Meine zerstörte Heimat

LED-in-Beylerbeyi

2015

Man stelle sich vor, man wächst an einem Ort auf, an dem der Sage nach die Sintflut stattgefunden haben soll. Auch ohne Sage weiß man, dass sich dort viel ereignet hat (mehr hier). Der Ort hat sich mit Absicht von der nahe gelegenen Großstadt absentiert. Nachts, wenn alle Leute schlafen, schaut man sich die Lichter der Großstadt an. Es ist so dunkel, dass man nachts im Boot größere Dinge sichtbar machen kann, indem man einen Eimer Wasser vom Meer hinein schüttet. Meeresleuchten reichte dazu vollkommen aus.

Wir träumten von einer Zukunft, in der unser Dorf kein verschlafener Ort sein würde. Warum kann man bei uns auf der Hauptstraße Fußball spielen? Wo doch in New York oder London die Straßen voller schöner Autos sind? Auch in den Hauptstraßen der Großstadt sah man lange Reihen blitzender schicker Autos.

Dann kam einer und baute uns eine Brücke. Davon soll sogar Xerxes geträumt haben, als er Griechenland erobern wollte. Unsere Brücke sollte aber hoch hinaus, damit auch die größten Schiffe der Welt darunter durch können. Leuten, die Angst vor der Zerstörung der einmaligen Landschaft hatten, sagte man, die Brücke würde sich in die Landschaft einschmiegen. Tat auch. Man wählte sogar besondere Straßenleuchten, damit sie die Kapitäne der Schiffe nicht blendeten.beylerbeyi-buntJa - und dann kam LED, und unser Ort sieht so aus. Dort, wo ich nachts die fast absolute Dunkelheit genießen konnte, veranstaltet eine österreichische Firma bizarre Lichtspiele. Die Lichtzacken an den Aufhängeseilen leuchten in allerlei Farben. Und die Stadt? Die sieht eh nachts so aus:

Istanbul at Night

Erstellt: Februar 8, 2015 um 10:15

2 Comments

  1. Antworten

    […] … Und die so Erzogenen  suchen heute nach der verlorenen Nacht. Ob sie die wiederfinden werden? (Hier gibt es mehr von […]

  2. Antworten

    […] Wer schlägt diesen Künstlern die Lichtsteuerung aus der Hand? Sie haben meine Heimat zerstört (hier), sie überziehen Hauptstädte mit Lichtverschmutzung (da), ihre Artifakte schreien zum Himmel […]

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