„Was MDER für meine Beleuchtung bedeutet - Oder vom Wissen biologischer Wirkungen des Lichts

Wasser tut’s freilich
höher jedoch steht die Luft,
am höchsten das Licht!
Arnold Rikli

15.01.2026

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Heute überraschte mich eine Meldung, die sich so las: “What MDER Means for Your Lighting“. Sinngemäß übersetzt: „Was MDER für deine Beleuchtung bedeutet“. Jemand wollte mich wohl informieren, dass es wichtige Neuheiten auf unserem Fachgebiet gibt. Verpasse ich was, wenn ich die Meldung ignoriere?

Ich weiß leider nicht, was MDER ist, und fragte deswegen einen allwissenden Kollegen, der Tag und Nacht alle dämlichen Fragen von mir ohne Widerrede aufklärt. Der schrieb: „Der MDER-Wert hilft Lichtdesignern dabei, zu bestimmen, ob ein Licht „stimulierend“ genug ist, um Menschen tagsüber wachsam zu halten, oder „ruhig“ genug, um Entspannung zu ermöglichen.“ Dass Lichtdesigner dafür verantwortlich sind, ob ich tagsüber wachsam bin, ist mir tatsächlich neu. Aber wichtig scheint die Sache zu sein.

Da müsste doch jemand wissen, was MDER nun ist! Die Suche im Internet hilft nicht weiter, sie ergibt immer wieder MDR = Mitteldeutscher Rundfunk. Das ist der deutsche Fernsehsender für die Jahre „Zwischen Volksfest und Vorruhestand“. Der MDR hat das Kunststück vollbracht, ein Programm zu kreieren, bei dem man sich bereits mit 35 Jahren fragt, ob man versehentlich im Wartezimmer eines Orthopäden gelandet ist. Bei „Ruinen-Raten mit Gunther Emmerlich“ – Prominente müssen am Geruch von altem Linoleum erkennen, in welcher sächsischen Kreisstadt sie sich befinden." Kann das gemeint sein? Stimulierend ist der Geruch vom Linoleum, oder?
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Nach einer Weile fand ich die Auflösung des Rätsels. MDER heißt ausgeschrieben „Melanopic Daylight Efficacy Ratio” und ist “eine wichtige Kennzahl im modernen Lichtdesign, die quantifiziert, wie gut eine künstliche Lichtquelle unsere natürlichen circadianen Rhythmen (Schlaf-Wach-Zyklen) im Vergleich zu natürlichem Tageslicht (insbesondere CIE D65) unterstützt. Höhere MDER-Werte weisen auf eine stärkere biologische Wirkung auf Wachsamkeit, Konzentration und allgemeines Wohlbefinden hin und helfen Designern dabei, gesündere und effizientere Umgebungen zu schaffen, indem sie möglicherweise weniger Lichtquellen einsetzen, um den gewünschten biologischen Effekt zu erzielen, so Yuji Lighting und Fagerhult. “ Fagerhult kenne ich seit Jahrzehnten. Yuji Lighting?

Der allwissende Kollege erzählte weiter:
Die Skala: * MDER = 1,0: Das Licht hat dieselbe biologische Wirkung wie natürliches Tageslicht.
Hoher MDER-Wert (z. B. 0,8+): Stärkere biologische Wirkung; ideal für den Vormittag und Mittag in Büros oder Schulen, um die Aufmerksamkeit und Konzentration zu steigern.
Niedriger MDER (z. B. 0,3–0,5): geringere biologische Wirkung; besser für die Abendstunden geeignet, um den Körper auf den Schlaf vorzubereiten.

Es werde zur Berechnung der MEDI (Melanopic Equivalent Daylight Illuminance) verwendet, also der tatsächlichen „biologischen“ Lichtstärke, die das Auge erreicht, heißt es weiter. Nach einer Weile wurde mir klar: Ich hatte diese Berechnung vor langer Zeit in diesem Blog illustriert: Wie zirkadian wirksam ist mein Licht?

Dumm nur, dass sich die CIE mit Händen und Füßen dagegen wehrt, dass nur noch die Farbtemperatur bestimmt, was bei Licht circadian wirksam sein soll. Vor allem “biologisch wirksam”. Wie bringt es ein Lichtdesigner fertig, dieselben biologischen Wirkungen wie Tageslicht zu erzeugen? 
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Und ich wehre mich nicht weniger vehement dagegen, dass die gemeinte Wirkung der biologischen gleichgesetzt wird. Schon vor Jahrzehnten, im Jahr 1983, hatte der selige Kollege Rikard Küller den Begriff NIF = non-image forming geprägt. Damit waren alle Wirkungen des Lichts außer dem Sehen gemeint. Und diese reichen vom Zahnwachstum in der Kindheit bis zum Oberschenkelhalsbruch im hohen Alter. In den Jahren dazwischen kann Licht allerlei Wirkungen auf den Körper und auf die Psyche ausüben, wie Rikard Küller penibel ermittelt hat.

Diese hatte ich hier kommentiert: Wie man sich in 100 Jahren an das Licht herantastet

Doch Küller war beileibe nicht der erste Protagonist, der sich um biologische Wirkungen des Lichts kümmerte. Da waren einige vor ihm, so z.B. Prof. Hollwich von den 1940ern bis in die 1990er Jahre. Aber auch Hollwich war nicht der Urheber, der Idee, dass Licht stark etwas mit der Gesundheit zu tun hätte. Das haben die Väter der ersten deutschen Beleuchtungsnorm 5035 im Jahre 1935 schon getan. So endet der hier erwähnte Beitrag, den ich im November 2020 geschrieben hatte. Da war mir das Buch von Luckiesh und Pacini noch nicht gut bekannt, das genau vor 100 Jahren als “Light and Health” das Licht der Welt erblickt hatte.

Aber auch Luckiesh war nicht der Urheber der Vorstellung, dass Licht wichtige physiologische Wirkungen auf den Menschen hätte. Pioniere wie Niels Finsen (Nobelpreis 1903) nutzten Licht zur Heilung von Krankheiten wie Hauttuberkulose. War er wirklich der Pionier? Da fällt mir ein gewisser A. J. Pleasonton ein, vom Beruf General. Er argumentierte, dass Farbe enorme biologische Wirkungen entfalte und dem blauen Licht elektromagnetische Kräfte innewohnten, die in der Lage wären, den Körper zu heilen und Widerstandskräfte gegen Krankheiten aufzubauen. Das war kurz nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg. Seine Geschichte(n) kommentierte ich in Genesis 2.0 zusammen mit allen zum Umgang mit Blau: Geheimnisse in Blau
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Viele Jahrzehnte später lernte ich Filter zu bauen, die dazu dienten, die Heilkraft des blauen Lichtes auf Neugeborene zu messen. Im Jahr 1956 hatte im Rochford General Hospital in Essex, England, die Oberschwester der Frühgeborenenstation, Sister Jean Ward, festgestellt, dass die Gelbfärbung der Haut (verursacht durch Bilirubin) bei Babys, die am Fenster im Sonnenlicht lagen, deutlich schneller verblasste. Zwei Jahre später war die Wirkung wissenschaftlich belegt. Zehn Jahre später verdiente ich als Student ein Zubrot mit den besagten Filtern. Man hatte herausgefunden, dass Bilirubin Licht am effizientesten im blau-grünen Spektrum (Wellenlänge ca. 460 nm) absorbiert. MDER soll die Wirkung des Lichts auf Melatonin quantifizieren. Dazu gehört die Wellenlänge von 460 nm bis 480 nm. Nicht allzu weit von dem wirksamen Licht für Babys.

Hundert Jahre oder gar 150 , um auf die schlichte Formel zu kommen, die biologische Wirkung der Lichts an seiner Farbtemperatur zu messen …

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