Warum kann man nicht nachweisen, dass besseres Licht gleich bessere Leistung bedeutet?

In wenigen Jahren wird ein berühmter Effekt 100, freilich ohne etwas von seinem Schrecken eingebüßt zu haben: Der Hawthorne Effekt. Gemeint ist das Ergebnis von einer Reihe wissenschaftlicher Studien, die nachweisen sollten, dass Menschen unter besserem Licht leistungsfähiger sind. Der Versuch misslang gründlich, und zwar derart krachend gründlich, dass sich die Sozialwissenschaften davon heute noch nicht erholt haben.

Der Misserfolg hielt die Macher des Dritten Reichs nicht davon ab, mit besserem Licht den deutschen Arbeiter leistungsfähiger machen zu wollen. Sie gründeten zu diesem Zweck nicht nur eine Behörde (Amt für Schönheit der Arbeit). Sie instrumentalisierten dazu auch die LiTG, bzw. deren Vorgängerin Deutsche Beleuchtungstechnische Gesellschaft. Den letzten großen Akt dazu bildete die Gründung des Fachnormenausschusses Lichttechnik mitten im Russlandfeldzug. Und der Führer aller war der große Architekt des Führers, Albert Speer. Dem traute man immerhin zu, Germania, die Welthauptstadt, zu bauen.

Nach dem Krieg versuchte man es weniger militant und gründete die Studiengemeinschaft Licht e.V. für fortschrittliche Lichtanwendung. Das ist die, die mit hübschen Kurven begründete, dass mehr Beleuchtungsstärke mehr Leistung bedeutet. Die Kurven sind derart professionell gemacht, dass sogar Professoren für Lichttechnik sie für wahr halten. Sie haben ihren Weg selbst in die Standardliteratur der Arbeitspsychologie gefunden. Kein Wunder, allein im Jahr 1952 haben sie 130 Vorträge in 50 deutschen Städten bei den IHKs abgehalten (hier). Fragt sich, was die da 130 Mal abgespult haben.

Als ein großer Hersteller von Leuchten in den 1970er und 1980er Jahren damit Werbung machen wollte, beauftragte dieser einen Kollegen, der den Effekt dokumentieren sollte. Der hat zwar seine Funde dokumentiert, der Auftraggeber war aber entsetzt. Was seine Leute aus vollem Herzen glaubten, konnte nicht belegt werden. Ergo sollten wir einen Auftrag bekommen, um den Nachweis zu führen. Der Zeitpunkt schien so günstig wie nie: (West)Deutsche Firmen bauten Tochterunternehmen bzw. Werke in der verblichenen DDR auf, naturgemäß mit "besserer" Beleuchtung als im Mutterhaus. Da müsste man doch ... z.B. nachweisen können, dass sich Produkte durch bessere Qualität auszeichnen. Oder gar höhere Arbeitsleistung durch besseres Licht nachweisen? 

Warum nicht? Den Auftrag haben wir abgelehnt, weil auch wir zu den Hawthorne-Geschädigten zählten. Unsere ähnlich gelagerten Projekte hatten keine Gnade bei Psychologen gefunden. Dennoch schien die Sache verlockend, denn es gibt doch einen Hinweis, dass das Licht die Leistung beeinflusst. So gingen wir zu einem Unternehmen, bei deren Arbeit man den Hawthorne-Effekt umgehen kann. Dort wird die Arbeit aus Sicherheitsgründen minutiös dokumentiert. Die im Werk entdeckten Mängel werden untersucht und beseitigt. Und wenn sie doch welche durchgehen lassen, kann sich das Ergebnis weltweit im Fernsehen sehen lassen: Abgestürzte Flugzeuge. Ergo: Man analysiert frühere Ereignisse und deren Folgen. Da das Unternehmen mehrere Werke hat, die unterschiedlich sind, und zudem Tag und Nacht tätig bleibt, sind dies ideale Bedingungen. Oder?

Leider nicht. Das kann man verstehen, wenn man sich erinnert, was da in Hawthorne schief gelaufen war. Zunächst das Unbestrittene: Eine Gruppe von Probanden bekommt eine - wie immer auch - verbesserte Beleuchtung. Die Vergleichsgruppe aber nicht. Es wird allerdings beiden Gruppen erzählt, sie hätten eine neue Beleuchtung. Die Versuchsgruppe zeigt eine deutliche Steigerung der Leistung. Dummerweise die Vergleichsgruppe auch. Damit ist erst einmal gesichert, der Versuch funktioniert nicht.

Hier die Interpretation der Sozialwissenschaften: Menschen in Versuchssituationen in Betrieben verändern infolge des Versuchs ihr soziales Verhalten. Und für die Leistungsabgabe ist das soziale Verhalten maßgeblich.

Hier die Interpretation von einigen Gewerkschaftern: Der Versuch hat doch funktioniert. Die Leistungssteigerung in der Versuchsgruppe kann der Beleuchtung zugeschrieben werden. Hingegen hat die Vergleichsgruppe aufgrund eines Aufmerksamkeitseffekts mehr geleistet, war aber auch mehr beansprucht. Einige Monate später kam es dort zu Streiks, weil die Arbeiter die Arbeit nicht mehr ertragen konnten.

Hier die Interpretation von Ethnographen: Der Hawthorne Versuch hat gezeigt, dass Forscher durch ihre Intervention im erforschten Bereich viel erreichen können.

Wenn sie noch nicht gestorben sind, diskutieren sie heute noch - sagt der Märchenerzähler.

So weit die Historie mit Wissenschaft und Märchen, die auf dem Gebiet des Lichts nicht so weit auseinander liegen.

Was aber jenseits des Denkbaren - auch für Märchenerfinder - liegt: Die künstliche Beleuchtung hat das ganze Leben auf dem Planeten verändert. Selbst kleine Jungs, die die sich nachts unter der Bettdecke verkriechen, damit sie nicht auffallen, benutzen künstliches Licht, das in ihren Smartphones und Tabletts. Kaum eine Technik, ob Computer oder Auto, Fernseher oder Backofen, funktioniert ohne künstliches Licht. Und ohne den elektrischen Strom, der sich über das künstliche Licht etabliert hat, können viele Leute nicht mal die Zähne putzen. Ergo?

Da verstehe einer, dass man nicht nachweisen kann, dass Licht Leistung steigern hilft.

3 Comments

  1. Avatar
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    Kohlenstoffequivalent 29. März 2017

    Warum hat denn der Versuch nicht geklappt? Wenn man arbeiten soll, muss man sehen. Wenn man besser sieht, schafft man mehr.

    • ahmetpro
      Antworten
      ahmetpro 29. März 2017

      So einfach geht es nicht. Selbst der Studiengemeinschaft ist ihr Versuch misslungen. Die hat die Sache aber besser verkauft, indem sie die betreffende Abbildung manipuliert hat. Man erreicht demnach eine kleine Leistungssteigerung dadurch, dass man etwa 30 Mal mehr Licht schafft. Und auch die war durch die Sehaufgabe bedingt: Perlen aufziehen. Wie repräsentativ für die Arbeitswelt.

      Der wesentliche Grund liegt aber in den Wirkungswegen des Lichts. Die Mechanismen sind derart komplex, dass ein Experiment vermutlich nie gelingen kann. Das aber heißt noch lange nicht, dass keine Wirkung da ist. Sie lässt sich mit experimentellen Methoden nicht nachweisen.

  2. Antworten

    […] nachzuweisen, entstand die größte Katastrophe der Wissenschaft, der Hawthorne Effekt (mehr hier  Warum kann man nicht nachweisen, dass besseres Licht gleich bessere Leistung bedeutet?). Ursache war nicht die Unwirksamkeit von Licht, sondern die Unzulänglichkeit wissenschaftlicher […]

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