Beiträge der Kategorie: Normen

Wochenend und Sonnenschein, weiter brauch' ich nichts zum Glücklichsein

Einen Beitrag mit dem gleichen Titel gab es schon letztes Jahr, als ein schwedischer Frauenarzt eine erschreckende, aber keineswegs überraschende Studie veröffentlichte: Wer die Sonne meidet, verkürzt sein Leben etwa als wenn er ständig raucht, im Schnitt um 0,6 bis 2,1 Jahre. Aus gegebenem Anlass wiederhole ich das Thema. Denn seit etwa 40 Jahren zum ersten Mal hat eine Zeitschrift einen Artikel von mir abgelehnt, d.h., ablehnen müssen, weil deren Beirat Bedenken hat. Das ist bemerkenswert, weil ich - Internet Artikel nicht mitgezählt - so etwa 2.000 Artikel verfasst habe, die z.T. für die Betroffenen Schlimmes berichteten, so etwa, dass deren Produkte Menschen taub machen würden. Die Herrschaften lassen so etwas nicht auf sich sitzen. Wäre auch schlimm, denn solche Artikel werden nicht zum Anprangern eines Missstandes geschrieben, sondern als Anreiz zum Beseitigen davon. Tatsächlich bekam ich von der Industrie, gegen deren Produkte ich gerade den erwähnten Vorwurf erhoben hatte, einen Wunsch nach einem Gesprächstermin. Bei diesem ließen sie sich das Problem erklären und versprachen, ihr Bestmögliches zu tun. Was sie auch tatsächlich realisierten. Die Besucher waren nicht etwa Mitarbeiter von kleinen Anbietern, sondern von zwei Marktführern.

Die abgelehnten Artikel, gegen die die Fachbeiräte der jeweiligen Zeitschrift Einwände erhoben haben, betreffen Produkte einer bestimmten Industrie. Vor 40 Jahren ging es um einen Artikel, in dem die Optimierung einer Arbeitsplatzleuchte dargestellt wurde. So ein Ding gehört halt auf den Müllhaufen. Wer braucht denn eine Arbeitsplatzleuchte? Der Artikel erschien nicht, aber die optimierte Arbeitsplatzleuchte und wurde ein Erfolg. Die jetzige Ablehnung betrifft direkt kein Produkt, sondern nur indirekt eine Marketingmasche. Es geht um die gesunde Beleuchtung am Arbeitsplatz. In dem Artikel wurde u.a. dargestellt, dass es in Innenräumen keine UV-Strahlung gibt und daher eine gesunde Beleuchtung (natürlich oder künstlich) nicht geben kann. Der Sachverhalt ist unstrittig. Nur fällt es dem Marketing nicht leicht, Menschen zu erklären, ihre "gesunde" Beleuchtung sei eben so gesund, wie es geht, sie müssten sich aber öfter ihren Allerwertesten ins Freie bewegen. Die Haltung verstehe ich sogar. Was soll der Kunde denken, wenn ich erzähle, mein Produkt sei toll, er, der Kunde, wäre aber selber schuld, wenn er dauernd in geschlossenen Räumen kluckt. Glaubt jemand McDonalds, dass nicht der BigMac dick macht, sondern viele BigMacs in zu kurzer Zeit genossen?

 

Was ich nicht verstehe, ist dass der Fachbeirat der meinen Artikel nicht haben wollte, nicht aus Marketingleuten besteht, sondern von einem Spitzenverband bestückt wird, der für die Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit sorgen soll. Ob die was zu verheimlichen haben? Ich denke, ja. Sage aber nicht, was. Der Artikel wird halt in einer Zeitschrift erscheinen, deren Beiräte sich nicht mit dem Arbeitsschutz befassen. Ist auch gut so. Es geht ja um Lappalien wie die Frage, ob die nächtliche Beleuchtung von Arbeitsplätzen als Ursache bzw. Förderer von Krebserkrankungen in Frage kommt. Und wie man was dagegen tun könnte. Halten wir es mit unserem geliebten Innenminister, der einer heiklen Frage auswich und wörtlich sagte: "Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern." So isses!

Erstellt: Juli 2, 2017 um 5:20

Die Künstliche Welt des Künstlichen Lichts

Die am häufigsten missverstandene Berufsgruppe ist nicht die der Psychologen, die unser Bestes wollen, sondern der Lichttechniker. Der will nur Gutes, wird aber nicht verstanden. Er hadert mit den Ahnungslosen, die Lux für ein Maß für die Lichtstärke halten, beantragt die Exkommunizierung von Professoren mit grauen Haaren, die dem Wort „Leuchtstoff“ die Endung „röhre“ folgen lassen, straft Leute, wie man mit bösen Blicken eben strafen kann, die „500“ für eine profane Zahl halten. Wer gar von Neonlicht spricht, wird nicht einmal eines bösen Blickes gewürdigt.

Warum sind die Leute so doof, dass sie unser fein formuliertes Konzept zur Erleuchtung aller, die die sie nicht wollen, eingeschlossen, einfach nicht verstehen wollen? Ich hatte neben Lichttechnik noch gelernt, dass, wenn einer nicht verstanden wird, der Doofe im Prinzip der Unverstandene ist. Erst wenn er sich selbst gegenüber alle Zweifel ausräumt, darf er den Doofen bei den anderen suchen. Ansonsten, doppelt doof.

Wieso ich gerade heute daran denke? Mich hat heute morgen jemand gefragt, warum ein Licht mit einer höheren Farbtemperatur kälter sei. Als ich das erklärte, ging dieser jemand Kopf schüttelnd weg. Doof? Ja, die Definition der Farbtemperatur. Damit qualifiziert man ein Licht bzw. eine Lampe. Wessen Temperatur ist aber gemeint? Das ist die Temperatur des Strahlers, der das Licht erzeugt. Hat also mit dem Licht nicht direkt zu tun. Und die Lampen mit hohen Farbtemperaturen sind gar nicht so warm.

Oder doch? Mit etwas Phantasie kann man die Farbtemperatur verteidigen: Etwas, was wärmer ist, hat mehr Energie. So hat z.B. blaues Licht (= höhere Farbtemperatur als bei rotem Licht) mehr Energie. Wieso ist es dann kalt? Ja, das hat mit der Energie nichts zu tun, sondern mit unserer Empfindung. Rotes Licht assoziieren wir mit Feuer oder Kerze. Warm! Sonne? Dass deren Licht kälter ist als das einer Kerze, weil höhere Farbtemperatur, wird kein Mensch verstehen, bei dem alle Tassen noch im Schrank sind und die Dachlatten feste geschraubt.

Mit dem Begriff Farbtemperatur gehen hingegen Fachleute problemlos um, z.B. Foto- und Fernsehleute. Währenddessen bleibt sie den anderen ein Rätsel, das sie glauben können oder auch nicht. So ist es mit allen Größen der Lichttechnik. Sie sollen einer Empfindung entsprechen, so z.B. Beleuchtungsstärke, die nach landläufiger Meinung für das Beleuchtungsniveau steht. Tut es aber nicht. Die Leuchtdichte soll der Helligkeit entsprechen. Tut es noch weniger.

Jedes Fachgebiet, sogar jede isolierte Gruppe von Menschen, schafft seine eigene Begriffswelt, sofern die übliche Sprache nicht ausreicht. Wenn dieses Fachgebiet tatsächlich etwas Neues hervorgebracht hat, wird die Umgangssprache i.d.R. nicht ausreichen. Dies geht so lange problemlos, solange die Fachleute aus dem betreffenden Gebiet unter sich sind. So muss kein Mensch außer Materialkundlern wissen, was eine Wöhlerkurve ist. Damit wird die Dauerfestigkeit von einem Objekt gemessen. Natürlich auch Maschinenbauer, die müssen es auch wissen. Sie bauen die Maschinen, die schütteln und rütteln. In den 1980ern mussten aber andere erfahren, was es damit auf sich hat. Einige Bürodrehstühle explodierten: „Unter Millionen Büromenschen lauert Gefahr: Ihr Stuhl kann explodieren.“ Stand im Spiegel vom 16.05.1983. Etwa 3,5 Millionen Stühle mussten eingesammelt und unschädlich gemacht werden. Man hatte eine weitere Weisheit aus dem Maschinenbau vergessen: Kerbwirkung. So kam es dazu, dass Millionen deutscher Büromenschen auf Bomben mit fünf Rollen darunter saßen. Damit keiner glaubt, nur den doofen Stuhlbauern unterlaufe so ein Missgeschick: auch die Erbauer der letzten deutschen Kernkraftwerke hatten damit zu schaffen. Beim Studium hätten sie das erste Semester so nicht absolvieren können. Ihre Turbinenwellen mussten wegen der Kerbwirkung, bzw. vergessenen Kerbwirkung, ausgetauscht werden. Wer ein Kernkraftwerk baut, hat ja sein erstes Semester Maschinenbau lange hinter sich.

Da der Begriff Beleuchtungsstärke – das unverstandene Wesen – im Laufe der Zeit Kinder gekriegt hat, die sich in Normen und Vorschriften eingeschlichen haben, gibt es noch mehr lustige Slapstick-Geschichten zu lesen. So hat ein Gremium im Auftrag des Arbeitsministeriums eine Technische Regel zur Beleuchtung geschrieben (ASR A3.4). Die konkretisiert die Verordnung für Arbeitsstätten und ist eine ziemlich heilige Schrift: „Die Technischen Regeln für Arbeitsstätten (ASR) geben den Stand der Technik, Arbeitsmedizin und Arbeitshygiene sowie sonstige gesicherte arbeitswissenschaftliche Erkenntnisse für das Einrichten und Betreiben von Arbeitsstätten wieder.“ Also muss man die einhalten, will man sich nicht dem – ebenso heiligen - Zorn der Behörden aussetzen. (mehr dazu hier und dort)

Das ist auch gut so. Dummerweise steht dort was von einer horizontalen Beleuchtungsstärke, die man sonst so nicht liest. Deswegen wird der Begriff erklärt. Das ist die B. in einer horizontalen Ebene gemessen. Verstanden. Dann gibt es auch eine vertikale B. Die wird in einer vertikalen Ebene gemessen. Logo! Auch verstanden? Nicht ganz, denn ich weiß nicht, wozu das dient. Das erklärt eine BG-Schrift mit der Modellierung von Gesichtern. Natürlich in übertragenem Sinne. Gesichter müssen so beleuchtet werden, dass man sie richtig sieht. Dazu später noch was.

Ganz dumm, dass die Verfasser der ASR vergessen haben, die vertikale Ebene anzugeben. Davon gibt es nämlich Millionen, während es eine einzige horizontale gibt. Damit Millionen, die die Sache anwenden sollen, richtig handeln, schob eine Arbeitsschutzorganisation die fehlende Ebene nach: Keine. Denn niemandem kann zugemutet werden, in jeder Richtung, in die ein erleuchteter deutscher Arbeitnehmer blicken will, auch die Beleuchtungsstärke zu messen. Ergo: Ein weiterer Begriff aus dem Arsenal der Lichttechnik soll helfen: Die zylindrische Beleuchtungsstärke. Die ist wieder so eindeutig wie die horizontale. Leider, leider, kann sie niemand verstehen. Kann eine Ebene zylindrisch sein?

Die Menschen müssen geholfen werden. Also malt man schöne Bilder. Sie sehen eindeutig aus. Stimmt! Dummerweise sitzen deutsche Arbeitnehmer sehr häufig in Karnickelställen mit dem Rücken zur Wand. Und deutsche Bürowände strahlen nur wenig Licht ab. Und wenn der Mensch in der weiten weiten Prärie säße, das Licht, das von hinten kommt, modelliert weder sein noch ein anderes Gesicht. Es macht das Gesicht eventuell sogar schlechter sichtbar. Das gilt auch für den Arbeiter mitten in der Fabrikhalle. Die Sache nennt sich Gegenlicht und ist jedem (Amateur)Fotografen bekannt. Jede halbwegs gute Kamera hat einen Einstellungsknopf, der die Störung beseitigt. Nur dem menschlichen Auge fehlt der Knopf.  

Was wäre perfekt? Z.B. die halb-zylindrische Beleuchtungsstärke. Um Gottes Willen! Wer soll denn das verstehen? Mmmh, einige Leute im Labor tun es. Die planen dummerweise nicht die Beleuchtung für 40 Millionen Arbeitnehmer. Und wenn sie es denn wirklich täten, eine vertikale Beleuchtungsstärke werden sie im echten Leben nie erzeugen, weil in der Arbeitswelt die Leuchten fast immer an der Decke hängen. Das heiß ersehnte Ding gibt es nur im Labor, im Theater und nördlich des Polarkreises durch die Sonne, die immer flach einfällt. Ansonsten hat man ein mehr oder wenig schräg von oben nach unten abgestrahltes Licht. Wenn man damit einen Wassertopf erwärmen will, ist es egal, unter welchem Winkel es kommt (außer bei Totalreflexion). Will man hingegen Gesichter modellieren, gibt es immer lange Nasen, weil das Licht von oben kommt. Bei Downlights dunkle Augenhöhlen dazu.

Erstellt: April 12, 2017 um 10:35

MyLight© - das super-individuelle Licht

Haben Sie die Nachricht gelesen, die da sagt:

Was war da passiert? Während einer Nachrichtensendung in San Diego sagte der Moderator: "Ich liebe es, wie das kleine Mädchen sagt: 'Alexa hat mir ein Puppenhaus gekauft." Alexa ist der (die) Sprachassistent*in von Amazon. Und in vielen Haushalten gibt es ein Gerät namens Echo, das dem Besitzer seine Wünsche direkt abnimmt. Da der smarte Assistent doch nicht so intelligent ist, wie erhofft, haben die Echo-Kisten massenhaft Puppenhäuser gekauft.

Und was haben die Puppenhäuser mit Licht zu tun? Ich denke, in der Zukunft viel. So stellt sich ein wichtiger Mensch die Beleuchtung in 10 Jahren vor: "Durch die Digitalisierung wird es möglich sein, Informationen zu einzelnen Menschen zu verknüpfen und mit Hilfe von Rechenalgorithmen für jeden Einzelnen das „richtige Licht“ zu ermitteln und einzustellen …" Ja, ich dachte vorhin an Alexa, die für mich das richtige Licht bestellen sollte, aber dummerweise ist der Hund vor mir in den Raum gerast.

Es geht noch viel lustiger zu: "Denkbar ist auch, dass Beleuchtungsanlagen selbsttätig erkennen, wer sich wo im Gebäude oder Raum befindet und jeweils eine angepasste Beleuchtung zur Verfügung stellen, die sowohl die Sehaufgaben als auch die gewünschten nicht-visuellen Wirkungen des Lichts berücksichtigt. Ist dies Science-Fiction? Nein, denn …" Tolle Idee! Meine Laterne erkennt mich und macht MyLight! Und wenn wir zu zweit in die Bude gehen, um uns etwas gemütlich zu machen? Die erkennt die Absicht und dimmt das blau-angereicherte Licht (anregend) auf rötlich gelb - leider abtörnend, weil wir gerade fernsehen wollten und nicht …

Früher, als wir weder Digitalisierung noch das glückselig machende Blaulicht hatten, gab es ein Gerät namens Intimat. Das war ein Dimmer mit einem Knopf darauf. Bei Partybeginn wurde Intimat dem Bedarf entsprechend gedimmt. Wenn die Gäste anfingen zu stören, hat man volles Rohr gegeben. Und die Bude gelüftet. Im Nu waren die Gäste weg und man konnte Intimat wieder runter drehen. Oder Kerzen anmachen

Heute geht es aber nicht um Gemütlichkeit sondern um Gesundheit. Der Staat will, dass ich gesund bleibe, meine Krankenkasse auch. Ergo? Uns wird ein Kasten ins Haus gestellt, der die Handies aller Einwohner abliest (Gesundheitsapp) und der Behörde meldet. Die stellt dann das richtige Licht ein. Oder meine Krankenkasse bietet mir 10% Nachlass an, wenn ich meine licht-relevanten Daten immer verfügbar mache (gibt schon für die Fahrweise). Sie sorgt für mein gesundes Licht, etwa MyHealthyLight©?

Lieber Gott, warum hat Du es versäumt, das richtige Licht für mich zu machen?

Erstellt: April 7, 2017 um 4:01

Warum kann man nicht nachweisen, dass besseres Licht gleich bessere Leistung bedeutet?

In wenigen Jahren wird ein berühmter Effekt 100, freilich ohne etwas von seinem Schrecken eingebüßt zu haben: Der Hawthorne Effekt. Gemeint ist das Ergebnis von einer Reihe wissenschaftlicher Studien, die nachweisen sollten, dass Menschen unter besserem Licht leistungsfähiger sind. Der Versuch misslang gründlich, und zwar derart krachend gründlich, dass sich die Sozialwissenschaften davon heute noch nicht erholt haben.

Der Misserfolg hielt die Macher des Dritten Reichs nicht davon ab, mit besserem Licht den deutschen Arbeiter leistungsfähiger machen zu wollen. Sie gründeten zu diesem Zweck nicht nur eine Behörde (Amt für Schönheit der Arbeit). Sie instrumentalisierten dazu auch die LiTG, bzw. deren Vorgängerin Deutsche Beleuchtungstechnische Gesellschaft. Den letzten großen Akt dazu bildete die Gründung des Fachnormenausschusses Lichttechnik mitten im Russlandfeldzug. Und der Führer aller war der große Architekt des Führers, Albert Speer. Dem traute man immerhin zu, Germania, die Welthauptstadt, zu bauen.

Nach dem Krieg versuchte man es weniger militant und gründete die Studiengemeinschaft Licht e.V. für fortschrittliche Lichtanwendung. Das ist die, die mit hübschen Kurven begründete, dass mehr Beleuchtungsstärke mehr Leistung bedeutet. Die Kurven sind derart professionell gemacht, dass sogar Professoren für Lichttechnik sie für wahr halten. Sie haben ihren Weg selbst in die Standardliteratur der Arbeitspsychologie gefunden. Kein Wunder, allein im Jahr 1952 haben sie 130 Vorträge in 50 deutschen Städten bei den IHKs abgehalten (hier). Fragt sich, was die da 130 Mal abgespult haben.

Als ein großer Hersteller von Leuchten in den 1970er und 1980er Jahren damit Werbung machen wollte, beauftragte dieser einen Kollegen, der den Effekt dokumentieren sollte. Der hat zwar seine Funde dokumentiert, der Auftraggeber war aber entsetzt. Was seine Leute aus vollem Herzen glaubten, konnte nicht belegt werden. Ergo sollten wir einen Auftrag bekommen, um den Nachweis zu führen. Der Zeitpunkt schien so günstig wie nie: (West)Deutsche Firmen bauten Tochterunternehmen bzw. Werke in der verblichenen DDR auf, naturgemäß mit "besserer" Beleuchtung als im Mutterhaus. Da müsste man doch ... z.B. nachweisen können, dass sich Produkte durch bessere Qualität auszeichnen. Oder gar höhere Arbeitsleistung durch besseres Licht nachweisen? 

Warum nicht? Den Auftrag haben wir abgelehnt, weil auch wir zu den Hawthorne-Geschädigten zählten. Unsere ähnlich gelagerten Projekte hatten keine Gnade bei Psychologen gefunden. Dennoch schien die Sache verlockend, denn es gibt doch einen Hinweis, dass das Licht die Leistung beeinflusst. So gingen wir zu einem Unternehmen, bei deren Arbeit man den Hawthorne-Effekt umgehen kann. Dort wird die Arbeit aus Sicherheitsgründen minutiös dokumentiert. Die im Werk entdeckten Mängel werden untersucht und beseitigt. Und wenn sie doch welche durchgehen lassen, kann sich das Ergebnis weltweit im Fernsehen sehen lassen: Abgestürzte Flugzeuge. Ergo: Man analysiert frühere Ereignisse und deren Folgen. Da das Unternehmen mehrere Werke hat, die unterschiedlich sind, und zudem Tag und Nacht tätig bleibt, sind dies ideale Bedingungen. Oder?

Leider nicht. Das kann man verstehen, wenn man sich erinnert, was da in Hawthorne schief gelaufen war. Zunächst das Unbestrittene: Eine Gruppe von Probanden bekommt eine - wie immer auch - verbesserte Beleuchtung. Die Vergleichsgruppe aber nicht. Es wird allerdings beiden Gruppen erzählt, sie hätten eine neue Beleuchtung. Die Versuchsgruppe zeigt eine deutliche Steigerung der Leistung. Dummerweise die Vergleichsgruppe auch. Damit ist erst einmal gesichert, der Versuch funktioniert nicht.

Hier die Interpretation der Sozialwissenschaften: Menschen in Versuchssituationen in Betrieben verändern infolge des Versuchs ihr soziales Verhalten. Und für die Leistungsabgabe ist das soziale Verhalten maßgeblich.

Hier die Interpretation von einigen Gewerkschaftern: Der Versuch hat doch funktioniert. Die Leistungssteigerung in der Versuchsgruppe kann der Beleuchtung zugeschrieben werden. Hingegen hat die Vergleichsgruppe aufgrund eines Aufmerksamkeitseffekts mehr geleistet, war aber auch mehr beansprucht. Einige Monate später kam es dort zu Streiks, weil die Arbeiter die Arbeit nicht mehr ertragen konnten.

Hier die Interpretation von Ethnographen: Der Hawthorne Versuch hat gezeigt, dass Forscher durch ihre Intervention im erforschten Bereich viel erreichen können.

Wenn sie noch nicht gestorben sind, diskutieren sie heute noch - sagt der Märchenerzähler.

So weit die Historie mit Wissenschaft und Märchen, die auf dem Gebiet des Lichts nicht so weit auseinander liegen.

Was aber jenseits des Denkbaren - auch für Märchenerfinder - liegt: Die künstliche Beleuchtung hat das ganze Leben auf dem Planeten verändert. Selbst kleine Jungs, die die sich nachts unter der Bettdecke verkriechen, damit sie nicht auffallen, benutzen künstliches Licht, das in ihren Smartphones und Tabletts. Kaum eine Technik, ob Computer oder Auto, Fernseher oder Backofen, funktioniert ohne künstliches Licht. Und ohne den elektrischen Strom, der sich über das künstliche Licht etabliert hat, können viele Leute nicht mal die Zähne putzen. Ergo?

Da verstehe einer, dass man nicht nachweisen kann, dass Licht Leistung steigern hilft.

Erstellt: März 24, 2017 um 3:31

Schlaflos durch die Nacht - Wer hat das gemacht?

Die heutige Meldung über Deutschland ohne Schlaf zielt nicht auf die Fans von Helene Fischer, die atemlos zuhören, wenn sie singt, oder beim Anblick ihrer Bilder den Schlaf vergessen, wenn sie nicht gleich in Ohnmacht fallen. Es geht um germanus simplicus, also um Herrn und Frau Mustermann, die schlecht schlafen. Deren Zahl hat in den letzten sieben Jahren um 60% zugenommen.

Neu ist die Erscheinung indes nicht. Sie hat in der Urzeit der Menschheitsgeschichte angefangen, als die Uhrzeit nur bei Sonnenschein ablesbar war. Man wollte aber auch in der Nacht etwas sehen - und erfand das künstliche Licht. Der Sage nach war es Prometheus, der den Göttern das Feuer stahl und den Menschen schenkte. Seitdem muss er leiden. Und die Menschen? Das elektrische Licht hat denen den sozialen Jetlag gebracht. Das ist die Differenz zwischen der Körperzeit eines aufwachenden Menschen und der Zeit, zu der er aufwachen muss. Nach Chronobiologen beträgt sie in Westeuropa ca. 2 Stunden. Das Licht, das wir am Tage in unbegrenzten Mengen genießen können, wird in der Nacht zum Stressfaktor - auch wenn wir es mögen. Je stärker wir die Nacht zum Tage machen, desto stärker nehmen also die Schlafstörungen zu. 

Mancher Bürger dieses Staates könnte ja auch etwa gleichermaßen zugenommen haben, aber das nebenbei. Warum schlafen Arbeitnehmer schlechter als früher? Darauf hat die ARD einige Antworten:

Büroschlaf ist gesund

Lärm in der Nacht? Stimmt bestimmt. Stress in der Familie? Ganz bestimmt. Stress am Arbeitsplatz? Stimmt auffällig! Doch warum denn 60% Zunahme in nur 6 Jahren? Da fiel mir der selige John Ott ein, der Erfinder der True Light. Zwar hat die Industrie sein Licht unter den Scheffel gestellt, aber selber Lampen verkauft, die Biolux oder so heißen. Ott´s Theorie hörte sich abenteuerlich an wie meine Erklärung zum Nicht-Schlaf in Germanien: Die Aufruhr der Jugend Ende der 1960er Jahre sei auf das unsichtbare Flimmern von Fernsehern in den USA zurückzuführen. Zehn Jahre später, die Fernseher sind besser geworden, und die AMi-Jugend nicht mehr so aufsässig. Vielleicht lag es eher daran, dass der Vietnam Krieg zu Ende war und Joan Baez und Bob Dylan etwas älter? Man soll ja nicht jede Theorie gleich verdammen, vor allem, wenn sie selber braucht.

Meines Erachtens kann die Schlafstörung mit Licht zusammen hängen. Denn seit mehr als 25 Jahre haben Forscher in unterschiedlichsten Ländern ermittelt, dass schlechtes Licht am Arbeitsplatz die Qualität des Schlafs beeinträchtigt. Wer sucht, findet viele Zeugnisse. Was hat sich aber seit 2010 so dramatisch verändert?

Erst mal etwas, was man nicht gleich unter Beleuchtung verbucht: Bildschirme. Diese sind viel größer geworden, viel heller und werden jetzt mit LED beleuchtet. Ihre Lichtfarbe ist blauer als einst. Und blaues Licht soll laut Philips und Osram den Menschen so anregen, dass man gleich alle Schulen und Altersheime damit pflastern will. Zudem sind diverse neue "Bildschirme" in Erscheinung getreten, die früher kleiner waren, anders beleuchtet und vor allem, viel viel seltener benutzt. Die Nachfolger von Handies mit kleinen Displays. Smartphones, erfunden etwa 2007, haben die Welt im Handstreich erobert und verfolgen uns bis dahin, wo der Kaiser zu Fuß hingeht. Dass die Monitore den Hormonausstoß des Körpers beeinflussen, hat ein Schweizer Institut im Auftrag eines deutschen Instituts nachgewiesen.

Schweizer Studie von Ahmet Cakir bei Vimeo.

Was haben die Gerätchen mit der Beleuchtung gemeinsam? Sie, die Beleuchtung und auch die Autos und Verkehrsschilder werden mit LED bestückt. Alle haben gemeinsam, dass das Licht nicht stetig ist, sondern scharf abgehackt. Für das stehende Auge geben sie flimmerfreies Licht ab. Dummerweise stehen die Augen nur still, wenn einer tot ist. Bei allen lebenden Menschen - und auch Tieren - vollführen sie Bewegungen, um die Umwelt zu erfassen. Was dabei so alles entstehen kann, steht hier zu lesen (hier und dort)

Da wirkt sich zeitlich veränderliches Licht mehr oder weniger heftig aus. So haben wir z.B. vor ein- und demselben Modell eines Monitors Leute erlebt, die ihn als flimmerfrei bezeichnen, während andere zu 35% eine erhebliche Störung erleben. Der Unterschied lag in dem Zwang, ständig auf dem Bildschirm was suchen zu müssen (s. auch hier LED und Krätze). Die Monitore, die zu Ott´s Zeiten die Jugend aufgestachelt haben sollen, wurden bei unseren damaligen Studien zu etwa 10% beanstandet. Zu sehen war das Flimmern für fast alle - die Apparate hießen ja nicht ohne Grund Flimmerkisten. Die heutigen sind viel gefährlicher, weil sie ihre Sünden besser verstecken. Wenn man aber die Hirnströme der Menschen anzapft, sieht man, wie Licht und vor allem Lichtwechsel - Flimmern - unser wichtigstes Organ beschäftigen. Leider nicht mit etwas Vernünftigem. So kann Stress entstehen.

Hier langsam mit Mitschreiben:

  • Wir benutzen Bildschirme, die unsere Körperrhythmen nachweislich verändern, und zwar so, dass man aktiviert wird auch wenn man schlafen gehen wollte.
  • Unsere Umgebung ist beleuchtet mit Licht, das das bewegte Auge als Flimmern erfasst.
  • Die Störungen der Hirnströme lassen sich messen.
  • Wir benutzen den ganzen lieben Tag Informationsmittel, deren Licht das Gehirn beeinflusst, der Inhalt sollte es aber eher sein.
  • Und wenn sich die Erregung auf den Inhalt zurückführen lässt: Wir beschäftigen uns ständig mit Informationsaufnahme.

Erstellt: März 16, 2017 um 1:11