildschirm führen. …“ Nur das Feingerippte blieb von der Norm unbehelligt, weil kein Licht in die Hose fällt.
Als alles Jammern nicht half, musste ich die Notbremse ziehen und veröffentlichte einen Artikel, der die mittlerweile genormte Leuchte als Verstoß gegen den Arbeitsschutz auswies (hier zu lesen). Mittlerweile sind auch diejenigen von dessen Wahrheitsgehalt überzeugt, die mich damals am liebsten in die Geschlossene eingewiesen hätten.
Aber dass ein Unternehmen es wagt, den schlimmsten Albtraum des Lichtmenschen zur Zukunftsvision zu erklären? Indirektbeleuchtung? Igitt, ist langweilig und ermüdend. Dazu eine Wohnraumleuchte in einem Arbeitsraum? Kann nicht wahr sein. Ob die noch irgendwo Tischlampen versteckt halten? Ich weiß, dass sie es tun.
SAP war einst von Leuten gegründet worden, die ihrem Arbeitgeber, dem größten EDV-Monopolisten seiner Zeit, nicht gehorchen wollten. Das Ketzertum der Gründer hat sich wohl auf die neuere Generation übertragen. Den Feuertod müssen sie nicht befürchten. Dürfen die SAP-Mitarbeiter jetzt weiße Hemden tragen?
07.10.2012
Nein - es geht nicht um des Kaisers Bart*. Es geht darum, was die jüngst gefeierten 100 Jahre Lichttechnik a la LiTG den Menschen gebracht haben (siehe hier). Das Ergebnis liest sich im Tagesspiegel von heute so an:
„In einer Studie des Businessnetzwerks LinkedIn bestimmen Fach- und Führungskräfte ihren Arbeitsplatz der Zukunft. In der Umfrage hat LinkedIn weltweit über 7000 Arbeitnehmer – 420 davon in Deutschland – nach ihrem „Traumarbeitsplatz“ befragt: Welche Technologien und Rahmenbedingungen wünschen Sie sich für die Zukunft? Die Studie zeigt: 37 Prozent der deutschen Fach- und Führungskräfte bevorzugen einen Arbeitsplatz, der frei ist von künstlichen Lichtquellen.“
Der sehnlichste Wunsch deutscher Führungskräfte besteht darin, dass sie von unseren Produkten unbehelligt bleiben möchten. Und der zweitsehnlichste Wunsch? „Auf Platz zwei folgt der Traum von einer imaginären „Stummtaste“, die alle Gespräche der Arbeitskollegen auf lautlos stellt (21 Prozent).“
Das dumme Geschwätz derer, die man im Augenblick nicht hören möchte, weil man sich konzentrieren muss, um Längen zu toppen! Ist doch klasse – die 100 Jahre haben sich gelohnt. Wer sich 100 Jahre auf Technik nach eigener Vorstellung konzentriert und alle anderen, die etwas beitragen könnten, vergrault, so z.B. Architekten oder Designer, erntet bestenfalls, was er gesät hat. Andere machen es besser. So hat Norwegen eine Gesellschaft, die sich um die Beleuchtung kümmert. Sie nennt sich Lyskultur wie Lichtkultur. In Schweden liest sich nur der Name der zuständigen Gesellschaft etwas anders: Ljuskultur. Die AIDI, das direkte italienische Pendant zur LiTG, versteht sich als wissenschaftlich-technische und kulturelle Vereinigung. Sie konzentriert sich stark auf Lichtkultur, visuelle Ergonomie, Kunst- und Museumsbeleuchtung sowie urbane Identität. Zudem gibt es noch die APIL (Associazione Professionisten dell'Illuminazione): Ein eigenständiger italienischer Verband speziell für unabhängige Lichtdesigner. Der Fokus liegt rein auf dem kreativen, architektonischen Entwurfsprozess, frei von Herstellerinteressen. In Japan verknüpft die Lichtgesellschaft IEIJ technische Forschung extrem stark mit ästhetischen Prinzipien der japanischen Raumwahrnehmung (Schattenwirkung, Materialtextur, Verschmelzung von Innen- und Außenraum).
* „Es ist erreicht“ ist das berühmteste Produkt von Haby, Bartwichse samt Bartbinde für den Kaiser. „Donnerwetter - tadellos“ war eine Bartpomade, „Wach auf“ eine Rasierseife, und „Ich kann so nett sein“ ein Damenshampoo. Man sieht, dass Haby nicht nur dem Kaiser um seinen Bart ging.
28.05.2012
Kann ein Pathologe anhand der vielen Leichen, die er seziert hat, erklären, wie das Leben funktioniert? Bestimmt nicht. Er sagt im Krimi immer aus, wie einer zu Tode gekommen ist - umgekehrt geht es wohl nicht. (Für Freunde der korrekten Ausdrucksweise: Dieser Pathologe ist ein Forensiker)
In der Technik versucht man es doch. Man teilt etwas Ganzes in seine Bestandteile auf und behandelt jedes Element für sich. So kann der eine Ingenieur erklären, wie ein Kolben funktioniert, der andere wie eine Kurbelwelle. Kann man aus beiden lernen, wie ein Auto funktioniert? Nein. Man muss alle Teile gemeinsam betrachten können. Der Pathologe könnte seinen Beruf nie ausüben, ohne lebende Menschen studiert zu haben. Und der Kolbenbauer wird nie ein guter, wenn er sich nicht verinnerlicht hat, wie ein Motor funktioniert. Man wird zuerst Mediziner bzw. Konstrukteur, um später Pathologe oder Kolbenbauer zu werden.
So ähnlich geht es in der Beleuchtung zu. Ein Lichtplaner, der Architektur studiert hat, wird zum einen wissen, wie Farben entstehen. Und zum anderen, wie man Formen und Oberflächen beleuchtet, damit sie gefällig aussehen. Helligkeit, Form, Farbe und Glanz, sind für den Architekten wie für den Autodesigner eins, so sie den Umgang mit der visuellen Kommunikation gelernt haben. (Wenn nicht, gibt es andere Berufe, die man in Erwägung ziehen sollte.)
Was aber, wenn man die vier Aspekte (Form, Helligkeit, Farbe und Glanz) zerlegt und jeweils einer Gruppe von Menschen zuordnet, für die der Rest - sagen wir mal unfein - schnuppe ist? Das ist just der Zustand, den wir in der Beleuchtung tagtäglich erleben:
Glanz ist zwar nicht völlig schnuppe, aber Teufelszeug. Dazu sagt man apodiktisch, nichts darf glänzen, alles muss matt sein. Wenn es doch nicht so sein sollte, bitte die Leuchten so aufstellen, dass nichts glänzen kann. Da man einmal verbaute Leuchten doch nicht verrücken kann, ordnet man an, dass Millionen von Leuchten immer in Bändern links und rechts über den Bürotischen hängen. (Dass es Leuchten gibt, die man verrücken kann, spricht sich langsam herum, aber sehr sehr langsam.) Ganz schlaue Experten wenden die Weisheit sogar auf Industriehallen an. Wie man polierte Oberflächen, Wellen und Werkzeuge matt kriegen soll? Wenn nicht, dann die Maschinen zwischen den Leuchtenreihen aufstellen. Dann müsste man allerdings viele glänzende Maschinenteile platt kriegen. Was vermutlich niemandem gelingen wird.
Farbe? Da man ihre Existenz nicht verleugnen kann, muss was dafür getan werden. Bei den Lampen gibt man die Farbtemperatur an, die unter brutaler Vergewaltigung des Planckschen Strahlungsgesetzes berechnet wird. Ob die stimmt, kann der Laie nicht berechnen. Der Fachmann übrigens auch nicht, fast immer nicht. Außerdem muss noch die Farbwiedergabe angegeben werden. Dummerweise sieht der dazu verwendete Index wie eine Prozentangabe aus, so dass auch Fachleute zuweilen glauben, dass z.B. ein Index von 90 irgendwie bedeuten müsste, dass 90% der Farben wiedergegeben werden. Oder alle Farben zu 90%? Oder ähnlich, aber nie richtig. Farben gibt es nämlich nicht physikalisch. Daher bezieht sich der Index auf eine Referenzquelle und Testobjekte, und von der Referenzquelle gibt es mindestens zwei. So können zwei total unterschiedliche Erscheinungsbilder vom gleichen Objekt von zwei Lichtquellen erzeugt werden, die beide stolz sind auf den höchsten Farbwiedergabeindex von 100. Geben sie wenigstens alle Farben wieder? Kann sein, muss aber nicht. Denn der Index wird mit den (Test-)Farben berechnet, die ein US-Maler namens Munsell zu Beginn des letzten Jahrhunderts festgelegt hatte. Von diesen kann man manche nur noch theoretisch herstellen, ergo nur noch auf dem Rechner. Und alle Testfarben sind Pastellfarben. Frische, gesättigte Farben kann eine Lampe wiedergeben, muss aber nicht. Wie dem auch sei: Der Lichttechniker sieht es nicht als seine Aufgabe an, welche Farben in einer Umgebung benutzt werden. Das ist auch gut so. Die soll derjenige bestimmen, der den Raum gestaltet. Übrigens: Farbenerkennen gehört nicht zur Sehleistung. (Zum Thema Farben auf dem Rechner möge man sich nur die Klimmzüge ansehen, die Grafiker und Druckereien sich leisten müssen, um ein Werk auf dem Rechner und auf dem Papier gleich aussehen zu lassen.)
Helligkeit: Der vierte im Bunde ist die Domäne der Lichttechnik. Die Effizienz ihrer Produkte (Lampen) wird an der Erzeugung von Helligkeit bestimmt. Alles, was zu Sehleistung gehören soll, wird an dieser Größe gemessen. Dumm nur, dass es auch die Helligkeit nicht gibt. Sie ist eine Empfindung, die schwer zu beschreiben ist. Daher behauptet man, dass die Leuchtdichte die beste Annäherung dazu sei. Kann sein. Eine gute Annäherung ist sie aber nicht, wie weiter unten gezeigt wird.
Trotzdem: Würde man in den Normen nach dieser Größe verfahren, würde uns Vieles erspart bleiben. Man tut es nicht, obwohl man weiß, dass es besser wäre. Denn für die Außenbeleuchtung ist der Maßstab die Leuchtdichte. Für die Innenbeleuchtung aber nicht. Man unterteilt die Leuchtdichte noch einmal in Reflexionsgrad und Beleuchtungsstärke. Nicht weil dies viel Sinn macht, sondern weil die Lichtindustrie keine Farbeimer verkauft, sondern Lampen und Leuchten. Einst hat man die Vorgaben für Beleuchtungsstärke immer an den Reflexionsgrad gekoppelt. Seit langem nicht mehr, die Reflexionsgrade werden nur noch pauschal empfohlen. (Hier wäre noch einmal das Wort Schnuppe angebracht. Ist aber nicht, denn für den Umsatz des Herstellers ist es nicht schnuppe, ob man die Leuchtdichte oder die Beleuchtungsstärke zum Maßstab macht.)
Was hat das Ganze mit der Leiche zu tun? Viel. So wie man an der sezierten Leiche nicht verstehen kann, wie das Leben funktioniert, kann man auch aus Beleuchtungsstärke und Reflexionsgrad nicht auf Helligkeit schließen, schon gar nicht auf Farbe. Ob gar ein beleuchteter möblierter Raum die gewünschte Anmutungsqualität aufweisen wird, wird man nicht einmal näherungsweise anhand technischer Größen bestimmen können. Übrigens, einer sehr weit verbreiteten Mär zufolge kann man an der Beleuchtungsstärke ablesen, wie hell ein Raum erscheint. Sie bleibt eine Mär, auch wenn viele Leute daran glauben.
Wie die technische Zerlegung der für die Empfindung wichtigen Aspekte uns in die Irre führt, kann man an zwei Beispielen erkennen:
Wenn man sich zur Beantwortung der Frage nicht die Wolken anschaut, sondern so vorgeht wie in der Beleuchtungstechnik - Beleuchtungsstärke und Reflexionsgrad getrennt beobachten -, wird man unweigerlich zu der echt überraschenden Feststellung kommen, dass die Schäfchenwolken und die Gewitterwolken ohne Beleuchtung gleich aussehen, nur die Beleuchtungsstärke ist unterschiedlich. Beide Wolken sind Wasserdampf plus kondensierte Wassertröpchen und würden, in Proben aufgeteilt, im Labor ähnlich aussehen. Die echte Schäfchenwolke ist aber dünn und lässt viel Licht durch, während die Gewitterwolke bis zu 10 km hoch sein kann. Das schluckt Licht. Ihre gruselige Erscheinung ist also überhaupt nicht wahr, erwiesenermaßen, lichttechnisch. Auch eine optische Täuschung?
Es ist an der Zeit, mit der Täuschung aufzuhören. Beleuchtungsnormen dienen nicht vornehmlich den Interessen der „Beleuchteten“, also der Menschen, die unter einer Beleuchtung leben und arbeiten müssen, sondern - jetzt fein gesagt - Partikularinteressen. Wer die „Partikulären“ sind, kann man schnell anhand der Teilnehmerlisten von Sitzungen bestimmen, in denen die Normen gemacht werden. Die Teilnehmer an Sitzungen, in denen Beleuchtungsnormen festgelegt werden, sind zu etwa 70% Angestellte von Herstellern oder Lobbyorganisationen. Unser Pech ist, dass sie Dinge festlegen, die in der realen Welt jeder anders sieht, aber jeder gleich sehen soll.
Dass Regeln meistens den Interessen derer dienen, die sie setzen, wird sich nicht vermeiden lassen. Man kann ihnen das nicht einmal verübeln. Wenn diese aber ihre Regeln so festlegen, dass anderen das Handwerk erschwert wird oder gar unmöglich gemacht, sollte man sich überlegen, ob die Interessen aller bei der gerade formal zuständigen Truppe noch hinreichend berücksichtigt sind. Wie das gehen kann, kann man am Schicksal des Normenausschusses Bürowesen studieren. War NBü einst auf seinem Gebiet mächtiger als der Staat - der hätte sich nie getraut, DIN A4 als Maß für alle Lebensbereiche festzulegen oder die Länge der Tischbeine für die Hälfte der Arbeitsbevölkerung auf Millimeter genau vorzuschreiben oder gar der ganzen deutschen Bevölkerung vorzugeben, wie man in ein Diktiergerät spricht, so gibt es ihn seit 2007 nicht mehr. Bereits früher waren die Büromöbel Sache eines Ausschusses, der vom Thema Holz dominiert wurde. Na, bitte. Das sind doch gute Aussichten!
An den beiden Vorhaben, die Tischbeinlänge auf Millimeter genau festlegen und vorgeben, wie man in ein Diktiergerät spricht, kann man gute und schlechte Normen lernen auseinanderzuhalten. Die Beine der Tische müssen unterschiedlich lang sein, weil auch die Menschen, die daran sitzen, unterschiedlich lange Beine haben. Hingegen gibt es nur eine Möglichkeit, Briefe in ein Gerät zu diktieren, wenn die Briefe mit den Gepflogenheiten der Wirtschaft konform sein sollen.
Etwas ganz Besonderes stellt die Festlegung von DIN A4 dar. Das DIN-A4-Format wurde 1922 im Standard DIN 476 von Walter Porstmann festgelegt (heute weltweit als ISO 216 bekannt). Seine Entstehung löste ein enormes Chaos unterschiedlichster regionaler Papierformate ab. Beim Bogenoffsetdruck entstehen kaum Schnittabfälle (Verschnitt), da die Formate perfekt ineinander aufgehen. Die Vorteile sind derart vielfältig, dass das DIN-A4-Format (international als ISO 216 standardisiert) in über 140 Ländern der Welt der alleinige offizielle Standard für Verwaltung, Wirtschaft und Bildung ist. Rechnet man alle Staaten hinzu, die ISO 216 als maßgebliche Norm anerkannt haben, nutzen über 190 Länder das Format – das betrifft fast die gesamte Weltbevölkerung.
Wie viele Länder wohl die deutsche Norm für die Beleuchtung übernommen haben? Man frage sich, warum.